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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 144)

Van den großen malerischen Ausstattungen, die 
die rege Bautätigkeit in Salzburg unter dem Erz- 
bischof Konrad l. (1106-1147) zur Folge hatte, ist 
bis auf die Kunde von ihrem Bestehen - vor 
allem von den herrlichen Wandmalereien im 
Dorn - nichts auf uns gekommen. Die einzigen 
noch erhaltenen Zeugen dieser Monumental- 
malerei sind die Freskenreste aus der Kloster- 
kirche van Nonnberg, die aber wohl schon in 
der Regierungszeit des auf Konrad I. folgenden 
Erzbischofs Eberhard l. (1147-1164) entstanden 
sein mußten, wie stilkritische Beobachtungen er- 
geben'. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts war 
der Westchor der Nonnberger Klosterkirche mit 
einem Freskenzyklus ausgestattet worden, von 
dessen Gesamtprogramm nur mehr die spär- 
lichen Reste an der Sockelzone übriggebtieben 
sind. Durch den Neubau der Kirche in den Jah- 
ren 1463-1507, bedingt durch den Brand von 
1423, waren sowohl die Zerstörung als auch die 
Erhaltung einzelner Teile der Wandmalereien das 
Ergebnis. Stützmauern, die für den über dem 
' Hallenraum eingezogenen Nannenchor notwen- 
dig waren, vernichteten oder verborgen die Fres- 
ken, so daß die Südwand heute keinerlei Kunde 
mehr geben kann von dem seinerzeitigen Pro- 
gramm, ebensawenig die große Wandfläche an 
der Westseite über dem eingezogenen gotischen 
Gewölbe und uns nur mehr die Ausschmückung 
der Sockelzone an der West- und Nordwand zu- 
gänglich ist. In 1,05 Meter Höhe über dem Boden 
befinden sich zwölf Nischen (sieben an der 
Westwand, fünf an der Nordwand) mit Heiligen- 
darstellungen; über ienen der Westwand kann 
man noch knapp unter dem Gewölbe Reste eines 
Thrones sowie die Füße von links und rechts auf 
diesen zuschreitenden Figuren erkennen. 
Eine Untersuchung des Raumes (die Fresken sind 
seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt) im 
J'ahre 1895 durch P. Pirmin Campani hatte die 
teilweise Freilegung von halbvermauerten Ni- 
schen, der Nische des hl. Benedikt wie auch der 
Figuren- und Gewandsaumreste, darüber erge- 
ben. Eine Restaurierung hatte 1955 weitere Reste 
der Wandmalereien wiedergewinnen können. 
Jede der 25 Zentimeter tiefen (H 1,40 m, B 1,00 m), 
halbrund geschlossenen Nischen trägt an der 
Rückwand die überlebensgroße Halbfigur eines 
Heiligent. Die senkrecht in die Mauer geschnit- 
tene Laibung der Nische ist mit einem durch- 
gehenden Mäanderband verziert, die Verbin- 
dung zwischen den Nischen bilden gemalte Ar- 
chitekturteile, Dappeltürme, über den Nischen 
läuft ein breiter gemalter Zahnschnitt. Die Ni- 
schengröße unterwirft sich einer gewissen auf 
die Architektur, d. h. auf die Längsachse der Kir- 
che, ausgerichteten Rangordnung: die Mittel- 
nische der Westwand ist deshalb breiter als alle 
übrigen. In diese vorrangstellige Nische ist der 
hl. Benedikt eingepaßt, der als einziger Heiliger 
der Reihe eindeutig zu bezeichnen ist. Seine do- 
minierende Stellung erklärt sich aus dem inneren 
Zusammenhang, der sich aus der Anbringung 
dieser Wandmalereien in einem Nonnenkloster 
der Benediktinerinnen ergibt. Der hl. Benedikt 
steht in strenger Vorderansicht - wie alle übrigen 
Heiligen auch - mit einem aufgeschlagenen Buch 
in Händen, auf dessen dem Beschauer zugekehr- 
ten Seiten die fragmentarisch erhaltenen An- 
fangswerte der Benediktinerregel noch lesbar 
sind. Bei der Bezeichnung der übrigen Heiligen 
liegen bloße Vermutungen zugrunde, denn es 
läßt sich aus der nur sporadisch erhaltenen Hei- 
ligenfolge auch kein Auswahlprinzip mehr er- 
kennen. Bei den in der Literatur z. T. unterschied- 
lich bezeichneten Heiligen' besteht Übereinstim- 
mung bei den Figuren des oben bereits erwähn- 
ten hl. Benedikt _(Nische 4), dem hl. Augustinus 
(Nische 2), dem hl. Rupert (Nische 5), dem hl. Gre- 
2 
 
2 Ansicht des Benediktinerinnenklosters Nannberg 
über der Altstadt von Salzburg 
Zitierte Literatur: 
Paul Buberl: Die romanischen Wandmalereien im Kloster 
Nonnberg in Salzburg, 10:1 Kunstgesdri. 1b. d. k. k. Zen- 
tralkomm. t. Kunst und hist. Denkmale, 1909, auch als 
Sanderdrud: der k. k. Zentralkomm. erschienen, Wien 1910. 
