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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 159)

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Ausdruck verharrt gewissermaßen in Ruhe, die 
Muskeln wirken entspannt. Darin kann man eine 
Ausgangsposition sehen. in der sich Konzentration 
und Spannung zeigen. Es scheint berechtigt, daß 
man diesen Kopf an den Anfang der Betrachtungen 
stellt. Ähnliche Feststellungen kann man für den 
sog. "Zuverlässigenu treffen, der ebenfalls als 
Selbstporträt ausgegeben wurde, aber keineswegs 
mehr als zufällige Verwandtschaft mit derschon er- 
wähnten Porträtzeichnung in Wien besitzt". Ein 
schlafähnlicher Zustand läßt sich bei einem Kopf in 
Budapest konstatieren (Abb. 5). Schlaf und Tod ste- 
hen hier eng nebeneinander, und doch handelt es 
sich nicht um eine bloße Maske oder um ein Toten- 
bildnis. Man spürt, daß sich unter der Oberfläche 
Leben befindet, das quasi in meditativer Ruhe ver- 
harrt. Messerschmidt hat mehrere Ausdrucksmög- 
lichkeiten nebeneinandergestellt, und doch gibt es 
nur die eine, die einigermaßen befriedigend inter- 
pretiert werden kann. Weniger mag es um eine be- 
stimmte Person gehen, sondern mehr um die Schil- 
derung eines physiognomischen Zustandes, der das 
Thema der r-Fiuhee vermitteln soll. Ein wichtiges 
Beispiel scheint der sog. nGelehrte-r zu sein (Abb. 4). 
dessen wGelehrtheit-r sich nicht sofort eröffnet. Be- 
sonders bemerkenswert ist, daß der Kopf eine an der 
Stirn verknüpfte Schnur trägt. Das ist zunächst ein 
sehr banales Motiv. das nicht seinesgleichen hat. 
Unseres Erachtens gibt es dafür Vorbilder, und zwar 
antike. Als Vergleich könnte man auch die vornehme 
Binde Voltaires heranziehen, die von Houdon 
wruban de Fimmortaliteu (wUnsterblichkeitsbinde-i) 
genannt wurde". Antike Herrscherpersönlichkeiten 
und Figuren der Antike besitzen solche Haarbinden, 
die Unterscheidungsmerkmal bzw. Standeszeichen 
zugleich waren." Diese Auszeichnung bedeutet 
gleichermaßen eine Divinisierung der Person. Mes- 
serschmidts "Gelehrter" ist wohl in bewußter An- 
lehnung an antike Vorbilderentstanden, wobei aber 
das Motiv selbst profaniert und banalisiert wurde. 
Von einer Binde kann man ja wohl nicht sprechen, 
sondern eher von einem gewöhnlichen Strick. der 
noch dazu an der Stirne lose verknotet ist. Damit 
wird auch die Vornehmheit derdargestellten Person 
in Frage gestellt und die Wertigkeit verändert. Der 
"Gelehrte-t ist somit eigentlich kein Ausgezeichne- 
ter. sondern ein Bezeichneter. Die Umwertung eines 
antiken Motivs ist an sich etwas ungewöhnlich. daß 
es aber auf eine geradezu karikaturhafte Art und 
Weise geschieht, scheint bemerkenswert und zeigt 
eine wichtige Facette Messerschmidtscher Kunst. 
Ein ähnlich banales Motiv findet sich bei dem 
"Künstler, so wie er sich lachend vorgestellt hat" 
(Abb. 6). Die Haube paßt nicht zu dem maskulinen 
Gesicht. Hierwerden Attribut und Physiognomie ge- 
radezu zwitterhaft vermischt. Ob es aber berechtigt 
ist. von einer Karikaturzu sprechen, gerade weil der 
soziale Bezug fehlt. ist fraglich. An einem ebenfalls 
verwandten Beispiel. dem sog. "Erhängten", läßt 
sich das hier Gesagte noch einmal verdeutlichen 
(Abb. 7). Handelt es sich wirklich um einen Erhäng- 
ten? Man erkennt symmetrische Muskelbewegun- 
gen, die beinahe ornamental-dekorativen Charakter 
besitzen. Der Künstler hatte genaue Kenntnis der 
menschlichen Anatomie. Die Faltenlinien verlaufen 
in geometrischer Regelmäßigkeit. die Augen sind 
fest zugekniffen, die Nase schiebt sich wie ein Bug 
nach vor und der Mund verformt sich zu einem 
schnabelartigen Gebilde. Hier vereinigen sich Le- 
bensgeist und Schalkhaftigkeit. nicht Todesangst 
und Furcht. Messerschmidt wertete allerdings wie- 
derum das Motiv des Galgenstricks so um. daß man 
bei diesem Motivan ein banalisiertes Schmuckstück 
denken könnte. das ganz eng um den Hals gelegt er- 
scheint. Der Betrachter wird auch hier wiederum 
eine Diskrepanz zwischen Aussage und Inhalt er- 
 
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kennen können. Andere ähnliche Beispiele ließen 
sich anfügen, etwa der "schmerzhaft stark Verwun- 
dete-t oder der r-aus dem Wasser Gerettete-ß". Auch 
hier werden nicht nur maskuline mit femininen Zü- 
gen vermischt und vertauscht, sondern man kann 
geradezu auch von einer Ornamentalisierung der 
Gesichtszüge sprechen. Die Muskelbewegungen 
spielen sich innerhalb eines strengen Liniengerü- 
stes ab und geben der Anatomie spielerische Züge. 
Im Werk Messerschmidts werden wir immer wieder 
mehrschichtige Bedeutungsinhalte feststellen kön- 
nen. die im wesentlichen die Problematik der Deu- 
tung ausgemacht haben. 
Es gibt dann einige Gegensatzpaare. die wie Ergän- 
zungen zueinander aussehen und aufeinander Be- 
zug nehmen. Dazu gehören der sog. i-Nieser- 
(Abb. B) und der i-Satirikusu (Abb. 9). Die Schädel- 
form bleibt dieselbe. wohl aber gibt es Unterschiede 
in der mimischen Gestaltung. Man kann hier von der 
Dominanz und Modifikation des Ausdrucks spre- 
chen. Das heißt mit anderen Worten. daß die Köpfe 
in ihrer Verwandlungsfähigkeit beurteilt werden 
müssen. Es istzu beobachten. daß Partien der Phy- 
siognomien gleich und konstant bleiben. der Aus- 
druok der Augen, der Stirne sich verändert. Dies ge- 
schieht durch den entsprechenden Einsatz der 
Muskeln. Der i-Nieserii schildert keinen Augen- 
blickszustand, sondern macht die Veränderbarkeit 
und die mimische Variationsfähigkeit des menschli- 
chen Gesichts deutlich. Aber diese Ausdrucksbilder 
sind übersteigert, denn wie man sieht. sind die Au- 
gen des nNiesersa nicht normal geschlossen, son- 
dern fest und beinahe krampfhaft zugekniffen. Die 
Nase ist fast immer der Mittelpunkt. Dersog. x-Satiri- 
kus" zeigt in deroberen Partie das genaue Gegenteil 
des Ausdrucks. Hier sind die Augen so weit als nur 
moglich geöffnet. 
im Oeuvre Messerschmidts gibt es dann immer wie- 
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