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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 152)

zu Falten zusammenschiebt, spannt sich in Seeon 
durch das Nach-unten-Blickendie Haut über der 
Nasenwurzet, und es entstehen M-förmige Stege 
zwischen den Augenbrauen. Der Mantel ist über 
den Kopf geschlagen. Beide Male legt er sich 
geschmeidig um den Schädel und rahmt ihn ein, 
der Rand biegt sich oben um,und die linke Hand 
schiebt sich aus dem um den Unterarm ge- 
schlungenen Stoff. Die Augen haben in Prag 
nicht die kreisrund umrandeten Pupillen. Diese 
Augenfarm ist die Eigenart des Meisters des 
Aribo-Steines. 
Eine ungewöhnliche Bartbehandlung fällt bei 
dem mittleren linken Propheten auf. Keine sich 
einrollenden Locken, sondern schuppenartig 
übereinanderliegende Strähnen ziehen sich um 
Backen und Kinn. Der rechte mittlere Prophet ist 
bartlos. Der jugendliche Typ zeichnet sich durch 
markant ausgeprägte Kinnbacken aus. 
Ähnlich wie auf dem Rahmen der Madonna 
Aracoeli der Prophet links unten seinen Kopf 
weit in den Nacken wirft um hochzublicken, hat 
der in Seeon sich links unten befindende Prophet 
seinen Körper gedreht. Die langen, abstehen- 
den Haarsträhnen mit ihren Einrollungen am 
Ende finden sich in ähnlicher. Weise bei dem 
König Kaspar auf einer um 1385 entstandenen 
Wandmalerei in der Minoritenkirche zu Bruck 
a. d. Mur, dessen künstlerische Herkunft die böh- 
mische Malerei am Hofe Karls lV. ist". Der 
schräg gestellte Kopf, der wie ausgeleiert auf 
dem Rumpf sitzt - ein Moment, das man für eine 
Erfindung des Bildhauers zur Gestaltung der 
rechten unteren Ecke halten möchte - findet sich 
auch in der böhmischen Kunst. Der dritte Heilige 
der oberen Reihe des sog. Panel of Dubecek, 
eines tschechischen Meisters um 1400 in der Pra- 
ger Nationalgalerie, weist die gleiche, hier selt- 
sam unmotivierte Kopfhaltung auf". 
Es wäre vorstellbar, daß dem Meister der Aribo- 
Platte ein Musterbuch zur Verfügung stand, das 
es ihm ermöglichte, die Verschiedenheit der 
Physiognomien und der Haar- und Barttrachten 
auszuführen. Das einzige Musterbuch dieser Zeit, 
das sich erhalten hat - es wird im Wiener Kunst- 
historischen Museum" aufbewahrt -, beweist, 
wie viele Vorzeichnungen zur Auswahl gestan- 
den haben könnten. Die kleinen, scharf blicken- 
den Augen des Propheten auf dem Aribo-Stein 
rechts unten sind vergleichbar den Augen auf 
einem Täfelchen des Wiener Musterbuches". 
Die schneckenförmig sich einrollenden Locken 
kann man ebenfalls mit einer Zeichnung in Ver- 
bindung bringen. Die böhmische Federzeichnung 
eines Johanneshauptes aus dem ersten Jahrzehnt 
des 15. Jahrhunderts in der Bayerischen Staats- 
bibliothek München" läßt die gleiche plastische 
Gestaltung der schneckenförmigen Locken erken- 
nen. Mit Recht wurde vermutet, daß diese Art 
der das Gesicht einfassenden Lockenpracht auf 
Modellbücher zurückgeht, die landschaftlich nicht 
gebunden waren. Wenn die Münchner Johannis- 
hauptzeichnung tatsächlich um 1410 in Salzburg 
entstanden ist, wird im Zusammenhang mit den 
Propheten des Aribo-Steines das Vermittelnde der 
Kunst Salzburgs erneut bestätigt. Bekanntlich ist 
ia die Sepulkralplastik des Salzburger Domes, 
der man die Vermittlerrolle der Parlerschen 
Grabplastik des Prager Veitsdomes zuschreibt", 
beinahe völlig zugrunde gegangen. 
