MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 126)

zeichnete. Es war einst seinem berühmten Vor- 
fahren, Lukas Cranach d. Ä., von seinem fürst- 
lichen Gönner, dem Kurfürst Friedrich dem Wei- 
sen, verliehen worden. Angesichts eines Steck- 
kamms aus Horn" mit abstrahiertem BIütenmo- 
tiv (Abb. 6 - eine Variante befindet sich in süd- 
deutschem Privatbesitz) bemerkt S. Wichmonn" 
mit Recht, daß die Form derartiger Stücke zwei- 
fellos auf motivische Anregungen zurückgeht, 
die W. L. von Cranach von chinesisch-iapani- 
schen Vorbildern empfangen hat. Die stilisierte 
Wiedergabe eines auf einer Kugel balancieren- 
den Pelikans" aus vergoldetem Silber in Gestalt 
eines Sdiirmgriffes, bei dem der Knauf aus 
Katzenauge besteht (Abb. 17), beweist, daß W. 
L. von Cranach offensichtlich Werke des in 
Berlin lebenden bedeutenden Tierplastikers 
August Gaul (1869-1921) gekannt hat. Von be- 
sonderem Reiz ist ein etwas drall geratener 
Fisch (Abb. 12, 13 - 2,2x3,7 cm) als Anhänger 
an einer silbernen Kette (Gesamtlänge 42 cm - 
Mündien, Privatbesitz)". Vorder- und Rückseite 
des originell geformten Fisches sind nicht kon- 
gruent. Die eine Körperseite und der Kopf be- 
stehen aus je einer Barockperle, während zart- 
farbiges Email (hellgelb, hell- und dunkelbraun, 
gelblich- und bläulichgrün) die anderen Teile 
bedeckt, wobei die Augen aus gelbgold gefaß- 
ten Smaragden bestehen. Von zartester Ele- 
ganz ist ein Blütenzweig in Gestalt einer mit 
Spitzperlen und kleinen Brillanten besetzten Vor- 
stecknadel (Abb. 8, 9). Sie ist rückseitig signiert 
(Hannover, Privatbesitz). Wie ein Anhänger (Abb. 
14) ist sie vor 1903 entstanden. Sie wurden von 
W. von Bade veröffentlicht". 
Seiner Einmaligkeit wegen stellen wir ein sehr 
typisches Schmuckstück von W. L. von Cranach 
an das Ende unserer Betrachtung (Abb. 16). 
Inmitten der Tafel VI ist es in der Publikation 
von W. von Bode abgebildet. Für W. L. von 
Cranach ist das Werk deshalb bedeutsam, weil 
es zusammen mit anderen auf ihn zurückgehen- 
den Schmuckstücken auf der Pariser Weltaus- 
stellung des Jahres 1900" zu sehen war. Sie 
brachten ihm dort die Goldmedaille ein. Bis zum 
Jahre 1970 war die Goldbrosche im Besitz von 
Louis Werner in Berlin, anschließend bei dem 
Erben der Juweliersfirma. Seither befindet sie 
sich im Privatbesitz in München". Auf der Rück- 
seite ist sie mit WLC signiert. Als Datum der 
Entstehung ist an der gleichen Stelle die Jahres- 
zahl 1900 eingraviert. Von überdurchschnittlicher 
Qualität ist das besonders sorgfältig ausge- 
wählte Material. Die Goldbrosche mit den re- 
spektablen Ausmaßen von 9,5xB,5 Zentimetern 
ist mit Brillanten, einem großen Rubincabochon 
sowie mit kleineren Rubinen besetzt, die auf 
Amethyste gesetzt sind. Zur Fassung gehören 
ferner zwei ungewöhnlich große rosafarbene 
Barodrperlen von abnormer Form, ein Topas 
sowie eine Tropfenperle. Die Brosche ist rot, 
grün und blau emailliert. Das Thema ist singu- 
lär. Es ist möglicherweise ostasiatischer Pro- 
venienz. Dargestellt ist hier, wie ein zur Fauna 
der submarinen Welt gehärender Polyp (ein 
Octopus vulgaris) im Begriff ist, einen märchen- 
haft bunten Schmetterling zu erwürgen. Die Ge- 
stalt_ dieses „SommervogeIs", wie er früher in 
