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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 151)

Wilhelm Hein 
Der seidene Sternteppich 
aus Agypten, 
seine Ornamente und 
Perspektive 
Der strenge Geometrismus hat im 15. und 16. 
Jahrhundert einer eigenartigen Gruppe von Tep- 
pichen mit auffallend schönen, klaren Stern- und 
Polygonfiguren (Oktogonen) zur Formensprache 
verholfen. Man hat lange herumgerätselt, wo 
diese Teppiche entstanden sein könnten, ist aber 
letztlich zu der kaum mehr widersprochenen An- 
sicht gelangt, ihre Heimat sei Ägypten gewesen. 
Heute sind sie über die europäischen Sammlun- 
gen verstreut. 
Die Diskussionen über die Herkunft haben vor 
dem zweiten Weltkrieg stattgefunden. In einem 
alten Venezianer Inventar hatte man sie Damas- 
kus zugewiesen und „Damaskusteppiche" ge- 
nannt. Dabei blieb es zunächst bis um die Zeit 
nach der Jahrhundertwende. Dann tauchten 
Zweifel an der Zuweisung auf, als W. R. Valenti- 
ner in der Ornamentik Zusammenhänge mit 
Formen an Keramiken aus Fustat und Bronzen 
aus der Mamlukenzeit erkannte'. Danach ver- 
öffentlichte G. Jacob u. a. im Jahre 1920 eine 
türkische Urkunde, in der Sultan Murad III. 
(1574-1595) im Jahre 1585 den Begler Beg von 
Kairo anwies, ihm elf Teppichmeister zu senden". 
Die Urkunde war es, die Friedrich Sarre, einen 
der besten Kenner der Materie, in einer Art 
Inspiration dazu veranlaßte, die Herkunft in 
Ägypten zu vermuten. Denn aus dieser Quelle 
ergab sich zwingend, daß in Ägypten und im be- 
sonderen in Kairo zu iener Zeit sehr wohl Tep- 
pichmanufakturen bestanden haben müssen. Sar- 
re suchte daher und fand auch stilistische Über- 
einstimmungen mit Türfüllungen, Bucheinbänden 
und Derkenmalereien aus der Mamlukenzeit, so 
daß seine Theorie fundiert erschien. Sie blieb 
nicht unwidersprochen. Der Wiener Spezialist 
Siegfried Troll entdeckte Übereinstimmungen mit 
technischen Details auf Teppichen, die Klein- 
asien zugeschrieben wurden. Er plädierte daher 
für eine Herkunft aus Kleinasien (1937) und hat, 
obwohl er in einer späteren Publikation auch die 
Möglichkeit der Entstehung in Ägypten in Be- 
tracht zog', in mündlichen Mitteilungen doch 
bis an sein Ende daran festgehalten. Wiederum 
Kurt Erdmann widmete sich der Frage, er be- 
fürwortete Sarres Theorie und führte die Be- 
zeichnung „Mamlukenteppiche" für die Gruppe 
ein'. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die 
Herrschaft der Mamluken im Jahre 1517 an die 
Osmanen überging, die Produktion der Teppiche 
in der Osmanenzeit aber weiterlief, wie das 
Dokument Murads III. beweist, die Ornamentik 
sich geruhsam weiterentwickelte und das Datum 
1517 nicht zugleich einen Bruch in der künst- 
lerischen Tradition mit sich brachte. 
Wie sind die divergierenden Meinungen zu er- 
klären? Offenbar hat es verschiedene Strömun- 
gen gegeben, die aus den großen Kerngebieten 
14 
des Islams stammten, sich vereinigten und auf 
unseren Teppichen „synkretistisch" in Erschei- 
nung traten. Sie forderten zur Interpretation auf. 
Sarres stilkritische Hinweise auf die Verwandt- 
schaft mit der ägyptischen Kunst sind unüberseh- 
bar. Dazu kommen unleugbare Anklänge in der 
Formensprache zu koptischen Textilien aus dem 
4. bis 5. Jahrhundert, denen sich die Forschung in 
neuerer Zeit zugewandt hat. Die Verwandtschaft 
tritt nicht nur in der Konzeption, z. B. im 
Schema des Achtecksternes oder in den Formen 
der geometrisierten Rosette, des oktogonalen 
„GüI", sondern auch in der Durchführung füllen- 
der Kleinmotive zutage'. Man beachte, welche 
Entwicklung das Weinblatt von dort genommen 
hat! Damit erhält die Theorie Sarres eine zu- 
sätzliche Stütze. 
