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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 152)

Wiltrud Topic- Mersmann 
Die Mitra 
„des heiligen Rupertus" 
im Salzburger Domschatz 
Für Franz Fuhrmann 
ln der Zeit vom 26'. März bis zum 5. Juni 1977 fand 
im Württembergischen Landesmuseum, Altes Schlaß 
Stuttgart, die bedeutsame Ausstellung „Die Zeit der 
Staufer - Geschichte, Kunst, Kultur" statt. Unter 
den Leihgaben aus Osterreich befand sich die im 
nachfolgenden Aufsatz behandelte Mitra das Salz- 
burger Dnmschatzes. 
Anmerkungen 1, 2 (Anm. 3 s. S. 10) 
lßesonderen Dank schulde ich Herrn Prälat Dr. J. Neu- 
hardt, der mich immer wieder freundlich unterstützt 
und beraten hat. Herrn Dr. Hahnl danke ich für seine 
Hilfsbereitsdioft und F. Wagner für die Beschaffung der 
Fotografien. 
Das Zitat über die Mitren von Sankt Peter nach UKT12,82. 
Die Literatur zu unserer Mitra wird in der Reihenfolge 
ihrer Entstehung zitiert: 
Cananikus Fr. Bock, Geschichte der liturgischen Gewän- 
der des Mittelalters, Bd. ll, Bann 1856, 175. 
B. weist auf die Verwandtschaft der mit Buchstaben ge- 
schmückten Borte mit Teilen der Krönungsinsignien hin. 
Er erwähnt die Borte der Schuhe und bestimmt beides 
als „Palernio". S. 175, Anm. 1,führt er an, daß die Mitra 
auf der Ausstellung von 1862 in Wien zu sehen war. 
Karl Lind, Die Mitra, Mitteilun en der k. u. k. Centr. 
komm. XII, 1967, 69. Er bildet au Tafel lV die Mitra nach 
einem sehr sorgfältig gezeichneten Holzschnitt ab. Vgl. 
auui Fig a. 
L. beschreibt die M. genau und zitiert die lnschriften 
S. 74. Er datiert sie ins 13. Jahrhundert. 
Die gleiche Holzschnittvorlage verwendete: 
Mariz Dreger, Künstlerisdie Entwicklung der Weberei und 
Stickerei, Wien 1904, T. B0. 
Hans Tietze und Franz Martin, UKT IX, Die kirchlichen 
Denkmale der Stadt Salzburg, Wien 1912, 55, und T. CIV. 
M Hartig, Der Domschatz, S. 149 f. in: Der Dom van 
Salzburg, 1628-1928. Er datiert (S. 158) ins 13. Jahrhun- 
dert und behauptet, daß die lnschriften wiederverwendet 
wurden. Die Verbindung mit dem hl. Rupertus erklärt er 
damit, daß die M. eine Rupertus-Slatue zierte. 
P. J. Braun hat mehrere Werke über die pantifikalen 
Gewänder geschrieben, in den späteren wird die Salz- 
burger M. erwähnt. 
B., die pontifikalen Gewänder des Abendlandes, Frei- 
burg 1898, Ergänzurigsheft ZU Stimmen aus Maria Laach. 
Drs. Liturgisdies Handlexikon, Regensburg 19241. 
Freiburg 1907, 46a. 
Drs. Handbuch der Paramentik, Freiburg 1912. 
Drs. Lilurgisdies Handlexikon, Regensburg 192V. 
Ausstellungskatalog, Der Dom zu Salzburg, 1959, Nr. 107a 
1938, Nr. 43, T. 8. Kieslinger behauptet, die M. sei 
aus den Resten eines kaiserlichen Krönungsiriantels im 
12. Jahrhunderts zusammengestellt. Kaiser Friedrich l. 
schenkte sie 1156 auf dem Reichstag von Regensburg. Die 
Insdirift (des Mantels] beziehe sich auf den Reichsadlerl 
Ausstellurigskotalog, Der Dorn zu Salzburg, 1959 Nr. 107a 
(F. Fuhrmann). 
Ausstellungskatalog Romanische Kunst in Österreich, 
Krems 1964, Nr. 174. Fillitz: „Offenbar Fragmente einer 
größeren Borte. Deutsch, 12. Jh. (2. Hälfte?)" 
Ausstellungskatalog Salzburgs Alte Sdiatzkommer, 1967, 
Nr. 5. Text fast wie in Krems. Fanones: Palermo. 
Katalog Dommuseum zu Salzburg, 1974, Nr. 2. Dara 
Heinz gibt erstmalig eine genauere Analyse: Stoff By- 
zanz(?) 11112. Jahrhundert Borten Palermo, 11. Jahr- 
hundert. Sie betont, daß die Borten in sich ab eschlossen 
sind, also für eine Mitra bestimmt. „Die exte . . . 
nehmen wohl auf die Spitzen (cornua) der Mitra bezug." 
