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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

rade durch dieses konstruierte Geschichtsbild 
als Epiganen des fortschrittsgläubigen T9. Jahr- 
hunderts erweisen, das sie doch so sehr zu be- 
kämpfen meinten. 
„Mit wachsender Distanz gibt es eine immer 
stärkere Bereitschaft, all das, was früher ge- 
schätzt war, als hohe Kunst anzuerkennen", ortet 
Renate Wagner-Rieger, Ordinarius für Kunstge- 
schichte an der Wiener Universität, Spezialistin 
für die Kunst des 19. Jahrhunderts und feder- 
führend beim monumentalen Ringstraßenproiekt 
der deutschen Thyssen-Stiftung, die schon seit 
einigen Jahren Spezialforschungen in dem so 
geschmähten Zeitalter finanziert und dem wich- 
tigsten städtebaulichen Denkmal der Zeit, eben 
der Wiener Ringstraße, ein ebenbürtiges, viel- 
bändiges Buchdenkmal zuteil werden läßt, neues, 
möglichst wertungsfreies Obiektivitötsdenken sei- 
tens der Kunstwissenschaft. „Je weiter wir uns 
zeitlich entfernen, desto klarer wird auch das 
ten und verteufelten Jahrhunderts. Beim Deut- 
schen Kunsthistorikertag in Hamburg gerieten 
einander die orthodoxen Entwicklungsideologen 
und die Proponenten wertfreier Aufarbeitung in 
die Haare. Und erst kürzlich kreuzten zwei pra- 
minente Kunsthistoriker vor breiter Öffentlich- 
keit, nämlich in der „Frankfurter Allgemeinen 
Zeitung", die Klingen. 
Werner Hofmann, Direktor der Hamburger 
Kunsthalle und Organisator des hochbedeuten- 
den Zyklus „Kunst um 1800" - um dessen Prota- 
gonisten angesichts überragender künstlerischer 
Qualität sich keine Wertdiskussion ergeben hatte, 
sondern nur Anerkennung dafür zu registrieren 
war, doß hier tatsächlich zu Unrecht vergessene, 
weil eben nicht ins bisher hochgeholtene Ent- 
wicklungsschema passende Meister wiederent- 
deckt oder zumindest neu ins Gespräch gebracht 
worden waren -, feierte da den „Abschied von 
falschen Alternativen", von der traditionellen 
R Frlmmrri Monet- 
Olvmnin" 1863 Paris. Musäe 
Eigene der Zeit." Die allseits auch zu registrie- 
renden Auswüchse weiß sie freilich ins rechte Lot 
zu rücken: „Es ist ein durchaus richtiger Vor- 
gang, sich all die Sachen wieder anzuschauen 
und zu prüfen, ab sie wirklich in den Abfalleimer 
der Geschichte gehören oder nicht. Vieles, was 
ietzt hochgepriesen wird, wird zweifellos nicht 
dauern." 
Weil vieles an der Aufarbeitung des 19. Jahr- 
hunderts derzeit tatsächlich erstaunlich wertungs- 
frei geschieht, hat sich freilich unter engagier- 
ten Kunstschriftstellern und Kritikern wieder [e- 
ner hitzige Meinungsstreit entzündet, der schon 
für die Entstehungszeit jener Kunstwerke oft ge- 
nug charakteristisch war und der sehr stark an 
die Schlachten für die „moderne" Kunst am An- 
fang unseres Jahrhunderts erinnert. 
ln Deutschland etwa tobt schon ein heftiger Ge- 
Gegenüberstellung von „Avantgarde kontra Sa- 
lon". Hofmann: „Das Terrain, auf dem künstleri- 
sche Ereignisse sich zutragen, ist keine Einbahn- 
straße. Auch in der Kunst ist die Zeit der ideolo- 
gischen Alleinvertretungsansprüche vorbei." Für 
das Zeitalter seien eben nicht nur die lmpressio- 
nisten typisch, sondern - und dies vor allem im 
Hinblick auf ihre zeitgenössische Position viel 
eher - die Salonmalerei, die großen heroischen 
Gemälde, die historischen Allegorien, die sym- 
bolschwere, literarisch orientierte Erzöhl- und 
Aussagekunst. Nur wenig darauf replizierte der 
Kunsthistariker Laszlo Glozer in der „Süddeut- 
schen Zeitung". „Wer hat Angst vor dem Wert- 
urteil?" fragte Glozer und wetterte erbittert: 
„Der Gegensatz von Salon und Avantgarde lößt 
sich nicht aufheben." 
Weil Glozer mit der Wiederentdeckung des "I9.
	        

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