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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 159)

"Seitens der Polizei werden neue Maßregeln gegen 
den "Simplicissimus" getroffen. Verschiedene Or- 
gane der Plakat-Institute werden bei Verteilung der 
Plakate verhaftet, . . . an alle Kommissariate wird te- 
Iephoniert, die schon angeschlagenen Plakate so- 
fort zu entfernen. Wachorgane beteiligen sich an ih- 
rer Vernichtung mittels der Seitenwaffe." Zu dieser 
grotesken Situation war es in Wien im April 1896 ge- 
kommen. Kaum hatte Albert Langen seine "Illu- 
strierte Wochenschrift" in München der Öffentlich- 
keitvorgestellt. hagelte es auch schon wütende Pro- 
teste, angstvolles Wehgeschrei erhob sich, und Ver- 
bote waren die Folge. Eine bessere Reklame hätte 
man sich nichtwünschen können. Thomas Theodor 
Heine erkannte und nutzte die einmalige Gelegen- 
heit sofort. Das von ihm gestaltete Titelblatt von Heft 
8 zeigt die besagten "Wachorgane" in Aktion: Mit 
Säbeln schlagen sie auf Heines berüchtigtes und 
anstoßerregendes Plakat mit dem Teufel ein - und 
erstmals taucht auch die so berümt gewordene 
Bulldogge auf. das rote bissige Hundevieh. Das 
Wappentier des "Simplicissimus" hebt das Bein ge- 
gen ein Wiener "Wachorgan"! 
Zwei Jahre später, im April 1898. ist die Satire im 
"Simplicissimus" immer ätzender geworden. Heine 
eröffnet den 3. Jahrgang mit dem Titelblatt "Draht- 
seilkünstlerin Germania". Militär, Klerus und 
rechtskonservative Politiker werden verhöhnt. 
Schneidende Sozialkritik und Attacken gegen Preus- 
sentum und bajuwarische Bierdimpfelei steigern 
sich gegenseitig innerhalb weniger Monate in einem 
solchen Maß, daß der "Simplicissimus" schlagartig 
weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums 
hinaus berühmt wird. Karikatur und Satire in einer 
deutschen Zeitschrift, man steht sprachlos und 
kopfschüttelnd vor einem Phänomen. In Preußen 
erwirkt Exzellenz von Thielen ein Verbot, die ver- 
haßte Zeitschrift an preußischen Bahnhöfen zu ver- 
kaufen. Aber auch mit diesem Gegenschlag werden 
Albert Langen und seine Redakteure fertig. So ant- 
wortet beispielsweise "Hieronymus Jobs" - das ist 
kein anderer als Frank Wedekind, der damalige 
"Hausdichter" des "Simplicissimus" - mit der "Ju- 
belhymne, auf preußischen Bahnhöfen zu singen". 
Den eigentlichen Höhepunkt aber erreicht die Aus- 
einandersetzung zwischen Obrigkeitsstaat und 
"Simpl" in der " Palästina-Nummer" (Nr. 31. 1898). 
Kaiser Wilhelm II. war mit spektakulärem Pomp in 
den Orient gereist, um dort voller Großmannssucht 
den Mohammedanern "den Schutz des mächtigen 
Deutschen Reiches" zu versprechen. Dieser blama- 
ble, für den Hohenzollern "Willem" so typische Auf- 
tritt wurde von der Weltöffentlichkeitzwar belächelt, 
im Grunde aberfühlte man sich doch ganz erheblich 
vor den Kopf geschlagen. Th.Th. Heines Titelblatt 
der "Palästina-Nummer" zeigt Gottfried von Bouil- 
Ion und Kaiser Barbarossa im Gespräch über den 
"Kreuzfahrer" Wilhelm II. "Lach' nicht so dreckig, 
Barbarossa! Unsere Kreuzzüge hatten doch eigent- 
lich auch keinen Zweck", meint Gottfried von Bouil- 
lon. Da nun "Hieronymos" mit seiner bissigen Bal- 
lade "Im heiligen Land" ebenfalls zu Wutanfällen im 
kaisertreuen Berlin beitrug, mußte unverzüglich die 
Staatsanwaltschaft wegen Majestätsbeleidigung 
einschreiten: 
Der Menschheit Durst nach Thaten Iäßt sich stillen. 
Doch nach Bewundrung ist ihr Durst enorm. 
