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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 154 und 155)

 
Rubens Doppelfunktion als Diplomat und Maler 
in den Diensten der großen Herren verschafft 
ihm die Möglichkeit, sich aktuell und aus intimer 
Kenntnis der politischen Situation bildlich auszu- 
drücken. Sowohl in seiner Diplomatie wie in 
seiner politischen Malerei nehmen Friedensbe- 
mühungen bzw. Friedensallegorien einen zen- 
trolen Platz ein, wobei Rubens in beiden Gat- 
tungen - in seinen Briefen wie in den Gemälden 
- zunehmend in den dreißiger Jahren fast nur 
mehr düsteren Pessimismus äußert". Rubens kon- 
zipierte diese Komposition, die es in fünf wenig 
voneinander abweichenden Versionen gibt, 
wahrscheinlich um 1630 im Zusammenhang der 
durch die politischen Umstände in Frankreich 
dann doch nicht vollendeten Heinrichs-Galerie 
im Palais du Luxembaurg. In komplizierter Ver- 
schränkung der Realitätsebenen - die als wirk- 
lich vorgestellte sitzende Personifikation der 
Wachsamkeit und der Jupiter-Adler ergänzen 
und erklären die auf einem Bildtrciiger befestigte 
eigentliche allegorische Szene - kann ihr Sinn et- 
wa so zusammengefaßt werden: Obwohl woch- 
sam und bereit, seine militärischen Möglichkeiten 
zu nutzen, ergreift der Herrscher aus Klug- 
heit die Gelegenheit beim Schopf, um Frieden 
zu schließen. Die Allegorie nimmt einerseits 
ihre Bildgegenstände in einer - für modernes 
Empfinden - fast platten Weise beim Wort 
(der Held nimmt die Stirnlocke der am Hinter- 
haupt kahlen Occasia: nur von vorne kann 
die Gelegenheit ergriffen werden, ist sie vor- 
beigegangen, ist sie auch schon .nicht mehr 
zu fassen), auf der anderen Seite verlangt sie - 
und verlangte auch damals - erhebliche Kennt- 
nisse in antiker Mythologie und Übung in em- 
blematischer Sprechweise. Der intellektuelle Reiz, 
Sprachbilder in Bildern reden zu lassen, sich auf 
verschiedenen Realitätsebenen zu bewegen, die 
sozusagen verdeckte Rede, in der manches an- 
gedeutet werden konnte, ohne daß man es 
plan-aussprach, all dies war den Humanisten 
des 16. und 17. Jahrhunderts, war Rubens teuer - 
und vergnügt auch heute noch die lkonologen. 
Diesem gleichsam hochoffiziellen, politischen, auf 
die Verfassung der Welt wirkenden Aspekt 
von Rubens Kunst seien zum Schluß zwei Bilder 
gegenübergestellt, die zu seinen persönlichsten 
Äußerungen gehören: die sogenannten „Vier 
Weltteile" (Abb. l) und die „Gewitterland- 
schaft mit Philemon und Baucis" (Abb. 4). 
Auch hier wird Welt dargestellt, jedoch abge- 
hoben von Realität und Wirkungen, zwar von 
Natur gesättigt, aber in allegorischer und mytho- 
logischer Überhöhung, in eine ideale, längst 
vergangene Welt versetzt, die Rubens in seinem 
Traktat von der Nachahmung antiker Skulp- 
turen sehnsüchtig heraufbeschwor". Die'Gewit- 
terlandschaft, obwohl wahrscheinlich schon An- 
fang der zwanziger Jahre entstanden", befand 
sich wie viele seiner Landschaften in Rubens" 
Nachlaß und wurde von Erzherzog Leopold 
Wilhelm angekauft. Sie gehört - sicher als ihr 
bedeutendstes Stück - zu einer Gattung von 
Landschaften bei Rubens, „in denen elementari- 
sches Naturgeschehen dramatisch-Visionär the- 
matisiert ist". Trotz der mythologischen Staffage 
- in einem zweiten Arbeitsgang hinzugefügt -, 
die die Schilderung einer in der Sintflut ver- 
sinkenden Welt legitimiert, lesbar macht, bleibt 
der „Protagonist des Dramas... die substan- 
tivierte, in ihrer höchsten Aktivität gefaßte Na- 
tur in ihrem größten menschlichen Aspekt, dem 
der Zerstörungm. 
Z Anschrift der Autoren: 
Dr. Wolfgang ProhaskolDr. Karl Schütz 
Gemäldegalerie des 
Kunsthistorischen Museums 
Burgring 5,1010 Wien 
11
	        

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