Nicht zu übersehen ist ferner die Möglichkeit, 
daß auch von Persien her Einflüsse gekommen 
sein können. Die Knüpfung [persischer Knoten) 
weist darauf hin, ebenso die Verwendung von 
Seide, die gewiß über das Seidenzentrum Ka- 
schan gehandelt wurde. Dazu kommen Nach- 
richten aus der Literatur. Der Historiker Ahmed 
ben Ali Makrisi (1354-1442) berichtet in seinen 
Denkwürdigkeiten Ägyptens über die Teppich- 
sammlungen der Fatimiden. Namentlich erwähnt 
werden prachtvolle Chosrawani (nach Chosrau I. 
531-578, Chosrau ll. 590-629) und Samanen- 
teppiche (die Samaniden in Persien S19-999)', 
Importe aus Persien. Es ist aber nicht anzuneh- 
men, daß sich das gewerbefreudige Nilland mit 
Importen begnügte. Im Laufe der Zeit werden 
sich unter der glanzvollen Herrschaft der Fatimi- 
den persische Händler, Knüpferfamilien und Tep- 
pichmeister selbst dort angesiedelt und ihr Tätig- 
keitsfeld gefunden haben. Sie haben dann ihre 
Kenntnisse im Handel, z. B. bei der Material- 
beschaffung, mit Vorteil verwertet und ihre Be- 
ziehungen ausgenutzt. Auf diese Weise kann 
man sich vorstellen, wie die bestehende heimi- 
sche Industrie befruchtet und persischer Einfluß 
zur Geltung gekommen ist. 
Die dritte Komponente kam von Kleinasien her- 
über. Wenn Siegfried Troll auf die Verwandt- 
schaft mit anatolischen Teppichen hinwies, so 
mag letzten Endes der Grund darin zu suchen 
sein, daß auch Kleinasien Waren und Technik 
nach Ägypten importierte. Über Exporte aus 
Akseray wissen wir aus der Reisebeschreibung 
des Ibn Battuta (1304-1377), der die Teppichpro- 
duktion und den Handel von dort nach aller Welt 
außerordentlich hochpries'. 
Wahrscheinlich aber sind zur Zeit der Wirren 
während des 13. Jahrhunderts auch aus Klein- 
asien Teppichmeister mit ihren Familien nach 
Ägypten geflohen. Die Veranlassung dazu mögen 
die kriegerischen Zustände im zerfallenden Sel- 
dschukenreich geboten haben. Die Macht der 
Graßseldschuken (1039-1157) sank im 12.Jahrhun- 
dert in Trümmer. 1141 kam der Iran an die tür- 
kischen Chwarezmier, 1194 der Irak. Die Herr- 
schaft der Kerman-Seldschuken (Persien, 1041- 
1186) wurde nach 1180 eine Beute pliindernder 
Stämme und verfiel der Anarchie. Am längsten 
behaupteten sich die Seldschuken von Rum 
(Konya, 1077-1243), in deren Reich die klein- 
asiatischen Teppichzentren lagen. 1216 eröffne- 
ten sie unter Kaika'us I. (1210-1219) eine Offen- 
sive gegen die Armenier. Letztlich wurden aber 
auch sie wie ihre östlichen Nachbarn von den 
Scharen der Mongolen, die unter Hülägü (f 1265) 
zu Eroberungen aufgebrochen waren, vernichtet. 
