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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 160 und 161)

ennaiebeispiele 
ilich ratlos stand der Besucher derBiennale von 
zdig 1978 einer Reihe von Attraktionen gegen- 
, sofern sich in ihm nicht die Vermutung regte, 
as sich da um Exerzitien im Sinne jener berühm- 
Erweiterung des Kunstbegriffsi- handeln müße, 
sie Kunstmanager. Kunsthändler. Kunsttheore- 
und auch Kopfe sonst, die gerne Spaß machen, 
einer Reihe von Jahren forcieren. 
es kann als Kunst betrachtet werden. Laßt uns 
eine Menge Kunst machen", hat es doch schon 
an im Pop-Zeitalter geheißen (nach D. Antin, 
3 - ein paar klärende Bemerkungen-q in "das 
atwerkr- 1966. Heft 10-12. Seite 111: siehe auch 
von H.R. Jauß in der Reihe "Poetik und Herme- 
ik-- herausgegebenen Band "Die nicht mehr 
inen Künste-r, München 1968, Seite 496 und 
"B 78-1 (dies der Markenname der diesjährigen 
nstaltung in den Giardini Pubblici war der israe- 
ie Pavillon in einen Schafstall mit Hürden, Heu- 
Strohbundeln und einer Menge Schafen ver- 
delt worden. Aufs Kreuz hatte der Maler und 
tiker (und einstmals Schafhirt in einem Kibbuz) 
ashe Kadishman jedem der Tiere einen azur- 
en Fleck appliziert, um solchermaßen ans Mit- 
eer, an die Gestade seiner Heimat zu erinnern. 
er selber erklärte. 
' nicht in jener Schafverzierung sei die beson- 
i Leistung des seinem ganzen Exterieur nach ge- 
izu biblisch anmutenden Biennale-Repräsen- 
en Israels zu erblicken, sondern in dem aus sei- 
Phantasie geborenen Einfall. Kunst und Natur 
Thema der Biennale war ja: --Von der Natur zur 
st, von der Kunst zur Natur-i) dadurch in eine be- 
lere Übereinstimmung zu bringen. ja schließlich 
ir selber zur Kunst zu machen. daß er die Schaf- 
le auf dem Biennalegelände, und das ist: im 
men einer Kunstausstellung, placierte. 
n der Kunst zu der Natur als Kunsti- ist Amnon 
zels Katalogvorwort für Kadishman betitelt. Im 
heißt es apodiktischer, strenger noch: "Eine 
afherde ist ein Kunstwerk und ihr Verhalten ist 
zünstlerischer Vorgangß Als zur Gattung "Envi- 
nent- gehörig stufte Manfred Schneckenbur- 
Leiter der 6. documenta. die Veranstaltung ge- 
chsweise ein. "Lebende Plastiken" hat die 
afe auch schon ein Wiener Berichterstatter ge- 
'1t, 
. nun die italienischen Biennalerepräsentanten 
ngt, so verfuhr einer von ihnen, Antonio Paradi- 
ivie folgt; In einem eigens zu diesem Zweck er- 
teten eisernen Gehege hielt er einen Stier ge- 
jen. den er, ehe die Polizei dem Spuk ein Ende 
hte (was bald geschah), zwang, zu festgesetzten 
en eine miteinerKuhhaut bespannte Attrappe zu 
aringen. 
Künstler weise mit seinem Werk auf den Kon- 
tzwischen Deiner archaischen und geheimnis- 
an Lebenskraft und ihrer rationalistisch-mecha- 
hen Kontrolle", verlautet der Katalogtext Enrico 
polis dazu. 
Hamburger Bildhauer Ulrich Rückriem ließ ei- 
nach seinen Angaben in vier gleich große Teile 
aaltenen und sonst so gut wie überhaupt nicht 
rbeiteten grünen Dolomitstein in den deutschen 
illon bringen und die Teile dort. von einer imagi- 
ten kreuzförmigen Mittellinie weg. so weit aus- 
inderschieben, daß erstens der Block als Ganzes 
sch den Zusammenhang nicht verlor und zwei- 
:- um den Raum mit einzubeziehen - auch die 
h Ansicht des Künstlers richtigen Entfernungen 
en Mauern des Gebäudeserreicht werden konn- 
Kommentar von R.H. Fuchs bringt Riickriems 
n mit Michelangelos "Pietai- in Verbindung. Auf 
i Ebenen habe des Florentiners zu Recht be- 
ntes Werk freilich "mit Kunst an sich nichts zu 
t. Die Plastik lasse sich a) infolge ihres illustrati- 
Meister Franke, Thomas-Altar: nTrauernde Frauen". 
(Ausschnitt) 1424. Hamburg. Kunsthalle (lnv. Nr. 496) 
Arnulf Rainer, "Abbitte leisten", 1973. 