einigen Gegenden in Deutschland genannt 
wurde, entstammt eindeutig dem Phantasiebe- 
reich. Merkwürdig ist bei dieser Szene, wie der- 
artige Lebewesen, die im wahrsten Sinne des 
Wortes Antipoden sind, überhaupt physisch mit- 
einander in Berührung kommen konnten. Das 
transitorische Moment besteht hier darin, daß 
in jedem Augenblick aus der Tragödie eine 
Katastrophe werden kann, die, wie vorauszu- 
sehen ist, mit dem Tod des einen Kontrahenten 
enden wird, der von seinem ungleichen Part- 
26 
rier rätselhafterweise angegriffen wurde. Nach 
dem Urteil von N. Pevsner" ist die Brosche ein 
bezeichnendes Beispiel „für den Anteil, den Na- 
tur und Stilisierung am Jugendstil haben", wo- 
bei gleichzeitig bei der Komposition bemerkt 
wird, doß man diese sicher auch „ebenso und 
wahrscheinlich vorteilhafter abstrakt" hätte ge- 
stalten können. Der äußere Anlaß für die Grund- 
konzeption dürfte vermutlich zunächst einmal in 
der sinngemäßen Verwendung der beiden rosa- 
farbenen großen Barockperlen zu suchen sein, 
die, vom Werkstoff her gesehen, der Brosche 
ihren singulären Charakter verleihen. 
Im Schmuck W. L. von Cranachs hat die Schmet- 
teriing-PoIyp-Brosche einen Vorläufer in Gestalt 
des Anhängers mit der Darstellung des Cranach- 
schen Wappentieres: einem Paar gegenständi- 
ger geflügelter Schlangen, die um eine Barock- 
perle gruppiert sind (Abb. 11). Verglichen mit 
diesem vermutlich früher entstandenen Werk 
ist iedoch die SchmetterIing-PoIyp-Brosche in 
noch stärkerem Maße als künstlerisch zwingende 
Einheit erfaßt und als solche gestaltet worden. 
Dem widerspricht nicht, daß mit Hilfe der Ein- 
fassung durch aneinandergereihte kleine Brillan- 
ten der Kontur der Schmetterlingsflügel optisch 
weitgehend entwertet ist, ein Motiv, das sich be- 
reits bei dem Anhänger mit der Distelblüte" fin- 
det (Abb. 14). Man beachte, welch genialer Ein- 
fall in formaler Hinsicht darin besteht, wie die 
bewegten Tentakel des Polyps die Konturen der 
Schmetterlingsflügel abgewandelt wiederholen. 
Trotz des dem Stück in einer oberen Relief- 
schicht auferlegten Lineaments ist die Kompo- 
sition in sich streng symmetrisch. In geradezu 
klassischer Weise ist sie einem gleichschenkligen 
Dreiedr einbeschrieben. Wie. N. Pevsner richtig 
gesehen hat, sind bei der Brosche viele beliebte 
Jugendstilmotive miteinander vereinigt. Wenn 
man von ihrer äußeren Gestalt, die in faszinie- 
render Weise zum „BiId" geworden ist, einmal 
absieht, gilt dies in gleicher Weise für die hier 
durchgeführte thematische Gestaltung. Sie um- 
faßt zweifellos mehrere Bedeutungsschichten. Als 
jeweiliges Gegensotzpaar sind hier ebenso reine 
Schönheit einerseits und abstoßende Häßlichkeit 
andererseits", ia vielleicht Tugend und Laster, 
möglicherweise Licht und Finsternis, Leben und 
Tod, Jugend und Alter symbolisiert, abgesehen 
davon, daß hier auch der unüberbrückbare Ge- 
gensatz des Aufeinanderprallens zweier einan- 
der feindlich gesonnener Elemente, von Luft 
(I Schmetterling) und von Wasser (: Polyp), 
gezeigt ist. Die erstaunliche Vielfalt der sidi hier 
gedanklich anbietenden Interpretationen Iäßt ie- 
denfalls klar erkennen, daß der Symbolismus 
eine der stärksten Wurzeln ist, aus denen die 
Stilbewegung des Art Nouveau erwachsen ist. 
