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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 142 und 143)

Das Zusammenwirken der Künste verkörpert sich 
für Semper besonders in der Glanzperiode der 
griechischen Kunst, wovon schon bei Erwähnung 
der Palychromiefrage die Rede war. Die griechi- 
schen Werke seien „gewachsen, . . . nicht bloß 
Gerüste oder sogenannte Strukturschemen, die 
mittels äußerer Anheftung von Symbolen aus 
der animalischen und vegetabilischen Welt ver- 
ziert sind, wozu Professor Karl Bätticher in Ber- 
lin sie machen willü". Bötticher hatte diese 
Theorie, einen Dualismus von Kernform und 
Kunstform, in seiner „Tektonik der Hellenen"" 
entwickelt. ln letzter Konsequenz muß eine nur 
äußerlich applizierte „Kunstform" austauschbar 
und dann entbehrlich werden, rationalistischer 
Utilität weichen, vor der dann zeitweilig ins 
andere Extrem, die Absurdität, geflohen wird. 
Der hier behandelte Symbolbegriff Sempers da- 
gegen bringt den Dualismus von Kernform und 
Kunstform zur Einheit. 
Semper macht ferner geltend, beim „ineinander- 
fließen aller bildenden Künste bei den Griechen" 
konnte das einzelne die Geltung behalten, „wo- 
zu es, vermäge seiner selbständigen Schöne, Be- 
rechtigung hatte" und nimmt als Kontrast die 
„barbarischen Monumente" an, wo „die Harmo- 
nie durch das Aufgehen der unselbständigen Ein- 
zelheiten in die Gesamtidee" erreicht werdess. 
Der sogenannte „Historismus" strebte allgemein 
eine Einheit aus der Vielfalt selbständiger Gebil- 
de in hierarchischer Stutung in der Kunst an. Das 
einzelne war souverän, die Ganzheit suzerän. 
Als Beispiel eines Gesamtkunstwerkes, das über 
den Einzelbau hinausgeht, gilt Semper der grie- 
chische Tempel: „Wir sind schon nicht mehr 
im Stande, den griechischen Tempel als Theil 
eines größeren Ganzen zu sehen, zu dem er 
den Mittelpunkt der Beziehungen bildete, wie 
er selbst wieder das Heiligthum umschloß, dem 
er der Bedeutung nach untergeordnet warsf." 
Semper nimmt schließlich zu einem Gesamt- 
kunstwerk auch die Selbstdarstellung des Men- 
schen durch die eigene Person hinzu. Er führt 
aus: „Dabei (sc. bei Aufstellung eines ,Systems 
der alten Tempelverzierung) darf neben der 
Malerei der metallene Zierat, die Vergoldung, 
die Draperie von Teppichen, Baldachinen und 
Vorhängen und das bewegliche Gerät nicht 
außer Augen gelassen werden. Auf alles dieses 
und mehr noch auf die mitwirkende Umgebung 
und Staffage von Volk, Priestern und Festzügen 
waren die Monumente beim Entstehen berech- 
net. Sie waren das Gerüste, bestimmt, allen 
diesen Kräften einen gemeinsamen Wirkungs- 
punkt zu gewährenfi." 
Ähnlich schreibt Richard Wagner: „Die Archi- 
tektur kann keine höhere Absicht haben, als 
einer Genossenschaft künstlerisch sich durch sich 
selbst darstellender Menschen die räumliche Um- 
gebung zu schaffen..."." An anderer Stelle 
postuliert Semper einen „engen Zusammenhang 
des Kostümwesens mit den bildenden Künsten 
und mit der Baukunst insbesondere"; dieser Zu- 
sammenhang sei „theils ein solcher, der aus der 
Analogie aller Erscheinungen, die für den all- 
gemeinen Kulturzustand bezeichnend sind, her- 
vorgeht"". Einmal sieht er eine gewisse „Fa- 
schingslaune" förmlich als Triebkratt für Kunst- 
schaffen und Kunstgenußt", was auch in diesem 
Zusammenhang verstanden sein will, wenigstens 
partiell. 
Die Bezeichnung der zum Gesamtkunstwerk des 
antiken Tempels laut Semper gehörenden Men- 
schen als „Staffage" zeigt an, daß diese Men- 
schen in ihrem empirischen Ich, etwa im Sinne 
von Johann Gottlieb Fichte, dabei wesenlos sind, 
aber vom Gesamtkunstwerk integriert werden 
können, wenn sie sich selbst zum Kunstwerk ma- 
chen - wodurch sich der Mensch selbst erlöst. 
