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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 146)

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magen, DDEF Im irmanunseiemenr des onnuppens 
beim Betrachten gleichbleiben. Blickt man auf die 
„lkone" und folgt dem verweisenden Gestus der 
Finger, liest man im aufgeschlagenen Buch „Plate 
I" und wird überrascht den tellerartigen 
Nimbus entdecken. Aber er meint keinen Heiligen- 
schein, sondern ist ein vor den farbig 
durchgezeichneten Körper geblendeter Teller, auf 
dem in Grisaille der Kopf erscheint. Der Teller 
wirft seinen Schatten auf den Blattgrund, ist diesem 
räumlich nahe gedacht. Strobl zeichnet keinen 
Pantocrator, sondern sein Bild geht von der 
Wirklichkeit auch der Ikone ab und kommt zur 
Zeichnung eines „wirklichen" Tellers mit der 
Abbildung des Kopfes, Strobl ist nicht an 
Problemen interessiert. Sie ist ständig auf der 
Suche nach Dissonanzen, noch widersprüchlichen 
Konfrontationen und ästhetisiert sie - der Stille 
mancher Bilder ist nicht zu trauen. Anstelle 
ohnmächtigen Wehklagens setzt sie ihren Zynismus. 
Ihre manchmal unbequemen Themen und bösen 
Spielereien haben oft am schlechten Gewissen der 
Kritiker gerüttelt, die nicht „zurück auf die Bäume" 
wollten oder sich von „Nerzpfoten angeklagt 
fühlten". In der „lkane" scheint gedämpft ihre 
Doppelbegabung auf. 
Die 1949 in Schladming geborene Künstlerin hat 
T972 an der Hochschule für angewandte Kunst in 
Wien das Diplom für Graphik und nach nur zwei 
Jahren Studium am Royal College of Art in London 
1974 den Master of Arts in Keramik erworben. 
Gleich die erste Ausstellungsbeteiligung 
brachte ihr den 2. Preis des Forum Stadtpark Graz. 
Kunsthandwerk ist für Strobl Medium der Distanz. 
Wenn man mit Viktar Schklovski als eine 
wesentliche Eigenheit des modernen Künstlers „das 
Sanderbarrnachen der Dinge" ansieht, bezeichnet 
man d a s Anliegen dieser Künstlerin. Sie 
verfremdet scheinbar Bewußtes und macht Fremdes 
scheinbar bewußt. In ihren Zeichnungen setzt sie 
menschliche Kultur und Unkultur gegen Natur. 
So knabbert im stillen Winkel eine Maus ein 
paar Krumen, unberührt van der Epiphanie zweier 
schwebender Messer einer unbekannten, 
erloschenen Kultur, oder verirrt sich ein Steinbock 
im Gebirge aufgetürmter, abstrakt linearer 
Quader. In die graue Kälte historischer Distanz 
setzt sie buntes Leben. Ihre kühlen Witze einen 
Zeitlichkeit (und Vergänglichkeit) menschlichen Tuns 
mit dem dagegen anbrandenden Leben der 
Evolution, das durch den Menschen gefährdet ist. 
Wenn ein winziges Rhinozeros von einem 
riesenhaften Knochen derselben Spezies 
zerquetscht wird, konfrontiert sie wissenschaftliches 
Interesse mit dem Spiel. Verspricht die geschlossene 
Chicken-Box, an viktorianische Confiseriedosen 
erinnernd, ein Dessert, zeigt sie geöffnete 
Hühnerklauen. Ist der Appetit verdorben, tröstet die 
handwerkliche Perfektion über die enttäuschten 
Erwartungen hinweg. Strabl setzt ihre überragende 
Virtuosität gegen die Vorurteile des Betrachters ein, 
spielt mit den Materialempfindungen den Tastsinn 
gegen Augenreize aus: ob sie auf einem Teller 
neben einem bunt gemalten Tisch plastisch 
ausgeführte, glasierte (oder gefiederte) Fische ohne 
Farbigkeit setzt oder ob sie auf einem Foto mit 
einer sie umwindenden Riesenschlange posiert, die 
sich dann als Horn einer seltenen Tierart erweist, 
oder auch lediglich zwei halbe Teller aneinander- 
kettet. Die surrealistische Tendenz zur Verfremdung 
führt nie in ein Reich des Traumhaften, die 
analytische Begabung resultiert in einem 
klärenden Lernprozeß, Geheimnisvoll bleibt nur, daß 
auch nach dem Verstehen der Effekte sich keine 
Langeweile einstellt. Gerade weil sie sich den 
Luxus erlaubt, auf Gefälligkeiten zu verzichten, und 
dem Geschmack keine Konzessionen macht, 
tauchen inmitten ihres Gruselkabinetts von 
gerupften Hühnermenschen und gequälten 
Zwitterwesen meisterhafte Kabinettstücke auf, die 
originell und unauslotbar zugleich sind. 
Thomas Zaunschirm 
 

	        

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