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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 158)

. Österreichisches Museum für angewandte Kunst 
 
Blickpunkte 
Bewußt an die Spitze gesetzt: Die Kinderführungen des 
Museums oder wKunst für Kinder im Museum-_ Dr. An- 
gela Völker kann hier ersten echten Erfolg für das Mu- 
seum und sich buchen. Als i-Führende- vor Kindern 
agiert sie freier wie schulische oder andere pädagogi- 
sche Lehrkräfte. Ebenso wie die Kinder erwartungsfro- 
her. weil freiwillig und in Freiheit des Entschlusses sol- 
che aufzusuchen. zu diesen Führungen kommen. Ohne 
Lernzwang und Leistungsdruck sind sicher Erkenntnisse 
und Wissenswertes leichter zu vermitteln. Viel lebhafter 
der Kontakt, zumeist ein ersprießliches Frage- und Ant- 
wortspiel, das für beide Teile Vorteile bringt. Das Mu- 
seum für angewandte Kunst, im Gegensatz zu einem Mu- 
seum hoher oder reiner Kunst, das Bilder. Plastiken, Gra- 
fiken, große Namen wie z.B. Michelangelo, Leonardo da 
Vinci, Dürer, Ftaffael. Rubens oder andere große Künstler 
zeigt, steht zu diesem in uter Konkurrenz, trägt mit sei- 
nen Sammlungen eine besondere Chance in sich. Das 
in unserem Museum geführte Kind kann mit Gegenstän- 
den vertraut gemacht werden. die heute, jetzt und mor- 
gen seine kleine Umwelt. seinen noch etwas verspielten 
Kindesalltag ausmachen: Kleider. Schmuck, Teppiche. 
Möbel. Bücher. mit einem Wort Dinge, womit ein Mu- 
seum für angewandte Kunst eben aufwarten kann. Denn 
mit alldem lebt ein Kind. kann beis ielsweise im Verglei- 
chen mit Kleidung und Mobiliar o. . aus den historischen 
Sammlungsteilen. im Anschauen stärkeres Interesse und 
neue Aspekte gewinnen. Die Führungsarbeit mit Kindern 
wird. bisher so erfolgreich. fortgesetzt werden, sicher 
sogar erweitert werden. und man hofft mit Recht. dali 
sich die gute Resonanz verstärken wird. 
Frühsommer und Wiener Festwochen lassen im Stamm- 
haus Belebung auf dem Besuchersektor verspüren. Noch 
laufen die Ausstellungen -Marianne Maderna-n und -Carl 
Ungeru. neu eröffnet wurde in der Bibliothek und Kunst- 
blattersammlung die Ausstellung -Herrn Biedermeiers 
Wunschbilleh. Die kleine Porzellanschau -H.F. Kitsch-- 
nun im Eitelbergersaal, Neuerwerbungen, Jugendstilmö- 
bei und moderne Plastiken auf der Galerie. 
Ergebnisse eines Signet-Wettbewerbes "Exportanleihen-t 
waren kurzfristig Mitte März im Säulenhof ausgestellt. 
Mittels Inseraten forderte die Österreichische Kontroll- 
bank AG Grafiker und Designer auf, n Werbezeichen, 
Signet, zu entwerfen, das künftig alt re mit der Au 
gebe von Exportanleihen zusammenhängenden Aktivitä- 
ten auffallend herausstellt. Eine Jury, bestehend aus dem 
Direktor des Museums, w. Hofrat Prof. Dr. Wilhelm Mra- 
zek, Generaldirektor Dr. Haschek. Prof. Arch. Gustav 
Peichl. Chefgrafiker Erich Sokol und Präsident Anton 
Tusch, wählte aus 1000 Einsendungen 4 Hauptpreise und 
7 Anerkennungen. 
Die Neuaufstellung der altorientalischen Teppiche schrei- 
tet rüstig voran. man ist fleißig. betreibt dies mit aller 
Sorgfalt. Nach neuen konservatorischen Prinz" ien wer- 
den die Teppiche auf fixen Metallrahmen verstützt. und 
man hofft. diese so publikumswirksame Sammlung noch 
1978 eröffnen zu können. 
M000 Jahre ostasiatische Kunst- heißt die nun eröffnete 
Ausstellung in der Minoritenkirche SteinlKrems. bei der, 
wie erwähnt, an die 700 Objekte aus der Ostasiensamm- 
lung des Museums Hauptträger sind. Sie bietet Freunden 
und Kennern ostasiatischer Kunst eine Fülle schönster 
Objekte, und ihr Besuch zusammen mit einem der Stadt 
Krems. die stadterhaltend so Hervorragendes auf denk- 
malschützerischem Gebiet leistet, müßte fast jedem 
Kunstfreund Pflicht sein. 
