MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 159)

"Simpl-Ftedaktion-r Beziehungen und Zugang zu In- 
formationen über die Politik in Bayern. Zunehmend 
gefestigter wurde damit auch die eigene politische 
Haltung. Überden Stuttgarter Rechtsanwalt Conrad 
Haußmann, Friedrich Naumann und den jungen 
Theodor Heuss lernte man die Positionen der Libe- 
ralen kennen. Thoma schied aus diesem Kreis aus. 
als er sich während des Ersten Weltkrieges als ein- 
deutiger Verfechter der nationalistischen Reaktion 
erwies. Die historischen Erfahrungen des nationa- 
len und liberalen Bürgertums im 19. Jahrhundert 
haben das politische Selbstverständnis auch des 
Naumann-Kreises geprägt. Das leuchtende Vorbild 
war Friedrich der Große. In ihm sah man den aufge- 
klärten Absolutismus ideal verkörpert. Pflichten und 
Tugenden des vorbildlichen Herrschers wurden zu 
Humanität und Toleranz im Bürgertum umfunktio- 
niert. "Positiver Potsdamismusri als eine "glückli- 
che Verbindung von Klugheit und festem Willen-r - 
so meinte Thoma 1912 - habe aus dem kleinen 
Preußen jenen modernen und in sich gefestigten 
Staat werden lassen. Friedrich der Große als Vor- 
bild: daran wurden im "Simple immerwieder Kaiser 
Wilhelm ll.. die regierenden Fürsten und das monar- 
chische Prinzip gemessen. 
Während der Zeit der Befreiungskriege hatten die 
Reformen von Hardenberg, Gneisenau und Stein die 
zusammenbrechenden Monarchien gerettet und 
wieder aufgerichtet. Durch den Freiheitskampf hatte 
das "Volk- Napoleons Herrschaft abgeschüttelt und 
die Möglichkeit einer nationalen Einheit geschaffen: 
Einheit und Freiheit. Bismarck bedeutete für den li- 
beralen und patriotischen Bürger die ideale Führer- 
figur. Gegenüber seiner Persönlichkeit fiel das wil- 
helminische System deutlich ab. Vorn Bismarck- 
Kult zur Glorifizierung Hindenburgs im Weltkrieg, 
von Nietzsches Übermenschentum bis zur unbe- 
dingten Bejahung der Macht führt ein gerader Weg. 
Th.Th. Heine zeichnete 1898 "Bismarck im Jen- 
seits": "Oh, wie ich mich auf das Wiedersehen mit 
meinem hochseligen Herrn freue!" - "Das wird sich 
nicht gut machen lassen, Durchlaucht: Er befindet 
sich in der Abteilung für Große. Durchlaucht kom- 
men in die Abteilung für Handlanger." 
Der "Simplicissimusrr sah die nationale Einheit nur 
in einem freiheitlichen Staat gewährleistet. Das 
"persönliche Regiment-t Wilhelms, des "Allerhöch- 
sten Herrn-r, der sich als "Instrument Gottes-r ver- 
stand. hat der "Simpl" stets besonders heftig attak- 
kiert. DerKaiser mischte sich in allesein, wußte alles 
besser und blamierte sich und das "Fleich- unsterb- 
Iich. Seine Großsprecherei nach außen und sein 
Neobyzantinismus zaristischer Prägung waren un- 
erträglich. Th.Th. Heines Karikatur "Allerhöchste 
Kritik-r (1914): "Wie kommt es nur. daß ihrdeutschen 
Maler so schwer malen lernt?" - "Das kommt daher. 
Majestät. daß in der Kunst das Genie nicht so erblich 
ist wie auf dem Thron!" 
Die Aversion des "Simple gegenüber dem Hohen- 
zollern übertrug sich - mit Ausnahme des bayeri- 
schen Prinzregenten Luitpold- auch auf alle ande- 
ren Fürsten. Wilhelm Il. wurde geradezu zum Syn- 
onym für "Preußentumr und den preußischen Staat. 
"Der Kampf des "Simplicissimusr war deshalb 
hauptsächlich darauf gerichtet, den preußischen 
Geist und Einfluß in Deutschland zurückzudrängen. 
Unter Preußentum verstand man dabei "Preußen als 
Systemr. als Inbegriff von Byzantinismus und Her- 
renmenschentum, was man auf den ostpreußischen 
Latifundien ebenso antreffen konnte wie in den 
rheinischen lndustrieregionen. Aus dem Staat 
Friedrichs des Großen warein Hort des Militarismus. 
Chauvinismus, des amoralischen Kapitalismus und 
scheinheiligen Protestantismus sowie einer klein- 
bürgerlichen Megalomanie geworden?" 