Die1900 entstandene Schmetterling-PoIyp-Brosche 
ist eines der schönsten Stücke, welche die Schmuck- 
kunst des nur kurze Zeit währenden Jugendstils 
hervorgebracht hat, abgesehen davon, daß sie 
audi eindeutig die Krönung der Schmuckstücke 
ist, die von Wilhelm Lucas von Cranach entworfen 
wurden. Die Schmuckkunst des Jugendstils ist auf 
Grund ihrer hervorragenden Qualität in der 
kunsthandwerklichen Verarbeitung und in der be- 
sonderen Art der Themenstellung die einzige, die 
man an die Seite des Schmucks des 16. Jahrhun- 
derts stellen kann. Beiden Epochen gemeinsam 
ist, daB ihr meist polychromer Schmuck in erster 
Linie Künstlerschmuak ist, der primär nach künst- 
lerischen Gesichtspunken entworfen wurde. Auf 
den Schmuck beider Stilrichtungen paßt iedenfalls 
das Zitat von Charles Holme nach John Ruskin" 
vorzüglich, mit dem wir schließen: ...„the Iove- 
liest things are those which the least usefuI",über- 
setzt: Die hübschesten Dinge sind die, welche am 
wenigsten nützlich sind. 
7 W. L. von Cranach, Anhänger: Das Schlangen- 
nest (1918). Gelbgold, gegossen, mit Smaragden, 
Diamanten, Rubincabochon, Saphiren und Perl- 
muttplatte mit drei angewachsenen Perlen 
Länge der Kette: 50 cm; Anhänger: 4,2_5 x 3,6 crri 
Pforzheim, Schmuckmuseum im RBUChIIHhOUS 
B 9 W. L. von Cranach, Vorstecknadel (voi 
1903). Vorder- und Rückansicht. Blüten unc 
Früchte; Gold, Email, Spitzperlen _und klElnE 
Brillanten. Monogramm WLC (rückseitig) 
10 W. L. von Cranach, Giirteltasche (vor 1903) 
Graues Leder. Bügel: Schlangen, Silber ver- 
goldet 
1l W. L. von Cranach, Anhänger (vor 1903). Wap 
entier der Familie von Cranach: Geflügelte 
chlangen und Barockperle 
12 13 W. L. von Cranach, Anhänger: Fisch (Karp 
fen?) (vor 1903). Vorder- und Rückseite._Körper 
Kopf: Barockperle. Augen: Smaragde, in Golc 
gefaßt. Zortfarbiges Email, kleine Brillanten 
14 W. L. von Cranach, Anhänger: Distelblüte (voi 
1903). Blätter grünes Email, eingesprengte Dia 
manten. Blüte: durchsichtiges, violettes Emai 
15 W. L. von Cranach, Schuhknäpfer (vor 1903) 
Schlangengriff Silber, mehrfarbig vergoldet 
16 W. L. von Cranach Brosche: Schmetterling vor 
Polyp erwürgt (1900). Flügel: Email mit Brillant 
einfassung. ärper: rasa Barockperlen, Rubin: 
und Topas _ _ _ 
17 W. L. von Cranach, Schirmgriff: Pelikan (vo 
1903). Silber, mehrfach vergoldet. Knauf: Katzen 
auge 
Anmerkun en 11-21 
" W. v. ode, Werke moderner Goldsdimiedekuns 
a. a. 0., Taf. XII. 
