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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 151)

Sammlungen und Schätzen keine „Dalium"-Scha- 
le in kostbarer Fassung bekannt geworden ist. 
Die vermeidbare Verwechslung eines „Dolium" 
mit einem „Nautilus" ist glücklicherweise kein 
Einzelfall und mögen die Kollegen und Freunde, 
Frau Dr. Aschengreen-Piocenti und Herr Dr. Kurt 
Rossacher, sich damit trösten, daß in dieser Rich- 
tung auch noch andere Kunstgelehrte sich gründ- 
lich geirrt haben; Im Ungarischen Nationalmu- 
seum zu Budapest ist ein besonders bizarrer 
Muschelbecher ausgestellt und in einem kleinen 
reich illustrierten Katalog in englischer Sprache 
beschrieben und abgebildet, leider ohne Hinweis 
auf Meister- und Beschauzeichen. Es wird nur 
eine generelle Dotierung ins "I7. Jahrhundert 
vorgeschlagen. Der Abbildung nach zu urteilen 
ist es wahrscheinlich eine Nürnberger Arbeit aus 
dem Jamnitzer-Kreis". 
Es ist kein „Nautilus pompilius" mit seinem 
glatten, seidig schimmernden Perlmutter, sondern 
der recht wehrhaft aussehende „Murex romosus" 
oder auch „M. multiramosus"; rhyhtmisch verteil- 
te ausgebagene Spitzzacken auf einem klotzi- 
gen Gehäuse lassen erkennen, daß es sich um 
einen fleischfressenden Bewohner von untersee- 
ischen Felsklippen und Korallenbänken handelt. 
Die Schale ist außen milchweiß, die Mündung 
innen sowie die Unterseite der Zacken zartrosa. 
Es gibt auch ausgesprochene Albinos, doch sind 
diese sehr selten. 
Auch dieser „Murex"-Becher ist, bis ietzt, ein 
Unikum. Auf dem bereits erwähnten Gemälde 
„The Paston Treasure" ist im Hintergrund, noch 
links, ein anderer, heute nicht mehr nachweisba- 
rer „Murex"-Becher dargestellt, dieses Mal mit 
Verarbeitung einer früher von den Sammlern 
als „Wollknäuel" bezeichneten Art: „Murex ra- 
dix" oder „M. nigritus", wobei die Grundfarbe 
des Gehäuses wiederum milchfarben ist, alle 
Zacken und herausstehenden Spitzen dagegen 
dunkel- bis schwarz-braun. 
Nachdem, wie schon gesagt, bisher ein einziger 
„Murex ram0sus"-Becher erhalten geblieben, der 
auf dem Gemälde dargestellte verschollen ist, 
müssen diese Muscheln damals selten gewesen 
sein. Heute kosten sie 25 bis 30 DM". 
Auf die „Trochus"-Schnecken, wie Wenzel Jam- 
nitzer sie an seiner geistvollen Kanne in der 
Schatzkammer der Residenz in München ver- 
wendete, habe ich bereits hingewiesen und 
darauf aufmerksam gemacht, daß die Identifi- 
zierung im Katalog mit „Perlmutterschnecke" 
ebenfalls unrichtig ist. Auch bei diesen „Trochus" 
wurde die Oberhaut abgebeizt und die dünne 
Perlmutterschicht, nach Entfernen der Prismen- 
schicht, freigelegt. Diese Schneckenart kommt in 
allen wärmeren Meeren massenhaft vor und wird 
tonnenweise nach England für die dort blühende 
Knopfindustrie exportiert. Sorgfältig von Über- 
krustungen gereinigte Muscheln zeigen die ver- 
schiedenartigsten Farben und Zeichnungen - 
auch sie billige obligate Schaustücke für Sammel- 
anfönger, da sie zu erschwinglichen Preisen 
angeboten werden. 
Auf die Verwendung der eigentlichen Perlmu- 
schel „Meleagrina" in der Frührenaissance-Ar- 
chitektur wurde schon hingewiesen. Auf das fein 
irisierende Flimmern der Perlmuttermuscheln 
wollten die Goldschmiede, trotz der unvorteil- 
haften äußeren Erscheinung und ungeeigneten 
Form der Schalen, nicht verzichten. So zerschnit- 
ten französische und deutsche Meister die Scha- 
len nach entsprechend vorher exakt ausgearbei- 
teten Werkzeichnungen und bekleideten damit 
die verschiedenartigsten Gefäße, wobei die ein- 
zelnen Plättchen nachträglich den Rundungen 
folgend gewölbt geschliffen wurden. Fein poliert, 
wurden sie dann mit oft sehr kunstvollen Klam- 
mern auf der Unterlage befestigt - also eine 
regelrechte Plattierung. 
Hervorragend schöne Beispiele dieser sehr sel- 
tenen Kunstfertigkeit befinden sich in verschie- 
denen Sammlungen. So zwei Gefäße in Wien, 
wohl zur Ambraser Sammlung gehörend, weite- 
re im „Grünen Gewölbe" zu Dresden, London, 
und anderwärts. Bisher hatte die Kunstgeschich- 
te sich ihrer kaum eingehender angenommen; 
heute haben sie den ihnen gebührenden Platz. 
Ein reizvolles Meisterwerk der Perlmutterplattie- 
rung ist ein Schmuckkasten in Truhenform, heute 
in Privatbesitz in London. ln den dreißiger Jah- 
ren des l6. Jahrhunderts wurde er von einem 
unbekannten Meister mit dem Monogramm ,BH' 
in Paris angefertigt, der möglicherweise Aufträge 
des Königshofs erhielt. Alle Einrahmungen zeich- 
nen sich durch feine Prafilierungen aus, schwere- 
los ruht er auf vier von Raubvogelkrallen um- 
faßten Kugeln, während über die Schuppenzeich- 
nung der Plattierung kleine Reliefmedaillons ver- 
teilt sind. 
Es erscheint die Annahme berechtigt, daß diese 
Plattierungstechnik möglicherweise in Paris er- 
funden wurde und von dort über Europa sich 
verbreitete. 
Neben den zwei eleganten Beispielen in Wien 
sei hier nur noch eines Jungfernbechers im Muse- 
um der Eremitage in Leningrad gedacht, mit dem 
Meisterzeichen des Meinrad Rauch d. Ä. und 
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