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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 148 und 149)

ieuciiienueii duiiiie uuei uei-i IIUIILUIII. LICI uui- 
tige, mit einem braun-lila Gewand, einem ocker- 
nen Obergewand und einer bräunlichen Kapuze 
bekleidete Alte am Bildrand steht ausponderiert 
und blickt nach links. In seinen Händen hält er 
demonstrativ ein Blatt mit Symbolen, dazu in 
seiner Linken einen Zirkel. Der Mittlere trägt 
einen Turban, sein Bart ist kurz, das wechselnd 
blau-rote Gewand ist gegürtet, und die rechte 
Hand hängt mit dem Daumen am Gürtel, seine 
Leibmitte betonend. Sein Kopf ist nach rechts 
gerichtet, die Augen sind wie die des Alten 
leer, ohne genauen Bezugspunkt. Die beiden 
Stehenden sind aufeinander bezogen, der orien- 
talisch Gekleidete trägt den vom Alten ausge- 
henden Bewegungsimpuls weiter zur Bildmitte, 
ohne sich dieser zuzuwenden. Allerdings hat man 
zu Unrecht von einer psychischen Beziehung der 
beiden gesprochen und sogar behauptet, daß 
der Orientale den erschütterten Greis an der 
Schulter berühre". Der Jüngste sitzt auf der 
höchsten Felsstufe, die beiden Älteren im Rük- 
ken. Über dem golden verzierten weißen Ge- 
wand trägt er einen grünen Mantel, in seiner 
Linken hält er ein Richtscheit, in der Rechten 
einen Zirkel, ohne daß klar wird, ob er damit 
zeichnet; ein Blatt oder eine Unterlage ist nicht 
eindeutig zu sehen. Bei der Beschreibung der 
räumlichen Verhältnisse der drei Figuren sind 
wie bei anderen Bildern Giorgiones manchmal 
Unklarheiten zu erkennen, die, gemessen an 
toskanischer Klarheit, als Unsicherheiten gedeu- 
tet werden könnten. Man tut der hohen Quali- 
tät dieses Werkes keinen Abbruch, wenn man 
sich trägt, wo der Jüngling eigentlich sitzt oder 
wie sich der Körper des Orientalen über seinem 
linken Fuß weiterentwickelt, da die Faltengebung 
darauf keinen Bezug nimmt. Ob wir hier dem 
Hinweis folgen, Sebastiano del Pimba hätte das 
Bild, wie von Michiel überliefert, vollendet, oder 
nicht, wichtig ist, daß Giorgione ohne Vorzeich- 
nung alla prima gemalt hat, es ihm mehr auf 
die farbige Akzentuierung ankam und er weni- 
ger Wert auf perspektivische Konstruktion und 
Klarheit gelegt hat, was auch etwa bei der „Tem- 
pesta" beobachtet werden kann. 
Durch die vor zwei Jahrzehnten vorgenommene 
Restaurierung hat das Bild sehr gewonnen, vor 
allem hat man in der Höhle Efeu und Feige 
entdeckt, was zur neuen ikanographischen Ana- 
lyse Klauners geführt hat, die darin Heilssym- 
bole erblickt hat, welche den drei Weisen die 
Geburt Christi verkünden sollten. Gegen diese 
These spricht vor allem, daß der Höhle keine 
Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, dies ob- 
wohl sie im Bild den Philosophen nahezu gleich- 
berechtigt erscheint und sich das Gefüge der 
drei Figuren rhythmisch von rechts nach links 
orientiert. 