Die M. sei nöchstverwaridt mit einer M. aus St. Peter 
in der Abegg-Stiftung. Sie sei früher zu datieren als die 
M. pretiosa (Nr. n). die sie „Ende 12. Jahrhundert" 
datiert. 
iDie Goldbarren sind sicher auf das Diadem zurückzu- 
führen. Die M. wurde 19a: in Wien restauriert. Der 
alle Zustand jst auf der Abbildung in der UKT zu er- 
ennen. 
im auizuuigei uuiiisuiuiz isi eine uer wenigen 
noch vorhandenen Mitren des 12. Jahrhunderts 
erholten. Sie gehört zu ienen Gegenständen, die 
von der Tradition mit dem heiligen Rupertus 
(um 700) in Verbindung gebracht werden. Dazu 
gehört das Rupertus-Kreuz aus Bischofshofen, 
der Rupertus-Kelch, eine Pilgerflasche, zwei Sto- 
len (alles im Salzburger Domschatz) sowie eine 
Kasel, die aus Sankt Peter in Salzburg nach 
Boston ins Museum gelangte. Keines dieserDenk- 
mäler stammt wirklich aus der Zeit des heiligen 
Rupertus. Doch verdanken sie der Verehrung 
als Reliquien des Heiligen vermutlich ihre Er- 
haltung bis zum heutigen Tage. Insbesondere 
bei den geistlichen Gewändern sind wohl nur 
diejenigen über die Jahrhunderte aufgehoben 
worden, nachdem sie verschlissen waren, die 
durch die Verbindung mit einem Heiligen be- 
sondere Verehrung genossen, denn auch bei 
ihnen spielte der Wandel des Geschmacks, die 
Mode, eine wichtige Rolle. Dafür zeugt z. B. 
eine Stelle im Inventar von 1462 von Sankt 
Peter, wo es sich um drei alte Mitren handelt 
(die heute noch erhalten sind): „ltem 3 Inful der 
Alt Vatter die man iczunder nicht nüzst, propter 
nastram superbiam, o nostra culpa". 
Die große Bedeutung der Rupertus-Mitra im 
Salzburger Domschatz beruht nicht nur auf ihrem 
Alter, sondern auf der Tatsache, daß ihre Gold- 
borte mit lnschriften geschmückt ist, die sich auf 
den Sinn der bischöflichen Mitra beziehen. Hie- 
für ist mir kein zweites Denkmal bekannt ge- 
wordenl. ' 
Die Gesamtform der 24,5 cm hohen und 30,5 cm 
breiten Mitra entspricht der niedrigen Farm an- 
derer früher Beispiele. Später wird die gotische 
Mitra immer steiler und immer reicher ge- 
schmückt sein. Auf weißer, byzantinischer (7.3), 
nur noch in kleinen Teilen erhaltener Seide 
(der Seidenstoff ist in sich mit kleinteiligen 
Sechsecken gemustert) ist unten, in circulo, eine 
7,8 cm breite Goldbarte aufgenäht, die die 
Stirne des Trägers - wie ein Diadem - feierlich 
erhöhteÄ Beide Hörner, „cornua", sind bis zur 
Spitze mit zwei ebenso breiten, senkrechten 
Stüdcen Goldborte, in titulo, geziert. Diese sind 
oben genau der Form der Spitze angepaßt. 
Die Borte ist sehr kunstvoll und sehr kostbar 
gearbeitet. Im Gegensatz zu den meisten viel 
jüngeren Paramenten leuchtet sie noch von strah- 
lendem Gold. Es ist das Verdienst von Dora 
Heinz, im Gegensatz zu den älteren Beschrei- 
bungen ausdrücklich darauf hingewiesen zu ha- 
ben (im Katalogtext des Dommuseumkataloges 
1974 [Anm. 1]), daß die Borte von Anfang an 
für eine Mitra bestimmt gewesen sein muß. Der 
Mittelstreifen der Borte ist nur in circulo mit 
einem Rautenmuster, Gold in Gold, verziert. Alle 
Teile, die lnschriften oder Bilder haben, d. h. 
beide Borten in titulo und die Bänder in cir- 
culo, haben kein Rautenmuster, sondern eine 
schräge Linienzeichnung im Goldgrund. Alles 
dies ist auf dem Holzschnitt des19.Jahrhunderts, 
der sich genau an das Original hält, klar zu 
erkennen. (MZK und Dreger, Anm. 1.) 
In titulo ist der vordere Mittelstreifen mit dem 
In titulo vorne:„EXAl.TABuntur CORNUA lUST!" 