Der du ihr beide Durste zu erfüllen 
Vermagst, seis in der Tropen-Uniform, 
Sei es in Seemannstracht, im Purpurkleide, 
Im Rckoko-Kostüm aus starrer Seide, 
Sei es im Jagdrock oder Sportgewand, 
Willkommen, teurer Fürst. im heilgen Land!' 
In Leipzig. dem Druckort des "Simpl", war Anklage 
erhoben worden gegen Albert Langen. Th.Th. Heine 
und "Unbekannt". Der "Unbekannte" war Frank 
Wedekind. dessen Ballade zu einem riesigen Erfolg 
wurde. Hatte man Heft 31 konfisziert. so wurde das 
in Vorbereitung befindliche Heft 32 vorsichtshalber 
gleich verboten. Aber mit Heft 33 kam der "Simpl" 
wieder groß heraus. Bis zur Weihnachtsnummer 
schlachtete die wSimpI-Redaktion" die Angelegen- 
heit aus: "Weihevoll schwebt der Weihnachtsengel 
hernieder, Frieden und Glück zu verkünden den 
Deutschen. Zu seinem lebhaften Bedauern trifft er 
sie nicht zu Hause an: die ganze Bevölkerung sitzt 
wegen Majestätsbeleidigung im Gefängnis." 
Der Angeklagte Heine stellte sich und mußte für 
sechs Monate ins Gefängnis, die gnadenweise in 
Festungshaft auf dem Königstein umgewandelt 
wurden. Langen hatte sich auf Anraten seines 
Rechtsanwalts ins Ausland abgesetzt. Zum Prokuri- 
sten in der Münchner Redaktion ernannte er den 
jungen Korfiz HoIm.Auch Wedekind warinzwischen 
anhand von Manuskripten ausfindig gemacht wor- 
den. So sehr aber der Leipziger Staatsanwalt auf so- 
fortige Verhaftung drängte. der Schwabinger Krimi- 
nalkommissar hatte Zeit. Er besuchte die Redak- 
tionsräume und machte Holm klar, daß man "mor- 
gen" wisse, wer nun dieser "Hieronymos" sei. An 
eben diesem Abend kam nämlich Wedekinds "Erd- 
geist" in den Kammerspielen zur Uraufführung. Da 
  
.HoPPi_A,wiR LEBENWM 
...-u.-.-i.a.u-.....n-....1... _....-..- 
1 Thomas Theodor Heine, "Simpl-Dogge". Original 
59.5 x 47 cm. Tusche, Pinsel, Deckweiß, Tempera; Far- 
ben: Rot, Grün; bez.u.li. -TTH-. München. StädtischeGa- 
lerie im Lenbachhaus (lnv. Nr. Heine 212) 
2 Karl Arnold, "Heil Preußen!" (1932)- "In meinem Staate 
kann jeder riur nach Meiner Facon selig werden!" Origi- 
nal 2B x 26,5 cm. Tusche, Feder, Aquarell; Farbe: Oran- 
ge. London. Fischer Fine Art Ltd. - SimpI.: Jg. 37, Nr. 7, 
S. 73, Titelseite; Druckfarbe Orangerot 
:i Karl Arnold. "Hoppla. wir leben!" (1927) e wri guter Lo- 
genplatz und die Revolution auf der Bühfle, da sag" ick 
blos. vive Ia republique!" Original 27 x 25,5 crri. Tusche. 
Pinsel. Aquarell, Farben: Gelb. Rosa; bez.u.re. -KA 27". 
Karl Arnold Erben. - SimpL: Jg. 32. Nr. 27. S. 353. Titel- 
seite; Druckfarben: Gelb, Rot, Orange. Rosa 
Wedekind selber mitspielte, zeigte der Kommissar 
Verständnis. Einen solchen Theaterabend wollte er 
nicht "verpetzen". zumal durch preußische Befehle. 
Holm berichtete, daß sich Wedekind nach der Auf- 
führung "in seiner Doppelrolle als durchgefallener 
Autor und fast schon durchgebrannter Majestäts- 
verbrecher bewundern ließ". Dann reiste Wedekind 
mit Frida Strindberg nach Zürich und traf dort Lan- 
gen. der ihm Geld für das "Pariser Exil" gab. Wede- 
kind faßte aber kurze Zeit später den Entschluß. sich 
freiwillig der LeipzigerJustizbehörde zu stellen. Wi- 
der Erwarten verurteilte man ihn zu sieben Monaten 
Festung. so daß er auf Königstein Th.Th. Heine Ge- 
sellschaft leisten konnte. 
