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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 146)

dieses wichtigsten hoch- und spätgotischen Baues 
Österreichs, dieser monumentalsten Lösung der 
süddeutschösterreichischen Staffelkapellen". 
Aber eben St. Stephan, insbesondere seine mit- 
telalterliche Phase, zeigt geradezu paradigma- 
tisch die bedingungslose Eingefügtheit mensch- 
licher Existenz des Mittelalters in den kirchlich- 
religiösen Rahmen. Im Religiösen ruhte das Fun- 
dament menschlichen Daseins, im und am Reli- 
giösen hatte das Leben sich zu formulieren, das 
Profane wurde vom Kirchlichen nicht getrennt". 
Diese kirchliche Einheit, das wesentlichste Ele- 
ment der mittelalterlichen Weltanschauung, ver- 
mag auch den Reichtum der aus den verschie- 
densten Bereichen des Lebens sich hier treffenden 
Bezüge zu erklären, die sich an St. Stephan er- 
kennen lassen. Der zentrale Sakralbau Wiens, 
das sichtbarste Zeichen selbstverständlicher Reli- 
giosität, mußte Brennpunkt aller menschlichen 
Regungen werden. Hier erfuhr das fast an Hoch- 
mut grenzende Landesfürstentum in gleicher 
Weise Ausdruck und Form, wie das bescheiden, 
fast unscheinbar existierende Volkstümliche. Spä- 
testens mit Herzog Rudolf lV., der das von ihm 
in der Hofburg gestiftete, vom Possauer Bistum 
unabhängige Kollegiatkapitel nach St. Stephan 
verlegte und dem Propst den Fürstenrang ver- 
lieh", war iener Schritt getan, der die lokale 
Bedeutung der Kirche durch die in großem Maß- 
stab überregionale der „Domkirche"" ablöste. 
Die Bistumserrichtungsbulle „In supremae digni- 
tatis specula"" war dann nur mehr die kirchen- 
rechtliche Fixierung, eine Fixierung, die zu einem 
Zeitpunkt erfolgte, da das politische Programm, 
das die Habsburger an St. Stephan darstellten, 
bereits zum selbstverständlichen Moment der 
Reichspolitik geworden war, Wille und Möglich- 
keiten der Habsburger aber, den Kirchenbau wei- 
ter zu gestalten, schon erlahmt waren". 
Der plastische Schmuck von St. Stephan ist be- 
eindruckend. Programm und lkonologie seiner 
Heiligenfiguren jedoch durchaus im Rahmen der 
üblichen Heiligenverehrung, deren laufende Ver- 
änderungen iederzeit feststellbar sind". Die be- 
deutsamsten Plastiken sind aber nicht im Rahmen 
des eben Skizzierten zu finden. Sie umfassen 
zwei Gruppen, von denen zumindest die früher 
zu datierende nicht zum Thema der HeiIigenver- 
ehrung gezählt werden kann, es ist dies die um 
1360-1365 aufgestellte Gruppe der Fürstenfigu- 
ren von St. Stephan: Herzog Rudolf IV." mit sei- 
ner Gemahlin Katharina von Böhmen (Luxem- 
burg)", Kaiser Karl IV." mit seiner Gemahlin 
Blanche von Valois", Herzog Albrecht ll." mit 
seiner Gemahlin Johanna von Pfirt". Die Stel- 
lung dieser Plastiken im Rahmen der Wiener 
Kunst des Mittelalters darf als bekannt angenom- 
men werden", eine knappe Würdigung scheint 
ausreichend: Die außerordentliche Qualität der 
Fürstenfiguren hat wenig mitder bodenständigen 
Bauhütte von St. Stephan zu tun, die realisti- 
schen Elemente - man darf zumindest bei Rudolf 
lV. und Karl IV. von großer Parträtähnlichkeit 
sprechen - und das höfische Erscheinungsbild 
der Plastiken mit ihrer sensiblen Gesichts- und 
Gewandbildung stammen aus der Verbindung 
mit den Schöpfungen der Prager Parler-Werk- 
statt unter Karl IV. Die Wiener Bildhauer sind 
iedoch nicht von den Hauptwerken der Prager 
Dombouhütte der siebziger und achtziger Jahre 
ausgegangen, stilistisch weisen sie eine enge 
Verwandtschaft mit früheren Werken der Parler- 
Schule der Nürnberger Frauenkirche auf. Hieraus 
ergibt sich die Einordnung der Fürstenfiguren in 
den Gesamtbestand der Parler-Plastik. Die künst- 
lerische Erlesenheit der Plastiken, bedeutsame 
Beispiele gotischer Kunst im deutschen Sprach- 
raum, ist iedoch nur das Korrelat zum politischen 
Zweck ihrer Entstehung. Initiator der Fürsten- 
12 
 
12 
12 Meister der Heiligenmartyrien, Erbauung von 
Klosterneuburg, Wien, um 1495-1500, Tafelbild, 
52 x29,5; Österreichische Galerie, lnv. 4875; Ka- 
talog, Kot.-Nr. 295. 
