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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 142 und 143)

ition, die Bewegung der Elemente festzu- 
n, tritt nun in aller Stärke zu Tage. Neben 
rein bildnerischen Tätigkeiten macht sich in 
in Jahren noch ein anderes Element in Tur- 
Denken und Schaffen breit: die Dichtung. 
eginnt, seine Bilder mit Zitaten, zunächst von 
ren, in zunehmendem Maß aber auch von 
ten Gedichten zu versehen. Die Gedichte 
lames Thomson (1700-1748) tauchen allent- 
an in Zitaten und in Skizzenbüchern auf und 
zweifellos von entscheidendem Einfluß auf 
H5 Schaffen. Thomsons Gedichte beschrei- 
.andschaften; sie beschreiben sie aber nicht 
tatische Gegebenheiten, sondern als dyna- 
ie Strukturen, die fließen, unaufhörlicher 
igung, dauerndem Wechsel, vehementen Zu- 
ienstößen und umfassenden Harmonien un- 
irfen. Thomson hat Malerei gedichtet, und 
er beginnt nun Dichtung zu malen. Bewe- 
, Wechsel, sidw bekämpfende Elemente, 
aer, Luft, Sturm, Feuer; das Unmalbare sicht- 
:u machen, ist die Aufgabe, die Turner, der 
er, Turner, dem Maler, stellt. 
a Reise auf den Kontinent - 1802" ist die 
schrift, die der kleine dritte Raum trägt. Mit 
Frieden von Amiens ist es zum ersten Male 
er seit zehn Jahren möglich, den Ärmel- 
l zu überqueren und den Kontinent zu be- 
1. Und viele Künstler, so auch Turner, ma- 
von dieser Möglichkeit Gebrauch. Fast un- 
irlich skizzierend, reist Turner durch Frank- 
in die Schweiz und von dort wieder zurück 
Paris, wo er sich vor allem im Louvre auf- 
Er fertigt dort fünfundzwanzig farbige 
nungen an, Kopien der Werke Tizians, 
vrandts und Poussins. Nach seiner Rückkehr 
zht eine Reihe großformatiger Aquarelle, 
Jenen ich eines herausgreifen möchte, „Der 
berühmte SL-Bernhard-Paß" (Abb. 5), da es am 
deutlichsten den Weg weist, den Turner einzu- 
schlagen sich entschlossen hat. Wahrscheinlich 
hat Turner dieses Bild nie öffentlich gezeigt. Die 
Naturgewalten, die diese Landschaft geformt 
haben, werden widergespiegelt in der Vehe- 
menz der Pinselführung. Turners Aquarelltechnik 
hat sich bereits weit van dem entfernt, was da- 
mals als „in der Ordnung" galt. Er schabt mit 
dem Messer und trägt die Farbe im Vorder- 
grund fast deckend auf. Die Diagonale, die den 
Vordergrund von der Ferne trennt, ist dominie- 
rend. Dunkel und Hell befinden sich hier nicht 
im friedlichen Nebeneinander. Die Horizontale 
ist fast aufgehoben und besteht eher als eine 
theoretische Linie zwischen dem Betrachter und 
dem Paßdurchgang, als im Bildaufbau selbst. 
Der Durchgang, der Engpaß, durch den der Be- 
trachter in die Tiefe des Bildes gezogen wird, 
wird noch häufig in Turners Werken auftauchen. 
Dem Erfolg an der R. A. zwischen 1802 und 1812 
ist der vierte und größte Raum der Ausstellung 
gewidmet. 1802 wird Turner zum vollen Mitglied 
der R. A. gewählt. (Sein Diplombildiist „Dol- 
badern Castle, North Wales", Abb. 7.) Die R. A. 
spielt von nun an eine wichtige Rolle in Turners 
Leben, (a ist fast eine Art Familienersatz. Nicht 
selten bezeichnet er die R. A. als „Mutter", so 
wie er seine Bilder „Kinder" nennt. Man muß 
sich hier vor Augen halten, welch" revolutionäre 
Wirkung Institutionen wie die RÄA. auf das da- 
malige Kunstschaffen hatten. Mäzenatentum und 
die daraus resultierende Auftragsmalerei wurden 
stark in den Hintergrund gedrängt. Dem Künst- 
ler stand es nun frei, nach seinem eigenen Gut- 
dünken zu schaffen, um dann die Endprodukte 
seiner Arbeit der Öffentlichkeit und den poten- 
tiellen Käufern vorzuführen. (Die R. A. hielt ein- 
mal im Jahr eine Ausstellung.) Noch im 18. Jahr- 
hundert wäre Turner undenkbar gewesen. Jetzt 
aber kann er relativ unabhängig seinen eigenen 
Weg gehen. 
Aber wir dürfen auch nicht vergessen, daß Tur- 
ner im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts 
durchaus noch im Trend seiner Zeit stand. Die 
großen, stürmischen Seebilder, die Wracks und 
die Schiffbrüchigen entsprachen dem Geschmack 
der Zeit, der Lust an Sensation und Katastrophe. 
Es war die Zeit, die all diese wunderlichen 
Apparate hervorbrachte, die magischen Spiegel, 
die Pdnaramen, Anamorphasen, Apparate, die 
in Bild und Ton Stürme und Gewitter vorführen 
konnten. Darstellungen der Natur mußten gran- 
dios oder zumindest „malerisdW sein. So gab 
es damals auch ein sogenanntes „Claude-Glass" 
zu kaufen, ein gefärbtes Glasplättchen, durch 
das hindurch, was immer man zu betrachten 
wünschte, in den warmen Farbtönen Claudes 
erschiem Die Wirklichkeit selbst war höchst un- 
interessant, denn sie hatte kein Pathos. 
Turners Bilder entsprachen dem Geist' der Zeit, 
obwohl sie bis an die Grenze des Erlaubten 
gingen. Turners früher Erfolg muß in diesem 
Licht gesehen werden. Motive wie „Sintflut", 
„Pest in Ägypten", „Schiffbruch", „Boote im 
Sturm", „Schlacht von Trafalgar" wiegen vor 
(siehe auch Abb. 9). Die Tatsache aber, daß 
diese Themen „en vogue" waren, reicht nicht 
aus, um die Intensität zu erklären) mit der Tur- 
ner sich ihnen hingibt. Der Sturm zu Lande und 
auf- dem Meer wird für ihn ein komplexes Bild 
der sozialen und geistigen Krise, in der England 
-am Ende der Französischen Revolution und der 
amerikanischen Befreiungskriege _und am An- 
fang der industriellen Revolution. steht, ein Bild, 
das Turner in diesen Jahren zu artikulieren sucht.
	        

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