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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 147)

vorbildlich gewesen sein, was im Zusammenhang 
mit dem langen Studienaufenthalt Franz Rauchs 
in England auch durchaus einsichtig wäre. 
Am Fuß des Jainzen bis zu dessen Abbruch 
zu lschl (Abb. 1, 2) schmiegen sich die Grund- 
stücke, die den Park der kaiserlichen Villa bilden. 
Die Villa selbst liegt knapp vor diesem Abbruch 
über dem Fluß. Man erreicht sie auf einer sanft 
ansteigenden Straße, die zuerst den Fluß über- 
quert, dann - die Wirtschaftsgebäude, hinter 
Bäumen versteckt, auf einer zweiten Brücke und 
durch einen mit Laubsägearbeiten im „Schweizer- 
stil" geschmückten Laubengang erreichbar, rechts 
liegenlassend - in einem weiten Bogen, von 
Bäumen begleitet, tangential auf die V i l la trifft 
(Abb. 3, 4). Es handelt sich um eine auf eine ca. 
30 cm hohe Sockelzone gesetzte, zweigeschossi- 
ge, ihrem Grundriß nach streng symmetrische E- 
förmige Anlage. Der Mittelbolken des E wird im 
Kern von der übernommenen Villa Eltz gebildet. 
(Dies war ein zweigeschossiger kubischer Bau mit 
Walmdach, der Mittelteil schwach risalitartig 
vorspringend, auf zwei seitlichen Pilastern und 
vier Säulen einen ins Dach einschneidenden 
kleinen Dreiecksgiebel tragend.) Das Gebäude 
scheint einerseits den aus dem Wald in eine 
weite muldige Wiese übergehenden Bergeshang 
vor dem Abbruch zum Fluß aufzufangen, 
andererseits sich selbst weit öffnend in die 
Natur hineinzugreifen; lediglich ein flaches, ge- 
schwungenes Brunnenbecken vor dem Hauptein- 
gang setzt nochmals einen architektonischen 
Akzent. 
Das Untergeschoß zeigt eine Andeutung von 
Rustica und ist von dem glatt verputzten Ober- 
geschoß durch ein breites schmuckloses Fries 
getrennt. 
Der Mittelbau könnte als traditionelle Portikus- 
villo mit Mittelrisalit bezeichnet werden, wobei 
der Portikus, welcher die ganze Gebäudehöhe 
einnimmt und um zwei Pilastertiefen vorspringt, 
im Untergeschoß durch vier einfache und zwei 
Doppelpilaster, die sich in das Obergeschoß 
in zwei Pilaster und vier auf hohen Sockeln 
stehende mit stuckierten Kompositkapitellen 
versehene Säulen fortsetzt, und einem Dreiecks- 
giebel mit stuckiertem Jagdrelief gebildet wird. 
Der Portikus ist verglast und öffnet sich im 
Obergeschoß auf einen einfach gearbeiteten 
Gußeisenbalkan. 
Gußeisenbalustraden, die von gußeisernen stab- 
förmig zusammengesetzten Trägern unterstützt 
werden, leiten in gleicher Flucht der Seitenteile 
des Mittelbaues, parallel zu den fünfachsigen 
Verbindungstrakten, zu den Seitentrakten. Diese 
tragen über ihrer ganzen Breite einen ebenfalls 
mit Jagdmotiven stuckierten Dreiecksgiebel, der 
in der Mitte von zwei etwas aus der Fassade 
vorspringenden Pfeilern und zwei Säulen einer 
partikusartigen verglasten Öffnung des Ober- 
geschosses auf einen gußeisernen Balkon unter- 
stützt wird. Die sich dem Fluß und dem Ort 
zuwendende Fassade ist im ganzen einfacher 
gestaltet. Der leicht risalitartig vorspringende 
fünfachsige Mitteltrakt öffnet sich im Unterge- 
schoß auf eine um zwei Stufen erhöhte Terrasse, 
im Obergeschoß auf einen einfachen Balkon. 
Vier Marmorpilaster tragen den schmucklosen 
Giebel. 
Die Innenräume sind schlicht, nobel, ohne den 
geringsten Schein von Repräsentation. Von 
einem Vestibül mit Mittelsäule gelangt man durch 
28 
Arbeits- und Schlafräume. 
Über einen gewundenen Weg, von malerisch 
gruppierten teilweise exotischen Bäumen be- 
gleitet, erreicht man das etwas erhöht im Wald 
liegende Cottage (Abb. 5, 6,7). Dieses entspricht 
mit seinem unregelmäßigen Grundriß und dem 
malerisch gruppierten Aufriß dem neuen engli- 
schen Stil und scheint auch weitgehend von 
englischen Musterbüchern" bestimmt, freilich mit 
sehr feinen Abweichungen in den noblen, geist- 
reichen Details. Der aus roten Marmorquadern 
(die wie Backsteine übereinandergesetzt sind) 
aufgerichtete Bau, der sich auf einem über acht 
Stufen zu erreichenden Podium teilweise zwei-, 
teilweise dreigeschossig erhebt, ist durch z. T. 
erkerartig vorspringende große, durch steinerne 
Fensterkreuze unterteilte Fenster gegliedert. Die 
unterschiedlich hohe Dachregion ist durch viele 
schlanke Kamine und in die Wand übergreifende 
Dachgauben belebt. Es gibt keine Hauptfassade. 
Drei Haupteingänge und ein Nebeneingang auf 
den vier Seiten führen ins Innere, wo noch eine 
gotische Holzbalkendecke mit prachtvollen ge- 
schnitzten Lustern, eine rote Stofftapete, gotische 
Holztüren, ein gotischer Kamin und ein beson- 
ders schön eingelegter Parkettboden im Haupt- 
soal die einst noble Ausstattung ahnen lassen". 
Vor einem der Eingänge liegt ein flaches ge- 
schwungenes Brunnenbecken, das ebenfalls - 
wie bei der Villa - von der Natur zur Archi- 
tektur überleiten soll. Vor allem aber ist es die 
auf dreieinhalb Seiten des Cattages umlaufende 
gedeckte Terrasse, die, obwohl aus einem so 
artifiziellem Material wie Gußeisen bestehend, 
durch ihre feine Ornamentik diesen Übergang 
zur Natur herstellt: eine aus Kielbögen und 
dazwischengesetzten Drei- und Vierpaßmotiven 
gebildete Balustrade, ein verknotetes Stabgitter- 
werk, das bis zur Höhe der Balustrade durch 
Ranken verstärkt wird, als Träger des einfachen 
Daches, das auf der Unterseite netzförmig ver- 
strebt ist und am Rand ein aus Kielbogen, die 
 