Zudem wird die Bildwelt von links oben be- 
leuchtet; dies gilt sowohl für den Vordergrund 
als auch für die Landschaft hinten, wie aus der 
Licht-Schatten-Verteilung an der Mühle und den 
Bäumen ersichtlich ist. Nicht die Sonne, sondern 
eine unbekannte Lichtquelle weist erhellend nach 
links oben. Der Jüngling blickt in diese Richtung, 
wovon Michiel schon gesprochen hat; allerdings 
schreibt er von „raggi solari". Man hat den 
Widerspruch zwischen den Sonnenstrahlen und 
der sichtbaren Sonne oft bemerkt und auf ver- 
schiedene Weise zu lösen versucht. Man hat dar- 
aus geschlossen, daß die Sonne am Horizont 
eine spätere Ergänzung sei". Gegen diese An- 
nahme spricht einerseits der malerische Befund", 
andererseits die notwendige Skepsis gegenüber 
trivialen Erklärungen von heute schwer verständ- 
lichen Tatbeständen. Deswegen haben sidi an- 
dere Forscher in ihren Erklärungen mit der dop- 
pelten Lichtquelle abgefunden. Manche" sehen 
8 
ueii iieiisiiuiiieiiueii JICIII, uei 
scheint, als Lichtquelle an, die Sonne am Hori- 
zont sei noch oder schon zu schwach als Licht- 
spender". Künstler" deutet das dem Betrach- 
ter als gespalten erscheinende Licht als ein und 
dasselbe. Der Stern strahle sein übernatürliches 
Licht von links aus, denn die Sonne könne nicht 
zugleich so tief und stark einstrahlen, und er 
sei noch einmal in der Bildmitte als dem Zen- 
trum der Bildbedeutung wiedergegeben. Diese 
elegante Deutung stellt wie die anderen deshalb 
nicht zufrieden, weil sie a priori die drei Philo- 
sophen als die Weisen aus dem Morgenland 
annimmt. Eine wichtige Unterstützung der These, 
es handle sich um die „Drei Weisen", glaubte 
man durch den 1932 veröffentlichten Röntgen- 
befund" erhalten zu haben. Dabei stellte sich 
heraus, daß der Alte eine Art strahlendes Dia- 
dem, der Jüngling eine Mütze aufhatte und der 
Mittlere eine dunkle Hautfarbe gehabt hätte. 
Wind hat gegen diese Annahme polemisiert und 
betont, daß man hier die Röntgen einfach falsch 
gelesen hätte". Dies ist wahrscheinlich richtig. 
Bei geringfügigen Änderungen, die hier nur die 
Tracht betreffen, ist zu schließen, daß es sich 
bei den „pentimenti" genannten Änderungen nur 
um Modifizierungen des Themas handeln kann; 
entweder um Präzisierungen oder um eine Ver- 
einheitlichung, die durch den Verzicht auf de- 
tailreiche Hinweise, wie das exotische Würde- 
Zeichen des Alten, erreicht wird. Anstelle eines 
anekdotischen Ablaufes tritt die stille Verhalten- 
heit einer weiter gespannten Zuständlichkeit. 
Wenn es sich nicht um ein ikonographisch-ge- 
spaltenes Licht handelt, wie es Künstler deutet, 
kann man es als Hinweis auffassen, daß das 
Licht nicht als natürliches verstanden werden 
soll. Man könnte dann dieses von den Dreien 
kontemplierte, „undefinierte Licht" als den Pro- 
tagonisten des Bildes ansehen". Welche Attri- 
bute kennzeichnen die drei Männer? Der Alte 
hält demonstrativ das Blatt mit Zahlen, Mond, 
Strahlenkranz oder Kompaßrose und einem 
Kreuz, ferner hält er einen Zirkel. Ohne Zweifel 
handelt es sich um astronomisch-astrologisch- 
kosmologische Symbolik, was zu den erwähn- 
ten Identifikationsversuchen mit Astrologen- 
Astronomen führte. Das Andreas-Kreuz hat Hart- 
loubss als Plan des himmlischen Tempels ver- 
standen, sonst ist darauf nicht eingegangen 
worden. Zwischen dem Alten und dem mit Zirkel 
und Richtscheit die Renaissance symbolisieren- 
den Jüngling steht der Orientale, der damit 
die arabische Mittlerralle, in welcher die Antike, 
das Wissen der „Alten" weitergetragen wurde, 
verkörpert. Der wichtigste Einwand gegen diese 
Zeitalter-Theorie, wie sie schon von Janitschek 
vorgebradwt worden ist, betrifft die Kleidung. 
