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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

I Aktuelles Kunstgeschehen l Österreich 
 
Wien 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Saul Steinberg 
Als Endstation einer durch die Bundesrepublik und 
Österreich führenden Tournee präsentierte das 
Museum des 20. Jahrhunderts eine in gleicher Weise 
umfassende wie künstlerisch ergiebige Retrospektive 
des 1914 in Rumänien geborenen, heute 
vorwiegend in New York lebenden Zeichners, 
Graphikers und Cartoonisten. Die von einem 
informativen Katalog begleitete Schau enthielt 
Zeichnungen, Aquarelle, Collagen, Gemälde und 
Reliefs aus den Jahren 1963 bis 1974 - alles in 
allem 84 Werke, die signifikante Einblicke in das 
iüngste (Iuvre dieses universellen, humorvollen, 
klugen und espritgeladenen Zeichners ermöglichten. 
Es ist längst keine Frage mehr, daß Steinberg 
in der modernen Karikatur oder, besser besagt, 
auf dem Feld dessen, was man ihr strukturerweiternd 
zuordnen kann, Kunstgeschichte gemacht hat. 
Seine Intelligenz und sein Ideenreichtum sind der 
Schlüssel seiner durch einen Hang zum Under- 
statement sich auszeichnenden Graphik. 
Steinberg selbst betrachtet Humor als eine „Mög- 
lichkeit, Fallen zu stellen". Mit Ironie entlarvt 
er den Alltag, zitiert aus ihm und kritisiert und läßt 
sich dabei ganz deutlich vorn Reiz und der 
Unaufwendigkeit des rein Graphischen, von den 
Möglichkeiten und Wesenheiten des einfachen, 
linearen Striches leiten. Keine Frage: gemessen an 
manch anderem innerhalb der zuletzt maßgebenden 
Malerei und Plastik, ist das, was Steinberg macht, 
Kleinkunst, zeitnahes Kabarett, wirklichkeits- 
bezogene Parodie. Das Niveau freilich, welches 
Steinberg in diesem von ihm entscheidend 
entwickelten Medium sui generis erreicht hat, 
ist ein denkbar hohes, das keinerlei falsche 
Abwertung zuläßt. 
(5.-27. 7. 1975) - (Abb. 1, 2) 
Galerie Würthle 
Oskar Laske 
Ölbilder, einige Aquarelle und mehrere Druck- 
graphiken (Lithographien bzw. Radierungen) 
wurden zu einer ansprechenden Kollektion vereint. 
Sie galt einem der Iiebenswertesten Einzelgänger 
der österreichischen Malerei der ersten Hälfte des 
2D. Jahrhunderts, als der Laske - fern von falscher 
Überschätzung - seinen Stellenwert behaupten 
dürfte. Die Auswahl selbst war von sehr unter- 
schiedlicher Qualität und machte trotz mancher 
herausragender Einzelstücke deutlich, daß Laskes 
Ul- und Aquarellmalerei gegenüber der viel 
stärker aus einem Guß wirkenden Radierung eher 
überschätzt wird. Den Druckgraphiker Laske gilt es 
also nach wie vor durch eine wirklich umfassende 
Schau, die die künstlerische Eigenart und Poesie 
des 1951 Verstorbenen markant zu unterstreichen 
hätte, kunsthistorisch zu würdigen. 
(5.-28. 6. 1975) 
Galerie am Graben 
Fritz Maierhofer 
Kreativität und ein bewußtes Abgehen vom 
konventionellen Materialfetischismus des Juweliers 
(und seiner Kunden) zeichnen schon seit Jahren die 
Schrnuckobiekte des Wiener Desiners aus. 
Maierhofer, der sich längere Zeit in England 
aufhielt und dort entscheidende Impulse empfing, 
gilt heute auch auf internationaler Basis als einer 
der pragressivsten und bemerkenswertesten 
Schmuckdesigner der iüngeren Generation. 
Er beweist laufend eine echte schöpferische 
Weiterentwicklung, getragen von Einfällen sowie 
zunehmender Harmonie und Materialgerechtheit 
in der Verarbeitung. Technisch verbessert 
präsentieren sich seine vielfach auf farbigen 
Kunststoffen und Metall hergestellten Obiekte 
als Signale einer im Schmuckdesign nicht mehr 
aufzuhaltenden neuen Grundeinstellung. 
