MAK

Full text: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 147)

I Aktuelles Kunstgeschehen I Österreich 
 
Wien 
Museum des 20. Jahrhunderts 
Georg Groß 
Eine sehr umfangreiche Schau, die einen guten 
Überblick von Graß' Entwicklung gibt. Schon in 
seinen frühen Zeichnungen, die noch stark vorn 
ornamentalen Jugendstil beeinflußt waren, trat 
ein kritisches Moment zu Tage (Zwei Männer, 1909). 
Auch bei den frühen Landschaftsstudien ist 
augenfällig, daß sich Groß den städtisdien 
Randzonen zuwendet. Um die Jahre 1913114 wird 
die Strichlage lockerer, es kommen immer mehr 
soziale, onklägerische Motive in seine Blätter. 
In den Jahren des ersten Weltkriegs entwickelt 
sich sein spezifischer Stil, iene Strichmännchen, 
die eventuell noch mit Farbe gehöht werden, 
mit denen er vall beißender Ironie, immer wieder, 
bis in die dreißiger Jahre die Mißstände der 
Gesellschaft geißelte. Einen Wandel, ia Umbruch 
zeigten die Arbeiten nach der Emigration. 
Sie sind sonderbar leer und kraftlos. Die unbedingte 
Spitze im Negativen sind die Collagen aus dem 
Jahre 1958, die in dem ausführlichen, guten 
Katalog (bzw. Begleitbuch) von U. M. Schneede mit 
den Dada-Bildern der zwanziger Jahre verglichen 
werden, aber gerade bei diesem Vergleich sehr 
ungünstig abschneiden. 
(2. 6-18. 7. 1976) - (Abb. 1) 
Secession 
Albin Egger-Lienz (1868-1926) 
Eine gemeinsam mit dem Tiroler Landesmuseum 
Ferdinondeum, Innsbruck, das auch die 
Zusammenstellung und den guten Katalog besorgte, 
veranstaltete Schau. Deutlich wird uns Eggers 
Herkommen von Leibl, seine Berührung mit dem 
Jugendstil, die ihn viel mehr als iene äußere 
Beeinflussung durch Defregger prägte, die 
Verbindung zu Hodler und Meunier und die Findung 
seiner großflächigen, tonigen Malerei bewußt. 
Immer größer wird das statische Moment in den 
Bildern. So daß wir bei den letzten, 1926 
entstandenen Werken von einer starren Ruhe 
sprechen können. Deutlich wird in der Ausstellung 
auch, wie sehr der Künstler in der Zeit des Dritten 
Reiches für den Blut-und-Boden-Kult mißbraucht 
wurde, denn gerade Eggers Kriegsbilder, etwa 
„Toter Soldat" um 1918, haben durchaus nichts 
das Heldentum Verherrlichendes. 
(25. 5.-15. 6. 1976) - (Abb. 2) 
Künstlerhaus 
Oskar Kokoschka 
Wieder ein großer Überblick - das gesamte 
druckgraphische Werk von 1906 bis 1976 - eines 
reichen Künstlerlebens, beginnend bei den 
Jugendstilwerken für die Wiener Werkstätte bis 
hin zu den Farblithagrophien nach Aquarellen. 
Druckgraphik sehr unterschiedlicher Originalität. 
Wieviel sind gerade die Letztgenannten noch 
Originale? Um wieviel mehr Handschrift des OK 
ist da in manchen Plakaten aus den Jahren 1908 
bis 1912! Interessant ist zu beobachten, daß der 
Künstler bei der Radierung immer einen viel 
härteren, gewalttätigeren Strich hat als auf dem 
Lithostein. Der Mensch ist fast durchwegs von 
seinem eigenen Bild geprägt. Die Landschaft nimmt 
einen großen Raum ein und ist besonders 
bei den Blättern aus Griechenland durch ihren 
sparsamen Duktus faszinierend. Ein guter, 
von Otto Breicho gestalteter Katalog wird allen 
Freunden des Meisters mit dem vollständigen 
Verzeichnis des druckgraphischen Werkes eine stets 
willkommene Arbeitshilfe sein. 
(7. 5.-7. 6. 1976) - (Abb. 3) 
Karl Reissberger 
Die unter dem Titel „Phantastische Landschaften" 
stehende Schau vereinigte 42 Monotypien im 
Französischen Saal. Es ist erstaunlich, mit welch 
sparsamen Mitteln Reissberger einerseits eine 
graphische Ordnung herstellt, die Waagrediten 
und Senkrechten in der Bildebene verspannt, 
andererseits aber auch eine sehr dirJite Atmosphäre 
landschaftlichen Raumes schafft. Diesesmal sind 
38 
die Blätter fast durchwegs gegenstandsbezogener, 
drücken eine starke Stimmung aus, und die 
gedämpften Farben assoziieren Jahreszeiten. 
