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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 144)

Stanislav Urban 
Der letzte Edelstein- 
schneider aus der Familie 
Miseroni 
Zum Leben und Werk von 
Ferdinand Eusebio Miseroni 
Anmerkungen 1-5 
Die Arbeit über das Leben und Werk von Ferdinand 
Eusebio Miseroni stützt sicJl auf das entdeckte und bls letzt 
unbekannte Ardlivmaterial, das im Staatlichen Zentralarchlv 
in Prag (weitar nur SZA) aufbewahrt ist, w, allem aus dem 
Fand der Alten Manipulation (weiterhin: AM), der Neuen 
Manipulation weiterhinl NM) und der Böhmischen Hof- 
kammer (BHK I . 
' Die Übertragung des Edelsteinschneidegehalts in der Höhe 
von 15 Gulden monatlich auf Ferdinand Eusebio wurde 
vom Kaiser am 29. Juni 1653 bewilligt, aber erst ab dem 
ersten Quartal des Jahres 1657 realisiert (SZA, NM 
M 14-4). 
'Dl:ls Datum des Todes van Dianysio Miseroni schwankte 
bisher in der Fachliteratur. Nach übereinstimmender Aus- 
sage der Quellen (z. B. der Berichte des Hauptmanns der 
Prager Burg über die Versiegelung der Hinterlassenschaft] 
ist er am 29. Juni 1661 gestorben. 
"Die Edelsteine stammten aus des Kaisers Eigentum und 
aus der Hinterlassenschaft des Erzherzogs Leopold Wil- 
helm. Frantisek Mares, Beiträ e zur Kenntnis der Kunst- 
bestrebun en des Erzherzog: ieapold Wilhelm, Jahrbudl 
gerasäunst istorischen Sammlungen. .., Wien 1887, V., 
' SZA, NM M 19-2. 
'„Ver1eichnus derierligen Trinkgesdtür, so Euer kais. und 
kgl. Mr alleruntertäni ahorsambist überliefert habe." 
SZA, BHK l, 1670; SM  51-7. 
Ottavio war der erste aus der Mailänder Fa- 
milie Miseroni, der sich - ähnlich wie seine Ver- 
wandten in Spanien - im Jahre 1586 dauernd in 
Prag niederließ. Es folgten ihm seine Brüder 
Alessandro, Aurelio und Giovanni Ambrogio. 
Am Hofe Rudolfs, in den kaiserlichen Hofwerk- 
stätten auf der Burg, beim Aufbau des kunst- 
handwerklichen Areals in der Kaisermühle in 
Prag-Bubenec, bei der Organisierung der mine- 
ralogischen Erkundung - überall dort finden wir 
Ottavio Miseroni zusammen mit dem Goldschmied 
Mates Krätsch aus dem preußischen Königsberg. 
Zusammen mit ihm dann eine ganze Gruppe 
namhafter, oftmals eng spezialisierter Edelstein- 
schneider - David und Jobst de Brusse, Cosimo 
und Giovanni Castrucci, Wilhelm Celschleger, 
Johann Christoph Dorsch, Valentin Drausch, Chri- 
stoph Engelhart, Peter Hübl, Caspar Lehmann, 
Mates Krötsch, Johann und Christoph Schweiger 
und zehn andere in den drei Städten Prags. Sie 
alle waren bevorzugte Künstler während der 
letzten zwei Jahrzehnte des Lebens Rudolfs ll. 
Sie bezogen dafür Gehälter, bekamen Geschen- 
ke, erhielten Adelstitel, oftmals arbeiteten sie auf 
Barg. Sie überlebten den Tod ihres Mäzens, die 
Herrschaft seines Nachfolgers und überstanden 
die verwüstenden Jahre des Dreißigjährigen 
Krieges. Wahrscheinlich hat sich kein anderes 
Kunstfach so wie die Edelsteinschneidekunst wöh- 
rend der Regierungszeit des Kaisers Rudolf I1. in 
Böhmen auf die Dauer und für immer einge- 
wöhnt, in einem Lande, welches dank sei- 
ner Naturreichtümer zwar alles bot, aber mit 
seinem Schicksal vor einem langen Verbleiben 
warnte. Die Familie Miseroni ist dessen ein Bei- 
spiel. Nach dem Westfälischen Frieden, zu Be- 
ginn der fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts, 
erlebte in Ottavios Sohn, Dionysia, die Stein- 
schneidearbeit eine nie dagewesene Interessen- 
explosion, sie erfüllte ihre Mission. 
Deshalb ist in der Mitte des prunkvollen Grup- 
penbildnisses von Karel Skreta aus dem Jahre 
1753 dieser der hochgeborene, geehrte Mensch, 
der sich seiner Stellung, Amtsmacht, seines Ge- 
nius bewußt ist: Dionysia Miseroni ist Schatz- 
meister, Bauinspektor der Prager Burg, des Tier- 
gartens, der Kaisermühle und des Lustschlosses 
Stern, er ist Kämmerer und des Kaisers Edel- 
steinschneider. Er verkörperte in sich vieles vom 
Renaissance-Universalismus, mit seinem Fleiß 
überragte er alle, die iemals in den Diensten 
des Kaisers gestanden haben. Schon volle 
30 Jahre arbeitet er für die österreichischen Herr- 
scher. Gerade hat er aus einem riesigen schwei- 
zerischen Kristallblock seine „Pyramide" been- 
det, sein größtes Werk, das ihn kurz darauf in- 
ternational berühmt gemacht hat. Ein krank- 
haft bleicher Junge, im roten Mantel, mit aus- 
drucksvollen eingefallenen Lippen und traurigen, 
fieberhaft großen Augen, berührt mit beiden 
Händen eben dieses Meisterwerk: Es ist Ferdi- 
nand Eusebio Miseroni, der zweitgeborene Sohn 
Dionysios aus der ersten Ehe, der einzige und 
letzte Nachfolger dieses Geschlechts der Edel- 
steinschneidekünstler. lm Jahre 1653 wird diese 
Szene von Karel Skreta absichtlich gewählt: Das 
Werk von Dionysia, seine kulturell-gesellschaft- 
liche Stellung erreichen im Prag des 17. Jahrhun- 
derts ihren Gipfelpunkt. Er wird nicht übertrof- 
fen werden. Der iunge Ferdinand Eusebio über- 
nimmt symbolisch das Familienschicksal, mit einer 
Handbewegung deutet er an, daß er mitbeteiligt 
war, daß ihm die Schneidemeisterkunst, die von 
seinem Vater an die eigene Grenze der hand- 
werksmößigen Möglichkeiten gebracht wurde, 
nicht fremd ist. In den Augen der Zeitgenossen 
wird er iedoch im Schatten seines Vaters leben, 
nach Jahrhunderten wird er vergessen sein. 
Treu der Familientradition, führt Dionysio indes- 
 