13 Hugo von St. Victor, Tractatus de sacramentis I, 
Pergamenthandschrift, Klosterneuburg, 2. Hälfte 
12. Jahrhundert, fol. 83 r.; Stiftsbibliothek Klo- 
sterneuburg, cod. 311; Katalog, Kot.-Nr. 299. 
14 Beda Venerabilis, De natura rerum, und Higi- 
nus, De signis coelestibus, Pergamenthandschrift, 
Klosterneuburg, 2. Hälfte 12. Jahrhundert, fol. 
74r, Stiftsbibliothek Klosterneuburg, cod. 685; 
Katalog, Kot.-Nr. 300. 
Anmerkungen 52-71 (Anm, 34-51 s. S. 101 
5' R. K. Donin, Der Wiener Stephansdom und seine Go- 
schichte. 2. Aufl., Wien 1952. 
5' Kodex 5er. Nr. B9, Österreichische Nationalbibliothek. 
V Hans Tietze, Geschichte und Beschreibung des SL-Ste- 
gshzarfiis-Domes in Wien, Bd. XXIII. d. U. K. T., Wien 1931, 
55 Um 1170-1180, Holz, alte Fassung (Wien, Melker Hofka- 
pelle, Benediktinerstift Melk), Katalog, Kam-Nr, 265. 
S" Katalog, Kot-Nr. 246a-246k, 247a-247d. 
5' Katalog, Kot-Nr. 248l1-24Bl5d. 
5' Erstes Habsburger-Fenster, zweites Habsburger-Fenster, 
Anbetung der Heiligen Drei Könige, Steinigung des hl. 
Stephanus, Midlaelsfenster; drei religiösen Darstellungen 
stand der Stammbaum der fürstlichen Stifter der Glos- 
gemälde als weltliches Thema gegenüber. Künstlerischer 
Mittelpunkt sind die beiden Habsburger-Fenster. Das 
Michaelsfenster ist hinsichtlich des Figurenstlls und der 
Architekturbekränung das älteste Werk der Kapelle, 
während die „Steinigung des hl. Stephanus" bereits zum 
Weichen Stil überleitet. 
5' Die Reihe beginnt mit Rudolf I. als Stammvater, gefolgt 
von Albredvt I. und vier seiner Söhne. Im zweiten Fenster 
befinden sich zwei weitere Söhne Albrechts I. und die 
vier Söhne Albrechts ll., wobei die Scheiben mit Al- 
brecht III. und Leopold III. verlorengingen. Der Auftrag 
zu den Glasgemälden muß zu einem Zeitpunkt erfolgt 
sein, als die nächste Generation, die Söhne Leopolds lll. 
und Albrechts lll., noch nidit regierten. 
f" Historisches Museum der Stadt Wien, lnv.-Nr. 13.924. Ka- 
talog, Kot-Nr. 2st. 
" Er läßt sich seit 1394 an der Universität nachweisen und 
verblieb bis 14U5f06 als Leibarzt der Habsburger in der 
Residenzstodt. Zu den Ärzten im mittelalterlichen Wien 
vgl.; Harry Kühnel, Die materielle Kultur Wiens im Mit- 
telalter-, in: Katalog, 43 f. 
M Vgl. Katalog, Kat.-Nr. 259. 
"Sandstein (Historisches Museum der Stadt Wien, lnv.-Nr. 
6391, Katalog, Kot.-Nr. 233. 
4' Dombaumeister 1404-1429. 
A; Dombaumeister 1429-1439. 
M Vgl. Anm. 55. 
H Katalog, Kat.-Nr. 265-376. 
n Holz, polychromiert (Erzbischöfliches Dam- und Diözesan- 
rnuseum Wien, Leihgabe der Pfarre Hörersdorf), Katalog, 
KaL-Nr. 276. 
" Lindenhalz, Wien, um 1440 [Österreichische Galerie, lnv. 
4347i, Katalog, Kot -Nr. 270. 
"Heiliger Sigismund, Stüfue (Lindenholzl vom ehemaligen 
Hochaltar des Domes von Freising, Wien, gegen 1443 
(Württembergisches Landesmuseum Stuttgart, lnv.-Nr. 
