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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 142 und 143)

3...."... 
taillierte Beschreibungen existieren von diesen 
Werken nicht. Unser Gewährsmann J. K. von 
Lippert teilte dazu mit, daß Straub wegen die- 
ses Auftrages seinen Meister verlassen habe. Er 
fügte hinzu: (er) „unternahm aus eigenen Kräf- 
ten die ihm angewiesene Arbeit, die er in Zeit 
von zwey Jahren zu Stande brachte". Eine bis- 
her unveröffentlichte Aktennotiz (1725) ergänzt 
unsere Kenntnis über diese frühen häfischen Ar- 
beiten Straubs in ganz entscheidender Weises. 
Sie belegt urkundlich, daß der damals erst ein- 
undzwanzigiährige Bildhauer namentlich unter 
den Kistlergesellen aufgeführt wird, die unter 
den Meistern Johann Georg Baumgärtl und Jo- 
hann Adam Pichler nach Plänen des Oberhof- 
baumeisters Joseph Effner die künstlerische 
„5chneidarbeit" (d. h. Wandvertäfelungen, Lam- 
brien, Gemälderahmen, Konsoltische und andere 
Schnitzereien) für den Speisesaal und für das 
Paradeschlafzimmer des Kurfürsten in Schloß 
Schleißheim ausführten. Während die in dem 
gleichen Zusammenhang genannte Erstdekora- 
tion des Speisesaales an der Nordseite des Ve- 
stibüls noch unter Kurfürst Max lll. Joseph völlig 
verändert wurde, hat man aufgrund der er- 
wähnten Aktennotiz und angesichts der voll- 
ständig erhaltenen Ausstellung des kurfürstlichen 
Paradeschlafzimmers ietzt eine reelle Chance, 
einigen der anonym gebliebenen Erstlingswer- 
ken Straubs zu begegnen. Zu ihnen gehören 
außer einem geschnitzten Konsoltisch, von dem 
nach zu sprechen sein wird, gleichsam als Ho- 
heitszeichen erscheinende Bayerische Löwen 
(Abb. 2). Als Relief sind sie an der Bettbalustrade 
geschnitzt. In ihren Pronken halten sie Kartusch- 
schilde mit dem ME-Monogramm. Es bezieht sich 
auf den Erbauer des Schlosses, den Kurfürsten 
Max Emanuel. Diese Löwendarstellungen wur- 
den von der höfischen Bildhauerwerkstatt aus- 
geführt, deren Meister Johann Adam Pichler 
war. Nach der oben genannten Archivalie be- 
steht inoffi ell kein Grund, sie nicht als bisher 
unidentifizierte Frühwerke Straubs zu betrach- 
ten. Daß sie nicht auf seine eigenen Entwürfe, 
sondern auf solche von Joseph Effner zurück- 
gehen, beeinträchtigt keinesfalls ihre nicht zu 
bestreitende Qualität. Soweit es heute zu über- 
sehen ist, gehören die für Schleißheim geschnitz- 
ten Dekorationen zu den letzten Werken Straubs, 
die er unmittelbar vor seiner Abreise nach 
Wien schuf, wo er, wie wir an anderer Stelle 
sagten, vermutlich um 1726 eintraf". 
Als der Bildhauer nach achtjähriger Abwesen- 
heit 1735 nach München zurückkehrte, akzep- 
tierte man ihn hier erstaunlicherweise sofort. 
