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Full text: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 157)

Mode war zu allen Zeiten im Einklang mit den Ent- 
wicklungsbedingungen der Zeit, sie sprach die ei- 
ner Epoche immanenten Triebkräfte ebenso deut- 
lich aus wie die Literatur und Musik, die Malerei 
und Architektur, sie prägte revolutionäre und kon- 
servative Bewegungenl. Sehr spät wurde diese all- 
gemeine Gesetzlichkeit der Modeentwicklung von 
Künstlern in Frage gestellt und Reformen vorge 
Schlagen, die den organischen Gesetzen des 
menschlichen Körpers und der Hygiene in glei- 
chem Maße entsprechen wie den Schönheitsvor- 
steliungen der Zeit. 
Es scheint, daß England eines der ersten Länder 
war, in dem durch junge Künstler Versuche unter- 
nommen wurden, Einfiuß auf die Mode zu nehmen, 
Reformen zu konzipieren, die auch unter allgemei- 
neren Gesetzen, wie Körperfunktion, Gesundheit 
und Materialschönheit, verstanden werden kön- 
nen. Themen dieser Art wurden von Dante Gabriel 
Flossetti und William Hoiman Hunt bereits 1848 
diskutiert. Lange bevor William Morris zur Gruppe 
hinzukam, wurden hier Vorschläge für eine gene- 
relle Moderelorm ausgearbeitet, die wfrei von Vik- 
torianischem Prunk waren. Sogar natürlich ge 
färbte, handgearbeitete Stoffe und ihr Gebrauch 
für die Frauenkleidung in natürlichen Linien wur- 
den diskutiertttz. 
Eine deutliche Vorahnung der Reformkleider der 
Jahrhundertwende Ist erkennbar, wie auch in an- 
deren Bereichen die Zeit um 1850 so folgenreich 
auf die moderne Entwicklung eingewirkt hat 
(Marx, Darwin, Semper). Die Einwirkung der Prä- 
Raphaeliten auf die Situation in Wien um 1900 
sind evident. 
in England ist weiterhin auf den Maler G.F. Watts 
hinzuweisen, der als einer der ersten auf eine kör- 
pergemäße Kleidung hingewirkt hat. Quentin Beil 
berichtet aus seiner Familientradition: i-Meine 
Großmutter war stolz darauf, daB sie nie eine Kri- 
noline getragen hatte; G.F. Watts hatte ihr gera- 
ten, dies nicht zu tun, und es gab eine kleine muti- 
ge Gruppe von Damen, die in der zweiten Hälfte 
des 19.Jahrhunderts vorherrschende Moden miß- 
achteten und sich nach den idealen der Prä- 
Raphaeliten kleideten, bzw. nach den idealen, die 
sie für die der Prä-Raphaeliten hielten-i Beil fährt 
fort und kommt zu einer grundlegenden Wahrheit 
der Mode: riEs war eine Art von AntifMode, die - 
zu einem gewissen Ausmaße - zur wirklichen Mo- 
de wurde?" 
Auch in Amerika findet sich zur gleichen Zeit eine 
Stimme der Reform, die nicht länger die Wendun- 
gen und Wechsel der Mode hinnahm. Horatio 
Greenough, der Bildhauer und Kunsttheoretiker, 
schreibt über Mode und Kleider und wird Wortfüh- 
rer einer auf Ehrlichkeit gegründeten neuen Auf- 
fassung, die allerdings wenige Jahrzehnte später 
ebenfalls zur offiziellen Mode werden wird. in sei- 
nem Aufsatz iiDresstt schreibt er: ttZu lügen, selbst 
wenn eine Chance besteht, dabei nicht entdeckt 
zu werden, ist eine schlechte Regel; aber mit den 
Kleidern zu lügen, der Frisur, der Kosmetik und es 
gleichzeitig in der unfreiwilligen Unreife jeder Hal- 
tung, jeder Bewegung. jeden Tonfalls zu ent- 
hüllen, ist gleicherweise töricht und unfähig, un- 
ehrenhaft und dummiti 
Die Jahrhundertwende brachte die Reformbewe 
gungen in vielen Ländern zu einer zusammenfas- 
senden Synthese. Als Beispiele mögen Künstler 
wie Henry van de Velde und Edward William God- 
win, Aubrey Beardsley und Augusto Giacometti, 
Jan Toorop und James McNeill Whistler genannt 
werden. Zahlreiche Theoretiker wiesen darüber 
hinaus dem Thema Mode eine wichtige Bedeu- 
tung zu: Dr. Spener schrieb über "Die jetzige Frau- 
enkleidung", Berlin 1897; Karl Heinrich Stratz pu- 
blizierte sein Buch "Die Frauenkleidungii im Jahre 
1900; Henry van de Velde schrieb im gleichen Jahr 
"Die künstlerische Hebung der Frauentrachtri und 
 
1 Emilie Flöge, Modekünstlerin und Gefährtin Gustav 
Kiimts, in seidenem Abendkleid, nach einem Foto von 
Dora Kallmus (d'0ra-Benda). 
