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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 160 und 161)

Bezug. An Gebeten lesen wir nach dem Hymnus die 
Psalmen 53, 116 und abschließend das Kapitel 6, 9 
aus dem Hohen Lied. 
Die Illustration der Terz, des fünften Kapitels. be- 
sorgte Josef Führich (S. 93). Die Miniatur zeigt das 
Motiv der Schutzmantelmuttergottes; links von der 
lmmakulata den Papst, einen Bischof. Kleriker und 
einfache Männer. Rechts kniet die Kaiserin Elisa- 
beth mit ihren hl. Namenspatronen Elisabeth und 
Amalia; dahinter Frauen. Vor der Initiale stehen die 
Apostelfürsten Petrus und Paulus. Nach dem Hym- 
nus mit einer besonders schönen ornamentalen Ini- 
tiale folgen Psalm 119, 120,121 und als Schluß das 
Kap. aus Eccli. 24, 15. 
Die Miniatur des sechsten Kapitels. zur Sext, gemalt 
von Christian Ruben, zeigt die Begegnung von Ma- 
ria und Elisabeth (S. 101). Elisabeth kniet vor Maria. 
links treten Zacharias, rechts Josef auf die Frauen 
zu. Unten steht derText nach Lucas C IV i-Benedicta 
tu inter muIieres-i. die Worte Elisabeths: --Gebene- 
deit bist du unter den Frauen.-( Zugleich ist mit in 
dieser Szene eine Huldigung an den Namenspatron 
der Kaiserin verbunden. denn oben im Medaillon 
sieht man das Rosenwunder der hl. Elisabeth von 
Thüringen. Das "O" des Hymnus ziert ein kniender 
Engel mitSchriftband. Es folgen Psalm 122, 123. 124 
und das Kap. aus Eccli. 24, 16. Das Gebet ziert eine 
Schlußvignette. ein verflochtenes IHS, wobei das I 
als Kreuz dargestellt ist. 
Das siebente Kapitel zur Non wird durch ein Bild von 
Peter J.N. Geiger eingeleitet (S. 109). Oben zeigen 
drei Medaillons die Kreuztragung, die Beweinung 
und den auferstandenen Christus vor Magdalena, 
unten geben zwei Genreszenen eine sprechende In- 
terpretation dazu. indem sie links die Saat. rechts 
die Ernte darstellen. Geiger schmückte auch die er- 
ste Textseite (S. 111), den Hymnus mit einer Minia- 
tur: Gottvater hält über dem kleinen Christuskind, 
das seine Arme vor dem Kreuz ausbreitet, Kelch und 
Dornenkrone. Die Randleiste zeigt oben Blumen, 
unten aber Dornen. Vor diesen Sinnbildern aus dem 
Bereich der Natur sieht man den Kreuzspeer mit der 
Fahne des Auferstandenen, der die Schlange 
durchbohrt hat. Als Gebete lesen wir Psalm 125, 126, 
127 und das Kap. aus Eccli. 24, 20. Eine Schlußvi- 
gnette. ein Amen vor gemalten Ornamentscheiben, 
bildet den Abschluß. 
Lektionen zu den zwölf Monaten 
Der zweite Abschnitt bringt Lektionen zu den zwölf 
Monaten. Die Anordnung ist immer gleich. Im obe- 
ren Querstreifen sieht man das betreffende Tier- 
kreiszeichen und einen sinnbildhaften Bezug zum 
Leben Mariens. Vor den Text und die Initiale ist je- 
weils die Gestalt eines Apostels gesetzt. 
Den Jänner malte Peter Joh. N. Geiger (S. 117). In 
der Mitte sieht man das Tierkreiszeichen des Was- 
sermannes, links tritt der Engel vor den opfernden 
Priester des Alten Testamentes, rechts verkündet er 
Maria die göttliche Botschaft. Der hl. Petrus leitet 
das Jahr ein. Der Text meditiert über die Jungfräu- 
lichkeit Mariens und verwendet den 21. Briefdes Bi- 
schofs Ambrosius an Papst Siricius mit Zitaten aus 
Luk. 1,37, 1,34 und 1,38. 
Der Februar wurde von Franz Steinfeld illustriert 
(5.121). Er steht im Zeichen der Fische. Der ver- 
schlossene Garten (links) und der versiegelte Brun- 
nen (rechts) sind ein Hinweis auf die unbefleckte 
Empfängnis Mariens: verschlossen und hellglän- 
zend zugleich birgt sie in sich dasAllerheiligste. Das 
Gebet aus der Apologie an Pamachius ist der Schrift 
des Priesters Hieronymus gegen Jovinian entnom- 
men. Zitate stammen aus Joel 3. 18 und Ezechiel 44. 
1, 2. Der hl. Johannes ist der Apostel dieses Monats. 
Den März schmückte Ferdinand Laufberger (S. 125). 
Der Widder wird hier zum Oplertier, zu dessen Fü- 
ßen die Quellen der vier Paradiesströme fließen. 
