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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 150)

Hermann Bahr, dem facettenhaften und 
gierenden Literaturpropheten mit den Eigen- 
ften einesChomäleons, stammt derSpruch: 
ie Welt zeigte der Künstler, die niemals war, 
(emals sein wird." Dieses für die Jahrhun- 
vende typische Motto ziert das Darmstädter 
erhaus. Joseph Maria Olbrich hatte sich für 
an Ausspruch eingesetzt, der deutlich macht, 
nah benachbart der Enthusiasmus zur Resi- 
ian ist. Eben wegen der grenzenlos über- 
ten idealistischen Vorstellungen, die ia in 
selbst absolut irreal gewesen sind, gelangte 
- ganz abgesehen von der historischen und 
llschaftspolitischen Entwicklung - schon bald 
ackgassen und sehr seichte Gewässer. Die 
strie bemächtigte sich der gängigen Orna- 
e und Farmen und korrumpierte die ur- 
IQIIClISH Ideen. Das Leben hatte sich der 
en Ästhetisierung entzogen. 
1901 veranstaltete erste Ausstellung der 
nstödter Künstlerkolonie auf der MathiIden- 
- hieß „Ein Dokument Deutscher Kunst". Un- 
lem gleichen Titel und Thema von damals 
Ien 75 Jahre später vier Ausstellungen an- 
iten. Darmstadt ist nicht mehr die Hauptstadt 
Sroßherzogtums Hessen-Darmstadt, aber es 
noch immer in bezug auf Jugendstil mit 
i und München, Berlin und Paris, London 
Brüssel in einem Atemzug erwähnt. Und 
1976177 in Darmstadt gezeigt wird, ent- 
ht nicht so recht eigentlich den Maximen 
ämmlicher Kunstausstellungen. Es wird viel- 
' eine Idee dargestellt und belegt, die vom 
gen Betrachter kritisch hinterfragt und über- 
werden kann und soll. Zur Zeit der Jahr- 
ertwende ist die Kunst nicht mehr aus- 
aßlich als luxuriöses und vornehmes Gut 
' privilegierten Elite verstanden worden. Sie 
2 vielmehr notwendigerweise in den Alltag 
irken. Deshalb forderte auch der Maler und 
ihiker, Innenarchitekt und Kunsthandwerker, 
tler und Theoretiker Henry von de Velde 
Vereinigung von Kunst und Leben". Zurück- 
end auf 1901 meinte Theodor Heuss: „Für 
die wir iung waren, begann das zwanzigste 
tundert, als Versprechen wie als Aufgabe, 
eigentlich in Darmstadt." 
Lieblingsenkel der Queen, Erbgroßherzog 
Ludwig von Hessen und bei Rhein, wollte 
inem Land das Neue exemplarisch verwirk- 
sehen. Er folgt damit einem zu dieser Zeit 
national rapid um sich greifenden Trend. 
n Hessenland blühe und in ihm die Kunst." 
ern art, Yachting style, Art nouveau, Sezes- 
stil - wie auch immer, in Darmstadt hatte 
sich in Anlehnung an Hirths Münchner „Ju- 
" auf Jugendstil geeinigt. Auch in Weimar 
"y Graf Kessler) gab es ähnliche Bemühun- 
allerdings war der dortige regierende Fürst 
ichen Zukunftsgöubigkeit erheblich weniger 
isiastisch als sein hessischer Vetter. Und in 
l kam es sogar zu aggressiven Reaktionen, 
ireilich der Secession den Wind nicht aus 
Segeln nehmen konnten. So drohte bei- 
sweise Erzherzog Ferdinand, man solle doch 
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griäzwErler, „Salome". „Jugend", Nr. 47, 1900, 
Ötto Eckmann, Vignette zu „Illusion äaerdue" von 
C. Eysell. „.lugend", Nr. 6, 1897, S. 9 
F. Waitz, Vignette zu „Mein blinder Freund" 
xslogslöudwig Jacobowski. „Jugend", Nr. 22, 1897, 
dem Maler O. Kokoschka die Knochen im Leibe 
zerschlagen. (Eine opulente Äußerung, deftig und 
wenig delikat, so ganz dem Duktus entsprechend 
des Wiener Ringstraßen-Un-Stils [Brach] und des 
selbstgefüIIig-brulalen Hendl-Barock.) 
