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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 142 und 143)

mysteriöse Augenkrankheit zurückgeführt wur- 
den, wird Turner heute als Genie gefeiert. Aber 
ebenso wie die Einschätzung durch seine Zeit- 
genossen kurzsichtig war, so unüberlegt ist jene, 
die in ihm den Vater der modernen Malerei er- 
blicken möchte. 
Zweifellos ist die Turner-Ausstellung in der Royal 
Academy (R. A.) einer der wichtigstenBeiträge 
bisher zur Einschätzung des Werkes dieses Ma- 
lers, das so außerhalb der Hauptströmungen 
der europäischen Malerei steht und dessen Ein- 
ordnung unter die in der Kunstgeschichte dafür 
vorgesehenen Begriffe wie „Klassizismus", „Ro- 
mantik", „Präraffaeliten" oder gar „lmpressio- 
nismus" nur oberflächlich und selten von Dauer 
unseren Ordnungsdrang zu befriedigen vermag. 
Es ist die umfangreichste Ausstellung, die ie Tur- 
ner gewidmet wurde. Sie umfaßt weit über 600 
Werke sowie eine Sammlung von Dokumenten, 
Briefen, Büchern und anderem relevanten Ma- 
terial und kann mit Recht als eine repräsenta- 
tive Darstellung seines Gesamtwerks angesehen 
werden. Von den etwa 19.000 Zeichnungen und 
Aquarellskizzen, die in den Archiven des Briti- 
schen Museums untergebracht sind, ist verständ- 
licherweise nur eine Auswahl zu sehen. Einige 
der Werke sind verschollen, andere waren un- 
zugänglich. Jedoch ist es den Organisatoren ge- 
lungen, Turner der Öffentlichkeit in all seiner 
erstaunlichen Breite und Vielschichtigkeit vorzu- 
stellen, und die Öffentlichkeit hat von dieser 
Gelegenheit in unvorausgesehenem Maße Ge- 
brauch gemacht. Als sich am 2. März die Türen 
schlossen, hatten etwa 450.000 Besucher die Aus- 
stellung gesehen. Nicht ganz unbeteiligt an die- 
sem Erfolg war der Aufbau der Ausstellung. 
Durch eine Gliederung in neunzehn Einzelgrup- 
pen, die weder rein chronologisch angeordnet 
waren noch ausschließlich von Thematik oder 
Problematik bestimmt wurden, ist es gelungen, 
ein Gleichgewicht zwischen zeitlicher Kontinui- 
tät und der fast verwirrenden Vielschichtigkeit 
in Turners Werk zu finden, so daß die Viel- 
schichtigkeit zwar erhalten blieb, ohne aber ganz 
so verwirrend zu sein. 
Organisiert wurde diese Ausstellung von der 
R. A., die sie auch beherbergte. Dieser R. A., die 
kurz vor Turners Geburt von König Georg lll. 
begründet wurde, hatte Turner selbst sein Leben 
lang angehört, nachdem er im erstaunlich frühen 
Alter von 27 Jahren zum vollen Mitglied gewählt 
wurde. Heute herrscht in dieser wie in sa vielen 
ähnlichen Institutionen eine eher konservativ an- 
mutende Atmosphäre. Die Wände in den "Gän- 
gen sind übersäht mit Glaskästen, die alle mög- 
lichen Requisiten enthalten, von Sir Joshua Rey- 
nolds' silbernen Schuhschnallen bis zu Turners 
Angelrute. Eine vergangene Welt scheint durch 
die soliden Mahagonitüren vom Heute getr_ennt 
zu sein, wobei man zu leicht vergißt, daß die 
Einrichtung von Institutionen wie der R. A. auf 
das damalige Kunstschaffen einen umwälzenden 
Einfluß hatte. (Eben diese Mahagonitüren zum 
Beispiel haben zu ihrer Zeit beinahe einen Skan- 
dal heraufbeschworen, und es wurde allgemein 
als eine Frechheit des Architekten angesehen, 
die olterprobte Eiche durch solch neumodisches 
und unzuverlässiges Material zu ersetzen - es 
waren die ersten Magahonitüren in Europa.) Von 
der R. A. und ihrer Bedeutung für Turner soll 
später noch die Rede sein. 
