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Full text: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 148 und 149)

iglings) und der pythagoröischen Tradition der 
röasis, der „Weltanhörung", anspielen. 
'19 haben Keyserling und ich die um das Kreuz 
ippierten kosmologischen Symbole als Hin- 
is auf die pythagoräische Weltinterpretation 
standen, wobei das Kreuz das pythagoröische 
I, das Zentrum des Lehrgebäudes, bedeuten 
Ite". Die Zahlen, Mond und Sonne oder 
entralfeuer" könnten auf die pythagoräische 
smologie der durch Zahlenverhältnisse er- 
inbaren Weltharmonie verweisen. Soweit sie 
itan bekannt war, hat er in seinem „Timaios" 
Lehren des Pythagoras niedergeschrieben. Die- 
Werk beginnt mit den folgenden Worten: 
iner, zwei, drei, wo aber lieber Timaios blieb 
s der vierte . . .5?" 
ührend man heute Astronomie, Astrologie, 
chemie, Philosophie, Mathematik und andere 
Vissenschaften" säuberlich trennt, war das im 
. und I6. Jahrhundert in esoterischen Lehrge- 
uden, die zur Welterklärung alles Erreichbare 
egrierten, kompiliert. Es gibt zahlreiche Ab- 
ndlungen darüber, wie Venedig mit den Krei- 
n der platonischen Akademie in Florenz in 
irbindung stand; die Namen großer Alche- 
sten dieser Zeit in Venetien, etwa G. A. Augu- 
Ili und Bernardo von Treviso, sind bekannt. Die 
arburg-Schule, Hortlaub, Calvesi, Pochat u. a. 
ben sich mit diesen Fragen intensiv beschäf- 
it, und es steht außer Frage, daß im ersten 
Jahrzehnt des I6. Jahrhunderts in den Akade- 
mien und vor allem durch die Tatsache, daß 
Venedig das Publikationszentrum Europas war, 
diese esoterisch-hermetischen Lehren und man- 
ches, das heute verschollen ist, allgemein faszi- 
nierte und den Gebildeten bekannt war. 
Was hat es mit dem zitierten Satz aus dem 
„Timaios" auf sich? C. G. Jung hat ihn als 
Schlüssel des Werkes verstanden". Die Tetrok- 
tys I+2+3+4 : I0 bedeutet neben der Er- 
zeugung des Dezimalsystems noch eine funda- 
mentale psychologische Gesetzmäßigkeit. Daß 
die Tetraktys sogar in ihrer geometrisch-har- 
monikalen Variante zu dieser Zeit bekannt war, 
zeigt die Darstellung des Pythagoras in Rot- 
faels „Schule von Athen"". Jung schreibt in 
„Psychologie und Alchemie" über den Vierten, 
daß er im himmlischen Drama neben der drei- 
föltigen Gottheit unzweifelhaft der Teufel sei. 
In harmloser psychologischer Fassung bestimme 
das Vierte die minderwertige, unbewußt blei- 
bende Funktion". Das Unbewußte stelle in Form 
der vierten Person das Böse dar. Es sei daher 
nicht verwunderlich, daß der Vierte in der Tra- 
dition von den Dreien geschieden und in das 
Reich des ewigen Feuers verwiesen wurde". 
Jung zitiert den Traktat „Consilium Coniugii"; 
darin steht, daß der „philosophische Mensch 
aus vier Naturen des Steins bestehe. Drei davon 
seien irdisch oder in der Erde, die vierte Natur 
ist das Wasser des Steins..., mit welchem die 
drei irdischen Naturen tingiert werdenwt. Die 
vierte Natur ist die Voraussetzung zur Erlangung 
der Ganzheit des Menschen, des EINEN nämlich, 
„der fehlt und doch da ist... und die göttliche 
Präsenz darsteIIW", der schon vor dem Men- 
schen war und zugleich dessen Licht ist. Er ge- 
sellt sich als Viertes zu den Dreien und stellt 
dadurch die Synthese der Vier zur Einheit dar". 