Links sehen wir Adam und Eva unter dem Baum des 
Paradieses, rechts Christus am Kreuz, Maria und 
R 
Johannes flankieren es. Der Kopf Adams liegt unter 
dem Stamm. Die Initiale wird von der Verkündi- 
gungsszene geschmückt. Jacobus ist der Apostel 
des Monats der Passion und der Erlösung. Das Ge- 
bet stammt aus dem 5. Buch. Kap. 19 des Bischofs 
Irenäus gegen die Ketzereien. 
Den April illuminierte Carl Blaas (S. 129). Links vom 
Tierkreiszeichen des Stieres ist die verschlossene 
Porta orientalis gemalt, rechts die Geburt des Chri- 
stuskindes, Stall, Ochs und Esel. Die Sinnbilder be- 
ziehen sich auf die jungfräuliche Mutterschaft Mari- 
ens. Die Miniature der Initiale nimmt die Auferste- 
hung Christi in diesen Gedankenkreis mit herein. 
Hier wurden als Text die Erklärungen des Propheten 
Ezechiel vorn hl. Hieronymus (53. Buch, über Ez. 
Kap. 44. 2) verwendet. Der Apostel Andreas ist der 
Patron des Monats. 
Den Monat Mai zierte Leopold Kupelwieser (S. 133). 
Links vom Tierkreiszeichen der Zwillinge sieht man 
Eva unter dem Baum mit der Schlange. Auch aus 
dem Kelch, den sie hält, steigt eine Schlange; rechts 
thront Maria auf der Mondsichel. wie sie in der Apo- 
kalypse geschaut wurde. Sie hält Kelch und Hostie. 
Zu ihren Füßen wachsen Ähren. am Himmel stehtein 
Komet. Bei Eva sehen wir Dornen und einen Stern 
mit einem Schlangenschwanz. In der Initiale ist eine 
engelsgleiche lmmakulata dargestellt, wie sie die 
Schlange zertritt. Zu ihr, der Sternengekrönten, 
schwebt das Christuskind gleich einer Sonne herab. 
Als Meditation wurde das 4. Kapitel aus dem 3. Buch, 
Abhandlung des hl. Augustin über das Symbolum an 
die Täuflinge. gewählt. Der Apostel Jacobus minor 
begleitet den Marienmonat. 
Den Juni malte Michael Rieser (S. 137). Links vom 
Monatszeichen des Krebses sehen wir Christus auf 
Wolken th ronend, wie er Adam die Hand reicht, wäh- 
rend rechts Eva von Maria aufChristus hingewiesen 
wird. Christus, der neue Adam, Maria, die neue Eva, 
haben die Sünden des ersten Menschenpaares ge- 
tilgt; die Arche Noah treibt draußen auf offener See, 
die Verheißungen sind erfüllt. Im Anfangsbuchsta- 
ben schwebt die Taube des HI. Geistes; der Apostel 
Philippus ist derApostal des Monats. Der Gebetstext 
ist der Rede des hl. Bernhard über die Offenbarung. 
Kap. 12, entnommen. 
DerJuIi steht im Zeichen des Löwen. Die Illustration 
stammt von Franz Stöber (S. 141). Links schlägt Mo- 
ses den Ouell aus dem Felsen, rechts wandelt Chri- 
stus vor den Augen der Apostel über den Wellen, 
was soviel bedeuten soll. daß uns diese Wunder die 
unbefleckte Empfängnis Mariens glaubhaft machen 
mögen. Der 81. und der 7. Brief des hl. Ambrosius an 
Papst Siricius sind hier als beziehungsreiche Text- 
stelle gewählt. Die lnitiale zeigt. wie Maria das Lesen 
lernt. Thomas. der gläubig gewordene Apostel, ge- 
leitet die Sinnbilder dieses Monats. 
Den August schmückte Anton Perger (S. 145). Die 
Jungfrau ist das Sternbild. Maria wird, wie lsaias 
geweissagt hat. jenem Berg verglichen, auf dem das 
Haus Gottes thront. Auf sie bezieht sich auch die 
Kirche des Neuen Testaments. Die Bildinterpreta- 
tion benützt die Erklärung des hl. Gregorzum ersten 
Buch der Könige. Der Apostel Judas Thaddäus steht 
diesem Monat vor. 
Den September illustrierte Josef Kessler (S. 149). 
Die Waage wird als Zeichen der Versöhnung gedeu- 
tet. Moses und Elias sind als ßchattenbilder- der 
Erlösung der Menschen gesehen. durch die Kraft 
des Heiligen Geistes. wurde sie in Maria offenbar. In 
der Initiale beschirmt ein Engel die drei Knaben: 
Christus. Elias und Moses. Die Illustration beruht 
hier auf dem 13. Brief des hl. Leo an Kaiserin Pulche- 
ria. in dem von der Wesenseinheit Christi und Mari- 
ens gesprochen wird. Der Apostel Matthäus be- 
schützt diesen Monat. 