SCORPIO, geschmückt, dem hinten das Zeichen 
des Dezember, DECEMBris CAPRICORnum, ent- 
spricht. Die lnschriften und die Trennungslinien 
lassen die Spitze frei - ein deutliches Zeichen 
dafür, daß die Borte für diesen Platz bestimmt 
war. Auch stehen die Buchstaben vorne in bei- 
den Zeilen auf der rechten Linie, während hinten 
beide Reihen auf der Mittellinie fußen. Beide 
lnschriften sind in sich geschlossen. 
In circulo beginnt die Inschrift hinten oben in 
der Mitte und endet unter ebendort. Auch die 
Borte beginnt, wie deutlich zu sehen ist, in der 
IYIIIKC TIIFITETI. Ute SCHUHE LUPIIUIE GUS KIUYETI, 
gleichmäßig großen Buchstaben wird von den 
Keittöden gebildet, die heute bräunlich aussehen, 
ursprünglich aber vielleich rot waren. 
Die lnschriften lauten in circulo „SUB UMBRA 
ALARUM TUARUM SPERABO DONEC 
TRANSEAT INIQUITAS". Psalm 56, 2, nach dem 
dieser Spruch zusammengezogen ist, heißt voll- 
ständig: 
Miserere mei, Deus, miserere mei 
quia ad te confugit anima mea, 
et in umbram alarum tuarum confugio, 
donec transeat calamitas. 
In titulo vorne: „EXALTABuntu CORNUA IUSTI" 
Psalm 74, 11 : 
Et omnia cornua impiorum confrigam; 
extolleiilur cornua iusti. 
In titulo hinten: 
DOMINUS CORNU SALUTIS MEaE 
Psalm 17, 3: 
Deus meus, rupes mea, in quam confugia 
clipeus meus, cornu salutis meae, 
praesidium meum. 
Aus der Gegenüberstellung von Psalmtext und 
genau nach dem zur Verfügung stehenden Platz 
wurde die Inschrift bestimmt. Aus dem Schrift- 
text hat er die Stellen zusammengezogen, die ihm 
für die Mitra wichtig erschienen. In titulo ist das 
wichtigste Wort „carnua". Zwei Psalmstellen 
sind für die Heilsbedeutung der Hörner herange- 
zogen. In circulo werden sie mit Flügeln ver- 
glichen, in deren Schatten der Träger das Ende 
des Bösen herbeihoffen kann. Diese lnschriften 
ergeben überhaupt nur im Zusammenhang mit 
der Form der Mitra einen Sinn. 
Die Bänder der Mitra (Fanones) sind 6,5 crn breit. 
Sie haben farbige Kreismedaillons (rot, grün und 
violett, wenn auch stark verblaßt) mit allerhand 
Fabeltieren und Meeriungfrauen in ihrem als 
stilisierte Ranke gebildeten Mittelstreifen. Die 
schmalen Ränder der Fanones sind ebenfalls mit 
Tierchen und Pflanzenmotiven (Weinstock) ge- 
schmückt. Die abschließenden, ehemals roten 
Seidenfransen sind überhaupt nur auf einer Seite 
etwas besser erhalten. Dieses Band ist sichtlich 
für den bestimmten Zweck abgeschnittene 
„Meterwore". Der viel mattere Goldglanz und 
die Farben (sogar der Trennungslinien) unter- 
scheiden es ganz deutlich von der breiteren 
Borte der Mitra oben. 
Zur Geschichte der Mitra. 
Um die Bedeutung der Rupertus-Mitra zu er- 
kennen, muß ein Abschnitt über die frühe Ge- 
schichte der bischäflichen Kopfbedeckung fol- 
genä 
Schon bei den älteren Historikern des 17. Jahr- 
hunderts waren die Anfänge der Geschichte der 
Mitra umstritten. Das muß uns hier weniger küm- 
mern als die Erkenntnis der grundsätzlichen 
Schwierigkeiten, die solchen Forschungen im 
Wege stehen. Je nach Ort und Zeit gab es zu- 
nächst zweifellos große Unterschiede. Auch die 
verschiedenen Bezeichnungen sind keineswegs in 
ihrer Bedeutung klar umrissen. Pileus, 
camelaukion, corono, Iamino aurea, mitra phry- 
gium: wir wissen nicht, wie sie im einzelnen in 
den verschiedenen Epochen und bei den verschie- 
denen Schriftstellern vorzustellen sind. (Hierzu 
Schramm I, Anm. 3, S. 54 f.) 
In der Bibel fanden die Christen zwei sich wider- 
sprechende Anweisungen. Im 2. und 3. Buch 
Mosis wird die Kleidung Aarons und seiner 
Nachfolger im Priesteramt recht genau beschrie- 
ben. (Exodus 28,39. 29,6+9. 39,26 Leviticus 8,13.) 
Weiter heißt es im Buche Siradi (Eccli 45,14) 
„Corana aurea super mitram eius expressa signo 
sanctitatis, et gloria honoris". Freilich wissen wir 
nicht genau, wie das ausgesehen hat. (Anm. 4.) 
9
	        

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