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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 146)

Georg Wacha 
Wallfahrerzeichen von 
Sankt Wolfgang 
ln einer Art Familienmuseum, dem „Praunschen 
Kabinett", verwahrte die Familie von Praun ver- 
schiedene Kleidungsstücke des Nürnberger Pa- 
triziers Stephan lll. Praun (1544-1591) von dessen 
Reisen und Wallfahrten. Ein Doppeltäschchen 
aus grauem Wildleder mit autgenähten raten 
Arabesken (orientalische Arbeit) gehörte wahr- 
scheinlich zur Ausstattung des Reisenden auf 
dem Weg nach Konstantinopel (1569), andere 
Stücke trug er 1571 auf seiner Pilgertahrt nach 
Santiago: Einen blauen Tuchmantel mit aus- 
knöptbaren Seitenteilen, einen gelben Tuchman- 
tel mit Seidenstickereien und dazugehöriger 
Kapuze, gefüttert mit grünem Samt, einen leder- 
nen Pilgermantel, mit Muscheln verziert, eine 
Ledertasche, Lederschuhe sowie Sandalen aus 
getlochtenem Hanf, endlich einen Pilgerhut aus 
schwarzem Filz, mit Muscheln verziert'. Der 
Jakobs-Pilger des späten Mittelalters ist zum 
bildlichen Topas für einen Pilger überhaupt, die 
Muschel als Abzeichen der Compostelatahrer ist 
Signum aller Pilger geworden. Pilgerdarstellun- 
ser Pilgerzeichen die Herstellung (mittels 
alten Form) erst wesentlich später ertalgt 
kann'. 
Eine Menge Pilgerzeichen und andere Plal 
hat man bei Baggerarbeiten unterhalb des 
neut in Paris aus der Seine zutage getördr 
die man sie geworfen hatte, als unter der F 
rung Franz I. die Wechslerbrücke abge 
wurde und die auf der Brücke stehenden 
kaufsstände geräumt werden mußten. Die kl 
„Signes de Pelerinage", die Pilgerabzeiche 
13. und 14. Jahrhunderts, bilden einen uns: 
baren, aber interessanten Bestand des l 
de Cluny in Paris, handelt es sich dabei do: 
die ersten greifbaren Massenartikel des ß 
altersä. Der Abguß erfolgte in Blei oder in 
Zinnlegierung, nur für besser situierte K 
gab es auch Silberstücke. ln Ram hatten sie 
Päpste das Monopol zur Herstellung der F 
Zeichen vorbehalten; seit etwa 1200 übert 
sie dieses Recht der Kirche St. Peter. Im 
1451 wird in Einsiedeln ein eigenes „Zeichen 
 
 
Anmerkungen 1-7 
'Aufgang der Neuzeit, Deutsche Kunst und Kultur von 
Dürers Tod bis zum Dreißigiährigen Krieg 1530-1650, Aus- 
stellung des Germanischen Natianalmuseums Nürnberg 
1953, Katalog S. 59, Nr. J 74-1 B1. 
2 (Lpejiika? der christlichen lkonagraphie 3, 1971, Sp. 439 tt. 
t ger . 
'Alltag und Fest im Mittelalter, Gotische Kunstwerke als 
Bilddakumente, Katalog der Usterreidiisdwen Galerie 
Wien, 1970, S. 87, Nr. 53. 
'Erwin Ortmann, Zinntiguren einst und ietzt, Zürich 1973, 
S. 16 tt. und Abb. 13. 
5 In Österreich befanden sich ausgewählte Beispiele in der 
Sammlung Figdor (Katalog „Die Sammlung Dr. Albert 
Figdor, Wien", 1. Teil, 1930, Nr. 211 fi, einiges ge- 
langte von dort nach Eisenstadt in die ammlung von 
Alexander (Sünder) Wolf und wurde in Band Z4 der 
Üsterreichischen Kunsttopographie (Eisenstadt und mm), 
1932, S. 143, beschrieben. 
tHanns-Ulridi Haedeke, Zinn, Zentren der Zinn ießkunst 
von der Antike bis zum Jugendstil, Leipzi 197 , S. 46. 
Max Bernhart, Medaillen und Plaketten, ibliathek für 
Kunst- und Antiauitätensammler, Band 1, 2. AutL, Berlin 
WQO, 5, 101, 
' Haedeke, S. 46 und Abb. 3. 
16 
gen ieglicher Art und Pilgerpatrone sehen ein- 
ander darin gleich (Koloman, Rochus, Sebald 
usw., selbstverständlich St. JakobF. Ein wichti- 
ges Attribut war der Pilgerhut, an dessen vorn 
oder seitlich umgeschlagener Krempe die Pilger- 
zeichen in Gitterguß mit Ösen festgenäht waren. 
Wahrscheinlich wiederholte man damit die reiche 
Agraffe als Schmuck vornehmer Leute, wie sie 
seit dem Spötmittelalter die Kopfbedeckungen 
der Männer schmückte. Die bildlichen Darstel- 
lungen konnten einen Hinweis auf das Pilgerziel 
oder die bereits absolvierte Wallfahrt beinhal- 
ten. Ein Gemälde des hl. Cantius vom Meister 
des Krainburger Altars (um 1500) in der Öster- 
reichischen Galerie zeigt auf dem Pilgerhut fol- 
gende Applikationen: gekreuzte Pilgerstöbe, ge- 
kreuzte Schlüssel (Rampilger), Veraikon (Jeru- 
salem, vielleicht Konstantinopelf. Das älteste 
Stüd: aus Mitteleuropa wurde in Magdeburg ge- 
tunden, es zeigt ein Silberplättchen mit der An- 
betung der Könige, als oberer Abschluß eine 
Architekturdarstellung, wobei rechts und links 
von einem Engelkopf im Mittelgebiet ie drei 
Fenster durchbrochen sind. Zwei Ösen an ieder 
Seite ermöglichen die Befestigung. Wenn auch 
die Dotierung aus stilistischen Gründen ins 12. 
Jahrhundert gerechtfertigt ist, so muß doch be- 
tont werden, daß bei der langen Tradition die- 
erwähnt, das die Herstellung und den Vs 
der Pilgerzeichen zu besorgen hattet. Am 
St. Michel in der Normandie verkaufte 
Pilgerzeichen mit dem Bildnis des heilige 
chael, aus dem nördlichen Frankreich sta 
solche mit dem heiligen Dionysius, aus 
solche mit dem heiligen Quirinus7. 
Wie steht es nun mit den größten Wollt: 
auf dem Gebiet des heutigen Österreich 
das späte Mittelalter waren der heilige Wal 
und seine Kultstätte am Abersee ein Anziel 
punkt von ungeheurer Zugkraft. Die große 
der Wolfgangskirchen und Kapellen, me 
den Wallfahrerwegen angelegt, gibt heute 
davon Kunde. Als Unikat ist ein spötmitte 
liches Wallfahrtszeichen des Heiligen anzui 
das Günther Probszt 1942 in der Medaillen: 
lung des Stiftes Göttweig auffand. Es wc 
Silber, 2,85 cm im Durchmesser, Vorder 
Rückseite zeigen die gleiche Darstellung: S 
TVS WOLFGANG in ganzer Figur sitzen 
Mitra, den Krummstab in der Rechten, dc 
chenmodell auf dem Schoß, das Beil i 
Linken. Durch die engen Beziehungen zw 
dem Kloster Mondsee (das die Wallfahrt 
Wolfgang betreute) und Salzburg ist wohl 
nehmen, daß die Herstellung dieses Pilg 
chens in Salzburg und nicht in dem weite
	        

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