(Juli 1975) - (Abb. 3) 
Galerie Grünangergasse 
Arnulf Rainer und Dieter Roth 
Zwei Vertreter der Avantgarde präsentierten 
38 
gemeinsam experimentell erstellte Ergebnisse 
sogenannter „Misch- und Trennkunst". Ein 
interessanter und ausreichend kompakter Versuch, 
der in Details durchaus Aufschlußreiches ver- 
mittelte und Ansatzpunkte verdeutlichte, insgesamt 
iedoch bei weitem nicht den künstlerischen Stellen- 
wert der von Roth und Rainer sonst einzeln statt 
gemeinsam entwickelten Arbeiten aufzuweisen 
hatte. Flüchtigkeit und eine gewisse Freude am 
graphischen Gag gehen bei diesen Versuchen noch 
zu oft auf Kosten größerer Intensität und 
gestalterischer Geschlossenheit. Nichtsdestoweniger 
war es eine Ausstellung, die ungemein anregte, 
relativierte und gerade in der Skurrilität und 
Schalkhaftigkeit mancher dieser gemeinsamen 
Zeichnungen und iiberzeichneten Fotos neue 
künstlerische Möglichkeiten eröffnete. Unter dem 
Titel „NEO MlX-NEO NIX" erschien zur Vernissage 
in einer Auflage von 400 Exemplaren ein Buchwerk, 
bestehend aus 242 Original-Offsetlithographien. 
Numeriert und von beiden Künstlern signiert, 
kostet es 1800 Schilling. 
(10.-25. 7. 1975) 
Alte Schmiede 
Franz Bayer 
Mit Hilfe des Kulturamtes der Stadt Wien und 
dem organisatorisch mitwirkenden Verlag für 
Jugend und Volk wurde in unmittelbarer 
Nachbarschaft zur Galerie Basilisk in der 
Schänlaterngasse ein neues Kulturzentrum in den 
alten Gemäuern einer Schmiede errichtet. Eine 
löbliche Initiative mit einem dichten Programm, 
bedacht auf die Schwerpunkte bildende Kunst und 
Literatur. Kontaktbetonte Offenheit und eine 
nette Atmosphäre, zu der auch das mittägliche 
warme Essen gehört, sollen Esoterik und eventuelle 
Einseitigkeit von vornherein verhindern. Einer 
der ersten Aussteller, der aus Jugoslawien 
stammende.Ma1er und Zeichner Franz Bayer, 
hinterließ mit seiner graßteils unverkäuflichen 
Kollektion einen günstigen Gesamteindruck. 
Als „Naturalist und Phantastischer Realist", wie 
ihn Johann Muschik bezeichnet, imitiert er iedoch 
nicht die Wiener Schule, sondern steht ihr mit 
der eine durchaus schätzenswerte Eigenständigkeit 
fördernden Distanz gegenüber. 
(17. 7.-4. 9. 1975) - (Abb. 4) 
Galerie auf der Stubenbastei 
Florentina Pokosta 
Es zählt zu den positiven Eigenschaften der Wiener 
Zeichnerin Florentina Pakosta, daß sie auf 
modische Gags und Verwandlungen keinen Wert 
legt. Sie kommt im wesentlichen vom 
Expressionismus her, setzt diesen iedach - nahezu 
ausschließlich im Porträt - unter dem dominierenden 
Aspekt einer stark graphisch bestimmten Wirk- 
lichkeitsnähe und -deutung ausreichend modifiziert 
fort. Die von ihr gezeigten Zeichnungen und 
Radierungen waren allesamt „Paraphrasen zu Franz 
Xaver Messerschmidts Charakterköpfen", 
ein markanter neuer Abschnitt in ihrem einem 
glaubwürdigen Anliegen verpflichteten Werk. 
(28. 5-28. 6. 1975) - (Abb. U) Peter Baum 
Bildhauer im Park des 
Max-Reinhardt-Seminars 
Von der Gesellschaft der Kunstfreunde Wien wurde 
in der großen Gartenanlage in Hietzing unter 
den alten Bäumen eine Flastikkollektion geboten. 
Es waren fast durchwegs große Arbeiten, 
die im Freien bestehen konnten, ia, durch den 
großen Umraum erst richtig zur Wirkung kamen. 
Nur Gerde Fassel und Hans Knesl hatten die 
menschliche Figur als Grundthema. Die meisten 
Bildhauer setzten freie Gestaltungen oder signal- 
hafte Zeichen. Erfreulich, daß auch Arbeiten vieler 
jüngerer Künstler gezeigt wurden: Robert Berger, 
W. Haidinger, H. Klinger, G. Linke und L. Schlatter. 
(6. 5.48. 7. 1975) - (Abb. 6) 
Neues Wiener Kulturzentrum Alte Schmiede 
in der Schönlaterngasse 
In Wien wurde am Dienstag, den 3. Juni, in einem 
der ältesten Stadtviertel ein neues Kulturzentrum 
von Frau Vizebürgermeister Gertrude Fröhlich- 
Sandner eröffnet. Das mittelalterliche Haus ist bei 
Beibehaltung der gegebenen Räumlichkeiten für 
diese Zwecke großzügig umgebaut worden. 