9 Gartenpavillon im Park der kaiserlichen Villa 
in lschl 
Anmerkun en 40-47 
"' Siehe 36, . 1213 ff. 
" Das Cottage befindet sich ab seines schlechten Erhol- 
tungszustandes in Restaurierung, in der Folge wird dort 
die Fotosamrrilung Frank untergebracht werden. 
4' R. Berndl, Dar Kaisergarten in Bad lschl, Bad lschl 
193D, S. 71. 
"V l. W. Hofmann, Das Irdische Paradies, Z. A. München 
1g74, S. 1lYl-103, S. 110, 5.134. 
" Briefe Kaiser Franz Josephs l. an seine Mutter 1535-1872, 
hsg. u. eingel. v. m. Franz Schnürer, München 1930. 
Nr. 193. 
" Siehe 44 Nr. 164. 
" Siehe 44 Nr. 254. 
" B. Rupprecht, Villa, Zur Gesdiichte eines Ideals, im 
Probleme der Kunstwissenschuft, 2. Bd., Berlin 1966. 
von Licht und Schatten und eine bes: 
Betonung des „Pittoresken" des ganzen 
plexes. 
Weiterschreitend auf Waldwegen, die 
neue Ausblicke gewähren, gelangt man a 
Pavillons vorbei zur Villa zurück (Abb. 
Bei dem einen, ein chinesisch anmutende: 
eckiges auf Holzträgern stehendes Zelt mit 
Umgang aus gußeisernem Stabwerk, kön 
sich um das Spiegellusthaus" handeln. Zvi 
den vier dem Wald zugewandten Seiten 
Spiegel eingefügt, so daß Künstlichkei 
Natur, ineinander übergehend, für der 
in der Mitte Ausruhenden ein echtes Par 
ma" erzeugten. 
Knapp oberhalb der Villa, von dieser ü 
den Felsen gehauene Stufen zu erreichen 
auf einer kleinen Plattform, von Bäume 
steckt, ein „türkischer" Pavillon, der, gai 
Gußeisen gebildet, Motive der arabischen 
rabiie aufnimmt, in seiner Dachregion ab 
einem Lambrequin im „Schweizerstil" um 
ist. 
lV. 
Die Rolle der Auftraggeber (d. h. Erzhe 
Sophie, Kaiser Franz Joseph, Kaiserin Elis 
bei der Anlage der kaiserlichen Villa lät 
schwer entscheiden. 
ln einem Brief vorn 30. August 1856 an 
Mutter" aus Laxenburg nimmt Franz Jasei 
die Gestaltung der Villa und das Wohl 
ihr bezug; „...lch bin sehr erfreut, daß f 
der inneren Einteilung meiner Villa zuf 
waren, ich glaube, wir werden sehr h: 
darin wohnen, und der Garten ist w 
scharmant . . ." 
lm übrigen ergeht sich Franz Joseph, wenl 
seinen Briefen über lschl spricht, in eine 
gemeinen Sehnsuchtstaumel nach seinem 
schen Paradies": am 6. September 185345: 
war ein harter und schwerer Sprung au 
irdischen Himmel in lschl in die hiesige pap 
Schreibtischexistenz mit ihren Sorgen 
Mühen..."; am 28. September 1868": „. 
schön muß es nach in lschl sein, währe 
hier dieses Jahr infolge der großen Trock 
ganz besonders häßlich ist und Schönbrun 
ich ohnehin nicht ausstehen kann, ietzt 
unleidlich ist..." 
Die Villa in lschl, die Franz Joseph bi 
Sommer 1914 regelmäßig besuchte, ist auc 
Bernhard Rupprecht" für die palladia 
Villa feststellt, „der Ort des Privaten schlecl 
Es gibt keinerlei Anzeichen der Repräser 
in diesem Haus. Keine Inschrift, kein W: 
keine Allusion weisen auf den Hausherr 
Sie ist ein abgeschlossener Ort, in derr 
„heimlich wohnen" kann, eine Insel des 
und Friedlichen, wohin man immer wiede 
fliehen kann, wohin man auch Freunde ein 
offizielle Besuche werden aber immer im 
empfangen -, eine Illusion des Paradiesi 
wie die Gartenanlage eine Illusion des l 
lichen ist, die Jagd, die nicht mehr der 
rungsbeschaffung, sondern dem Vergnügen 
eine lllusion des sich urwüchsig in der 
Betätigen ist. 
lJ Unsere Autorin: 
Dr. Monika Oberhammer 
Kunsthistorisches lnstitut der Universität S: 
5020 Salzburg, Zillnerstraße 6
	        

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