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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 153)

Angelica Bäumer 
„Wir sind Söhne der Erde" 
Zum Tode von 
Eduard Bäumer 
Angelica Bäumer 
„Wir sind Söhne der Erde" 
Zum Tode von 
Eduard Bäumer 
Aus dem Kunstbetrieb hat sich Eduard Bäumer 
ein Leben lang herausgehalten. Er empfand 
sich als Maler, als Handwerker der Kunst, und 
diese Einstellung machte es ihm unmöglich, seine 
Kunst auch als Ware zu betrachten. So ist seine 
künstlerische Persönlichkeit durch wenige 
Ausstellungen in den frühen Jahren nur einigen 
Kunstinteressierten und Kennern bekannt ge- 
worden. Erst in den letzten Jahren sah sich 
Bäumer veranlaßt, sein Lebenswerk in Ausstel- 
lungen zu präsentieren. So fanden in Wien, 
Rom, Salzburg und FrankfurtlM. große Ausstel- 
lungen statt, die auf ein gewaltiges Werk auf- 
merksam machten, das im Verborgenen, im 
Zurückgezogenen geschaffen worden war. 
Eduard Bäumer wurde am 13. Mai 1892 in 
Castellaun im Hunsrück geboren, wuchs aber 
von Kindheit an in Frankfurt am Main auf. 
Früh verwaist, kam er in die Obhut des Frank- 
furter Waisenhauses und wurde von dort, in 
seinem Bestreben Maler zu werden, sehr früh 
schon gefördert. Als Dekorationsmalerlehrling 
begann Bäumer sich in Abendkursen der Kunst- 
gewerbeschule künstlerisch zu bilden, und nach 
abgeschlossener Gesellenprüfung erhielt er ein 
Stipendium für das berühmte Städel, das Kunst- 
institut von Frankfurt. Der erste Weltkrieg unter- 
brach das Studium, das Bäumer 1919 als Meister- 
schüler am Stddel wieder aufnahm. 1924 unter- 
nahm der Maler die erste große Reise nach 
Italien. „Es war mein erster langer Aufenthalt 
in Italien. Über Florenz, Padua, Arezzo, was 
für mich hieß Fra Angelico, Giotto, Piero della 
Francesca, kam ich nach Rom. - Unvorherge- 
sehen kamen wir, meine Frau und zwei Maler- 
freunde, in die Berge, in die Abruzzen, und 
erlebten nicht-Kunst, sondern Natur, urtümliche 
elementare Natur und Menschen. Elfhundert Me- 
ter hoch in großer weiter Umwelt. Jenseits aller 
Zivilisation. Hartes Leben in jahrhundertealten 
Formen, für uns noch nie gesehen schön. Der 
Maler Ludwig Richter war einmal dort, als 
man es ein Räubernest nannte: Cervara di 
Roma! - ,Wir sind Söhne der Erde, verknüpft 
mit den Böumen und mit den Felsen', sagt 
Plato. Felsen wurden auch für mich ein Element." 
Dieses Naturerlebnis wurde für Bäumer zum 
elementaren Mittelpunkt seines Schaffens. Vom 
Kubismus angeregt, aber immer vor der Natur 
malend, fand der Maler eine großzügige maleri- 
sche Formulierung für die Landschaft und die 
Bergdörfer der Abruzzen. Überraschenderweise 
verließ er zwar in den dreißiger und vierziger 
Jahren diesen Weg, weil er die Bedeutung die- 
ser Bilder nicht erkannte. Später schrieb er: 
„Wenn mir jemand gesagt hätte, wie außer- 
gewöhnlich meine Arbeiten von Cervara 1924 
waren. Ich selbst sah es nicht." Aber er fand 
zu diesem Ausgangspunkt zurück in einer viel 
weiter entwickelten künstlerischen Sprache, in 
den späten fünfziger Jahren bis an sein Lebens- 
ende, als er in Tropea und Kalabrien eine späte, 
aber unendlich fruchtbare künstlerische Heimat 
fand. 