Nur das Nilland widerstand den Angriffen. 1260 
schlugen die Mamluken bei Ain al-Galut 
(Goliathsquelle) in Palästina ein mongolisches 
Heer. Der gewaltige Baibars I. (1260-1277) griff 
in der Folgezeit vorübergehend auch nach Klein- 
asien. Sicher haben sich in ienen Zeiten damals 
wie heute Ströme von Flüchtlingen vor 
Grauen des Krieges durch die Länder erg 
Eine Flotte, die sie aufnahm und nach 
sicheren Ägypten trug, mochte ihnen Rettur 
bracht haben. Wir wissen aus der Überliel 
der Armenier, daß damals Teppichknüpfei 
Persien ausgewandert sind. Die Flüchtlinge 
sich dort akklimatisiert und das Ihrige ZL 
bung der Künste im Gastland beigetragen 
in Persien geschah, war sicher in Ägypter 
der Fall. So hat die Kunst aus Kleinasie 
Schwester im Nilland beeinflußt. Später, c 
Osmanen die Macht übernahmen, hat dar 
bekannte Befehl Murads lll. (1574-1595) s 
seits im Jahre 1585 Teppichmeister aus Äg 
nach Anatolien zurückgeholt, um dort einel 
faktur des Hofes zu befruchten. 
Selbstverständlich sind Techniken auch auf 
lichem Weg um die islamische Welt gewa 
Bei der Haddsch, der Wallfahrt nach tv 
wurden eifrig Informationen ausgetauscht. 
Kunsthandwerker wurden durch vielversprr 
de Angebote von Patronatsherren oder 
schaftshäusern zur Übersiedlung bewoge 
gab also viele Wege, auf denen Tecl 
oder neue Ideen aus Kleinasien oder P 
nach Ägypten (oder umgekehrt) gelangen 
ten. 
Die verschiedenartigen Einflüsse, die mc 
kannt hat oder manchmal auch nur zu erk 
glaubte, spiegeln sich in den BBZBICIIHUTIQt 
der. Ehedem „Damaskusteppiche", hat m: 
später „ägyptische, Kairener" und seit K 
mann „Mamlukenteppiche" genannt. Sie w 
auch schon Marokko und Turkestan zuge: 
ben'. Für Anatolien als Herkunftsland" habe 
wieder andere entschieden. Nur Persien ha 
als Ursprung bisher immer ausgeklammert. 
Es ist üblich, Teppiche einer Gruppe nacl 
rakteristischen Merkmalen eines Ornan 
zu benennen. Sind Tiere zu sehen, dann s 
man von einem „Tierteppich", ebenso g 
„Vogelteppiche", wenn Vögel dargestellt 
den, „Vasenteppiche" usw. Das Hervorstei 
ste Ornament unseres Teppichs sind geomi 
gezeichnete Sterne oder Oktogone. Es ers 
daher methodisch, die Gruppe als „Sterntei 
zu bezeichnen, wie es ia z. B. auch „Sternfl 
gibt, allenfalls dort, wo Sterne nicht 
charakteristisch gebildet wurden, die Okt: 
hervorzuheben („Oktogonteppich"). 
Die Interpretation der Ornamentik gibt 
Rätsel auf. Man kann sich die Ausdeutui 
Ieichtern, wenn man berücksichtigt, dat 
Orient Rätsel liebt. Geometrische Figun 
besonderen regen die Phantasie an. Sie I 
dazu, Geheimnisse zu ergründen. Der Gei 
nun einmal den Drang, abstrakte Forme 
Realität erfüllt zu denken". 
Der Interpret darf auch nicht die Ausd 
möglichkeiten außer acht lassen, welch 
anders geartete Perspektive bietet. Sie bi 
den Unterschied in der Mentalität zwischen 
pa und dem Morgenland. Da die Perspekti 
der Deutung des Hauptsternes eine Rolle 
sei das Wesentliche kurz charakterisiert: l 
uns geläufigen, von den Griechen übernc 
nen Art zu sehen, erscheint ein Würfel z. 
wie ihn das Auge unter einem bestimrri 
schiefen - Winkel, einen bestimmten Pu 
den Fluchtpunkt - anvisierend, zu einer bes 
ten Zeit oder unter einer bestimmten Beleur 
wahrnimmt. Der Winkel der Beobachtul 
wohl ein beliebiger, aber doch ein schiefe 
Fluchtpunkt ebenso beliebig, aber doch v 
nur einer, der dem Verlauf schiefwinkelige 
gebenheiten entspricht (Fluchtpunkt GUßt 
des Objekts]. In der Ornamentik des lslon 
indessen weiterhin, bis in die neuere Zeit,:
	        

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