Einen „Beweis für die initialen Kräfte, die Böh- 
men vor 1400 weithin ausgestrahlt" hat, sieht 
Theodor Müller in einer hölzernen Christopho- 
rusfigur aus der Zeit um 1400 des M. H. de Young 
Memorial Museums in San Francisco (California). 
Am vergleichbarsten erscheinen ihm die „ebenso 
wildbewegten Figuratiorien der Salzburger Rot- 
mormorgrabsteine des Hans Heider"? An den 
Prophetenfiguren des Aribo-Steines wird iene 
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„Verbindung linearer Signaturen mit einer gera- 
dezu barock anmutenden Aufwollung weicher 
Modellierungen" deutlich, die ein „individuelles 
Merkmal der Auswirkungen der Junker von 
Prag' auf andere Kunst" ist". Daß der Meister 
der Aribo-Tumba in direkter Nachfolge der Parler 
steht, erfährt mit den Prophetenfiguren die noch- 
holtigste Bestätigung. 
Das Seeoner Aribo-Grabmal ist die einzige er- 
haltene Rotmarmortumba, deren vier Seiten- 
wände mit Wappen geschmückt sind. Die Wände 
sind in Arkadennischen gegliedert. In ihnen be- 
finden sich die Wappen und an der Längsseite 
die Figur des Abtes Simon Farcher. Eine Verbin- 
dung zu den Prager Tumben, bei denen die Wap- 
pen monumental auf den Ieeren Wänden befe- 
stigt sind, besteht nicht. Als Wappenhalter fun- 
gieren in Seeon acht Engel. Die Vorliebe des 
Meisters für das Physiognomische tritt auch hier 
zutage. So wie er bei den SECltS Propheten sechs 
verschiedene Typen dargestellt hat, so weist auch 
ieder Engel ein anderes Mienenspiel auf. Beson- 
ders bemerkenswert ist der Engel neben dem 
Pfälzer Wappen, der mit weit geöffnetem Mund 
 
10 Ehem. Klosterkirche Seeon. Grabmal des Pfalz- 
grafen Aribo. Engelskopf 
Anmerkun en 19-34 
"Ulrich O erbauer, Die Kreuzigung von Utsch. Zur Ein- 
ordnung eines gotischen Wandgemäldes. In: Jahrbuch des 
Kunsthistorischen Institutes der Universität Graz 2 (1966! 
67), Abb. 7. 
1' Uineni XXIV, 5 (1976),'S. 439, Abb. 4. 
"Julius von Sdilosser, Vademecum eines fahrenden Ge- 
sellen. Zur Kenntnis der künstlerischen Überlieferung im 
späten Mittelalter. In: Jahrbuch der Kunsthistorisctien 
Sammlungen des Allerhöctisten Kaiserhauses. 1902. S. 
314 ff. - R. W. Scheller, A Survey of Medieval Model 
Baoks, Haarlem 1963. S. 125. 
11 Zoroslava Drübttä, Die gotische Zeichnung in Böhmen. 
Prag 1956. Abb. 72 rechts unten. 
"Leonie von Wildrens, Sallburger Budimalerei um 1400. 
In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürn- 
berg 1974. S. 34. 
7' gheagdor Müller, Alte Bayrische Bildhauer. München 1950. 
"Theodor Müller, Eine Christophorusfi ur um 1400 und 
ihre Beziehungen zu Böhmen. In: S ornlk Narodniha 
Muzea v Praze. 167, Nr. 415. S, 277, Tat. XX. 
1' Ebenda, S. 276. 
"Herbert Weiermann, Heimatbuch des Landkreises Traun- 
äteiähllß, Kunstgesdiiditlidie Denkmäler. Trastberg 1970. 
1' Thieme-Becker, Bd. 73, S. 2M, „Hans Heider". 
"Joachim Sighart, Geschichte der bildenden Künste im 
Königreich Bayern. München 1863. S. 498, 
"Thieme-Becker, Bd. 23, s. zu, „Hans Heider". 
"Berthold Riehl, Bayerns Donautal. München u. 
1912, s. 1:12. 
H Halm, Studien, S. e. 
