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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 142 und 143)

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]. GRANIE UND DIE MODERNE ILLUMINIER- 
KUNST IN FRANKREICH 54' VON HENRI 
FRANTZ 50 
 
Zeichnungen und Illuminierungen eröffnet, 
welche manchem zum ersten Male das ganz 
unverkennbare Talent des J. Granie offenbarte 
und diesem eine bedeutende Stellung unter den 
modernen Kleinkünstlern verschaffte. Es wurde 
da ganz unerwartet ein echter Künstler dem 
Publikum vorgestellt, ein Künstler, der sich, 
ungleich so vielen anderen, nie als bloß 
tastender Anfänger vorgedrängt hatte. Die von 
ihm ausgestellten Resultate waren komplett und endgültig, wenig an Anzahl, 
aber reich an Beweisen seltener Konzentrierung und gleichmäßig aufrecht 
erhaltener Qualität. Das Pariser Publikum war verblüfft, einen Künstler zu 
finden, der sich im Verborgenen und im Stillen so gründlich erzogen hatte 
und der sein Talent zur Reife kommen ließ, ohne im Salon seine frühen 
Versuche auszustellen. Nur wenige intime Freunde genossen den Vorzug, 
sie zu sehen, bis er sich ohne Posaunenklang in die Gegenwart der Sach- 
verständigen und Kritischen mit einem Muster seiner Arbeit wagte, mit 
einem Versprechen dessen, was da kommen sollte. 
Diese Willensstärke und gewissenhafte Zurückhaltung, bis er sich bereit 
fühlte, bietet Jenen, welche darin lesen können, einen charakteristischen Zug 
von Granies Natur: ein unbeugsamer Wille, eine Art sonderbarer Ent- 
schlossenheit und Geistesklarheit, eine seltene kritische Gabe, mittelst welcher 
er sich selbst beurteilt und klärt, indem er an sich einen klaren und 
methodischen Maßstab anlegt. DieserZug läßt sich durch das ganze Leben 
des Künstlers verfolgen, und die Geschichte seiner ersten Versuche und seiner 
späteren Entwicklung ist höchst charakteristisch. 
Granie ward im Jahre 1862 zu Toulouse geboren. Seine Leute waren 
Kunstliebhaber wie alle Bewohner der alten Römerstadt an der Garonne. 
Sein Vater wollte ihn zur Musik erziehen, da er dafür wie für alle seine 
Studien ein frühzeitiges, vielversprechendes Talent zeigte. Im Alter von 12 
Jahren begann er unter der Leitung des Oberlehrers des Toulouser Muse'e 
zu zeichnen, während er seine allgemeine und seine musikalische Erziehung 
fortsetzte. Mit 16 Jahren hatte er den ganzen Kunstunterricht der Ecole des 
Beaux-Arts in Toulouse durchgemacht und wollte sich ausschließlich der 
Malerei und Musik zuwenden, als sein Vater ihn nötigte, eine bestimmte 
Laufbahn zu wählen und den Kampf ums Dasein anzutreten. Der Entschluß 
war schwer: Granie zauderte zwischen Malerei und Musik und ging nach 
Paris, die Geige in einer Hand und die Palette in der anderen. Während er
	        

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