In den Außenstellen momentan der gewohnte saisonale 
Sommerbetrieb mit den bereits bekannten Ausstellungen. 
Hiezu kommt in der Quasi-Außenstelle SchloB Grafenegg 
die neue Ausstellung -Germanen, Awaren, Slawen in 
Niederösterreichk - das erste Jahrtausend nach Christus, 
Selbstredend, daß eine Fahrt hierher wie auch zu allen 
anderen Außenstellen des Museums überaus lohnend als 
stets wiederholbare "Kunstfahrt ins Grüne- angeraten 
werden kann. 
 
  
  
I.n. 
Hugo F. Kirsch (1873-1961) 
Bildhauer und Keramiker 
Altes Haus, Galerie, (Eitelbergersaal) 
Wien 1. Stubenring 5 
26.10.1977 - 29.1.1978 (verlängert) 
Mit der Spontan-Ausstellung von Werken des Bildhauers 
und Keramikers H.F. Kirsch konnte ein weiterer beach- 
tenswerter Künstler aus dem Depotdunkel treten. Wie 
überhaupt jede gute Gelegenheit erfaßt werden sollte, 
neben dem historisch begrenzten Sammlungspotential 
rnit fixer Aufstellung Objekte der jüngeren und neueren 
Zeit zu präsentieren. 
H.F. Kirsch erreichte das hohe Alter von 88 Jahren, dem- 
zufolge groß ist seine Oeuvre. das über Österreich hinaus 
auch international von Kennern und Liebhabern gesam- 
melt wurde. Viele Werke von ihm befinden sich in öffent- 
lichen und privaten Sammlungen. 
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Als Schüler der Wiener Kunstgewerbeschule und Absol- 
vent derer von Teplitz und München war er von akademi- 
schen Prinzipien geleitet, entwarf hauptsächlich seine 
Werke selber, arbeitete auch nach fremden Zeichnungen, 
wie 2.8. solchen von Luksch. 
Kirschs Schaffen ist aus dem Geist der Zeitnähe ver- 
ständlich und zu beurteilen. Menschen und Tiere darzu- 
stellen war ihm starkes Anliegen. vergnüglich anzusehen 
u.a. seine Nestroyschen Drei aus dem Lumpazivagabun- 
dus. Alle Betulichkeit und Beschaulichkeit dieser 
Mürchenwelt tritt in den Figuren zutage, von einem be- 
gabten Künstler erspürt und ausgeführt. Personifizierte 
Liederlichkeit, naiv-provokant. voll Schlaue. Ebenso na- 
turnahe seine Tierdarstellungen, durchgebildet im ge- 
nauen Anschauen. Seine Gefaßkeramiken mit dem cha- 
rakteristischen Dekor der Zeit, seine Plaketten und Me- 
daillen beweisen die Vielseitigkeit und das Engagement 
des Künstlers. 
Gewiß nur eine "kleine-t Ausstellung, jedoch ein weiterer 
Schritt. sukzessive die jüngere Vergangenheit der Kera- 
miksammlung ans Licht zu bringen. Wie immer war (und 
ist noch?) alles vorbildlich präsentiert. An die 30 Objekte, 
flankiert und begleitet von Gipsmodellen. Musterbuch- 
auszügen und einer umfassenden Signaturenzusammen- 
Stellung. sollten neuerdings Museum und Besucher zu 
gemeinsamem Wirken vereinen, Reaktionen bewirken. 
Die Ausstellung ist praktisch ein Anfang. sich mit 
H.F. Kirsch zu befassen, denn über Dokumente und wei- 
tere Sichtungsmöglichkeiten aus Nachlässen will Dr. 
Waltraud Neuwirth die Person des Künstlers, sein Schaf- 
fen und sein Werk neu sehen und wissenschaftlich aus- 
werten. 
Glasfenster für Auschwitz 
von Heinrich Sussmann 
Veranstaltung mit der Österreichischen 
Arbeitsgemeinschaft. Museum Auschwitz 
Altes Haus, Säulenhof 
Wien 1, Stubenring 5. 27.1.-5.2.1978 
Kunst hat stets in hohem Maße und mit oft schonungslo- 
ser Härte zu allen Zeiten in politisch-ideologische Berei- 
che und Prozesse eingegriffen, Große der Kunst haben 
ihr Werk darauf abgestimmt, sich engagiert. wie man 
heute sagt, so Goya, Daumier. Grosz, Picasso zuletzt. 
u.v.a.. S übermittelten uns vollkünstlerische Wirklich- 
keiten nach Vorgängen, Exzessen als sichtbaren Tatbe- 
stand der Zeitgeschichte. 