„Die Natur ist mein Partner - und was für ein 
gewaltiger - und ich wie klein." Dieses Be- 
kenntnis zu den Quellen seiner schöpferischen 
Kraft war es auch, das ihn zeitlebens in die 
Natur führte, die ihm Anregung und Ausgangs- 
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punkt für seine Malerei war. Obwohl er 1963 an 
einen Schüler schrieb: „Landschaften malen ist 
eigentlich nicht, was ich will. Zum Teil ist es 
Phantasielosigkeit bei mir, aber dann auch die 
Sehnsucht, großräumig zu leben. Himmel und 
Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit - einen 
Hauch davon finden, das wäre dann nicht mehr 
Landschaft, sondern alles in allem." 
Bäumers Lebensweise und Arbeitsmethode führten 
ihn immer wieder in die Ferne, wo er s i c h zu 
finden suchte. Aber alle Suche war bei ihm 
auf das Malen gerichtet, war von dem Wunsch 
geleitet, das mitzuteilen, was er als wichtig 
empfand. „Wenn wir etwas tun wollen, bemühen 
uns darum und es mißlingt uns, dann haben 
wir damit doch auch ein Stück Weg zurückge- 
Iegt", schreibt Bäumer 1957, und 1958: „Manch- 
mal glaube ich, man könnte gut dazu kommen, 
alle Menschen zu lieben. Aber vielleicht besser 
noch, wenige lieben und die Liebeskraft in 
ein Werk stecken. Gewiß muß man dazu egoi- 
stisch sein, aber um seine Flamme rein zu halten." 
1967 schreibt der Maler: „Will ja nicht lange le- 
ben, bin nur neugierig, ob ich in der Arbeit 
noch etwas entwickeln kann. Manchmal glaube 
ich, das Malen wäre eine Möglichkeit, der Un- 
schuld und Reinheit näher zu kommen. Und so 
müßte schließlich Leben und Sterben gleich sein." 
Eduard Bäumer sprach oft davon, daß sein 
Leben ein Leben des kleinen Glücks gewesen 
sei und ein Leben der schönen, aber flüchtigen 
Begegnungen. Dieses „flüchtig" bezog sich aber 
mehr auf seine Zeitgenossen, denn die Begegnun- 
gen, die sein Leben bestimmten, waren diejenigen 
mit der Natur und diejenigen mit der „Familie 
der Maler", die er, mit Levy-Strauss, als einen 
Orden der Maler sah, als eine Art Welt für sich. 
Und diese Begegnungen waren nicht flüchtig, 
sondern begannen in seiner Kindheit im Huns- 
rück und endeten mit seinem Tod. Die Städelsche 
Kunstsammlung vermittelte den ersten großen 
Eindruck von der Malerei, besonders ein van 
Gogh (Doktor Gachet), ein „rosa" Gauguin und 
ein kleines Landschaftsbild von Cezanne beweg- 
ten den jungen Maler tief. Damals, 1919, notierte 
er: „Kunst ist Leben, reich, vielgestaltig und voll 
immer neuer Möglichkeiten wie das Leben selbst. 
Nur das ist Kunst, was Leben ist, was aus dem Ur- 
quell des Lebens quillt als eine der vielen Offen- 
barungen desselben, als ,Wort Gottes'. Nicht als 
ob es nur so sein könnte, daß das Werk aus dem 
Menschen fließt wie ohne sein Zutun, ohne Ge- 
dachtes, Mühe und Arbeit. Es kann so und so 
sein, es gibt Arbeiter und Sanntagskinder, Den- 
ker und Lebemenschen, das gibt die Form, doch 
die ist wertlos ohne Kern, der aus dem Leben 
kommt. Dieser Kern ist die Gestaltungskraft." 
1924 begegnete Bäumer in Italien den alten Mei- 
stern und der großartigen Architektur. 1930 und 
1931 lebte er in Paris. Hier erfuhr er, was ihn 
in Frankfurt schon berührt hatte, die Begegnung 
mit der Kunst der neuen Zeit: Picasso, Braque, 
Leger, Derain, Matisse und Bonnard, aber auch 
Rouault, den er zeitlebens tief verehrte: „Er be- 
geistert mich unaussprechlich, und demütig fühle 
ich mich trotzdem brüderlich, oder eher wie ein 
wenig starker Sohn." (1967). In Paris - das 
er später gerne sein Paradies nannte - war 
Schauen wichtiger als Malen, so daß hier 
eine Reihe von Bildern entstand, die zeigten, 
daß Bäumer sich stets mit wachen Sinnen den 
Eindrücken und Anregungen hinzugeben ver- 
stand. Durch seine Liebe zu Frankreich und 
Italien blieb ihm der deutsche Expressionismus 
fern, den Meistern des Bauhauses allerdings, vor 
allem Kandinsky, Klee, Schlemmer und ltten, 
deren Schule in Berlin er in den Jahren 1927 und 
1928 besucht hatte, fühle er sich geistig verbun- 
den auf der Suche nach neuen Formen. 