Laut J. K. von Lippert bestand einer der ersten 
nachweisbaren Aufträge für ihn darin, im Jahre 
1736 eine sieben Schuh hohe - vermutlich aus 
Holz geschnitzte und vergoldete - Venus anzu- 
fertigen „samt dreyen Genien". Sie war für 
einen Springbrunnen in dem späteren „Grafkö- 
nigsfeldischen" Haus bestimmt. Seinem Typus 
nach muß es sich um einen Wandbrunnen ge- 
handelt haben. Darauf deutet iedenfalls eine 
Nische hin, die noch heute in dem offenen Hof 
erhalten ist. Das Haus (heute Erzbischöfliches 
Palais) ist mit dem von Francois de Cuvillies im 
Jahre 1737 fertiggestellten Holnstein-Palais iden- 
tisch. Bei der Ausführung der Brunnenskulptur 
kam der iunge Straub erstmals mit dem kur- 
fürstlichen Oberhofboumeister Francois de Cu- 
villies in Berührung. Von Straub aus gesehen, 
kann man hier von einer schicksalhaften Be- 
gegnung sprechen. Die erstaunliche Diszip' 
heit der Formensprache, die alle seine höfischen 
Werke auszeichnet, ist ohne den stilbestimmen- 
den Einfluß von Cuvillies nicht zu erklären. Er 
bestimmte den Stil der Münchener Hofkunst bis 
30 
...,..gc.............a ...............g.... ....... a- 
  
 
wie es Max Hauttmann so treffend formulierte, 
die „letzte Instanz". Um das ausgezeichnete Ver- 
hältnis Straubs zu seinem Auftraggeber, dem 
kurfürstlichen Hof, richtig zu interpretieren, ist 
dazu vorauszusetzen, daß alle seine höfischen 
Werke, insbesondere die von uns nicht behan- 
delte figürliche Ausstattung des Cuvillies-Thea- 
ters, nicht ohne den Konsens des unter der Lei- 
tung von Cuvillies stehenden Oberhofbauamtes 
ausgeführt werden konnten. Auf diesen Umstand, 
der auch urkundlich nachweisbar ist, wird zu 
gegebener Zeit zurückzukommen sein. Das in 
Rede stehende Palais, für das der bereits ge- 
nannte (nicht erhaltene) Venus-Brunnen von J. B. 
Straub ausgeführt wurde, war die Stadtwoh- 
nung des nachträglich legitimierten Sohnes Karls 
Vll. Albrecht, des Grafen Franz Ludwig von 
Holnstein aus Bayern (1723-1780). Wir folgen 
wieder J. K. von Lippert, der sich dazu notierte: 
„Mit dieser Arbeit erwarb (zu erg.; Straub)... 
sich so großen Beyfall, daß lhro damals re- 
gierende Churfürstliche Durchlaucht in Baiern, 
Karl Albert, churmildesten Andenkens, bewogen 
wurden, den Herrn Straub als Hofbildhauer 
huldreichst zu ernennen". Zum kurbayerischen 
Hofbildhauer wurde er am 7. Juni 1737 ernannt'. 
In diesen Zeitabschnitt der bildhauerischen Tä- 
tigkeit Straubs für den Münchener Hof gehören 
zwei „Bilderschlitten" (Marstallmuseum) in Schloß 
Nymphenburg" (Abb. 3 und 4). Es ist keineswegs 
zu hoch gegriffen, wenn man von ihnen behaup- 
tet hat, sie seien „wahre Gipfelleistungen"" des 
deutschen Schlittenbaues im 18. Jahrhundertm. 
Bevor wir uns mit ihnen beschäftigen, ist erneut 
auf J. K. von Lippert hinzuweisen. Nach seinen 
Aufzeichnungen, die, woran nicht zu zweifeln ist, 
auf persönliche Mitteilungen des mit ihm be- 
freundeten J. B. Straub zurückgehen, waren 
außer allen damals bei Hof in Gebrauch be- 
findlichen „Paradeschlitten" auch die „Parade- 
wagen" mit Schnitzereien des Bildhauers ver- 
sehen. Von den zuletzt genannten Stücken ist 
bedauerlicherweise kein Exemplar erhalten ge- 
blieben". Als willkommene Bestätigung bietet 
sich eine noch unveräffentliche Aktennotiz an". 