sen seinen Sohn in die breitere Öffentlichkeit 
ein. Ähnlich wie einstmals sein Vater, wendet er 
sich an den Kaiser mit der Bitte, daß sein 
Schneidegehalt „ad dies vitae" auf den Sohn 
überführt werdek Dianysio baut zielbewußt sei- 
nem Nachfolger eine Position, nichts überläßt er 
dem Zufall, er kennt die Mißgunst der Beamten 
der böhmischen Hofkammer. Außerdem ist er 
nicht gesund, die Kur in Karlsbad hilft nicht. Am 
29. Juni 1661 stirbt er vorzeitig unter schweren 
Schmerzenf. 
Sein Sohn Ferdinand Eusebio hat in den ersten 
schweren Wochen nach dem Tode des Vaters 
viel Geschicklichkeit bei der Verteidigung des 
Familieneigentums und der -stellung kundgetan. 
Noch während der Trauerzeremonie ersuchte er 
eiligst um des Kaisers Zustimmung zur Ernennung 
zum Schatzmeister. Mit dem Entschluß des Herr- 
schers vom 12. August 1661 wurde dem Ferdi- 
nand Eusebio entsprochen, aber die übrigen 
Funktionen des Vaters erreichte er schon nicht 
mehr. Inmitten des harten Existenzkampfes wird 
bislang überdie Edelsleinschneidearbeitgeschwie- 
gen. Vor allem war es notwendig, die vom Vater 
hinterlassenen und in Arbeit genommenen Kri- 
stall-, Achat- und Jaspisobiekte fertigzustellenf. 
Erst im Jahre 1664 tauchen die ersten Anzeichen 
darüber auf, daß er in Regensburg dem Kaiser 
„wertvolle Steine und die an ihnen vollendete 
Arbeit übergeben hat". Es waren vielleicht die 
ersten Obiekte aus orientalischen Steinen, an 
welchen sein Prager Atelier bis zum Jahre 1668 
arbeitete. ln der ältest bekannten Spezifikation 
von Kunstwerken, die er einerseits an die Wiener 
Schatzkammer geliefert und den Rest ander- 
seits direkt zu Handen des Herrschers überreicht 
hat, wird über elf Posten im Betrage von 1945 
Reichstalern gesprochen. 
„Erstlichen ein Trinckgeschür von 
Maria Mondt in Form einer 
Gieskann 
Item ein Geschür von lsada 
Item ein Geschür von orienta- 
lischen Jaspis in Form eines 
Becherls mit dem Dekl 
Item ein Geschür von orienta- 
lischen Jaspis ohne Dekl 
Item ein dergleichen von orienta- 
lischen Jaspis mit dem Dekl 
Item ein Schüssel mit dem Dekl 
von orientalischen Jaspis 
Item ein Geschür von gelben 
Zrintzenstein mit dem Dekl 
Item ein Geschür von rotem böh- 
mischen Jaspis sambt den Dekl 
Item ein Geschür von böhmi- 
schen Diamant 
Item ein langliches Glasel von 
Christall 
Item ein Geschür von orienta- 
lischen Agat sambt den Dekl in 
Gold gefast 100 Reichstalers 
Zusammen mit anderen bis ietzt bekannten Stük- 
ken sollte also der Kaiser seinem Edelstein- 
schneider im erwähnten Jahre 1668 an Schneide- 
lahn und anderen Auslagen 2250 Gulden be- 
zahlen. Wien und Prag wehren sich gegen diese 
Auszahlung, es ist viel Geld. Für Ferdinand 
Eusebio ist es die erste schlechte Erfahrung mit 
dem Herrscher und seinen Ämtern. Die Sorgen, 
„damit ich meine Creditoren befriedigen, auch 
mir und denen Meinigen in etwas helfen 
möge...", werden ihn schon das ganze Leben 
hindurch begleiten. 
Sofort danach bearbeitet oder vermittelt er eine 
reiche Bestellung von böhmischen Granaten für 
die kaiserlichen Goldschmiede in Augsburg. An 
die 10.000 bis 11.000 Stück Granaten schickt er 
mittels der böhmischen Kammer ins Ausland, 
400 Reichstaler 
250 Reichstaler 
140 Reichstaler 
175 Reichstaler 
150 Reichstaler 
200 Reichstaler 
180 Reichstaler 
200 Reichstaler 
80 Reichstaler 
70 Reichstaler
	        

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