1933 emigrierte Bäumer nach Salzburg, v 
Deutschland „entartete Kunst" genannt x 
was er liebte. Salzburg brachte nicht sc 
Eindrücke der neuen Zeit, als die Bege- 
mit den Romontikern und den Nazarener 
den Maler zu einigen altmeisterlich gemaltt 
dern und Zeichnungen anregten. 
In den dreißiger und vierziger Jahren 
Bäumer sehr viele Landschaften und Bl 
bilder, locker und duftig, heiter und 
schwert, aber mit dem ganzen Ernst des 
lers. Die Kriegsjahre brachten - wie 
Menschen - Not und Schwierigkeiten, ab 
sötzlich noch politische Verfolgung mit 
und Ausstellungsverbot und Zwangsarbei 
mals schrieb er an einen Freund: „Du I 
Sorge um uns, und ein wenig ist es au: 
rechtigt. Die Plagen und Drohungen sind 
weiter angewachsen, aber wenn wir auch n 
mal müde und verzagt sind, ist es dot 
jetzt irgendwie gegangen und wir hoffe 
vertrauen weiter, daß wir durch diese i 
Gasse kommen. 
Was mich, wenn auch mühsam, aufrecht t 
ist der Glaube, daß einem kein Stein zufä 
den Weg geworfen wird und daß es im 
letzten Endes nicht auf äußere Erfolge ank 
so schön sie auch sind. Denn wenn es so 
wären fast alle, die wir lieben und bewu 
Gescheiterte. Und doch wäre das Leben 
zu ertragen, wenn wir nicht hoffen könntet 
es uns noch einmal eine Erfüllung dessen l 
was in uns angelegt ist. Das ist ein Widers 
und ich denke, man soll ihn ruhig stehen l 
In einem höheren Sinn gibt es sicher 
Auflösung dafür." Trotz aller Probleme e 
tieller Art malte Bäumer Aquarelle und F 
bilder in einer Art, daß Michael Guttenbi 
1944 über ihn schrieb: „Böumers künstle 
Bestrebungen sind ganz auf das erfre 
Schöne gerichtet, er zeichnet und malt 
Hößliches, er ist ganz ohne Literatur i 
Malerei, und dennoch nie langweilig. Wa 
bei seinen Sachen ergreift, ist eben das jl 
Iich Reine, das noch von keiner inneren Q1. 
streifte Höhenwesen der Poesie. Dabei 
er Grund genug, um in zerreißenden, zerqx 
ten Figuren seine Brust zu entladen, de 
kann sich nur kümmerlich fortbringen, 
schwere Sorgen lasten auf ihm." Eine 
stellung 1942 in Wien war es, die einige 
interessierte auf Bäumer aufmerksam v 
ließ, und dieses Interesse, vor allem der f 
soren Fellerer und Haerdtl von der Aka 
für angewandte Kunst in Wien, führte 
dem Krieg, 1948, zu einer Berufung an 
Institut, an dem man ihm die Meister 
für Malerei übertrug. Die Lehrtätigkeit 
Bäumer voll in Anspruch. Er nahm sie sehr 
und die eigene Malerei trat für diese 
stark in den Hintergrund zum großen Kt 
des Malers, aber er sah sich außerstande 
so wichtige Aufgaben nebeneinander z 
wältigen. 
Im Unterricht folgte er nicht einem s 
Lehrplan oder einem vorgefaßten Konze; 
man Malen lehren und lernen kann. Eir 
motiv seiner Tätigkeit war das Goethe-Wo 
Was ist das schwerste von allem? 
Was uns das leichteste dünkt - 
das mit den Augen zu schauen, 
was vor den Augen uns liegt." 
„Sehen lernen" hatte allerdings eine pral 
und metaphysische Bedeutung, denn au: 
Meister-Eckhart-Wort: „Wer das schauen- 
ben besitzen soll, muß ein unbekümmert 
haben, eine ungehinderte einsame Stät 
Schweigen seine Lauterkeit wahren", war
	        

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