Auschwitz als eine besondere Gedenkstätte nach Mar- 
tern, Verfolgung und Massakern soll sichtbar geordneter 
Aschenrest einer Epoche seln. die kein Wind des Verges- 
sens auseinander zu blasen vermag. Einer Epoche, als 
tausendjährige propagiert, in der unter dem Banner ideo- 
logischer Verlogenheit Kunst willfährig, boden- und erd- 
brünstig zum Handlanger massivsten Wahnwitzes ge- 
macht wurde, Aus titanenhaften Gesundleibern unter flat- 
ternden Sieg-Panieren mit dem werhakten- (Todes)- 
Kreuz trieb schillernd eine Scheinblüte, die später im 
gemeinsamen Todesruch aus Schlachtfeldern und Gas- 
kammern jäh abstarb. 
Nunmehr ist das alles Vergangenheit von jener Art, die 
in den betroffenen Generationen und in den härtest Be- 
troffenen immer wieder hochkommt. die den Nachfol- 
genden Mahnung werden und bleiben soll. Daher die 
Einrichtung einer. dieser Gedenkstätte. 
i-Glasfenster für Auschwitz von Heinrich Sussmann" hieß 
die Spontan-Schau im Museum, die man noch vor dem 
Einbau in die internationale Gedenkstätte Auschwitz hier 
präsentieren wollte. Sussmanns Glasfenster bildeten das 
Zentrum der Dokumentation im Säulenhof. Seine Darstel- 
lungen, expressiv. führten die Unentrinnbarkeit eines 
furchtbaren Schicksals, die stille innere Marter dieses 
Todeskreises KZ-Lager vor Augen, sollen dieses vor Au- 
gen halten. Sussmann zog ein Netz, das gleicherweise 
die Inkarnation tiefster Not und Bedrückung unmenschli- 
cher Leiden und Leidens versinnbildlichte. Symbolische 
Vergitterung und Zeichnung physischer Physiognomien 
bildeten somit zu Einem verschmelzend gestalterisches 
Element. Als farbliche Träger gefärbte Glasteile in ange- 
strebter Glasmalerchromatik. Vor und um diese Glasfen- 
ster VOfl Sussmann eine Dokumentation vom österreichi- 
schen Schicksal 1934 bis 1945: Unterdrückung. Terror. 
Widerstand, Befreiung. Bilder und Dokumente aus der 
Zeit des gnadenlosen 2. Weltkrieges. der den europä- 
ischen Kontinent überzog und kaputtmachte. Rückblicke 
auf Konzentrationslager und Vernichtungsstätten dieser 
Zeit. Sowohl das kollektive wie das einzelne Schicksal 
dieser Todeskollekte vermögen w" nicht zu erfassen. Zu 
unmenschlich ist das alles in seinen Auswirkungen als 
Manifestation rassistischen lrrsinns. Man kann das nicht 
oft genug herausstreichen! Berge von Haaren, zusam- 
mengeworfener Brillen. Ieidvertretener Stiefel. Nunmehr 
nun auch als Bilder unauslöschliche ewige Reste und 
"Überbleibsel-t für ein Mahnmal, getragen von grausam 
 
künstlerischer lntensitat. ungewollt unterstrichen vom 
Duktus der bitteren Realität. 
Der Dokumentation im Österreichischen Museum folgten 
unnmittelbar Transport und Adaptierung dieses osterrei- 
chischen Kompartiments des Gesamtkomplexes "Interna- 
tionales Museum Auschwitz". Zur Eröffnung der osterrel- 
chischen Gedenkstatte fand eine Gedenkfahrt statt. an 
der zahlreiche namhafte Persönlichkeiten teilnahmen. 
Dem Vernehmen nach eine Reise. die sowohl zahlreichen 
Personen aus der Solidaritätsbewegung und des Wider- 
standes wie auch jenen. die solche Todeslager nur vom 
Hörensagen kannten, post festum unauslöschliche Ein- 
drücke bescherte. Mogen Heinrich Sussmanns Glasfen- 
ster ihre Wirkung nicht verfehlen und ein inneres Feuer 
der Abwehr vor allem in den jüngeren Generationen ent- 
zünden. nie wieder so grausame Unmenschlichkeit auf- 
keimen oder gar hochkommen zu lassen. 