Zu ihr ist vorweg zu bemerken, daß es sich bei 
„lhro Excellenz" um den kurbayerischen Käm- 
merer, Hofrat und späteren Hofratspräsidenten 
Johann Maximilian V. Franz Xaver Graf von 
Preysing-Hohenaschau (1736-1827) und bei dem 
„Hof Paumaister" um niemand anderen als um 
Francois de Cuvillies d. Ä. handelt. Wörtlich 
lautet das Zitat: „Vor lhro Churfürstl. Durchl. 
durch Anbefelchung lhro Excellenz Herrn Grafen 
Von Preysing, wie auch Von dem Hof Paumai- 
ster. .. gemacht worden, wie Valgt. Verfaßt den 
20." april 1766... Model zu einer Gutschen, 
oder Wagen mühesamb, und zweymahl ge- 
macht, verdient 30. flJJohann Babist Straub! 
Churfrstl. Hofbildhauer". Ergänzt und bestätigt 
wird dieser Aktenfund durch einen zweiten. Er 
stammt vom 10. Januar 1762. Damals wurde die 
Hofkammer angewiesen, für ein ebenfalls nicht 
erhaltenes Modell für „Gutschen" einen Betrag 
von 45 fl. an J. B. Straub auszubezahlen". In 
beiden Fällen handelt es sich bei den im Nym- 
phenburger Marstallmuseum erhaltenen Stücken 
um „Carrousels"- oder Rennschlitten. Wir ver- 
danken Heino Maedebach" den Hinweis, daß 
seit dem 17. Jahrhundert bei den Hoflustbarkei- 
ten auch prunkvolle Schlittenfahrten und Schlit- 
tenaufzüge auf einem vorbereiteten Festplatz in 
Mode kamen. Der allgemeinen Wandlung des 
Turniers zum Ritterspiel folgend, beteiligten sich 
auch Damen des Hofes am Wettstreit, d. h. beim 
sogenannten Schlitten-„Carrousel". Ein derarti- 
ges „Carrousel" wurde ausschließlich mit dem 
Schlitten durchgeführt. Dazu benützte man künst- 
Anrnerxungen l-lu (Anmerkungen l-lf s. iexr 
'P. Steiner, Johann Baptist Straub (: Münchner 
historische Abhandlungen VI), München und Züric 
Abb. 2, 3 und 4. Trotz eines Hinweises in ThB. X 
S. 163, blieb hier ein kleineres Straub-Porträt (l 
403.45] Cm) unerwähnt. Es stammt ebenfalls von 
Albrecht. Vgl. Kat. der Gemälde des Bayerischen 
nolrnuseums, Vlll, München 1908, Nr. 202. Ein vc 
Straub-Neffen F. X. Messerschrnidt ausgeführtes 
orträt als Bleiguß (um 1768?) ist verschollen. Erwi 
ei: Lippert, a. a. O., S. 64. Vgl. auch: H. W. 
All emeiner Bildniskatalog, Xll, Leipzig 1934, Nr 
un 88072 (Stiche: F. X. Jungwirth - F. J. Oefele 
Beide Bilder (ÖllLw.; 162-122 bzw. 162:117 cm) entsl 
sich im Format fast vblli Vgl. Bayern-Kunst- und 
Ausst. München 1972, Ka . Nr. 9951996 mit Abb. S. 4 
J München, Staatsarchiv für Oberbayern. HZR1765, N 
Diesen wichtigen Hinweis verdanke ich Dr. P. Vo 
Im vollständigen Wortlaut abgedruckt bei: P. 1 
J. B. Straub, a. a. O., S. 7-12. 
fMünchen, Staatsarchiv von Oberbayern. Fasc. 
Zit. nach: M. Hauttmann, Stilgeschichte. Münchens 
leben im 18. Jahrhundert. Preisaufgabe der Uni 
München für das Jahr 1909110. Philos. Fakultät, I. E 
Ms. l, p. 76 mit Anmerkung 261 in: IV, p. 293. 
In Unkenntnis dieser Stelle läßt P. Steiner, Op. zit 
den Bildhauer nach bis „ca. 1726" in der Lef 
G. Luidl sein und datiert deshalb die oben ger 
Arbeiten in der Münchener Residenz viel zu spät, ( 
die Jahre „1726l1727". Das gleiche gilt für die ang 
Ankunft Straubs in Wien im Jahre 1727. Diese Al 
ist schon deshalb zu revidieren, weil die erste no 
bare Wiener Arbeit Straubs die 1727 datierte 
maschine ist, die s. Zt. von uns veröffentlicht wurde 
VThB. XXXll (1938), S. 163 (N. Lieb). 