(18. 5.-7. 6. 1976) - (Abb. 4) 
Georg Merkel 
Auch hier handelte es sich um ein Lebenswerk. 
Der Maler feierte seinen 95. Geburtstag. 
69 Gemälde, 63 Pastelle, 35 Zeichnungen und 
19 Monotypien füllten alle Räume des ersten Stackes. 
Eines fiel sofort auf: das Kontinuierliche. Über alle 
Jahre hin blieb sowohl in der Motivwahl als auch in 
der Farbigkeit eine einmal gefundene Entscheidung 
konstant. Sicher gibt es in manchen Bildern 
besonders in der Flächenteilung noch Anklänge an 
die Secession, doch ist der Einfluß der französischen 
Lichtmalerei ausschlaggebend. Die Verhaltenheit 
in der Farbe und schließlich auch in der Form ist 
eindeutig eine Ternperamentsache. Wurde sie zur 
selben Zeit bei Egger-Lienz zu stumpfen, harten 
Tönen, die Form zur edrigen Klotzigkeit, so bei 
Merkel zur sanften Harmonie mediterraner 
Humanitas. Ruhe und Gelassenheit strahlen diese 
Bilder aus. 
(2.-27. 6. 1976) - (Abb. 5) 
Galerie im Pferdestall 
Siegfried Anzinger 
Ein ganz iunger Künstler (23). Daß er etwas kann, 
beweisen seine flott hingestrichelten Zeichnungen. 
Er arbeitet mit vielerlei modernen Mitteln, 
bedient sich der Kinderzeichnung, setzt harte 
Signalfarben und ist doch immer interessant und 
bewegend. Auch seine aus allen Schemen 
ausbrechenden Passionszenen werden unserer 
Zeit gerecht. 
(4.-31. 5. 1976) - (Abb. 6) 
Galerie auf der Stubenbastei 
Walter Eckert 
Die 55 Arbeiten in Mischtechnik von dem Akademie- 
professor und weit über die Grenzen Österreichs 
bekannten Maler sind im Verhältnis zu sehr vielen 
Arbeiten iüngerer Kunsteleven erstaunlich billig. 
Eckert, dessen Entwicklung stark von Picasso 
beeinflußt ist, zeigte ausdrucksstarke, sich fast 
ausschließlich mit der menschlichen Figur 
auseinandersetzende Bilder. Die Verknappungen 
und zeichenhaften Formen haben einen magischen 
Ausdruck. Die Arbeiten im ersten Stock, die den 
letzten Jahren entstammten, sind, sehr zu ihrem 
Vorteil, in den Farben etwas kräftiger geworden, 
so daß die Magie der Figuren noch intensiver 
hervortritt. 
(1.-26. 6. 1976) - (Abb. 7] 
Galerie am Graben 
Ludwia Kyral 
Der Ornamentspengler Wilhelm Kyral gründete 1914 
eine Werkstätte für kunstgewerbliche Metall- 
arbeiten, die schon an Ornamenten für die Pariser 
Oper und den Louvre arbeitete. Sein Sohn Ludwig 
übernahm den Betrieb und arbeitete seit 1930 mit 
Josef Hoffmann zusammen. Es entstand in dieser 
Arbeitsgemeinschaft eine große Anzahl form- 
vollendeter Gefäße, die in dieser Ausstellung 
zu sehen waren. Die klaren und reinen Farmen und 
die exakten, makellosen Ausführungen ergänzen 
sich auf das Glücklichste. Auch Kyrals Sohn und 
dessen Schwester folgten dem künstlerischen Weg, 
und verschiedene neue Entwürfe zeugten von einem 
lebendigen Fortleben der großen Tradition. 
(26. 4.-5. 6. 1976) - (Abb. B) 
Galerie Spectrum 
Robert Zeppel-Sperl 
Die Ausstellung steht unter dem Titel „Mein Leben", 
und Zeppel-Sperls Leben ist von großen offenen 
Augen gekennzeichnet. Alle diese Menschen 
schauen uns aus einem oft in ornamentalen Linien 
erstarrten Hintergrund mit erstaunter Bezogenheit 
an. Ein Fragen wird dahinter sichtbar, nicht 
formuliert, nicht bestimmbar, nicht fordernd, einfach 
sammelnd. Auch Zeppel-Sperl sammelt; er sammelt 
eine pralle Welt, von seinen rundbusigen Weibchen 
bis zu den rundbauchigen Wolken, Büschen und 
Bäumen. Die Anzahl der Figuren ist etwas 
zurückgegangen, die Natur nimmt einen etwas 
größeren Raum als früher in seinen Bildern ein. 