Otta Demus und Max Hirmer: Romanische Wandmalerei, 
München 1968. Christiane Mictina; Maria als Thron Sala- 
manis, Diss. Wien 1950. Karl Maria Swaboda: Geome- 
trische Varzeictinungen romanischer Wandgemälde, In: Alte 
und neue Kunst - Wr. kunstwiss. Blätter, ll. Jg., 1953, 
Hett 3. 
Anmerkungen 1-9 
lßuberl datiert sie u. a. auf Grund einer nichtbewiesenen 
Behauptung Esterls („Chronik von Nonnberg", S. 24), daß 
nämlich 140 Altarweihen stattgefunden haben, denen 
eine Erneuerung des malerischen Sdtmuckes der Kirche 
vorausgegangen sein mußte, wobei die westliche Vor- 
halle zuletzt ausgestattet worden sei, und neben stilkri- 
tischen Vergleichen mit der var- und gleichzeitigen audi- 
malerei Salzburgs, auch mit Hilfe des zeitlich einschränk- 
baren Aufkommens von Mitren- und Palliumsfarmen der 
Nonnberger Heiligenfiguren - und kommt damit zu einem 
Zeitpunkt von ca. 1145, um die Mitte des 12. Jahrhunderts. 
Demus stützt sidi bei der Dotierung neben der Stilkritik 
auf eine Altarweihe van 1151 und setzt damit die Wand- 
malereien ebenfalls an die Mitte des 12. Jahrhunderts, 
um 115011160. 
isaweit die Nischen nicht durch Stützmauarn halb ver- 
deckt sind bzw. durch Beschädigung nun gänzlich leer 
sind..Die Nischen 7, B und 10 sind halb von den Stütz- 
mauerri der Empore ausgefüllt; die Nische 3 ist leer. ich 
übernehme die Numerierung von K. M. Swoboda, der 
van Süden nach Norden, von links noch redits durch- 
numeriert. P. Buberl folgt der Zählung nach den var- 
handenen Darstellungen. 
'Buberl, Demus und Swoboda. Gustav Heider bezeichnet 
den hl. Rupert (Nische 5) als hl. Wolfgang. 
tObwahl die Vermutung, in Nische 10 eine weibliche 
Heilige zu sehen, nicht ahne einen gewissen verführe- 
rischen Reiz ist - denn damit wären auch die Mittel- 
nischen der Seitenwände vor den übrigen ausgezeichnet 
durch die Darstellung einer weiblichen Figur, die in 
einem besonderen Zusammenhang mit dem Nannenklo- 
ster Nonnberg stehen könnte -, so muB doch festgestellt 
werden, daß dieser Höhenflug der Phantasie eine Über- 
interpretation zur Folge hätte, die allein durch das im 
speziellen kärglidie bzw. gar nicht vorhandene Beweis- 
material gestoppt wird. 
5 Buberl, a. a. O.: 17 ff. 
fswaboda, a. a. O.. S. 84 ff. - Swaboda widerlegt die 
These Buberls von den geometrisch konstant durchgehal- 
tenen Verhältnissen bei Entfernun en zwischen Augen- 
sternen, von Nasenlängen, Gesi tslängen und Kopf- 
breiten aui:li durdi Nachmessungen. 
Demus: a. a. 0.: S. 39. 
Swoboda: a. a. O.: S. 94. Fresken in der dem hl. Mari- 
nus geweihten Mittelkapelle im Chßrumgnng Vßft si. 
Savin, um 1100. 