C. Giedion-Welcker, Johann Baptist Straub, Münchi 
Anmerkung 5, S. 68 ("eine Schlittenplastik der l 
burg, einen Drachenkompf [sicl] darstellend"). P. 1 
op. zit., Abb., Rückseite des Umschlages (Diana- cl 
Die ahne Be ründung vorgeschlagene Dotierung .. i 
ist unzutref end. Vgl. auch: N. Lieb, München 
Geschichte seiner Kunst", München 1'771, Abb. S. 20 
' H. Kreisel, Prunkwagen und Schlitten, Leipzig 1927 
und 158 mit Taf. 46 B und 50 B. W. Holzhausen, I1 
werke auf Kufen und Rädern, Kutschen und Schlil 
fröhlichen Tagen aus dem Marstallmuseum in M 
Privatdr. Herbig-Haarhaus A. G. Köln-Bickendarf 
burg, Dez. 1954 (r Herbol-Nachrichten Nr. 43). L. 
Marstallmuseum in Schloß Nymphenburg, Hotwag 
und Sattelkammer, München 1959, Nr. 6 und 15 
und 29 mit Abb. 13714. P. E. Battelmüller, Der  
zu München, München 1967, Abb. S. 9 (Strichzeii 
Herkules-Schlitten). 
I" Wenn man von der lange zurückliegenden Veröffenl 
H. Kreisels (vgl. unsere Anmerkung 9) absieht, fehl 
iede zusammenfassende Publikation über Schlil 
deutschem, österreichischem bzw. skandiriavisctiem 
besitz. Allein in den Kunstsammlungen der Veste 
befinden sich 13 „Carrousel"- bzw. Rennschlitfen a 
17. und 1B. Jahrhundert. Hinzuweisen wie bei H. 
wäre z. B. auf Prunkschlitten, die einst in Sdiloß Mi 
in Berlin aufbewahrt wurden (Photo ehem. Staat 
stelle Berlin C. 541554). Ein Schlitten befand sich 
(d. h. ab noch?) in Schloß Schwarzburg in Thü 
Vgl. Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Fürst 
Schwarzburg-Rudolfstadt, Bd. I, Jena 1894, S. 224 rr 
auf Tat. gegen. S. 225. Ikanographisch interessante 
tenplastiken (Drachen bzw. Hirsch) sind im Bes 
Staatlichen Kunstsammlungen in Kassel bzw. im 
nischen Natlonalmuseum in Nürnberg. Ein um i 
datierender Schlitten befand sich einst im Bes 
Fürsten Auersperg. Vgl. Galerie Fisdier, Luzern. 
Kat. 157, Nr. 107 mit Abb. Tat. 7. Ehemals in d 
Sandor, Eisenstadt, war ein süddeutscher Schlitl 
Mahrenkopf um 1720. Vgl. UKT, 24, S. 132 mit Ab 
und Galerie Fischer, Luzern. Verst.-Kat. 126 v. 17 
1958, Nr. 149 mit Abb. Tat. 8. Von dem Prager Bi 
Johann Anton Quittainer (1707-1765) haben sich d 
dem Jahre 1741 stammende Entwürfe für Prunks 
(Venus und Adonis, Centaurus und Deianira bzw 
bin"?1 erhalten. Sie befinden sich im Fürstl. Löwi 
Wertheim-Rasenbergsdien Ardiiv (Klebeband C. S 
43 auf Folie 37 aufgeklebt) in Wertheim. Photo: 
(Anmerkungen 10ff.-2B s. S. 33) 
  
 
2 Münchener Hofwerkstatt um 1725 (J. A. I 
unter Mitarbeit von J. B. Straub). Bayei 
Löwe mit M.-E.-Monagramm - Detail vc 
Bettbalustrade. Schleißheim, Schloß, Pi 
schlafzimmer des Kurfürsten 

	        

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