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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 160 und 161)

Neuilly selbst Napoleon dieses mit feinstem Kalkül 
erdachte Werk bewunderte. Dominik Biemann be- 
nutzte jedoch nicht diese ursprüngliche, heute im 
Louvre befindliche Fassung als Vorbild, sondern 
eine vor allem in den Gewandfalten der Beinpartie 
der liegenden Psyche abweichende Variante. die 
1794-96 für den russischen Fürsten Jussupoff voll- 
endet wurde und heute in der Ermitage ist. Eine von 
Tadolini gefertigte Replik davon gelangte in den Be- 
sitz des Fürsten Metternich"? So wäre es nicht aus- 
zuschließen, daß Biemann, der durch seine Bildnis- 
kunst vielfache Beziehungen zur Wiener Aristokra- 
tie besaß, eben diese Marmorkopie vorAugen hatte, 
als er sein Glas konzipierte. Die Amor-und Psyche- 
Gruppe Canovas galt wegen der überaus gesuchten 
und eleganten Verschränkung der beiden Figuren in 
6 
 
_ va-Schülers und 
der zeitgenössischen Kritik als eine der raffinierte- 
sten Erfindungen damaliger Skulptur. So nimmt es 
nicht wunder, wenn sich derjunge ehrgeizige Glas- 
schneider dazu anspornen ließ. seine Kräfte mit die- 
ser anspruchsvollen Vorlage zu messen. Der Erfolg 
mochte ihn zu weiteren Versuchen in dieser Rich- 
tung beflügeln. 
Es haben sich zwei andere als Pendants gearbeitete 
konische Becher auf geschliffenen Walzenfüßchen 
von identischer Grundform erhalten, die heute- lei- 
der auseinandergerissen - in zwei verschiedenen 
Privatsammlungen aufbewahrt werden. Auf einem 
Hochschliffmedaillon weisen sie jeweils eine ge- 
schnittene Venus-Darstellung auf: eine kauernde 
Venus übereinem kleinen Postament (Abb. 8) in der 
Sammlung Fritz Biemann, Zürich". und eine lie- 
gende Venus mit Amorknaben auf einem sockelarti- 
gen Ruhebett (Abb. 10) in der Sammlung Heinrich 
Heine, Karlsruhe". Besonders bei der von vorne 
wiedergegebenen kauernden Venus läßt sich die 
hohe Könnerschaft, die das Sujet mit seinen starken 
Verkürzungen beim Glaskünstler voraussetzte. 
deutlich nachempfinden. Obwohl man sich gerade 
bei diesem Motiv an Vorbilder derantiken Plastik er- 
innert fühlt, gehen beide Venus-Darstellungen auf 
Marmorbildwerke des Pietro Tenerani. eines Cano- 
langjährigen Mitarbeiters von 
Thorvaldsen, zurück, der nach dessen Fortgang 
eine beherrschende Rolle im Kunstleben Roms 
spielte und seit 1860 neben seinen Lehrverpflich- 
tungen an derAccademia di S. Luca Generaldirektor 
der römischen Museen war. Die beiden Venus-Ge- 
stalten deuten freilich in seine frühere Zeit (Abb. 7 
und 9). Gemäß alter bildhauerischer Schulungstra- 
dition, die im Kopieren nach Antiken bestand. hatte 
er die kauernde Venusw fast wörtlich von dem be- 
rühmten antiken Bildwerk des Doidalsas übernom- 
men. wahrend er die lagernde Venus, der Amor ei- 
nen Dorn aus dem Fuß zieht. selbst erfunden hatte. 
Wir wissen, daß er diese Venus-und-Amor-Gruppe 
um 182111822 für den Fürsten Nicolas Esterhazy 
ausfuhrte". Vermutlich hing dieser Auftrag mit dem 
1817 erfolgten Besuch dieses österreichischen Mi- 
nisters im römischen AtelierThorvaldsens, woTene- 
rani damals arbeitete, zusammen. Offenbar i: 
auch die im Nachlaß Teneranis erwähnte Por 
ste Esterhazysentstanden"? Ob die kauernde 
ebenfalls für Esterhazy gearbeitet wurde, i: 
nachweisbar, Wenngleich von der Vent. 
Amor-Gruppe auch für andere Auftraggeber 
ken entstanden und sicher auch graphische 
bildungen existierten, die Dominik Biemai 
kannt haben konnte, ist es doch eher wahrs 
Iich, daß er das Original in der Sammlung dl 
sten Esterhazy selbst - vermutlich in seiner' 
Galerie, für die auch die zu gleicher Zeit be 
valdsen bestellten Bildwerke eines Amorl 
und einer Bacchantin bestimmt waren's - ki 
lernte. 
Biemann war jedenfalls im Winterhalbjahr 1 

	        

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