Das Verhältnis des Kunstwerks zum Menschen ist 
hier zwangsläufig subtiler als in naiven Epo- 
chen: Obwohl das Kunstwerk von Menschen ge- 
schaffen wurde - die auch durch diese Schöp- 
fung sich selbst erlösen, wie überhaupt in jedem 
ästhetischen Status -, dennoch tritt dies Men- 
schenwerk dem Menschen als von ihm unab- 
hängige Wesenheit gegenüber. Transzendiert sich 
der Mensch aber selbst zum Kunstwerk, so kann 
er vom Gesamtkunstwerk integriert werden. Der 
Mensch, welcher sich selbst transzendiert, ist in 
einem dem „absoluten lch" oder der „lchheit" 
Fichtes wesensmäßig verwandten Status. Der 
zeitgenössische, vor allem in Wien wirkende 
Kunsttheoretiker Jacob v. Falke verwendet eben- 
falls den Ausdruck „Staffage" für die Bewohner 
einer Wohnung, die ein Ensemble bilden soll, 
das durch Zusammenwirken aller Künste zu schaf- 
fen ist und dem Gesamtkunstwerk zumindest 
nahe kommt. Dieses Zusammenwirken der Kün- 
ste und das Ergebnis davon nennt Falke „Deka- 
ration", cum grano salis ein Äquivalent für den 
Begriff „Gesamtkunstwerk". Falke betont beson- 
ders die optische Erfaßbarkeit des Ensembles, 
seine bildmäßige Einheit". 
Hinter dem Gesamtkunstwerk-Begriff bei Sem- 
per steht, wie hinter seiner gesamten übrigen 
Theorie und Praxis, die fundamentale Überzeu- 
gung von einer kosmisch universalen Kontinuität, 
und zwar in Zeit und Raum. Dieses Faktum sei- 
ner Kontinuitätsüberzeugung als Grundlage sei- 
ner Kunstauffassung war angesichts Sempers 
ungeheurer Bedeutung für seine Epoche, die er 
auf höchstem Niveau repräsentierte, ia über- 
haupt mit erschuf, einer der Beweggründe für 
den Verfasser, statt der total irreführenden Be- 
zeichnung „Historismus" die Bezeichnung „Kon- 
tinuismus" vorzuschlagen. 
Darunter versteht der Verfasser eine Kunstrich- 
tung des 18. bis 20. Jahrhunderts, welche ein in 
Zeit und Raum stetiges (kontinuierliches), von 
Zeit und Raum unveränderbares, absolutes, ide- 
ales Sein bewußt imaginiert - nicht nur denkt -, 
zu welchem die schöpferisch freie Veränderung 
in Zeit und Raum Kontinuität zu wahren habe, 
was vermittelst bewußt imaginierter, universeller 
Synthese geschieht. Die Synthese erfolgt sowohl 
inhaltlich als auch formal. 
Die Synthese vollzieht sich in Theorie und Praxis 
analog. In bezug auf die Vergangenheit setzt 
sie Synapsen desienigen voraus, was in der ge- 
samten Kunst für Erscheinungsform des überzeit- 
lich - nicht zeitlos - Seienden gehalten wird. 
Jedes der gefundenen Elemente hat nur Sinn in 
bezug auf die angestrebte Kontinuität als Gan- 
zes. Bereits das war ein Grund für die konti- 
nuistische Blüte des Gesamtkunstwerks. Die Syn- 
these muß universell sein, also intentionell muß 
alles gegenwärtig sein und in sie eingehen, was 
für unveränderlich Seiend gehalten wird; bei- 
spielsweise in der Zeit nahm der kontinuistische 
Schöpfer des Kosmos in der Kunst die Möglich- 
keit einer kontinuierlichen Einheit von Vergan- 
genheit, Gegenwart und Zukunft quasi in syn- 
chroner dauernder Gegenwart in seinem eigenen 
Werk an. Dieses Werk wurde für etwas gehal- 
ten, was die universalste Gültigkeit erreicht hatte, 
die imaginierbar war. Eine der Voraussetzungen 
hierfür war der romantische Pantheismus, ferner 
Neoplatonismus und Gnosis. 
Derartige Synthesen schufen auf Grund univer- 
seller Zusammenschauen nebst vielen anderen 
besonders Gottfried Semper und Eugene Ema- 
nuel Viollet-le-Duc. 
Der Kontinuismus leugnete Veränderung also 
nicht und beeinflußte sie auch nicht willkürlich 
wie ein Historismus oder Futurismus. Vielmehr 
schuf er eine Sytnhese aus Sein und Werden 
auf transzendenter Ebene". 
Anmerkungen 53-62 _ 
S" Über die bleiernen Schleudergeschosse der Alten, zit. 
Anm. 21, S. 4-5. 
5' Potsdam 1844-1852. 
55 Zit. Anm. C13, S. 7-3. 
5A lbidem, S. 75-19. 
v KS, s. 24a. 
Mzii. Anm. 2, s. 150. 
ßr s, 1. saß. 196-197. 
f" S, 1. Bd., Fußnote S. 216-218. 
4' Die Kunst im Hause, 5. Auflage, Wien 1883, S. 179, 227, 
278, 329, 330, 332. 
6' Eingehende Darstellung der Zusammenhänge um den 
Kontinuitätsbegritf der Epodie bei Klaus Eggert, Der so- 
genannte „Historismus" und die romantischen Schlösser 
lllä7geSlttrfeltll. ln: Historismus und Sdiloßbau, München 
Für die Zugänglichmachung des unedierten Semper-Manu- 
skriptes „Vergleichende Baulehre", Eidgenössische Techni- 
sche Hochschule Zürich, ist Herrn Professor Adolf Max Vogt, 
Herrn Dr. Martin Fröhlich und Herrn Dr. Kaufmann zu 
dGftKEfl. 
Ü Unser Autor: 
Dr. Klaus Eggert 
Kunsthisroriker 
Diirergasse 6 
1060 Wien
	        

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