(11. 5.-9. 6. 1976) - (Abb. 9) 
modern art galerie 
Marlis Nußbaumer 
Die Schweizer Textilkiinstlerin, von der schon 
verschiedene Webearbeiten in öffentlichen und 
privaten Gebäuden hängen, beschäftigt sich seit 
einem Aufenthalt in Norwegen 1971 mit dem 
Grundmaterial Seil. Sowohl die großen Wand- 
behänge als auch die frei aufgehängten oder 
aufgelegten Obiekte haben ein plastisches 
Eigenleben. Durch das Material, aber auch in der 
Form erinnern sie an afrikanische Fetische, 
strahlen auch, gleich ienen, eine zauberhafte 
Atmosphäre aus und weisen auf frühe Kultbezüge. 
Die handwerkliche Ausführung ist außerordentlich 
sauber und akkurat. Materialauswahl und 
Formgebung zeugen von sehr überlegter 
Arbeitsweise. 
(12-22. 5. 1976) - (Abb. 10) 
Z-Zweiastelle Kaiserebersdorf 
Oskar Zimmermann 
Der hauptsächlich grafisch arbeitende Künstler zeigt 
hier ausschließlich lnterieurs aus dem Weichbild 
der Stadt. Sein flinker und doch sicherer Stift 
hält mit unglaublicher Treffsicherheit Situationen 
fest, die für die Ausdehnung der Großstadt 
kennzeichnend sind. Noch stehen einzelne 
verschachtelte Häuser mit steilen Dächern und 
grafisch interessanter Linienführung, mit 
wackeligen Planken und Zäunen, doch schon 
erheben sich dahinter die hochragenden Blocks 
vielstäckiger Wohnsilos mit ihren geschlossenen, 
kompakten Farmen. Von sicherem Blick wird hier 
festgehalten, was für viele Stadtränder 
symptomatisch ist. 
(2. 5.-3. 6. 1976) - (Abb. 11) 
Amtshaus, Wien 4 
Aichenegqsche Schildereyen 
Hermine Aichenegg zeigte neben Entwürfen für und 
Fotos von durchgeführten Wandgestaltungen ein 
großes Spektrum verschiedener Arbeiten. Ein 
Weniger wäre unbedingt mehr gewesen! So gibt es 
interessante Bleistiftzeichnungen und etwas 
unbeachtet in der Ablage Siebdrucke, die viel mehr 
als die Gemälde an den Wänden sagen. 
Auch einige schöne Aquarelle, richtig placiert, 
wären sicher gut zur Wirkung gekommen. So fragen 
wir uns: lst da niemand, der die Malerin 
beraten hat? 
(15.-26. 5. 1976) - (Abb. 12) Alois Vogel 
Salzburg 
Museumspavillon 
Johannes Wanke 
ln der vom Kulturamt der Stadt Salzburg veran- 
stalteten Ausstellungsreihe im ehemaligen 
„Vogelhaus" des Mirabellgartens waren Holz- 
schnitte, vielmehr Holzrisse, des 53iährigen Wieners 
zu sehen, Landschaften und Veduten vor allem, 
aber auch Tierbilder. Expressiv wird die lnnenwelt 
aller dieser „Lebewesen" gespiegelt, Technik und 
Komposition sind bestechend. 
(Juni 1976) 
Galerie Welz 
Karl Stark 
Einige Ölbilder, zahlreiche Gouachen, ein paar 
Aquarelle und mehrere Federzeichnungen des 1971 
in der Oststeiermark geborenen und seit 1955 
hauptsächlich in Wien lebenden Malers machen 
eine stetige Aufwärtsentwicklung in dessen Schaffen 
deutlich. Gewiß malt er, als Erforscher der Psyche 
des Modells, „expressionistiscW; aber er ist 
ebensowenig „Expressionist" wie er etwa „Tachist" 
ist. Er ist einer der Seltenen, die kompromißlos 
und ohne Modetarheiten ihren Weg gehen. 
Da überdies seine Malkultur von besonderen 
Graden ist, war diese schöne Ausstellung 
eindrucksvoll wie selten eine. 
(JunilJuli 1976) - (Abb. 13)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.