In hermetischer Terminologie zeigt der Alte den 
„proiizierten" Vierten als Quelle und Urgrund 
auf. Der Jüngling sieht das, was die beiden 
anderen ihm (historisch) vermittelt haben, näm- 
lich den Vierten in iener Gestalt, wie er von den 
Texten beschrieben wird: als Lichtquelle, als feu- 
ergesichtiger Teufel im Stein etc. 
Es ist oft angemerkt worden", daß Michiels Er- 
wähnung der vorn Jüngling betrachteten Son- 
nenstrahlen mit dem so wunderbar ersonnenen 
Stein die einzige ästhetische Anerkennung unter 
allen seinen Bilderwöhnungen bleibe, und Justi 
war 1908 der erstes", der sich fragte, was Mi- 
chiel an dem Stein denn so Wunderbares ge- 
funden habe. Es muß sich um die geistige Licht- 
quelle" am linken oberen Bildrand handeln, um 
diesen flammengesichtigen Teufel, der auf den 
Betrachter blickt. Besonders stark kommt dieses 
Vexierbild in unterbelichteten, die Lichtkontraste 
intensivierenden Reproduktionen heraus. Das 
Thema erscheint clamit als „Stein der Weisen", 
der in anderen Sprachen „Stein der Philosophen" 
heißt, als iener Iichthafte Ursprung der Natur 
und das Verhältnis der Philosophen ihm gegen- 
über, wie es sich zu verschiedenen Zeiten auf 
verschiedenen Stufen manifestierte. Der Stein 
wurde überdies mit der Zahl I0, d. h. dem Er- 
gebnis der vom Alten angespielten Tetraktys, 
gleichgesetzt". 
Ob diese Deutung diskutabel ist, hängt vom 
entscheidenden Punkt ab, ob der „Vierte" allge- 
mein erkennbar ist". 
Die drei Gestalten der Philosophen sind isoliert 
für sich, ohne den sie erhellenden Vierten, sinn- 
los, wie auch Interpretationen, die dem linken 
Bildteil nicht gerecht werden, notwendigerweise 
unvollständig sein müssen. Die Höhle mag als 
Kontrastgrund für das auflodernde Steingesicht 
angelegt und durchaus als Reminiszenz des pla- 
tonischen Höhlengleichnisses gemeint sein. Das 
Bild der „Drei Philosophen" ist kein Bild einer 
hermetischen Sekte oder Illustration eines esote- 
rischen Gedankens. Solche sind durchwegs von 
künstlerisch-unbedeutender Machart. Aber dem 
Betrachter erschließt sich in der Bewunderung 
der Landschaft in Giargiones Werken auch die 
ambivalente Distanz zur Natur, die wir nicht 
mit unseren am 19. Jahrhundert geschulten 
Augen durchstreifen dürfen. In der Renaissance 
mußte die Welt erst entdeckt werden, mit ihrer 
mathematischen Erschließung durch die Perspek- 
' tive ging die Verzerrung mittels der Anamor- 
phose einher. Sowohl die seit Leonardo auf- 
tauchenden anamorphotischen Täuschungen" 
wie die scheinbar absichtslos aus amorphen For- 
men gebildeten Felsengesichter Dürers" sind 
gleichzeitige Porallelerscheinungen einer heute 
fremden Weltsicht. Im Werk Giargiones wird uns 
eine Ahnung davon vermittelt, wenn wir den Re- 
naissance-Jüngling beobachten, wie er den auch 
auf die außerbildliche Gegenwart gerichteten 
Vierten gemessen hat. 
Ü Unser Autor: 
Dr. Thomas Zaunschirm 
Kunsthistorisches Institut 
der Universität Salzburg 
Zillnerstraße 6 
5020 Salzburg
	        
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