Arbeitsräume für Keramiker, Druckgraphiker, 
eisenverarbeitende Künstler wurden geschaffen. 
Ein „Literarisches Quartier" mit einem Vortragsraum, 
mit Bibliothek, Buchhandlung und Libresso 
bietet eine Möglichkeit der Kommunikation der 
Autoren und ihrer Leser. Eine Folge guter Veran- 
staltungen machte hier bereits den Anfang. 
Reinhard Urbach betreut diesen Sektor. 
Ein großer Raum im Parterre und die Wände des 
Libressos und des „Literarischen Quartiers" 
stehen der bildenden Kunst zur Verfügung. Prof. 
Johann Muschik zeichnet für dieses Programm. 
Als erstes wurde unter dem Titel „Beispiele" im 
Parterre eine Reihe namhafter österreichischer 
Künstler ausgestellt, deren Werke in Publikationen 
des Verlages Jugend und Volk vorliegen. 
Im ersten Stock sind die satirischen Blätter Walter 
Schmögners und im zweiten die Olbilder 
Elisabeth Ernsts, letztere kraftvolle Auseinander- 
setzungen mit dem Thema Frau. Ein umfangreiches 
Programm für die nächsten Monate liegt bereits vor. 
Da sich im Haus auch ein den alten Räumen 
angepaßter Restaurationsbetrieb befindet, ist mit 
einem ständigen und zahlreichen Besuch dieser 
Ausstellungen zu rechnen. Wie sich die Benützung 
der Werkstätten regelt, gilt abzuwarten. 
(Abb. 7, 8) 
Galerie auf der Stubenbastei 
Gottfried Salzmann 
Der Maler hat in einer künstlerischen Aussage, 
die nur wenig Spielraum läßt, dem Aquarell, 
einen eigenen Weg gefunden. Mit sparsamen 
Nuancen, eher manochrom, gestaltet er von 
Blattrand zu Blattrand „Landschaften". Oft hat man 
den Eindruck von Luftaufnahmen, die auch nur 
Teilausschnitte und sehr hohe Horizonte zeigen. 
(1-24. 5. 1975) - (Abb. 9) A. V. 
Salzburg 
Galerie Academia 
Anton Lehmden 
Auch in den iüngeren Arbeiten Anton Lehmdens 
scheinen seine bildnerischen Gedanken stets um 
die Symbole der Vergänglichkeit, um die 
Relativität alles irdischen zu kreisen. Albert Paris 
Güterslah soll einmal gesagt haben: „Überall, wo 
Lehmden ist, ist Landschaf ." Es ist eben eine 
phantastisch realistische Landschaft, geboren aus 
tiefem Einfühlungsvermögen und hoher Sensibilität. 
Diese „natürlichen" wie architektonischen 
„Landschaften", seien es die Rinden der Erde 
oder die Leiber der Tiere, sind dem Verfall 
preisgegeben, lassen sich aufspalten, lassen sich 
minuziös beobachten, lassen sich durch den 
Zeitablauf des Verfalls teilen wie die Schichten 
einer Zwiebel; selbst wenn sie „bersten", bersten 
sie lautlos und unheimlich langsam. Ganz 
charakteristisch ein früheres Wort Lehmdens: 
„Wirklich belehrend wäre es, wenn man eine 
flache Wiese 300 Jahre lang beobachten könnte." 
(10.-29. 7. 1975) 
Künstlerhaus 
Max Rieder und Gottfried Salzmann 
Die beiden Preisträger des Kunstpreises der 
Salzburger Wirtschaft (siehe „Varia" dieses 
Heftes) haben zusammen mit 40 anderen Salz- 
burger Künstlern die ausgewählten Arbeiten in 
einer gut gehängten Schau gezeigt. In den Werken 
des nun 66iährigen Rieder ist immer die Menschen- 
gestalt das A und das O; kraftvoll, statuarisch, 
doch keineswegs naturalistisch summieren sich in 
ihnen die Erfahrungen eines arbeitsvollen 
Bildhauerlebens. Manchen, die sich früherer 
Ausstellungen von Werken des 1943 in Saalfelden 
geborenen und nun in Paris lebenden Gottfried 
Salzmann erinnern, werden dessen jüngste 
Kahlezeichnungen nicht so sehr überraschend
	        

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