2 Emilie Flöge in einem nach Kiimt inspirierten Kleid, 
1909, nach einem Foto von Dora Kallmus(d'Ora-Benda). 
3 Emilie Flüge, nach einem Foto von Dora Kallmus 
(d'Ora-Benda). 
4 Hut, um 1910. irHut entworfen von Maler Krieserti, nach 
einem Foto von Dora Kallmus. 
5 Winterhut, 1910. tiHut entworfen von Maler Krieserti, 
nach einem Foto von Dora Kallmus. 
Anmerkungen 1-10 
l M McLuhan Urldersiandtng Media, New York 1964. s. HSSDIwht 
im Hinblick auf Kleidung zurzeit der Ffirllöslßheh Revolution von 
"Clülhlrlg was tlian a non verbal mariilestd of political npset e 
' A Wllllamsorl anists and writers in Flevult, ttie Pre-Flaphaelites. 
Friiladelptiia 191a. s. er tnieme Ubersetlurlgl 
1 ouentin eell- on Human Fineiy, London 197a. s 5a tmeine Uber- 
SElZlIrlgl 
' NathallaWrlghl,Herausgeberin.TheMlscellaneuusWritlngsotH0- 
ratie sreeridugri, Delmar. New York 1975. s sa tmeine Uberset- 
lurlg) 
5 F. NOvOlrly urldJ ÜODGI Gustav kiimt. Salzburg 1961. Taf9l34 ln 
der Folge ist aul die Bildnisse Frllla Flledler(i906). Margaret steri- 
tidreugti-witlgenstein 11905) und Adela Blech-Bauen t1907t zu 
verweisen. 
E Freundliche Mitteilung von PIOIOSSO! Eduard Sekier, Harvard 
i Uber EmllIS Floge speziell: Die itdrie Warte I, 1905, Heft 2 s. 2881i, 
Deutsche Kunst und Dekoration xlx, 1soe19o7, s. a2 lf. 
ß Eine kritische Darstellung der Beziehungen Kllmts zu Emilie Floge 
gibt Hans Tietze, Gustav Kiimts Personlichkeit Nach Mlttelllmgerl 
seiner Freunde, oie eilderiden Künste 1919. s. 1714. 
9 Die in der Kiimt-Dokumentation von ltetietiay abgebildeten Fotos 
stammen aus den Jahren 191D und 1912. 
W o Brslcha und c Fritsch Finale und Auftakt, wieri iaeteteia. 
Salzburg 1954. s. 11. 
Paul SchultzeNaumburg im Jahre 1903 "Die Kul- 
tur des weiblichen Körpers als Grundlage der 
Frauenkleidungti. 
Neben den anderen Zentren der internationalen 
Reformbewegung um 1900 trat Wien durch die Tä- 
tigkeit von Künstlern und Werkstätten auch in den 
Mittelpunkt einer auf die Reform der Kleidung ge 
richteten Bewegung. im Zentrum stehen dabei die 
Persönlichkeit und das Werk von Gustav Kiimt, 
der nahezu allen künstlerischen und kulturellen 
Manifestationen in Wien seinen Stempel aufpräg- 
te. Kiimt hat in Zusammenarbeit mit seiner Le 
bensgefährtin Emilie Fiöge auch praktisch auf die 
Mode seiner Zeit einwirken können und Leistun- 
gen von außergewöhnlichem Niveau erreichen 
können. Eine Reihe von wiedergefundenen Fotos 
von Dora Kallmus (1881-1963), die unter dem Na- 
men r-Madame d'Orau als Fotografin in Ihrer Zeit 
berühmt war, mag dies in besonderer Weise deut- 
lich machen, vor allem durch diejenigen Aufnah- 
men, die Emilie Flöge selbst als Trägerin ihrer ei- 
genen Modeschöpfungen zeigen. 