"Wilhelm Finder, Die Kunst der ersten Bürgerxeit. Leipzig 
1937. S. 188. 
"gheytälar Müller, Zur monumentalen Salzburger Plastik, 
Leipzig 
lacht. Man kann H. Weiermanns Ansicht 
die Wände der Tumba nicht vom gleicher 
ster wie die Deckenplatte stammen, in: 
zustimmen, als die Abtsfigur „mit der drr 
schen Vartragsweise des Aribo"" nichts g 
hat. Die Lebhaftigkeit der Engelsköpfe ents 
aber durchaus der Gestaltungsweise des 
sters der Deckplatte. Man vergleiche aur 
Form von Stirn, Haaransatz, Augen und 
mit dem Engel an der oberen Schmalseit 
Deckplatte. 
Eine Lokalisierung der Werkstatt des Aribo- 
malmeisters ist bis heute nicht möglich. l 
sich allgemein die Meinung durchgesetzt", 
burg sei das Zentrum der Grabmalplasti 
nicht der Chiemgau, wo sich ein Großte 
Grabplatten erhalten hat. Für Seeon ist dlt 
bindung zu Salzburg gegeben. 
Seit der Name Hans Heider für den Meist: 
Aribo-Tumba 1863 von J. Sighart" eing 
wurde, wurde er immer wieder übernomme 
wohl er heute urkundlich nicht mehr bel 
ist. Solange die Existenz eines Bildhauers 
Heider nicht widerlegt ist, soll der Name I 
halten werden. In Süddeutschland gab e 
Namen Heider, Hayden, Holder, Holde 
15. Jahrhundert häufig. Träger dieser N 
waren Bildhauer und Bildschnitzer". Mögl 
weise handelte es sich um eine weitverzv 
Bildhauerfamilie. B. Riehl", Ph. Halm", Vlt 
der" und Th. Müller" haben mit dem N 
den Bildhauer der Aribo-Tumba verbunde 
Sicherheit kann man noch von einigen an 
Rotmarmorgrabsteinen feststellen, daß sii 
der Werkstatt Heiders stammen. Es sind 
Simon Farcher (gest. 1412), Seeon, Pfarrl- 
Erasmus Laiming (gest. 1416), Seeon, Kreuz 
Oswald Törringer (gest. 1418), Baumburg, 
stei der Klosterkirche, Thomas Trenbeck, 
tiert, Haslach, Turmhalle der Pfarrkirche. 
diese Steine sind mit dem Aribo-Stein dufcl 
stische Merkmale verwandt. 
Heider verband eine streng l'neare Stilisi 
der Binnenform mit einer minutiösen Behan 
der Details. Er bevorzugte die Wirkung de 
zelheiten und vermehrte das ikanogropl 
Programm. Ebenso legte er bei der Konze 
des plastischen Volumens weniger Wert au 
ganzen Körper als auf seine Einzelteile. 
aus „Körpermasse" bestehen seine Gest 
sondern aus „Körpergliedern". Unterschnc 
gen, verschattende Aushöhlungen und ei 
verstreute Glanzlichter zeichnen seine V 
aus. Eine Besonderheit, ia geradezu eint 
Handschrift Heiders, ist die Augenbeham 
Die Pupillen der Löwen und Adler sind mit 
leuchtend roten Glasmasse gefüllt. 
Das Charakteristikum Heiderscher Werke, ' 
tionelles zu übernehmen und mit Detailw 
gen zu bereichern, hat zu unterschiedliche 
urteilungen seiner Stellung im Ablauf de: 
schichte der Sepulkralplastik geführt. l'll 
Kunst hat ihre Voraussetzung in der Plasti 
Parler. Den Ort, aus dem er kam, kenne 
ebensowenig wie die Orte, die vermittelni 
wirkt haben - Salzburg ausgenommen. 
Fähigkeit aber, das Überkommene in vollen 
Weise dem Auftrag „Sepulkralplastik" nu 
zu machen und dabei den rot-weiß gesche 
Werkstein oft bis an die Grenze des noch 
lichen einzusetzen, haben seine Werke zum 
gangspunkt der Salzburger Rotmarmorp 
des frühen 15. Jahrhunderts werden lassen. 
U Anschrift des Autors.- 
Dr. Vincent Mayr 
Bayerisches Landesamt für 
Denkmalpflege 
Pfisterstraße 1 
D-8000 München 22
	        

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