Vor 76 Jahren schrieb Peter Behrens in seinem 
Beitrag zur Einweihung der Künstlerkolonie: 
„Alles, was zum Leben gehört, soll Schönheit 
empfangen, so wird uns die Schönheit wieder 
zum Inbegriff der höchsten Macht, zu ihrem 
Dienst entsteht ein neuer Kult." 
August Endell (Atelier Elvira, München) begei- 
sterte sich in seiner Schrift „Um die Schönheit": 
„Es ist wie ein Rausch, wie ein Wahnsinn, der 
uns da überkommt, die Freude droht uns zu ver- 
nichten, die Überfülle an Schönheit uns zu er- 
sticken; wer das nicht durchgemacht hat, wird 
niemals bildende Kunst begreifen." In Maurice 
Maeterlincks „Schatz der Armen" steht: „Die 
Schönheit, die einzige Nahrung unserer Seele" 
(also ein „Schatz der Schönheit", verborgen in 
jedem, auch dem Ärmsten und Unglücklichsten). 
Der Malerei, so proklamierte die Zeitschrift „The 
Studio", falle die Verpflichtung zu; „To teach 
beouty and nothing eIse." Die Schönheit als Leit- 
motiv für das Gesamtkunstwerk um 1900; Deko- 
ration des gesamten Daseins, Unschuld und Ju- 
gend, das „neue Geschlecht, ganz ohne Schmin- 
ke und Sünden" (Heine), theatralische, patheti- 
sche, laute Parolen, denen es dank ihres außer- 
ordentlichen Schwungs für kurze Zeit gelang, 
nahezu alles mitzureißen. Der „angeborene Zu- 
stand von Gnade, in dem man nicht sündigen, 
das heißt, nicht hößlich werden kann". Die 
Schönheit als Ziel aller Künste (Endell), als Ga- 
rant für die Befreiung von Zwang und Zweck. 
Demzufolge mußten alle Künste gleichgeordnet, 
zusammengefaßt werden. Die Utopie von Ko- 
operation, Kunst und Dekoration, reine und on- 
gewandte Kunst, Baukunst und Handwerk... 
„Deutsche Kunst und Dekoration" nannte der 
Darmstädter Verleger Alexander Koch seine1897 
gegründete Zeitschrift. Es galt, „die Kunst aus 
der Gefangenschaft des Ateliers zu erlösen, sie 
in den Dienst des Menschen zu stellen". Behrens 
und Olbrich, Eckmann und van de Velde, Hof- 
mann, Wagner und Mackintosh entsprachen 
durchaus den Forderungen, die an den „Univer- 
salkünstIer" gestellt wurden. Sie handelten und 
wurden nicht gehandelt. Aber das Spektrum 
künstlerischer Aussagen in dieser Zeit war zu 
breit und breiig (von Makart und Lenbach bis 
hin zu Wagner als Anreger einerseits und Klin- 
ger, George und Wilde als markante Außen- 
seiter andererseits), so daß sich nur selten und 
dann sehr kurzfristig die Intentionen der Ge- 
samtkunstverfechter bündeln ließen. 
Der gesunde und glückliche Mensch ist das Ziel 
der Bestrebungen noch Vereinigung und Erneue- 
rung von Kunst und Leben gewesen. Der ge- 
schmäcklerische Eklektizismus, der nicht nur die 
Wohnzimmer der Bürger mit den Elaboraten ver- 
schiedenster Stilrichtungen heillos vollgestopft 
hatte, mußte aufgegeben werden. Der neue Stil 
stellte von Anfang an programmatisch seine 
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