Der "Simpl-r wollte Gegensätze überbrücken. ver- 
stand sich als überparteilich und unpolitisch. Des- 
halb konnte er sich auch nicht eindeutig und einsei- 
tig zu Programmen einzelner politischer Richtun- 
m" 
gen bekennen. "Im Grunde kam man damit oft ge- 
nug über einen gewissen "Biertisch-Horizont- nicht 
hinaus. Es mangelte einfach an der Einsicht, daß po- 
litische Meinung organisiert werden muß, um sich 
artikulieren zu können. Dieser "Antiparteiem-Effekt 
war einmal Ausdruck eines individualistischen libe- 
ralen Denkens. Andererseits war Politik Sache der 
"Fachleute", und man war gar nicht daran gewohnt. 
aktive Politik zu betreiben?" 
Vor Marxismus und Klassenkampf hatte der "Simpl" 
Angst. die straffe Organisation und Stärke der SPD 
warfür ihn bedenklich, sein eigentliches Angriffsziel 
waren aber alle rechtskonservativen und klerikalen 
Parteien und Verhaltensweisen. "Der Kampf gegen 
das Zentrum ist Kultursachen, heißt es in den Voran- 
zeigen zur "Simplw-Sondernummer "Gegen das 
Zentrum". Das "politische Pfaffentum" mißbrauche 
Staat und Gesellschaft unter dem Vorwand der "öf- 
fentlichen Moralrr für die Interessen des Konservati- 
vismus. Der übernationale politische Klerikalismus 
verhindere duch seine antimodernistlsche, kultur- 
und lebensfeindliche Einstellung jede individuell- 
freiheitliche Besfrebung. 
Den "SimpliciSSimuS-r kann man nicht als "Erfül- 
lungsgehilfen-r der Nationalliberalen abstempeln. 
obwohl Sympathien für Bayerns nationalliberale 
Administration und das liberale Bürgertum gehegt 
wurden. Am nächsten stand ernoch dem "Linkslibe- 
ralismuss des Kreises um Haußmann und Heuss, die 
sich mit ihrer Schrift "März- ein eigenesSprachrohr 
geschaffen hatten. Dem "Simplr- gelang es wieder- 
holt, innenpolitische Krebsherde des Kaiserreichs 
freizulegen. "Er hatte das Zusammenspiel von Un- 
ternehrnerinteressen mit staatlichen Behörden, in- 
begriffen Polizei und Justiz, gegenüber der Arbei- 
terschaft aufgedecktß- 
Der "Simpl" griff mit seinen Satiren die "Beamten-, 
Gelehrten-, Plutokraten- und Kommerzienratsari- 
stokratie- und das Großbürgertum an, die ihr Bünd- 
nis mit Staat, Aristokratie und Kirche gegen die In- 
teressen der Arbeiterschaft und den Parlamentaris- 
mus geschlossen hatten. Kastengeist, Ungleichheit 
und Ausbeutung wurden immer wieder angepran- 
gert. Beliebte Zielscheibe waren auch Militär und 
Militarismus. "Die Dominanz der Uniform im öffent- 
lichen Leben. der Anspruch ihrer Träger auf höhere 
soziale Stellung, der Geist von Subordination, Drill 
und Gedankenarmut im Offizierskorps mußte den 
Widerspruch des "Simplicissimus- herausforderns." 
Josef Benedikt Engl zeichnete 1897 einen feisten 
Kapitalisten und einen hochnäsigen Offizier, die 
sich in einem Baderaum aufhalten: "Herr Lieutenant 
tragen das Monocle im Bad?" - "Äh, befürchte 
sonst für Civilisten gehalten zu werden." 
Am liebsten griff der "Simpl-r den Korpsstudenten 
an. Soziale Stellung und Herkunft ermöglichten ihm, 
eine Fiolle zu spielen, die in gar keinem Verhältnis zu 
seinen Leistungen stand. Typisch ist Bruno Pauls 
Karikatur "Am Ziel-i (1901): Zwei unglaublich einge- 
bildete und geradezu fürchterlich anzusehende 
Studenten überqueren einen Platz. Natürlich sind 
die beiden in voller Montur. Da sagt der eine: "ich 
glaube. ich habe bald ausstudiert. Ich werde von 
nichts mehr besoffen." - Das Studium der heran- 
wachsenden Elite der Nation wurdevom "Simph- als 
eine ununterbrochene Trinkorgie gesehen, gestützt 
auf die paramilitärische Grundeinstellung der 
schlagenden Verbindungen. 
Die Lösung der "sozialen Frage" erschien dem 
"Sirnplicissimus" als entscheidend. Die Kluft zwi- 
schen arm und reich mußte überwunden werden. 
