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Full text: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

 
lt. Und leise tönt wieder das Gebet einer 
lffGU durch die kargen Räume der Nachfah- 
einer Epoche, die noch vor wenigen Jahren 
er offiziellen Kunstszene unter striktem Ver- 
stand. 
Flucht zu Salankunst und Gründerzeitpomp 
I vollem Gange. Und es ist nicht nur die all- 
eine Nostalgie, die die so überraschende wie 
xllte Renaissance der Kunst des 19. Jahrhun- 
i trägt. Mit Salon und Pomp werden auch all 
vielen künstlerischen Bewegungen des Jahr- 
lerts - die Visionäre des Jahrhundertanfangs 
der „wilde Schweizer" Johann Heinrich 
li oder der Engländer William Blake, der 
'sche Caspar David Friedrich oder iene Ma- 
die sich an der mythisch-mystischen Ge- 
htsfälschung um die Figur des Sängers Os- 
emporrankten, und die Romantiker ebenso 
die englischen Präraffaeliten und die deut- 
n Nazarener, dießymbolisten und die ma- 
en und meißelnden Historiker,die alte Volks- 
angenheit allerorten wieder lebendig mach- 
- wiederentdeckt, die von den spät, aber um 
irkungsvoller etablierten lmpressionisten und 
t Vorgängern in der Landschaftsmalerei so 
e Jahrzehnte überstrahlt waren und auf die 
einfache, allzu einfache Verdikt des Jahr- 
lerts keineswegs zutrifft. 
hier geschieht, ist nicht nur - zum Teil in 
Entdeckerfreude gewiß auch übers Ziel schie- 
le - Rehabilitierung, sondern vielfach auch 
später Akt historischer Gerechtigkeit. Die 
t des 19. Jahrhunderts - eingespannt zwi- 
1 Französischer Revolution und erstem Welt- 
1 - harrte schon die längste Zeit der Ent- 
ung und Neubewertung. 
diese Aufarbeitung freilich nicht Sache der 
leute, der Wissenschaftler und Kunstschrift- 
er, blieb und nicht in den Gelehrtenstuben 
etragen wird, resultiert allerdings tatsäch- 
aus nostalgisch bestimmter Empfängnisbe- 
:hatt eines breiten Publikums zu einer be- 
rilligen Fludwt ins Gestern. Es honoriert die 
znschaftliche Tätigkeit der Aus- und Schatz- 
er in den Tiefen der Kunstgeschichte mit 
lnder Zustimmung. Besucherrekorde markie- 
ullerorten den nunmehr ungehemmten Aus- 
h latent -stets vorhandener Neigungen zu 
lt und phantasiebeschäftigender Aussage, 
'on den diversen künstlerischen Avantgarden 
5 Rudolf Henneberg: „Dia Jagd nadi dem Glüdr", 
1868, Berlin, Nationalgalerie 
6 William Blake: „Glad Day ar The Dance of 
Albion" (Glücklicher Tag oder Albions Tanz), 
1780, London, British Museum 
 
iahrzehntelang bewußt negiert worden waren. 
Von Paris bis Winterthur, van Baden-Baden bis 
Berlin, von Köln bis Wien, von Hamburg bis 
London, von Frankfurt bis Dresden, von München 
bis zu überseeischen Sammlungen in den Ver- 
einigten Staaten besd-iäftigen sich Ausstellungen 
- vielfach als stationenreidie Wanderausstel- 
lungen konzipiert, weil eben so starke Nüdl- 
frage herrscht - mit iener Kunst, die unsere 
Großväter feierten und unsere Väter in die Mu- 
seumsdepots verbannten. Und allerorten wird 
diese Aufarbeitung in Blickwinkel gestellt, die 
unserem Unbehagen an der Gegenwart, unse- 
rem Zweifel an einer gestaltbaren Zukunft ent- 
springen und einmal mehr einmünden in die 
Sehnsucht nach angeblich besseren früheren 
Zeiten. 
Nostalgie ist zur geliebten Mode der siebziger 
Jahre geworden, und die Ausstellungsmacher 
hören gern auf die süße Schalmei aus der Ver- 
gangenheit. Man holte den einst so hachgeiu- 
belten und nach seinem Tode glühend verdamm- 
ten Molerfürsten Hans Makart aus dem Depot 
(zunächst in Baden-Baden, 1973, und heuer auch 
in der Stadt seiner einstigen größten Triumphe, 
Wien, wo für diese Schau - auch dies ein Signal 
der neuen Schätzung - die Hermesvilla im Lain- 
zer Tiergarten, Lustschloß der Kaiserin Elisabeth 
und durchaus typisches Beispiel für prunkvolle 
Gründerzeitarchitektur, wiederhergestellt wor- 
den war). Man richtete das Pariser Musee de 
Luxembaurg (1974) wieder so ein, wie es var 
hundert Jahren, 1874, als Salon ausgesehen 
hatte, als die lmpressionisten den Volkszorn er- 
regten, denen heuer die Jahrhundertfeier in Paris 
ausgerichtet worden ist. Man zeigte in Düssel- 
dorf (1974) das Werk Arnold Böcklins, der das 
Jahrhundertende mit seinem malerischen Sym- 
bolismus a la „Toteninsel" verklärt hatte, um 
danach ebenso vollständig vergessen zu werden 
wie der Schweizer Charles Gleyre, dessen Bil- 
-der - wie „Der Abend oder Die verlorenen lllu- 
sionen" oder „Die Römer unter dem Jod1" - 
einst in zahlreichen Reproduktionen in ganz 
Europa verbreitet waren und dessen Werk von 
Winterthur (1974) aus auf Wanderschaft ge- 
schickt wurde. 
Einzelausstellungen und Rekonstruktionen be- 
stimmter Zeitabschnitte - wie etwa der von der 
Hamburger Kunsthalle zelebrierte Zyklus „Kunst 
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