MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 154 und 155)

Gerhard Kaiser 
Bilder des Massakers - 
massakrierte Bilder 
Anläßlich einer Ausstellung der 
„Equipo Cronica"? 
In der „Equipe Cronica" sind die Maler Manuel Valdes und Rafael Selbes vereinigt. 34 und 36 Jah 
geboren in Valencia, arbeiten sie dan seit 1964 zusammen. „Equipa" (: Gruppe) heißt, daß alle Bilde 
lektiv gemalt werden. „Cmnica" meint: die Gruppe definiert ihre Arbeit als die von Chronisten ihrer Z 
der Bundesrepublik isl die „Equipe Cronica"seit 1970 bekannt, als sie auf der Ausstellung ,. Kunst un 
litik" (Karlsruhe, Frankfurt, Wuppertal, Basel) mit mehreren elndrueksvullen Bildern vertreten war, in 
die „Wiederhelebung" von Picassas„Guernica" versucht wurde. 1977 finden speziell dieser Gruppe g 
mete Ausstellungen in Berlin ( Galerie Poll), beim Frankfurter Kunstverein und beim Badischen K uns: 
in Karlsruhe statt. 
Zwei spanische Maler der Gegenwart mit ihren 
Bildern eines Massakersstehen am Ende eineriko- 
nographischen Reihe, die 1814 in einem Gemäl- 
de eines anderen Spaniers beginnt. Es ist Goyas 
„Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 
in Madrid". Goyas Bild ist bestimmt durch Ge- 
gensätze: Nacht und blendendes Licht; bewegte 
Stadtsilhouette im Hintergrund und gestaltlase 
Masse eines kahlen Hügels im Mittelgrund; men- 
schenleere obere Bildhälfte und mit Menschen 
vollgestopfte untere Bildhälfte; individualisiertes 
expressives Gebärden- und Mienenspiel bei den 
Opfern und brutale Monotonie in Haltung und 
Uniformierung des Erschießungspelatons, dessen 
Schützen, mit dem Rücken halb zum Betrachter 
gewendet, gesichtslos und durch die hohen Mili- 
tärmützen kopflos, infolge der Mäntel und des 
Marschgepädc um ihre menschliche Gestalt ge- 
bracht sind; bestimmt schließlich durch den Ge- 
gensofz der großen Hände der Wehrlosen und 
der quer durch das Bild starrenden, auch die 
folgenden Gefangenen gleichsam schon durch- 
schneidenden Gewehre des Erschießungskom- 
mandas. Das Bild verfestigt blitzhaft den Vor- 
gang einer reihenweisen Abschlachtung - ver- 
gegenwärtigt in den Gruppen der Toten, der 
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noch stehenden Exekutierten und dem langen 
Zug der zum Tod Bestimmten. Es wird fast 
gesprengt in diesem Akt des Stillstellens von 
Bewegung: farblich durch das aus dem Dunkel 
herausbrechende Weiß des Hemdes der knieen- 
den Hauptfigur, in den Konturen durch die Ho- 
rizontlinie des Hügels, den Querschnitt der Ge- 
wehrlöufe, die in die Bildecken weisenden auf- 
geworfenen Arme der Hauptfigur, der spiegel- 
bildlich der im Vordergrund liegende Erschosse- 
ne mit seiner Armhaltung entspricht. 
Goyas Bildaufbau klingt an in einem Gemälde 
des deutschen Historienmalers F. Lützow, der eine 
Episode der Erhebungen gegen Napaleon in 
Deutschland darstellt wie Goya als Zeitgenosse 
in Spanien. Das Hinrichtungskammando trägt, 
wenn auch ohne Mäntel, die gleiche Uniform 
wie bei dem Spanier - es sind beide Mole 
französische Soldaten -; es zeigt ähnliche Stel- 
lung und Haltung. Aber wo bei Goya die Helme 
und das Marschgepück die menschliche Ge- 
stalt entfremden und dazu beitragen, den kom- 
pakten Umriß einer anonymen Gruppe herzu- 
stellen, sind sie bei Lützaw lediglich historisches 
Detail. Die große Trommel des Trommlers im 
Vordergrund signalisiert das Ritual eines mili- 
tärischen Spektakels - Erschließung unter 
melwirbeln; die teils im Zielen gesenkten 
im Nachladen hoch angewinkelten Ge 
fuchteln harmlos wie Spielzeugwaffen ii 
rechten Hälfte des Bildes herum und qi 
ohne symbolische Kraft, eine weitere m 
sche Einheit im Hintergrund. Das Statua 
ist auf die Opfer übergegangen; elf gefa 
Schillsche Offiziere, von denen zehn schx 
auf dem Boden liegen, der elfte, als ein 
Held pathetisch aufgereckt, weit vom H 
tungstrupp abgerückt am linken Bildrand 
Grüne Wiese, über leichten Nebel- und F 
dampfschleiern Morgenrot, Himmel mit l 
zug, all dies steuert multivalente Trivialsyr 
bei: Morgenrot der Ewigkeit und der natic 
Erhebung, Hauffs „Morgenrot, Morgenrat, 
test mir zum frühen Tod" sind nahe Asso: 
nen. Das Opfer ist schon Siegesdenkmalm 
ner Pose ist eineZukunft stehend, vor der di 
kutoren ausgeschlossen sind. Goyas Schre 
bild geopferter Menschheit ist zum Wei 
eines heroischen Individualismus, patriot 
Gedenkens, nationaler Zuversidwt gewarde 
Ganz anders Manet. Sein Aquarell „Barril 
Entwurf einer Lithographie, hält eine E;
	        

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