'Auch ikonographisdi und technisch besteht 
Berze-la-Ville und Namiberg eine Parallele, denn Thema 
und Anisririgungsen sind hier wie dort eine Reihe von 
Heiliqenbrustbildern bzw. He genhalbfiguren in stren- 
ger Frontolität, in hochrechtedrigen Rahmenfeldern bzw. 
rundbagigen Nischen, ieweils in der Sockelzane einer 
Apsis angebracht, als Basis eines größeren dominieren- 
den Freskas. Swoboda: a. a. 0.: S. 98l99. 
zwischen 
gor [Nische o), dem hl. wairgang (NISChe 
dem hl. Florian (Nische 11). Bei den NlS( 
und 12 handle es sich um Stephanus und Li 
tius, bei Nische 9 um den hl. Oswald t 
Demus sich hier für den hl. Pantaleon en 
det), und in die fast völlig zerstörte Nisi 
hat die frühere Literatur (Heider, Buben 
ÖKT, die sich noch Buberl richtet) eine we 
Heilige bzw. die hl. Agnes hineinvermute 
spricht Demus sich deutlich für einen wi 
männlichen Heiligen aus)t. 
Es sind zwei wesentliche Punkte, die die 
berger Wandmalereien so überaus intei 
für die Forschung erscheinen lassen; ihr 
tungszustand und die Tatsache, daß es Sl( 
um den Restbestand eines großen Aussta 
progrdmms handelt. Alle weiteren Frager 
mutungen und Theorien ergeben sich darai 
Ersteres bezieht sich darauf, daß die Wani 
reien durch die Zeitläufte, natürliche Witte 
erscheinungen und technische Eingriffe ve 
dentliche Erhaltungszustände der Oberf 
zur Folge hatten. S0 sehen wir heute l: 
obersten Lasur erhaltene Stellen, unterschii 
Stadien der Abreibung - abgesehen vo 
mutwillig herausgeschlagenen Fehlstellen 
hinunter zum Beginn der Malereien, bis I 
Varzeichnungen. So bedauerlich der Verlu 
schiedener Malschichten bei den einzelne 
ligendarstellungen sein muß, so sehr kam 
rode dieser Umstand der Beurteilung der 
berger Wandmalereien zugute wie auch a 
romanischer Fresken, auf die daraus gev 
nes Wissen übertragen und angewendet v 
kann. Den Vorzeichnungen sind närnlict 
geometrische Konstruktionen vorangegang 
ren Linien und Ritzungen bzw. Zirkeleii 
punkte und Kreisbögen noch sichtbar sinr 
Buberl hat in seinem grundlegenden A 
über die romanischen Wandmalereien 
bergs diese Konstruktionslinien zum Auf 
einer Theorie der Proportionsverhöltnis: 
nutzt, die K. M. Swoboda aber als „Fehls; 
tian" sieht, „da diese Konstruktionslinie 
keine nach Maßzahlen gleiche Form ai 
ten". Diese geometrischen Hilfskonstruli 
richten sich mit ihren Linien und Kreiser 
den objektiven Proportionen, die nach Pai 
der Künstler der Natur entnimmt - wie si 
in der romanischen und byzantinischen h 
berücksichtigt worden sind -, und nicht na 
fakturalen, vom Künstler im Werk beabs 
ten Proportionen, wie sie noch Buberl 15 
beabsichtigten gesetzmäßigen Schematism 
stand, in den die Nonnberger Figuren 1 
letzten Konsequenz hineingezwängt v 
seien. Nach Demus sind diese Linien nc 
Gerüst, das die Zeichnung durch Anhalts 
für die Houptlinien stützen sollte", „ein Gi 
aber ein nicht streng zu befolgendes Sch 
Die darüber aufgetragene Vorzeichnun 
nutzte in lockerer Form dieses „Gerippi 
mehr zur Orientierung, nicht aber als unl: 
verbindliche Konturangabe für farbig au 
lende Flächen. 
Bei den Nonnberger Wandmalereien si 
uns sichtbar geblieben - am besten an de 
des hl. Florian - die durchgezogene Lotli 
Symmetrieachse für Bogennische und Fig 
dacht, von der Mitte der Nischenbasis b 
höchsten Punkt des oben abschließenden 
kreisbagens führend, und die Harizonto 
dem gezogenen Durchmesser des Nischenl 
entspricht. Weiters sind Zirkelpunkte erke 
von welchen aus die Kreise für Schädell- 
Nimbus oder auch der Halbkreis am ö 
Nischenbogen gezogen wurden. Ergänze 
dacht werden muß eine Linie, die vom ol 
Punkt der Latlinie zu den Eckpunkten d
	        

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