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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 159)

Karl Kosel 
Barbarino und Fischer von Erlach 
Bedauerlicherweise erst nach der Drucklegung des ersten Teiles meiner Studien zu Stuckdekorationen des 
Barocks in Heft 153 dieser Zeitschrift kam mir die grundlegende Abhandlung von Leonore Pühringer-Zwa- 
nowetz über die Barockisierung der Stiftskirche Kremsmünster zu Gesicht'. Nach der Lektüre dieser vor- 
bildlichen Ouellenarbeit konnte von einem Bedauern meinerseits nicht mehr die Rede sein, da die Verfasse- 
rin bei derstilkritlschen Analyse des lnnenraumes der Stiftskirche zu einer Beurteilung der Bedeutung Bar- 
barinos als Architekt gelangt, die mit meinen Forschungsergebnissen bezüglich der Stuckdekoration völlig 
übereinstimmt. Noch mehr! Auch bezüglich der römischen Stilquellen Barberinos als Architekt und Stukka- 
tor, vor allem im Hinblick auf den Einllul) Borrominis, ist dieselbe Übereinstimmung festzustellen? Dies gilt 
auch lür den vorliegenden zweiten Teil meines Aufsatzes, der ohne Kenntnis der Publikation von Pührin- 
ger-Zwanowetz verfaßt wurde. Wenn die Übereinstimmung in der Benennung der Stllquellen nicht nur hin- 
sichtlich der römischen Barockbauten besteht, sondern sich sogar auf bestimmte Raumteile erstreckt, wie 
dies am Beispiel der Seitenschiife der Lateransbasilika ersichtlich ist, so bedeutet dies angesichts der Ver- 
schiedenartigkeit der Ausgangspunkte eine erfreuliche Bestätigung der beiderseitigen Forschungsergeb- 
nisse". 
  
UWARÄVIA. . n, 
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Ohne Zweifel kommt in der Erforschung der Zu- 
sammenhänge zwischen Barockarchitektur und 
-stukkatur der Zeit des italienisch geprägten öster- 
reichischen Hochbarocks unmittelbar vor dem Auf- 
treten Fischers v. Erlach zentrale Bedeutung zu. Be- 
trachtet man die rhythmisierte Girlande mit Engeln 
als Einzelmotiv, so gelangt man zu den Auswirkun- 
gen bei den Mitarbeitern Barbarinos und Colombas. 
Sie bildet das Hauptmotiv der Stuckdekoration im 
Kapitelzimmer von Stift Kremsmünster. die Giro- 
lamo Alfieri und Wolfgang Grinzenberger 1684 aus- 
führten (Abb. 1)'. In verwandter friesförmiger An- 
ordnung finden wir dieses Motiv bei den Stukkatu- 
ren der Katharinenkirche am Mausoleum Kaiser 
Ferdinands II. in Graz (Entw.: Johann Bernhard Fi- 
scherv. Erlach 1687)? wo mit Antonio Quadrio einer 
der Kremsmünsterer Stukkatoren an der Ausfüh- 
rung der Stuckdekorationen beteiligt war (Abb. 2). 
Die Übereinstimmung ist hier zwar nur typologi- 
scher Art, doch weist die Stuckdekoration der obe- 
ren Gruftkapelle des Mausoleums (1888-95) erheb- 
lich größere Gemeinsamkeiten mit Kremsmünster 
auf. Die rhythmisierte Kelchblattgirlande unterhalb 
des Kuppelgesimses besitzt ihre wesentlichste 
Funktion darin, die vielfach unterteilte Wand des 
Kuppelraumes in einen möglichst homogenen 
rhythmischen Zusammenhang zu bringen. Ohne 
Zweifel übersetzt damit Fischer v. Erlach dieselbe 
Funktion derdurchgängigen Girlandenform vor den 
kleinteiligen Kuppelkassettierungen in den erwähn- 
ten römischen Kirchen von Bernini und Pietro da 
Cortona in die vorgegebenen Möglichkeiten der un- 
ruhigen nmanieristischent- Wandgliederung des ' 
teren Kuppelraumes. Doch in der rhythmischen Zu- 
sammenfassung eines älteren Baubestandes durch 
die Gesamträumlichkeitder Girlande ist eine grund- 
legende strukturelle Übereinstimmung mit demsel- 
ben Dekorationsmotiv in den Seitenschiffen der 
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Stiftskirche Kremsmünster gegeben. Dasselbe gilt 
auch für die Stellung der querovalen Kartuschen 
zwischen dem Scheitel der Rundbögen und dem 
Kuppelgesims (Abb. 3). Sie entsprechen nicht nur 
funktionell den Kartuschen am Übergang zwischen 
den Jochtrennungsbögen und den Gemälderah men 
in den Seitenschiffgewölben, sondern zeigen auch 
weitgehende formale Übereinstimmungen mit die- 
sen. Daher liegt die Annahme nahe. daß diese Ana- 
logien auf die Beteiligung von Antonio Quadrio und 
seine Reminiszenzen an die Kremsmünsterer Stuk- 
katur zurückzuführen sind. Auch das Hineinziehen 
der Kelchblattgirlande in den Übergang zur Kuppel, 
wo das Gesims als Konsole für die Atlanten angeho- 
ben wird. ist in diesem Sinn zu deuten (Abb. 4). Man 
bemerkt hier eine enge strukturelle Verwandtschaft 
in der Anordnung der sich raumplastisch steigern- 
den Dekorationsmotive mit dem Übergang der Gir- 
lande vom Bogenunterzug in die Kapitellzone und 
mit der Anhebung der Atlanten in den Gewölbezwik- 
keln der Seitenschiffe von Kremsmünster (Abb. 5). 
Die rhythmisierte Girlande erscheint auch in der 
Sockelzone der Kuppel zu beiden Seiten der Atlan- 
ten als vermittelndes Motiv zu den Gemälderahmen. 
Die Stellung neben den Stuckplastiken und das Her- 
abhängen der Girlande von Voluten ist mit dem Ar- 
rangement der figürlichen und pflanzlichen Dekora- 
tion in Kremsmünster beinahe völlig identisch. Da- 
mit ist bereits das Verhältnis derStuckdekoration zu 
den Deckengemälden angesprochen. Hier kann 
vorweg festgestellt werden. daß die Grazer Kuppel- 
dekoration die unmittelbare und konsequente Wei- 
terentwicklung der in Kremsmünster geschaffenen 
dekorativen Grundstruktur ist. Diese Verwandt- 
schaft geht von zwei Voraussetzungen aus: 1. Die 
Anhebung der Dekoration im Kuppelscheitel durch 
die Atlanten der Sockelzone und die über ihnen ste- 
henden Engel mit den Leidenswerkzeugen unter 
1 Kremsmünster. Kapltelzlmmer. G. Alfleri, Slukkatur in 
der Hohlkehle. 
2 Graz, Mausoleum Kaiser Ferdinand: Il., Katharinenkir- 
cneJoh. Bernhard Fischer v. Erlach, Stukkalur in einem 
Querarm.
	        

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