Bevor ich nun den Leser auffordere, mir beim 
Gang durch die Ausstellung zu folgen, möchte 
ich noch kurz bei der Zeit in Turners Leben ver- 
2 
Sohn des Friseurs und Perückenmachers William 
Turner und seiner sechs Jahre älteren Frau Mary 
Marshall. In Cavent Garden hat er seine frühe 
Kindheit verbracht, und Covent Garden war da- 
mals, wie auch in gewissem Maße heute noch, 
ein Viertel voller Gegensätze: auf der einen 
Seite die eleganten Geschäfte, die vornehmen 
Equipagen, die wohlpropartionierten georgiani- 
schen Häuserfassaden in King Street oder Hen- 
rietta Street, die damals natürlich hochmodern 
waren, und auf der anderen Seite der Markt mit 
allem, was dazugehört; die Spelunken, die Hu- 
ren, Abfall und Schmutz, die schäbigen Markt- 
karren, die nie abbrechende Betriebsamkeit, ar- 
beitende Kinder...; und dann etwas weiter öst- 
19b 
2 J. M. W. Turner, Selbstporträt, ca. 1798. O1 auf 
Leinwand, 74,5 x 58,8 cm. Ausschnitt 
19 J. M. W. Turner, Schneesturm - Dampfschiff an 
der Einfahrt eines Hafens, 1842. U1 auf Lein- 
wand, 91,5 X122 cm. Ausschnitt 
wuchs. Ules ist die Welt, ale er vom rrise 
schäft seines Vaters aus kennenlernte; ein 
spannte Welt voller Widersprüche, eine 
die in völligem Gegensatz stand etwa zi 
des ländlichen Constable. Es ist wahrschei 
daß Turner, der einmal einer der größten 
schaftsmaler werden sollte, als Kind, zumi 
als kleines Kind, weder Baum noch Strauc 
sehen hat, und daß sein erster Wald ein 
von Masten, Segeln und Tauen war. Sein E 
haus selbst war nicht gerade eine Quellt 
Sicherheit und ein Ruhepunkt für den H 
wachsenden in dieser rastlosen Umwelt. 
Mutter begann die ersten Zeichen einer G: 
krankheit zu zeigen, die sich unaufhaltbai 
schlimmerte, bis sie dann schließlich, als 1 
schon seine ersten großen Erfolge an der 
feierte, in einem lrrenasyl in lslingtan 
Häufige und vehemente Tabsuchtsanfälle 
rütteten den Haushalt; schlimmste Eindrücki 
Turner nie mehr verlassen haben und in i 
Licht der tiefe Schmerz, den er empfand, i 
den späteren Jahren alle Welt ihn selbst 
Maler, zum lrren zu erklären suchte, nur Zl 
ständlich ist. Auch dürfen wir annehmen, 
sein lebenslanges Mißtrauen gegenüber F 
hier seine Wurzel hat. Dieses Mißtrauen hir 
ihn, trotz seiner starken erotischen Bedürf 
iemals eine dauernde und bindende Bezit 
zu einer Frau einzugehen. Zwar wissen wi 
verschiedenen Verhältnissen, auch von zwt 
ehelichen Töchtern, aber diesen Bereich : 
Lebens hat Turner völlig von seinem Lebe 
Maler getrennt und gegenüber der Wel' 
seinen Freunden geheimgehalten. Seine ve 
fende und mitunter fast dilettantisch anmu 
Hilflosigkeit bei figürlichen Darstellungen, v 
lem bei Akten und Frauenbildnissen (vgl. 
sica", Abb. 16), mag auch hier begründet 
Nach Krankheit und Tod seiner jüngeren S 
ster wurde der Elfiährige zu seinem Onkel 
Brentford geschickt, einem westlichen, a1 
Themse gelegenen Vorort. Dort besuchte t 
Schule, und dort auch kam er zum erstt 
intensiv mit ländlichen Szenen in Berührur 
begann zu zeichnen und zu skizzieren, unc 
der zu Hause im väterlichen Friseurgeschäf 
den einige dieser Zeichnungen an der Lade 
ausgestellt, und ein wohlwollender Kunde 
wahl auch die eine oder andere für ein 
Pennies gekauft haben. Vater William mu 
Begabung seines Sohnes erkannt haben, de 
stellte den Ambitionen des Halbwüchsigen 
in den Weg, obgleich er ihm keine Ausbi 
zukommen lassen kannte. Turner hat nie 
regelrechte und kontinuierliche Ausbildun 
halten. Er verdiente sich zunächst etwas Ge 
dem Kolorieren von Stichen und begann 
bald mit dem Kopieren von Aquarellen fü 
schiedene Auftraggeber. 
Die Tradition des englischen Aquarells, vi 
lem des sogenannten topographischen t 
rells, verdient noch eine kurze Betrachtung, 
das Aquarell und die Aquarelltechnik nehn 
Turners künstlerischem Werdegang eine S 
selfunktion ein, und zwar nicht nur in 
Maltechnik, sondern auch im ästhetischen 
seiner Bilder: der Einheit von Licht und 
und dem Begreifen der Farbe als kanstri. 
Bildelement. Das Aquarell nahm im Englar 
18. Jahrhunderts wohl einen größeren Pla 
als in irgendeinem anderen Land. „The 
graphical watercolour", das topograp 
Aquarell, war in gewisser Weise ein Bind
	        

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