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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 148 und 149)

Dieter Kobierski-Prus 
 
Kobierski-Prus schafft sich mühsam Welt. Keine 
Suche nach klar komponiertem Aufbau treibt ihn - 
das Spontane, Hintergründige, das er sich außerhalb 
von scharfen Rastern, karierten Schemata und der 
gewohnten Ordnung verspricht, lockt ihn. 
Im Zentrum seiner Bilder agieren Menschentorsi, 
die uns einsam-dumpf anpeilen oder uns in 
scheinbar sicherer Vertrautheit hinter sich lassen. 
Stille Schreie an den Grenzen unserer Merkwelt, 
Zusammenkrampfen in ausweglosem Schmerz, das 
Vergängliche als Monument eines augenblicklichen 
Erschreckens. Der menschliche Leib als Eingeweide 
schaler Modefarmeln wird zum gesichtslosen 
Rudiment, das in Nebelschwaden der maskenhaften 
Starre entflieht. Das Weiß seiner Bilder hat 
bekenntnishaften Charakter. Er hat, bevor er an 
der Akademie der bildenden Künste in Wien, vor 
allem bei Weiler, lernte, eine Anstreicherlehre 
abgeschlossen. Er begann abstrakt zu malen. 
24iährig hielt er sich 1967 acht Monate in Ägypten 
auf, wo er seine erste Ausstellung hatte. Das 
Weiß, das vorbeischwimmende Nichts, die, 
Todesnühe dort löschte ihm die Jugend. Nach dem 
Abschlußdiplom lebte er ein Jahr in Japan, 
das seinem Schaffen neue Impulse gab. In den 
Aquarellen tauchte Figuratives erstmals auf, die 
Entfremdung brachte den Menschen ins Bild. 
Er hat dort, konfrontiert mit völlig anderen 
Wertmoßstäben, sich das erste Mal gefunden. 
Seither zieht er ruhelos umher, lebte in Italien, 
ietzt in München und ist wieder im Aufbruch 
begriffen. Im Verzicht auf Vertrautheit, Heimat, 
Familie, „Stil" und Vertrag mit einer Galerie, was 
ihm ein halbwegs gesichertes Einkommen sichern 
konnte, setzt er sich selbst immer wieder aus. 
Bei iedem Bild zwingt er sich zu Kompromissen, 
überwindet sich, das Nichts der weißen Fläche zu 
zerstören, Leben hineinzusetzen, das er widerwillig 
in einem architektonischen Gerüst ordnet. Das 
beginnt sich langsam zu ändern; hat er früher 
Zufälligkeiten der Gestaltung ausgeschlossen, 
nimmt er sie nach und nach als Möglichkeiten an. 
Da er ieder Regel mißtraut, grübelt er selbst- 
quälerisch; er arbeitet sehr langsam, mit peinlich- 
vorsichtiger Akribie, doch vernichtet er viele seiner 
Arbeiten. Aus der Verschlossenheit der Innenräume 
befreit er sich langsam und affnet sich der 
Landschaft, nicht um aufzuatmen und der 
Erstickung zu entrinnen, sondern um auch der 
letzten Kompromisse zu entsagen, um das rahmende 
architektonische Gerüst der sicheren Innenräume, 
der Verschalungen seiner Bildzustände, abzubauen. 
Er glaubt, durch das Verfremden der Dinge naher 
an diese heranzukommen. Doch erst durch die 
Annäherung der ausschnitthaften Aufmerksamkeit 
verfremdet er und entfliehen die wahrgenommenen 
Obiekte. Das, was in seinen prost-perspektivischen 
Rastern mit den fahlen Wandflächen 
verschwommen menschlich handelt und behandelt 
wird, sind in lnkarnatfarben konkretisierte 
Lichtphänomene. Sie ergänzen sich in der 
Rezeption des Betrachters plastisch zu Körpern, 
dabei bleiben immer unerklarbare lrritationsreste, 
die es verbieten, von Fatarealismus zu sprechen; 
der Mensch, eine gebrochene Licht-Inkarnation, als 
unpersonlicher Zustand, dessen hermetische 
Verschlossenheit durch den Betrachter aufgerissen 
und damit zugleich verwischt wird. Kobierski-Prus 
ist Chronist von geisterhaften, zeitlich- 
transitorischen, meist verdrängten Phänomenen in 
glänzend-zartfarbigen Feinstrukturen; technisch 
perfekt, ohne spielerisch-ästhetische Tricks. 
Von Objektivität bleibt nichts übrig, indem der 
Maler, mit ihm der Betrachter, sich ieweils einer 
Begebenheit zuwendet, stört, verfälscht er sie. 
Wir werden gerade noch des Verlöschens einer 
Situation habhaft, der schwankende Grund der 
architektonischen Ordnungselemente bleibt bestehen 
und zeigt uns unseren Ausgangspunkt. 
Thomas Zaunschirm 
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