Denn der Jüngling ist im griechischen Gewand 
und nicht in einer zeitgenössischen Tracht wie- 
dergegeben". Die Verschiedenartigkeit der Klei- 
dung stellt sich auch den zahllosen novellenhaf- 
ten und erzählerischen Deutungen entgegen. Es 
handelt sich um eine nicht an einen historischen 
Punkt gebundene Symbolik oder Allegorie. Das 
antik-griechische Gewand des Jünglings mag als 
retrospektive Allusion auf die Antike gelten, an 
welche damals angeknüpft worden war. Gegen 
die erzählerischen Varianten spricht auch die 
schon angedeutete Abgeschlossenheit der Figu- 
ren voneinander. Der Jüngling ist nur der Natur 
oder dem Licht zugewandt, der Mittlere ent- 
spridit seiner Funktion zwar durch seine Dre- 
hung und der Betonung der Leibmitte", aber 
er wendet sich durchaus nicht dem Alten zu. 
Die Verschlossenheit der beiden rechten Figuren 
ist einmal so charakterisiert worden, daß ihnen 
Hören wichtiger als Sehen scheine". Das mag 
den Gegensatz von „Weltanschauung" (des 
ueii weisen ei- 
c..-.,.....-, . ......-....... ....., „.... ...... . .........,....... 
Anmerkungen 46-73 
tf Auner, op. cit. S. 156. 
4' Wischnitzer-Bernstein, op. cit. 
Zutat bei einer Restaurierung. 
4' Klauner, op. cit. p, 167, hält die Sonne für einer 
„gröberen Effekt" einer vierten Phase, argumentiert abei 
ikonagraphisch; sie sei „an der Stelle, an der sie sitzt... 
völlig unverständlich". Baldass, L; Zu Giorgianes Dre 
Philosophen, Jahrbudi der kunsthis rischen Sammlunger 
in Wien, 1953, S. 126, Anm. 9, lt die „Farbmaterir 
dieses Sannenunterganges durchaus (für) die Giorgiones" 
mißdeutet aber die Bemerkung Midiiels über die „ragg 
solari", die Sonnenstrahlen, als die der untergehender 
Sonne. was aus der Blickrichtung des Jünglings nicht ver 
stündlich wäre. Wilde, J.; Venetian Art trom Bellini t: 
Titian, Oxford 1974, S. 94, glaubt, daß alle „attempts a 
dislinguishing fWD hands in the Vienna painting ltdve nO 
been successful", womit die Sonne auch für ihn kein: 
spätere Zutat ist. 
4' z. a. HOUHlCq, Op. cit. s. a2, Auner, 0D. cit. s. 155. 
f" Nur Haurticq, op. cit. S. 62, und Pignatti, op. cit. S. 66 
Sprechen van einem Sßttnertdtlfgürlg; das würde GUf eine 
geistige Lichtquelle deuten, da kein natürliches Licht VOI 
Norden einstrahlen kann. Diesen Sdiluß und seine Kanse 
quenzen zieht Pi natti allerdings nicht, Hourticq hält dii 
Lichtflecken am Felsen für den Widerschein des Sternes 
Charles de Tolnay („Tintorettas salotto dorata in ttie Dogi 
Polace", in: Festschrift für Maria Salmi, lll, Rom 1963 
S. 130 f.) deutet die Sonne als „sol navus", während voi 
links die durch die Erwartung des Heilands vereinten Ver 
treter der alten Religionen Judentum, Islam und heidnischi 
Philosophie (Abraham, Zarathustra und Pythagoras) be 
leuchtet werden. 
5' Künstler, op. cit. S. 112 f. 
ß Wilde, op. cit. 
5' Wind, op. cit. Anm. 26. Von Shapley, F. R.; A note ai 
„T118 Three Philosophers" by Giorgione, Art Quarterli 
XXll, 3, 1959, 5. 241 f., ist schon früher auf die Schwierig 
keiten der Räntgenbefund-Deutun hingewiesen worden 
„For example, one bare le of esta in ,The Feast o 
the Gods' of the National (gallery of Art appears whiti 
in the X-ray, the other block." 
5' Wie z. B. Turner, op. cit. S. 86. 
55 Hartlaub, op. cit. 1925, S. 43. 
5' Hartlaub, op. it. 1925, S_ 13. 