Kiimts berühmtes Bildnis von Emilie Fiöge von 
1902 unterstreicht den Sinnzusammenhang und 
Arbeitsumkreis, in dem sich die Moderevolution in 
Wien manifestierte. Das Kleid der Modekünstlerin 
und Lebensgefährtin Kiimts ist aus geometri- 
schen Teileinheiten gestaltet und enthält ovale 
Formen und quadratische Formen in blau-grünem 
Grund. Das Kleid selbst ist fließend-formlos, ganz 
im Sinne der damaligen Reformbestrebungen den 
Körperformen folgend, wie es wenig später auch 
in der Modekonzeption der Wiener Werkstätte der 
Fall sein sollte. Der Körper steht im Mittelpunkt, 
und das Kleid folgt diesen organischen und natür- 
iichen Gegebenheiten. Mit dem Hintergrund ist die 
Gestalt durch eine Akzentuierung des Kopfes ver- 
bunden, wie es auch bei den späteren Biidnissen 
Klimst wiederkehren wirdä. 
Kiimts Bildnis von Emilie Fiöge ist durch die enge 
Verbundenheit des Künstlers mit der Modeschöp 
ferin bemerkenswert, Kiimts 1892 gestorbener 
Bruder Ernst war mit der Schwester Emilie Flöges, 
Helene Fiöge, verheiratet. Es ist überliefert, je 
doch bisher nicht bewiesen worden, daß Kiimt Mo 
deentwürfe für den Modesalon von Emilie Flöge in 
der Casa Piccolo in der Mariahilfer Straße entwor- 
fen hat. Dieser Salon selbst wurde von der Wiener 
Werkstätte eingerichtet, und Kolo Moser und Jo- 
sef Hoffmann waren an den Entwürfen beteiligte. 
Die Beziehungen Kiimts zu Emilie Flöge gehen 
möglicherweise auf die Jahre um 189411895 zu- 
rück. in iiLiebeii von 1895 kommt in der Entwick- 
lung Kiimts ein neues Motiv zur Sprache, das eine 
persönliche und sicherlich private Bedeutung hat- 
te und mit der Beziehung Kiimts zu Emilie Flöge in 
Verbindung gebracht werden kann, 1896 trifft 
Kiimt mit Josef Hoffmann zusammen, und 1897 ist 
das entscheidende Jahr der Gründung der Wiener 
Sezession7. Seit diesem Jahrverbringt Kiimt regel- 
mäßig die Sommermonate zusammen mit Emilie 
Flöge am Attersee, wo die Familie Flöge einen Be- 
sitz in Weißenbach hatteß. Die von zeitgenössi- 
schen Fotos bekannten kaftanartigen Gewänder, 
die Kiimt trug, sind sehr wahrscheinlich von ihm 
entworfen und von Emilie Flöge geschneidert wor- 
den. Sie entsprechen den auf generelle Reform ge- 
richteten Bemühungen Klimts und weisen ledig- 
lich durch die besondere Qualität auf die Urheber- 
schaft des Künstiers9. 
Ein altes Foto von Hermann Bahr zeigt den Dich- 
ter In einem ähnlichen kaftanartigen Gewand, das 
so auffallende Ähnlichkeit mit denen Kiimts zeigt, 
daß eine gemeinsame Urheberschaft angenom- 
men werden kann"). Das lose herabhangende Ge 
wand mit der sparsam ornamentierten vertikalen 
Leiste in der Mitte entspricht den Bestrebungen 
Kiimts und ist möglicherweise für den Freund Her- 
mann Bahr gearbeitet worden. Bahr war in jenen 
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