Mark Boyle, Mark Boyle und Joan Hills arbeiten aufdem 
Strand von Camber Sands. 1969 (fotografiert von Came- 
ron Hills) 
Menashe Kadishman. Schale, 1978 
ven Charakters und b) ihrer Aufstellung als Altar- 
stück in einer Hauptkirche wegen von jedermann 
"ansehen-r, ja r-sogar benützen, ohne ihre Qualität 
und ihre Stellung in der Kunst in Betracht zu zie- 
hen". 
In Rückriems wSkulptur-t wäre demgemäß, prüft 
man sich. der reinere Fall zu erblicken? Tatsächlich: 
"Diese Arbeit von Rückriem hier in Venedig und 
halle seine anderen Arbeitens, erklärt Fuchs mit 
Aplomb, "können also nur als Kunst aufgefaßt wer- 
den; das Publikum muß in irgendeiner Weise seine 
Beziehung zu dieser Kunst definieren. Es gibt kei- 
nen anderen Weg - aus irgendeiner Mythologie her- 
aus oder in sie hinein". 
Der Autor stützte seine These von der Bedeutung 
Ruckriems auch noch auf die weiter unten stehende 
Weise. erweiterte sie, erhöhte sie, allfälligen Skepti- 
kern zum Gebrauch. 
Zauberei geht vonstatten: --Der Standort, die Bien- 
nale von Venedig. macht den Stein zu einer Skulp- 
tur, zu einem potentiellen Kunstwerk. Der Standort 
gibt dem Werk einen historischen Kontext, einen 
Bedeutungshorizont. Hier in Venedig reiht sich der 
Stein in die Traditionen der Bildhauerkunst ein, und 
hier wird er zu einem komplexen Kunstwerkß 
Von der Naturzur Kunst strebte der Engländer Mark 
Boyle, indem er Boden- und Gesteinsformen aus ih- 
rem Zusammenhang loste und als Bilder aufklebte 
oder im Abgußverfahren auch Straßenpflaster. 
Mauern und Sanddünen grcßfcrmatig und recht ge- 
schmäcklerisch wiedergab. 
Die zu Beginn der siebziger Jahre geborene pseu- 
dowissenschaftliche Herbariums- und Schaukä- 
sten-, Sortier-. Registrier- und Präparier-Kunst der 
"Spurensicherungr- feierte insbesondere bei den 
Holländern fröhliche Urständ. Krijn Giezen hielt es 
mit dem Fischpraparieren und -räuchern. Hans de 
Vries zeigte sich mit dem Registrieren von Kuh- 
milchsorten beschäftigt. Sjoerd Buismans Interesse 
galt der Einwirkung von Licht auf pflanzliches 
Wachstum: in seriellen Momentaufnahmen hielt er 
auch das Sprießen und verkümmern von Saatgut 
fest. Bei den Franzosen dominierte Roy Azdaks 
Kästchen mit getrockneten und einzementierten 
Früchten und Gemüsen. P.A. Gette präsentiert Kie- 
selsteine in Serien von künstlerisch gewollt an- 
spruchslosen Schwarzweiß- und Farbfotos. Alain 
Leslie dokumentierte Landschaft wwissenschaft- 
lichs. 
An all dem gemessen, bot der im übrigen hervorra- 
gend präsentierte österreichische Biennale-Beitrag 
- Arnulf Rainers expressiv überzeichnete Face-Far- 
ces- und Body-art-Fctos- noch Kunst von geradezu 
klassischer Art. Auf seine Weise setzt Rainer die 
große Geschichte der Groteskkunst fort, die tragi- 
sche, die heitere. Die mimisch-pantomimische Lei- 
stung des Künstlers ist höchst suggestiv, Die gra- 
phische Akzentuierung steigert die Ausdruckskraft 
der Fotos. 
2. Ein Historiker der modernen Kunst spricht 
Werner Hess. Professor an der Staatlichen Hoch- 
schule für bildende Künste Berlin. eröffnet seinen 
Beitrag "Grundfragen der bildenden Kunst- zu dem 
voluminösen Band "Die Kunst-ß (in der Reihe "Wis- 
sen im Überblick-t bei Herder. FreiburglBasellWien 
1972, Seite 13 ff.) mit der melancholischen Bemer- 
kung: "Wenn eine Wissenschaft Grundfragen ihres 
rFachbereichs- darlegen will. wird man vorausset- 
zen. daß der Gegenstand der Fragen bekannt oder 
jedenfalls bestimmbar ist und daß man die Grenzen 
des Bereichs aufweisen. mögliche Überschneidun- 
gen mit anderen Gebieten und Übergänge deutlich 
machen kann. Weniger denn jejedoch gibt es heute 
von dem durch das Wort-Kunst bezeichneten Kom- 
plex von Erscheinungen eine Begriffsbestimmung, 
die wenigstens in solchem Maße allgemeine Zu- 
stimmung fände. daß man sie arbeitshypothetisch 
voraussetzen könnte. Auch die Grenzbestimmung 
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