5' Winds These, op. cit. S. . 
against the knot of his . thereby signifying thi 
riodus et COPUlO mundi WlliClt keeps lIEOVBI 
and earth united in man", bleibt zweifelhaft. Wie au 
dem Röntgen ersichtlich, lag die Hand in der ersten Fas 
sung, in der das Thema sicherlich schon konzipiert war 
unterhalb des Gürtelknatens. 
5' Baldass (L. Baldass-G_ Heinz; Giorgione, Wien-Münchei 
1964, S. 29): „Der Blick aus den Augen der beiden ste 
henden Männer erscheint wie tot. Es spricht dies dafür 
daß ihnen im Augenblick hören und lauschen wichtiger is 
als schauen. Sie geben sich also ganz der Konzentration 
des Zuhörens hin, wenn wir auch nicht sagen können 
welche Töne die Aufmerksamkeit der Philosophen in An 
spruch nimmt." 
5' A. Keyserling-T. zdunsdiirni, Die „Drei Phiidsdptisn" VOI 
Giorgione, KRITERION 6, Wien 1969, S. 1 ff. 
"Jung, C. G.; Psychologie und Alchemie, 1944, Freiburg 
i. Br. 1972, s. 248, Dürllpltraslerll in seinen Andiysiii 
selbst diesen Satz: „Wir müssen aber doch noch etwa 
fragen: ,Drei sind's - wo ist der vierte geblieben?" 
"Schwabe, J.-, Hans Kaysers letzte Entdeckung: Die pytha 
goräische Tetraktys auf Raffaels Schule von Athen, Svmbo 
lOrl s, Basel-Stuttgart 1966, s. 92 tt. 
f? Jung, op. cit. S. 180. 
A" Jung, op. cit. S. 230. 
M Jung, Op. cit. s. 190. 
ß Jung. an, cit. S. 398. 
"t Jung, op. cit. S. 192. 
"i Hourticq, op. cit. S. 61, Venturi, op. cit. 1965, S. 14. 
H Justi, op. cit. s. 3a _ 
4' Über die Rolle des Lichtes als das von den Weisei 
kontemplierte Göttliche im Neuplatonismus s. Pochat, G. 
Giorgiones Tempesta, Fortuna and Neo-Platanism, Konst 
historisk Tidskrift XXXIX, Stockholm 197lJ, S. 2B. 
"' Read, J.; Prelude to Chemistry, an outline of Alchemy 
1936, M. l. T. Cambridge-London 1966, S. 247 f. 
" Es ist ferner darauf hinzuweisen, daD das Blatt de 
Alten das CHI nicht ausschließlich zeigt, sondern dami 
andere Linien verbunden sind. 
"ßdiirusdits, 1., Andmorplioses OU magie artificielle de 
effets merveilleux, Olivier Perrin 1969, S. 36 f., verweis 
auf einen Brief Dürers an Pirkheimer aus Venedig im Jahn 
1506, in welchem er auf die „Kunst in geheimer Perspek 
tive", die es ltl sdidgnd zu erlernen gebe, ein ehl, wa 
er als Hinweis auf die „Anamorphose" verste t. Giar 
gione konnte aber auch über Leonardo, der 1500 ii 
Venedig weilte und sich in seinem „Codex Atlanticus' 
mit Anamorphosen auseinandersetzt, von diesem Phäna 
men inspiriert worden sein. S. audi: Leeman-Elffers 
Schuyt, Anamorphasen, Köln 1975. 
" Dazu: Ladendorf, H.; Ein Felsgesictit bei Albrecht Dürer 
Aachener Kunstblätter Band 41, Düsseldorf 1971, Fest 
sdiritt wdirgdng Krönig, S. 22'? H. 
Erst nach Abschluß das Manuskripts erschien die Mono 
Qfdplll: von Günther Tsdtmelitsdi: „ZOVZO, genannt Gior 
gione", Wien 1975. In seiner intensiven Auseinandersel 
Zuhg mit den „3 Philosophen" (s. 213-240) sdiloß er siel 
im wesentlichen an G. F. Hartlaub an, dem er das Bud 
auch gewidmet hatte. Er sieht auch auf dem Felsen übe 
der Höhle einen Kopf, allerdings im Profil, wobei er ai 
Saturn denkt. 
S. 208, denkt an ein: 
  
firmly presses his thuml 
a- 

	        

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