MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 158)

Gerhart Egger 
Phainomena - Anastasis 
auf einer russischen Ikone 
1 Phainomena-Anastasis. Russische IKONE, um 1700. HOIZ. 
Tempera, Goldgrund, 110x245 cm. Wien. Privatbesitz. 
Ausschnitt: "Der gute Schacher an der Himmelstüra. 
Neben den Repräsentationsikonen, die einem 
strengen ikonographischen Kanon unterliegen und 
deren Aufgabe es ist, auf die verehrungswürdige 
Gegenwart Gottes und der Heiligen aufmerksam zu 
machen, stellte sich die byzantinischeKunst von An- 
fang an die weitere Aufgabe, auch Szenen aus dem 
Leben Christi, der Gottesmutter und der Heiligen 
abzubilden. Auch diese haben im Kirchenraum ihren 
vorgeschriebenen, didaktisch und anagogisch be- 
dingten Platz und unterliegen einem festgelegten 
Kanon. Erfaßt wurden hiebei vorwiegend die 
Hauptszenen der Christusgeschichte und des Ma- 
rienlebens, geordnet nach den Festen des Kirchen- 
iahres. Später erst entstand eine lkonographie der 
Heiligenviten als Randbilder einer Ftepräsentations- 
ikone und als letzte Erweiterung Bilder, die nach 
theologischen Überlegungen ihre spekulative An- 
ordnung erhielten. Auch jene beziehen in den mei- 
sten Fällen die bildformende Vorstellung aus den 
Texten der Evangelien, doch die Zusammenstellung 
einzelner Szenen folgt einem spekulativen Pro- 
gramm. 
Dieser spekulativen Gruppe von Ikonen gehört das 
hier zu behandelnde, seltene und komplizierte Bild 
einer Anastasis an. 
Seit derfrühesterhaltenen Darstellung dieser Szene 
in Sta. Maria antiqua in Rom, die am Beginn des 
8. Jh.s unter dem griechischen Papst Johannes Vll. 
entstand. und der Ausbildung einer dogmatisch be- 
stimmten lkonog raphie ist die Anastasis das eigent- 
liche Erlösungsbild. Sie besagt das naufstehen las- 
senw ebenso wie "die Auferstehung" und ist die Illu- 
stration zum Credo-Text t-abgestiegen in die Höllea. 
ln ihr wird die Überwindung der Macht des Satans 
und die dadurch gegebene Befreiung des ersten 
Menschen wie auch der Gerechten des Alten Testa- 
mentes gezeigt. 
Unter dem Titel w-Auferstehung unseres Herrn Jesus 
Christus-ß ist hier diese "theologisch-r konzipierte 
Szene in der Mittelachse des Bildes verbunden mit 
der historischen, im Evangelium festgelegten Szene 
der Auferstehung aus dem Grabe und darüber der 
prophetisch-endzeitlichen: der thronende Christus 
zur Rechten des Vaters im Himmel. 
Der geöffnete Höllenrachen in der linken unteren 
Ecke ist als Erweiterung, gleichsam Dramatisierung 
aus der lkonographie des Jüngsten Gerichtes zur 
Anastasis dazugenommen. Wahrhaft spekulativ 
aber wird das Bild erst durch den Zug der Gerech- 
ten, "Das Volk aller Erlöstenu, der, von Christus ge- 
wiesen. einen steilen Berg zur Paradiesestüre hin- 
ansteigt. Dieser Zug erreicht rechts oben das von ei- 
nem Cherubim bewachte Paradies und wird vom gu- 
ten Schächer aus der Kreuzigung angeführt: wEs 
kam der begnadete kluge Schächer zur Himmelstür 
und der Versammlung der Cherubime im flammen- 
den Gewande und er zeigte die Zeichen des Kreu- 
zesß. innerhalb der Paradiesesmauer stehen, laut 
Beischriften, Enoch und Elias und wiederum der 
gute Schächer. 
Diesem Bogen der Erlösung. vom Höllenrachen bis 
zum Paradies. entspricht aufder linken Bildseite der 
Bogen der Verdammung, der von der Auferstehung 
Christi zum Höllenrachen führt. Der Auferstandene 
sendet drei Engel aus: w-Es befahl der Herr. den Sa- 
tan zu binden} Die Inschrift entstammt nicht dem 
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