Sonderveranstaltung: 
Laghani präsentiert Laura Biagiotti, Rorn 
Altes Haus, Säulenhof, Wien 1, Stubenring 5 
23.2.1978 - 20.30 Uhr 
Nach zwei mitteleuropaischen Modeschauen. solchen der 
Österreichischen Hochschule für angewandte Kunst nun 
eine aus dem Süden. aus Italien. Wie immer im anpas- 
sungsfähigsten Rahmen, dem Säulenhof des Museums. 
mehr und mehr für solche Exklusivitäten begehrt. Dia 
starre, gewohnt stille Museumsatmosphäre plotzlich er- 
füllt von ästhetisch lockerer Turbulenz. Junge, eher un- 
mannequinhafte Mädchengruppen mit Frühjahrs- und 
Sommerkollektionen 1978. Locker, leger. wie undrapiert 
übergeworfene Stoffkreationemso gut wie dekorlos, Vor- 
führung im Sog strenger Choreographie und der gera- 
dezu unerlaßlichen rfff-Music-r. aggressivst, und nicht 
mehr wegdenkbar. Ins Auge springend die Einfachheit 
der Modelle. Wallende grob-rustikale Uberwürfe. anmu- 
tig-einfach, lassen an Zeiten frühen Christentums den- 
ken, womit sich über 2000 Jahre hin ein Kreis schließt. 
Beweis dafür, daß wir dem Geheimnis. der Faszination 
der Mode wohl kaum jemals auf die Spur kommen wer- 
den. Zur Präsentation noch: manches balletteusenhaft, 
von klassisch-herkömmlicher Mannequinpose deutlich 
ins Tänzerische entfernt, doch schon anzusehen. mehr 
und mehr optisch-akustisches Spektakel. das aber an- 
kommt, Im Vergleich zu den letzten Modeschauen der 
Hochschule wie ein frischer Wind herauf aus mediterra- 
nen Breiten, das Publikum enthusiasmierend. Südlicher 
Charme zwang sich mit sanfter Force in den menschen- 
gefüllten Palazzi-Fonds des Saulenhofs. 
Laura Biagiotti, die junge Flömerin, brachte lichte Far- 
ben. lüftige, hitzeabsorbierend Modelle, mit Volants, oft 
auch quastelverzipfelt. Pastell-fleischgewordene, nicht 
unteure Aufforderung und extravagante Animation an 
Wiens Damenwelt zum flanierenden Dolce far niente über 
Graben und Karntner Straße. 
Modeschauen im Museum7 Wir meinen. wenn die der 
Hochschule. dann zur Belebung und in gesundem Kon- 
trast auch solche aus dem freien, privaten Bereich. Ein 
Museum für angewandte Kunst mit einer Vielzahl ge- 
sammelter historischer Kostüme muß up to date sein. 
scheint ein guter, ein richtiger Platz dafür zu sein. Mode 
ist so allumfassend geworden, daß ihr, im Rahmen natür- 
lich. immer wieder Möglichkeiten zur Präsentation gege- 
ben werden sollen. Moglichkeit auch. das Museum von 
einer Seite her zu beleben, die ungewöhnlich scheint. 
Im Hinblick auf die aus erstarrten konservativen Mu- 
seumskonzeptionen ausbrechenden Bestrebungen. über 
das gewohnte Sammelbild des Kunstobjekts hinaus, le- 
bensnahere Intuitionen zu verfolgen. eröffnete Wege wei- 
ter zu beschreiten. 
Oswald Haerdtl (1889-1959) 
Ausstellung der Hochschule 
für angewandte Kunst 
Neues Haus. Ausstellungshalle 
Wien 1, Weiskirchnerstraße 3 
28.2.-16.4.1978 
1978, Jahr der Ausstellungen verdienter Lehrer der 
Hochschule für angewandte Kunst. Nach Eduard Baumer 
nun eine, dem 1959 verstorbenen Prof. Oswald Haerdtl 
gewidmet. -Er war kein Kind der Stadt" (nach Wildgansl, 
wuchs an der Donau, im Kahlenbergerdorf auf. Unge- 
hemmt von steinernen. fensterkarierten Fassaden und 
engen Straßen in den damals noch paradiesischen, ur- 
wüchsigen. unregulierten Auen. In einer Welt, die 
zwangsläufig und früh Keim zu allem Natürlichen. orga- 
nisch Gewachsenem. vegetabil entwickelten, dem Flora- 
len schlechthin, in Haerdtl legte. überwältigt stand er als 
Schüler vor Otto Wagners bestürzend neuer prächtiger 
Fassade des frisch erbauten Postsparkassengebäudes 
in Wien. Nahe seinem künftigen Lebensbereich, der 
Kunstgewerbeschule. der Stadt. Er lernt das Tischler- 
handwerk bei einem Onkel, wird Schüler Kolo Mosers.
	        

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