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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 151)

preist die „regellase Wanne" der paradiesischen 
Natur, die keiner „verzärtelten Kunst" unterwar- 
ten sei. 
Überspitzt kann man sagen, daß schon dort - 
klammert man die Pflanzen aus, die im engli- 
schen Klima nicht gedeihen - der einzige große 
überlebende Landschaftsgarten des 18. Jahrhun- 
derts, nämlich Stourhead in Wiltshire, geschildert 
ist. Da werden ausdrücklich die beschnittenen 
Hecken der Tudor- und Sfuartgärten, die Blumen- 
beete der Oranier verworfen, das Paradies, 
der „glückselige Garten", ist nicht einfach ein 
lacus amoenus, wie er in der Literatur der Zeit 
unzähligemal mit feststehenden Metaphern be- 
schrieben wird, sondern sieht präzise folgender- 
maßen aus: „Dazwischen sah man Wiesen, 
flache Auen und Herden Viehs, welche die 
zarten Kräuter abweideten, Palmenhügel oder 
Park von Bodnant, DenbighshirelWales. Terras- 
sen im italienischen Stil, an elegt 19054914 
Park von Blenheim Paloce, xfordshire. Wasser- 
terrassen und künstlicher See, angelegt von 
Capahility Brown, der die Ideen von William 
Kent in die Praxis umsetzte. In der Nähe des 
Schlosses wurden die formalen Elemente beibe- 
halten, während die Umgebung in einen typisch 
englischen Landschaftspark umgestaltet wurde 
Park van Blenheim Palace, Oxfordshire. Wasser- 
terrassen und künstlicher See. Hier zählen die 
Linie, die Masse die Kontur, nidlt die Farbe. 
(Wenig Blumen. 
Hidcote Manar Gardens, Gloucestershire. Wech- 
sel einer Serie kleiner in sich geschlossener 
Gärten, in denen jeder in anderem Stil gehalten 
ist; Wechsel von Farmalitüt und lnformalität 
Der Garten ist berühmt für die glückliche V 
bindung ästhetischer und botanischer Qualita- 
ten. Er wäre ahne die Kunst der Gärtner des 19. 
Jahrhunderts nicht denkbar. Angelegt zu Beginn 
des 20. Jahrhunderts 
Park von Bodnclnt, DenbighshirelWales. Terros_ 
sen im italienischen Stil, angelegt l905-l9l4 
 
(Walpole) bilden. Sein Zentrum ist ein 
hügeligem Gelände umgebener, aus einer l 
von Fischteichen geschaffener See, um der 
einige Architekturstücke gruppieren, die 
der klassischen, teils der romantischen lma 
tion zuzuordnen sind. 
In Stourhecid kulminiert nun alles, was bis i 
über die Gartenkunst gedacht und geschri 
worden war. Hier sind die literarisch-Eis 
schen Theorien in die Praxis umgesetzt, 
finden sich, auf einem genau festgelegten l 
gang (Husseys „Kunst des Reisens"), die k 
lierten Durchblicke und Überraschungen t 
Malerei und Literatur gehen in gemeinsc 
Bezug auf Vergils „Äneis" eine innige Ve 
dung ein. Kenneth Waodbridge hat nä 
nachgewiesen, daß die berühmteste engl 
Gartenansicht - der Blick über den See hi 
 
