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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 151)

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abhebenden Ornamenten dem Auge die Fähig- 
keit, von einer Ebene aus auf eine andere zu 
schauen, durchzudringen und damit „Raum" zu 
empfinden. Das Auge sieht, wie man es nannte, 
gleichsam durch ein Fenster hindurch. Der Effekt 
stellt sich natürlich nur dann ein, wenn der 
Künstler selbstauch so sah und sein„Gesicht" im 
echten Kunstwerk zur Aussage zu gestalten ver- 
stand. Eine mechanische Nachahmung kann den 
Effekt nicht hervorrufen. Wie die Stilkopien aus 
dem 19. Jahrhundert beweisen, kann die echte 
Aussage nicht ersetzt werden, sie gehört zu den 
Kriterien des Kunstwerkes. 
Das Phänomen des Tiefensehens gilt auch für 
die verschiedenen Farbtönungen, welche den 
lnnenstern unseres Seidenteppichs decken. Der 
Blick in die Tiefe (einer Kuppel) wird hier zu- 
sätzlich durch die überreiche Fülle der so ange- 
ordneten Lanzettblätter aufgefangen und hin- 
durchgeleitet. 
Ein gewichtiger Faktor, der die Bildung geometri- 
scher Ornamente begünstigte, war die Religion. 
Sie überschattete iegliches philosophische Den- 
ken im Orient. Sie gebot, die Darstellung von Le- 
bendem zu meiden. Den Hinweis darauf leitete 
man aus einer Überlieferung bei Buchari (810- 
870) ab. An der Stelle wird in einer Anekdote 
berichtet: „Ich war bei lbn Abbas (619-688, 
ein Vetter des Propheten Muhammad) - Allah 
hatte seine Freude an ihm. Siehe, da kam ein 
Mann und sagte: O lbn Abbas, siehe, ich bin 
ein Mensch und lebe van der Kunst meiner Hände. 
Siehe, ich habe dieses Bildnis gemacht! lbn Ab- 
bas entgegnete: Ich kann dir nur sagen, was 
ich vom Propheten - Heil und Segen Allahs über 
ihn - hörte. Und er sagte: Wer ein Bildnis macht, 
siehe, den bestraft Allah, bis er dem Bildnis 
Geist einhaucht - und er wird ihm nimmermehr 
Geist einhauchenl Da röchelte der Mann und 
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2 Detail vom Zentralstern des Seidenteppichs. Die 
Lanzettblätter lassen den Blick hineingleiten, 
die Schirmblättchen sind nach „innen" gerichtet, 
d. h. sie sollen die Vorstellung vom „Gerode- 
auf-Sehen" unterstützen und das Auge in die 
Tiefe [oder Höhe) einer (Sternen-lKuppel leiten. 
3 Die Wiedergabe der architektonischen Idee ist 
hier vereinfacht: die „Kuppel" wird nicht von 
einem Achteckstern, sondern von einem Okto- 
on (Achteckl umschlossen. Wirkungsvoll die 
ontraste im Zentrum, welche den Blick in das 
Ferne, Dunkle ermöglichen. 
Teppich, handgeknüpft, mit Oktogon und Ster- 
nen. Kette, Eintrag, Knüpfung: Schafwolle, per- 
sischer Knoten, 1 dmi a 1400 Knoten. Drei 
Farben. Ägypten, 16. Jahrhundert. 
Länge : 260 cm, Breite : 240 cm (Teilansicht). 
Wien, Österreichisches Museum für angewandte 
Kunst, lnv.-Nr. T 8346. 
Lit.: Sarre-Trenkwald, Altarientalische Teppiche l, 
Wien 1926, Taf. 47. 
4 Die „Zacken" des Achtecksternes lassen in den 
Umrissen deutlich das fromme Motiv der Zier- 
nischen hervortreten. im Zentrum ist die Absicht 
unverkennbar, dem Blick die Durchsicht durch 
die Tiefe eines Gewölbes zu gewähren. 
Teppich, handgeknüptt, mit Sternen. Kette, Ein- 
trag, Knüpfung: Wo le, persischer Knoten, 1 dm? 
o 1300 Knoten.Drei Farben.Ägypten,16..lahrhun- 
dert. Länge : 316 cm, Breite I 252 cm. Wien, 
Österreichisches Museum für angewandte Kunst, 
lnv.-Nr. T Ki45. 
Lit.: Sarre-Trenkwald,Altorientalische Teppiche l, 
Wien 1926, Taf. 48. 
Anmerkungen 12,13 
"In den sahih des Buchari, kital: ul-buiu, Kapitel 40, 
Vers 104. - Die Stelle erwähnt bei Muhommed Abdal- 
oziz Marzuq, at-tanafis ul-iadwiiiaJ, B0 dad 1969, S, 31. 
"Vergleiche z. B. Biir Faris, sirr ül-lültfü?ü.f al-islamiiiaJ, 
Kairo 1952, S. 31 tf. 
sein Gesicht wurde gelb. lbn Abbas sprac 
ter: Hast du es unbedingt tun wollen, s: 
es an dir! Greite diesen Baum an - niem 
Geist darin"l" 
Es gibt auch noch andere Stellen, die Hi: 
enthalten und dahingehend kommentiertw 
Man kennt sie" und benutzt sie als Quel 
dem vielumstrittenen Bilderverbot im Islar 
Orient selbst deutet sie nur als Hinweis 
Anregungen. Sei es wie immer, die geome 
Ornamentik kam dem weitgehend entgegen 
vermied damit Mißbilligung. 
Zudem konnte man der Darstellung von S 
- wie an unseren Teppichen - jederzeit glL 
heißenden 5' n unterlegen. 
Zu dem religiös Gebatenen gesellten Sli 
Winke, welche man aus dem Material 
Geometrische Motive sind uralt. Die Gest 
von Senkrechten und Waagrechten bietet s 
Geweben durch den Verlauf von Kettfäde 
Eintrag (Schuß) von selbst an. Sicher sir 
primitivsten Ornamente auf diese Weise 
worden. Im Laufe der Zeit hat man danr 
schritte gemocht. In der Seldschukenzeit I 
wie die erhaltenen Fragmente beweisen, g 
trische Motive geblüht. Was Ägypten betr 
war das Denken dort seit alters her dur 
Geometrie („Londmessung") bestimmt gei 
Das Vermächtnis der Pyramiden bildet 
ieher eine stumme Mahnung dazu, geom 
zu denken. Dieser Aufforderung hat sit 
Kunst in Ägypten nie entzogen. Selbst die 
lerische Revolution, die durch die Grieche 
beigeführt wurde, hat die Grundlage nic 
sentlich verändert. Wohl hat die koptische 
um eigene Ausdrucksformen gerungen. Sie 
die individualistischen, auf die Wiedergal 
Bewegung und des Augenblicks gerichteti 
strebungen der Griechen zu bewältigen
	        

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