" S. Wichmann, Weltkulturen und Moderne Kuns 
Ausst. München 1971, Kot-Nr. 1270. Zu dem oben gl 
nannten Stüdr (14,? x 7,5 cm) hat sidi das zeitge 
nössiscfie Lederetui erhalten. Auf den Innenseiten stel 
(oben): „Gebr. FriedlaenderlHaf-JuwelierelSr. Mai. r 
KaiserslBerlin W."," (unten): der Faksimilenamenszug 
moderner 
W. L. von Cranach . 
Goldschmiedokuns 
a. a. 0., Taf. XII (rechts unten). 
"W. (v.) Bade, Werke 
"Ebenda, Taf. XVI und XVll. Hier sind die Darstellung: 
von Fischen (Karpfen?) bei Anhängern, Broschen und a 
Griff von Petschaftan verwendet. 
lt Den Hinweis auf dieses Stück verdanke ich Herrn D 
H. J. Heuser in Hamburg. - W. (v.) Bode, Werk 
moderner Goldschmiedekunst, a. a. O., Taf. VIII (Mitte 
"Amtlicher Katalog des Deutschen Reichs. Weltausstellun 
in Paris 1900, Nr. 4573, S. 363 unter „EinzelausstelleW 
" Auch zu diesem Stück hat sich as Originaletui erhaltet 
Außer dem Faksimilenomenslu des Künstlers ist dari 
das Signet der Firma: Louis erner, Berlin, angebrach 
S. Wichmann, Secession. Europäische Kunst um 
Jahrhundertwende. München 1964, Ausst.-Kot. Nr. 740 
Kunstpreisiahrbucfi 196911970, Bd. XXV, S. 193 (m 
Abb.). - G. Woeckel, Vorwort zu: Kunstpreisialirbui 
197011971, Bd, XXVI, S. 9110. - G. Woeckel, Kunst des Ji 
gendstils als internationale Wertanlage in: Alle und Mi 
gerät; Kunst, 1241125, 1972, S. 73 ff.; bes. S. 77 mit Abi 
" N. Pevsner, Der Beginn der modernen Architektur ur 
des Design, Köln 1971, S. 7B mit Abb. 65, S. 76. 
" W. (v2) Bade, Werke moderner Goldsdimiedekuns 
a. a. ., Tof. XVI (zweite Reihe, 1. Stüdr von links 
" Es wäre ikonographisdi lohnend, wenn man sich ei 
mal mit dem im Jugendstil häufig dargestellten Therr 
beschäftigen würde, bei dem „Schänheit" vom „Toc 
bedroht ist. In den leichen Typenkreis gehört u. - 
eine Darstellun , bei er eine "ugendhaft sdibna Sirei 
von einem Poypen bedroht zw. erwürgt wird. l 
findet sich beispielsweise auf einem Tintenfaß ai 
Bronze dargestellt Usterreidi um 190D?) sowie als Tonr 
auf einem vielfar igen Emailteller aus Kupfer (vs 
Ernestine Mills, Schülerin von Alexander Fislier, u 
1910). Vgl. G. P. Woeckel, Jugendstil-Sammlun Kasse 
Ausst.-Kot. Nr. 173 mit Abb. (ietzt im Besitz es Bac 
sdien Landesmuseums in Karlsruhe) und in einem a 
deren Ex. im Besitz von Andre Breton. Vgl. M. Rheim 
a. a. O., Nr. 457 mit Abb. Ein drittes Ex. ist in der Sl 
F. W. Neess in Frankfurt1M. - D. J. Janson, Fro 
slove to sireri. The Victorian woman ond her )ewel 
from Neaclossic to Art Nouveau. The Duke Universi 
Museum of Art, Durham, North Caroliria. Ausst. 197 
Kat.-Nr. 227 mit Farbtaf. auf dem Umschlag. 
"Ch. Holme, Modern Design in Jewellry und Fans, Tl 
Studio, special Winter number 1901-1902, S. 7 - Z 
nach: J. Dennerlein, Jugandstilsctimudc in: Die Grüne 
thal-Woage, 3, 1967, Bd. 6, S. 123 ff. 
III Unser Autor: 
Dr. Gerhard P. Woeckel 
Zentralinstitut für Kunstgeschichte! 
Forschungsunternehmen 
Meiserstraße 2 
Z-München
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.