Den Oktober versah Peter J.N. Geiger mit Sinnbil- 
dern (S. 153). Der Skorpion steht hier zwischen ver- 
hüllten Zeichen. die einer Rede des Abtes Bernhard 
entnommen sind. Maria ist mehr als das mit Tau be- 
deckte Vlies. so wie Gott mehr ist als jener bren- 
nende Dornbusch, den Moses schaute. Wie Moses 
mögen wir die Schuhe lösen. wenn wir uns dem Ge- 
heimnis nähern. Als Text wurde wieder die Rede des 
hl. Bernhard über die Offenbarung. diesmal über 
Kapitel 12, gewählt. Weintrauben. Sinnbilder des 
wahren Lebens, zieren die Initiale. sie umgeben 
auch das Bild des Apostels Bartholomäus. 
Zum Monat November schuf Ferdinand Laufberger 
das Bild (S. 157). Dem Zeichen des Schützen sind 
Prophezeiung und Erfüllung zur Seite gestellt. lsaias 
wendet sich hin zum Magniflcat, zu Maria mit dem 
Kind. die ihren Fuß auf einen Quaderstein. einen 
Grundstein, setzt. Die Worte der Prophezeiung 
stammen aus der Erklärung des hl. Basilius zum Ka- 
pitel 8.3 des Propheten lsaias. St. Leopold, dessen 
Fest im November gefeiert wird. ist in der Initiale wE-r 
zu sehen. der Apostel Simon ist dem Gebet zur Seite 
gestellt. 
Mit dem Dezember wurde der Maler Carl Mayer be- 
faßt (S. 161). Unter dem Zeichen des Steinbocks se- 
hen wir die Verkündigung Mariens, über ihr die her- 
abfliegende Taube; links die Flucht nach Ägypten, 
rechts den hl. Josef an der Zimmermannsbank. Das 
Christuskind am Stroh in der Initiale ergänzt diese 
Erzählung. Der hl. Paulus beschließt das Jahr, das 
Petrus eingeleitet hatte. Die letzte Meditation be- 
zieht sich auf die Bewahrung von Schamhaftigkeit 
und Keuschheit, sie ist dem 1. Buch Kap. 18 des hl. 
Ambrosius w-Über die Pflichten-r entnommen. 
Zur Bedeutung dieser Gemeinschaftsarbeit 
Will man die hier nur kurz wiedergegebenen Beob- 
achtungen in einer Interpretation zusammenfassen. 
so wird man sich in erster Linie des Spannungsfel- 
des zwischen Historie und Gegenwart bewußt wer- 
den. Die Historie war das Vorbild. Es sollteja ein Ge- 
betbuch im Charakter des 15. Jahrhunderts werden. 
Wir wissen zum Beispiel von Kupelwieser, daß er im 
Stift von St. Florian Initialen aus illuminierten Hand- 
schriften abzeichnete und pauste (Skizzenbuch 
Nr. 7)'". Es ist auch bekannt. daß die Maler in der 
christlichen Ikonographie belesen waren. Die Histo- 
rie gab aber nicht mehr als eine Vorlage ab, die nun 
völlig frei abgewandelt wurde. Dies zeigte sich 
schon bei der Schrift: wDie Schrift", heißt es im 
Kunstblatt, wsich anlehnend an die des XV. Jahr- 
hunderts. ist deutlich und gleichmäßig; ein Reich- 
thum von Ornamenten ist in den Initialen. den 
Schlußstücken der Zeilen und den Schlußpunkten 
verschwendet. Jedes Blatt fast überrascht durch 
neue Wendungen. nirgend ist eine Wiederholung 
oder Erlahmung der Phantasie bemerkbar. Sie sind 
von der gewandten Hand zweier Schüler der Archi- 
tekturschule. -- Aus dem Nachlaß Anton Groners, der 
ein Mitarbeiter Eduard van der Nülls war, geht her- 
vor, daß er die ornamentale Ausstattung des Gebet- 
buches geschaffen hat. Auch eine Zeichnung des 
Einbandes findet sich unter seinen Papieren. Am 
Missale romanum stammen Ornamente und Zierlei- 
sten gleichfalls von ihm; die Schrift gestaltete dort 
Anton Hanka. Vielleicht war er gleichfalls schon am 
Gebetbuch tätig". 
Die Erfindung der Darstellungen war ebenfalls eine 
durchaus eigene. Man illustrierte die vorgegebenen 
Texte, suchte Bezüge und wählte meist sehr nahe- 
liegende Sinnbilder. die gegenüber den geistvollen 
Bezügen des Mittelalters oft nuräußerliche Wirkung 
haben. Geistiges wurde in eher profaner Weise ver- 
sinnlicht. doch darin lag nicht nur ein Nachteil. Die 
Wirkung sollte jedem verständlich sein. Damit war 
sich die spätbiedermeierliche Mentalität im Schau- 
baren treu geblieben und hatte sich nicht in intellek- 
tuellen Konstruktionen verstiegen. Wir lesen im 
Deutschen Kunstblatt: "Die Darstellungen aber. 
welche von dem Direktor Ruben und den Professo- 
ren Blaas, Führich. Geiger, Kupelwieser, Meyer und 
Schulz ausgeführt sind, ist an und für sich so rei- 
zend, daß auch derjenige, dem kirchliche Symbolik
	        

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