Albert Langen stand während der folgenden Jahre 
brieflich in engstem Kontakt mit seinem Verlag. Kor- 
fiz Holm warein treuer Verwalter und berichtete sei- 
nem Chef buchstäblich alles. Langen kehrte erst 
1903 nach München zurück. Zuvor hatte er eine 
Geldbuße in Höhe von 30000 Goldmark bezahlt. 
Dem "Simplicisslmus" hatte die "Maiestätsbeleicli- 
gung" alles andere als geschadet. Waren vorher 
15000 Exemplare pro Nummer verkauft worden. so 
hatte man sich nun auf 85000 gesteigert, eine für 
damalige Verhältnisse außerordentliche Zahl. Aller- 
dings war die Zeitung immer noch ein VerIustge- 
schäft. Erst ab 1906, mittlerweile war der Verkaufs- 
preis schrittweise von 10 auf 30 Pfennig angehoben 
worden, arbeitete man mit nennenswerten Gewin- 
nen. Wedekind hatte sich inzwischen eingeredet, 
Langen habe ihn aus eigennützigen Gründen de- 
nunziert. Deshalb verfaßte er das satirische Schau- 
spiel "Oaha". das in der "Simpl-Redaktion" spielt. 
Das Stückwurde ein Bühnenerfolg. Die Verspottung 
ging unter die Haut. Der "Simplicissimus" suchte 
sich einen neuen "Hausdichter" und fand ihn in 
Ludwig Thoma. der unter dem Pseudonym "Peter 
Schlemihl" schrieb. Zwar hatte Langen dem Dach- 
auer Rechtsanwalt gegenüber einige Bedenken, 
aber Thoma war ab März 1900 - ebenso wie Rein- 
hold Geheeb - Mitglied der "SimpI-Redaktion". 
Beschlagnahmungen, Verbote und Anklagen waren 
an der Tagesordnung. Sogar die bekannte Gräfin 
Franziska zu Reventlow aus Schwabing bekam das 
zu spüren. als sie aufgrund ihrer Humoreske "Das 
Jüngste Gericht" wegen "Gotteslästerung" ange- 
klagt und die "Simpl-Nummer". die diesen Beitrag 
gebracht hatte, beschlagnahmt wurde. Der "Simpli- 
cissimus" mußte zu jener Zeit vor allem mit zahllo- 
sen versteckten Angriffen und den Verkaufsschwie- 
rigkeiten fertig werden. Ludwig Thoma beschrieb 
die Situation: "Katholische und protestantische 
Geistliche gingen in die Buchhändlerläden. verlang- 
ten Entfernung des "Simplicissimus" aus den Schau- 
fenstern oder wollten den Vertrieb verbieten . . . Mi- 
nistern, Polizeipräsidenten, Staatsanwälten, sogar 
Richtern kam es nicht darauf an. gesetzliche Be- 
stimmungen zu umgehen oder zu verletzen, um das 
gehaßte, zum mindesten für verderblich gehaltene 
Witzblatt zu unterdrücken." Da viele der offiziellen 
Schritte der Staatsanwälte Bumerangcharakter für 
die Behörden hatten, gab es genügend zu lachen, 
und die Popularität des "Simpl" im In- und Ausland 
wuchs unaufhörlich. "Wir standen als angehende 
Dreißiger fast alle im gleichen Alter, hatten keinen 
Willen als den eigenen zur Richtschnur und handel- 
ten nur nach Gesetzen, die wir uns selber im Inter- 
esse der Sache auferlegten. Es gab keinen Chef, 
dessen Meinung oder Wünsche zu berücksichtigen 
waren; es gab keine äußerliche, außerhalb des Kön- 
nens und der Förderung des Ganzen liegende Auto- 
rität. Sie ruhte auf Persönlichkeit und Leistung. Ge- 
wiß überwog die Persönlichkeit Th.Th. Heines, und 
seine stets in urbaner Form vorgetragene Meinung 
war ausschlaggebend. Aber sie wares wirklich, weil 
sie überzeugte und weil souveranes Können, treffsi- 
cherer Witz und ein durchdringender Verstand da- 
hinter standen" (L. Thoma). 
Leo Tolstoi hatte 1901 an den "Simplicissimus" ge- 
'11
	        

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