Zwar wurde bis zum Ersten Weltkrieg vornehmlich 
eine bäuerliche und halbstädtische Zwischen- 
schicht dargestellt, weil es im landwirtschaftlich 
strukturierten Bayern das Problem des Industriepro- 
letariats kaum gab, doch war man sich durchaus der 
politischen Recht- und Bedeutungslosigkeit der Ar- 
beiterschaft klar. Nicht aus eigenem Interesse war 
der Arbeiter "vaterlandslosß. sondern wegen der 
ihm von derGesellschaftzudiktierten Rolle, die erzu 
übernehmen hatte. Revolutionäre Tendenzen. so 
glaubte der "Simple. konnten noch am ehesten 
durch eine entschiedeneVerbesserung der Lage der 
Arbeiter abgebremst werden. -Th.Th Heines Karika- 
tur "Arbeiterfürsorge" (1903) zeigt einen riesigen 
fetten Köter vor einem Teller sitzen. auf dem eine 
herrliche Wurst liegt. Rundherum wimmelt es von 
kleinen, total ausgehungerten kleinen Hunden. 
"Seht, liebe Kinder. ich fresse jetzt diese Wurst. 
Wenn ihr mir ein Stück davon wegfressen wollt und 
dafüreure Keilevon mir kriegt, so istdas dieFievolu- 
tions-Theorie. Wenn ihr aber geduldig zuseht, bis 
ich die Wurst allein aufgefressen habe. so ist das die 
Evolutlons-Theorie." 
Neben den Satiren auf Polizei und Justiz des Wil- 
helminischen Kaiserreichs wurden besonders die 
bissigen Angriffe gegen den Klerus bedeutsam. ge- 
gen heuchlerische Frömmigkeit und scheinheilige 
Prüderie. 
Die Struktur des Wahlrechts degradierte das "Volk" 
zum Stimmvieh, das in endlosen Herden zur Wahl- 
urne trottet, der die preußische Pickelhaube aufge- 
stülpt worden ist (Th.Th. Heine: "Mitbürger, auf zur 
Wahl! I", 1898). - Kaiser Wilhelms Außenpolitik. 
seine Haltung in der Buren- und Chinafrage, seine 
Flotten- und Kolonialpolitik und das Wettrüsten be- 
unruhigten den "Simplicissimus". Er lehnte ent- 
schieden jedes "SäbeIrasseln-r und außenpolitische 
"Maulheldentum" ab. Während Frankreich gegen- 
über vorn "Simplrr vor 1914 kein "Feindbild" aufge- 
baut wurde. erschien "Der Engländers doch zu- 
nehmend als Unruhestifter und Ausbeuter. Die An- 
griffe gegen Rußland sind unübersehbar und tragen 
chauvinistische Züge. 
Als bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Existenz 
des nationalen Staats gefährdet schien, kam es zu 
dem so häufig und scharf kritisierten "Umfall" des 
"Simplicissimusrr, der ja gar nicht überraschen 
kann. wenn man das politische Selbstverständnis 
des "Simplicissimus" berücksichtigt. "Im "Simpli- 
cissimus- sind wirallefürdie Erhaltung des Friedens 
eingetreten. wir haben ohne ängstliche Ftücksichten 
das persönliche Regiment mit seinen schädlichsten 
Begleiterscheinungen ... angegriffen . . . aber als 
der Krieg da war, gab es nichts mehr als das Schick- 
sal des eigenen Landes-r (L. Thema). - Der "Simpl" 
war zum Propagandablatt deutscher Außenpolitik 
geworden. Die Kriegsschuld schob er den Feind- 
mächten zu; und er versuchte, im Ausland für den 
deutschen Standpunkt Verständnis zu wecken. 
Fiußland galt als kriegstreiberisch, England betrieb 
die Einkreisungspolitik, Frankreichs Kapitalismus 
bedrohte das Deutsche Reich. England oder 
Deutschland: wer würde die erste Geige in der Welt- 
geltung spielen! Mit Genugtuung hörte man von 
deutschen Zeppelinen über London und deutschen 
U-Booten vorden Küsten Englands. Nach Kriegsein- 
tritt der USA wetterte der "Simpl-t gegen den "Mo- 
loch Mammon- und den "Dollarimperialismus". Ab 
1916117 wurde dann eine Friedenssehnsucht be- 
merkbar, zumal die erstrebten Kriegsziele für die 
deutschen Heere nicht mehr erreichbar waren. Der 
"Simpl-r kritisierte teilweise die deutsche Diploma- 
tie, weil sie den erhofften Verständigungsfrieden 
nicht durchsetzte. innenpolitisch kämpfte der 
"Simpl-r gegen Wucherer und Kriegsgewinnler. Die 
maßlose Enttäuschung über den Kriegsausgang, 
"Wilsons Verratr- und den Versailler Vertrag entlud 
sich in haßerfüllten Tiraden gegen die Siegermäch- 
te. Hauptthema waren die Reparationszahlungen. 
Die sozialen Gegensätze in der Weimarer Zeit wur- 
den vom "Simpliclssimusr- immer wieder in den 
krassesten Formen aufgezeigt: Schieber, Kriegsge- 
winnler und Großkapital gegen das ausgebeutete 
und verhungernde Volk. Im "Simple wurde diese 
Konfrontation auch dargestellt als Berlin gegen das 
übrige Deutschland. Ein gutes Beispiel dafür bietet 
die Karikatur "Weihnachten - in Berlin f in Deutsch-
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.