den blumenreichen Busen eines wohlgewässerten 
Tals, der seinen Schatz ausbreitete, tausend- 
farbige Blumen und die Rose noch ohne Dorn. 
An der anderen Seite sah man schattige Grotten 
und Keller mit kühlen Gemächern, über welche 
die Ranken des Weinstocks ihre Purpurtrauben 
ausbreiteten und mit geilen Schoßen langsam 
fortkriechen. Murmelnde Wasser fallen mittler- 
weile quer über die Hügel hinunter, verteilen 
sich in Bäche oder sammeln sich in einem großen 
See, welcher dem Gestade, das mit Myrten 
gekrönt ist, seinen Kristallspiegel vorhält'." Wal- 
pole spielt in dem genannten Essay sogar 
Milton gegen Claude Lorrain aus, der mit seinen 
idealisierten, lyrischen Landschaften das große 
Vorbild der englischen Gartenkunst war, wenn 
er schreibt, der Dichter habe in seiner Beschrei- 
bung von Eden ein wärmeres und zutreffenderes 
Bild des gegenwärtigen Stils gegeben, als Claude 
es von Stourhead gemalt haben könnte. Stour- 
head, im Südwesten Englands gelegen, ist ein 
Meisterwerk von europäischem Rang. Hier ist, 
wie C. Hussey in seinem 1927 erschienenen 
Traktat über das Pittoreske schreibt, die Ver- 
bindung aller Künste durch die bildhafte Einbe- 
ziehung der Natur so eng, daß „Poesie, Malerei, 
Gärtnerei, Architektur und Kunst des Reisens 
zu einer einzigen Kunst der Landschaft ver- 
schmolzen sindm." Ein Gesamtkunstwerk also. 
Der Park gehört zu einem abseits gelegenen, 
im Stil des Palladio erbauten Landhaus, das sich 
ein reicher Londoner Kaufmann und Bankier, 
Henry Hoare, erbauen ließ. Der Garten, den 
Hoare selbst anlegte (begonnen 1738), sollte 
ein Gegengewicht zur „Rationalität des Hauses" 
30 
Anmerkungen 9-11 
'Zil.]g14ac(h der Bodmerschen Übersetzung von 1742, Buch IV, 
p. . 
" Zit. nadi Kenneth Waodbrid e: Henry Hoare's Paradise, 
in: The Art Bulletin, Bd. Xl. ll, 1965, p. 97. Siehe auch 
Kenneth Waodbridge: The Stourhead Landscape, 1971. 
" Rayner Banham vertrat in einem Aufsatz im „New 
Statesman" vom 7. Dezember 1962 allerdings die Ansicht, 
doß die klaren Linien von Stßllflledd eher GUT Poussin 
als auf Claude LDrrain verweisen. Sie sind jedoch heute, 
durch eine umstrittene Bepflanzung in viktorianischer Zeit 
(vor allem mit Rhodadendren), etwas verwischt. 
 
zu einem dem römischen Pantheon nachem 
denen Gebäude am ienseitigen Ufer - 
Gemälde des Claude Lorrain „Küstenansich 
Delos mit Äneas" (heute in der Londoner h 
nol Gallery) entnommen wurde". Aus de 
Buch des „Äneis" stammt die Inschrift am gi 
überliegenden Tempel der Flora: „Proci 
pracul este profani." Wooclbridge geht in s 
Interpretation des Gartens so weit, eine Pan 
zwischen Vergils Epos, das die Gründung 
feiert, und der Etablierung von Haares Eo 
in Staurhead zu ziehen. 
Der Garten enthält noch mehr literarische 
spielungen, etwa in einem von Pope aus 
Lateinischen übersetzten Gedicht auf die l 
nennymphe der Grotte, und weitere antikisi 
de Elemente, wie den Tempel des Apollo 
der Statuen des Pantheon, die den Methodi 
begründer Jahn Wesley zu der mißbillige 
Feststellung veranlaßten, es würden hier 
nische Teufel gefeiert. Dabei lag dem Ga 
gründer sein Milton viel näher. An den N 
schrieb er, daß man in Stourhead, das s 
übrigen ein „Beispiel der Vollkommenheit" n 
auf den „zauberhaften Pfaden des Paradi- 
wandle. 
Trotzdem fällt Stourhead nicht unter das, 
Gartenhistoriker heute in engerem Sinn t 
„Paradiesgarten" nennen, nämlich den in 
natürlich schöne, das heißt von Menschen 
gestaltete Landschaft eingebetteten Park, in 
Pflanzen zusammengebracht sind, wie sie ll 
Natur nicht nebeneinander vorkommen. Hi 
beispiele sind die Waldgörten, die sich ar 
vom Golfstrom umspülten Süd- und West
	        

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