13.355), Katalog, Kot-Nr. 271f1. Thranender heiliger 
Petrus als Papst, Lindenholz, Wien, um 1445 (Österrei- 
chische Galerie, lnv. 4916), Katalaa. Kot-Nr. 27117 
Bürgerfahne aus dem Jahre 1465, beidseitig bemalte 
Seide (Historisches Museum der Stadt Wien, lnv.-Nr. 
128.000}, Katalog, KaL-Nr. 394. 
" Katalog, Kot-Nr. 277-298. 
figuren war Rudolf lV.", ein selbstbewußt 
hochmütiger Herrscher, dessen Bedeutung, 
aber auch dessen sprunghafte Politik und 
Gefahren, schon die Geschichsschreibur 
österreichischen Spätmittelalters würdigte. 
ihn wurde die in den letzten Regierung: 
Friedrichs des Schönen deutlicher werdenr 
wurzelung der Habsburger in Österreich 
gelt. Rudolf IV. fühlte zeitlebens als Oster 
und Wiener und verlieh seiner Einstell 
pathetischen Worten und Aktionen Ausi 
Rudolfinisches Pathos war die Präsentati 
Standbilder des Herzogpaares an der pro 
testen Stelle der Kirche, an der Westfass- 
selbst ließ sich zudem mit einem der Vt 
1359 geforderten Vorrechte, mit der Zinkel 
darstellen. Ferner präsentierte er auch 
Aufstellung des Kaiserpaares am Südturr 
Vorstellung von Würde und Ansehen der 
burger, sie waren allen anderen Dynast 
mindest ebenbürtig. Es war daher nur zu 
richtig, wenn er auch seine Eltern, Albr 
und Johanna von Pfirt, in den Kreis der F 
figuren aufnahm. Zu verweisen wäre hier 
sandere, daß Albrecht II. mit seiner Eheschl 
mit Johanna, der Erbtochter des Grafen 
von Pfirt, diese elsässische Grafschaft dl 
ländischen Besitzungen der Habsburger al 
ßen konnte und damit erstmals recht deutl 
habsburgische Interesse an Burgund er 
ließ. Liegt die Bedeutung dieser Gruppe v 
stiken neben dem Künstlerischen vor a 
ihrem politisch-historischen Aussagewert, 
weist die zweite Gruppe neben ihrer au 
erregenden künstlerischen Qualität auf E 
auf die mittelalterliche Kultur Wiens, d 
lediglich angedeutet, nicht aber ausdi 
werden können. Diese Gruppe, im Grund 
Heiligen, wenngleich aus der Heiligenvel 
nicht wegzudenken, umfaßt die Plastiken r 
phonie vom Adlerturms", 1476 wurden c 
Statuen der Epiphanie über den vier Stre 
seiten der Eingangstore an der Stirnse 
Turmes aufgestellt, wo sie 1911 aufgru 
zutage getretenen Witterungsschäden du 
pien ersetzt wurden. Stilistisch sind die 
um 1430 zu datieren. Über die Zeitsponr 
Entstehung und ihrer Anbringung übe 
Adlertor fehlt das Quellenmaterial. Al 
sorgfältiger Restaurierungen 1975176" 
festgestellt, daß die Figuren mit Kreic 
überzogen, reichlich mit Ornamenten i 
und vollständig bemalt waren. Ein solc 
fund erhärtet die bereits früher in der Lit 
vertretene Meinung, daß die Figuren gl 
für diesen Aufstellungsart bestimmt warel 
Iicherweise sollte die Gruppe im Innenra 
Kirche Platz finden. Auch wenn sich sti 
Bezüge zu den Glasmalereien in Tomsw 
1430 und der Miniatur des vor der M 
knienden Herzogs Ernst" herstellen las: 
hebt sich die Frage, ob hier an Schöpfunr 
bodenständigen Tradition zu denken ist. [ 
besonders für den zweiten König, der ql 
die übrigen Figuren zu überragen scheint 
die Wahl des Materials, Savonnieres-Kc 
stein, Iäßt das Streben nach feinsten M 
rungen erkennen. Die ungewöhnliche kör 
Freiheit ist weder in der unmittelbar vo 
gangenen Stufe der lokalen Produktion 
reitet noch bildet der Stil Kaschauers eine 
Iiche Fortsetzung". Es wurde an den Einf 
telrheinischer Werke gedacht. Ob hier die 
fung eines Wiener Künstlers vorliegt, d: 
Iiche Anregungen verarbeitete, die viells 
Burgund reichen, ob an einen auslär 
Künstler zu denken ist oder die Skulptl. 
tuell importiert wurde, kann vorläufig n 
klärt werden.
	        

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