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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 162)

lich Rotmarmor, der seit rund 800 Jahren im Rau- 
me von Adnet bei Hallein gebrochen wird. Die wis- 
senschaftlich an sich falsche Bezeichnung (es 
handelt sich vielmehr um Kalkgesteine) wird hier 
beibehalten, weil es üblich geworden ist, in der 
technischen Praxis, im Steinhandwerk und in der 
kunsthistorischen Fachliteratur von "Rctmarmont 
zu sprechen. 
Das einzige bedeutende Denkmal der Rotmarmor- 
Sepulkralplastik, das sich in Salzburg erhalten 
hat, ist die Deckplatte der ehemaligen Tumba des 
hl. Vitalis in der dortigen Stiftskirche St. Peter. Die 
Platte soll im Mittelpunkt dieses Berichtes ste- 
hen. 
Vitaiis war zweiter Bischof von Salzburg und Abt 
. von St. Peter. Er starb ca. 730. Sein Leib wurde 
1181 erhoben, die 1459 eingeleitete Kanonisation 
konnte nie zu einem Abschluß gebracht werdeng. 
Das Werk gehört zu denjenigen Grabdenkmälern, 
auf denen die längst Verstorbenen als Mitglieder 
des himmlischen Jerusalem in der Weise darge- 
stellt wurden, iidaß ihre Existenz auf Erden mit ih- 
rer Existenz im Himmel als ,unIösbar verknüpff 
(das augustinische Jnvicem permixte') er- 
Sühielluw. Mit geöffneten Augen liegt der Heilige 
auf dem Bahrtuch, das von sechs Engeln, die alle 
den Betrachter anblicken, gehalten wird. Zwei Lo- 
wen befinden sich zu seinen Füßen. Anstelle eines 
Kissens wird der Kopf von einem großen tellerför- 
migen Nimbus hinterfangen. Als Attribut wies der 
Heilige ursprünglich nur das Pedum - mit einer 
Halbfigur des hl. Petrus in der Krümme - und das 
Missale auf. Die aus seiner Brust herauswachsen- 
de Lilie kam als individuelles Attribut erst im 
18. Jh. auf". 
Die Grabplatte ist in den 40er Jahren des 15. Jh.s 
entstanden. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie 
der alte Dualismus Gewand-Körper, der um 1400 
vorübergehend zum Ausgleich gekommen war, 
von neuem vehement aufbricht und beginnt, den 
Weichen Stil von innen her auszuhöhlen und auf- 
zulösen. Die ungeschmeidigen Schneckeneinrol- 
lungen der Mahnen der Löwen haben ihre Vorbil- 
der in den Löwen des Aribograbmales in Seeonl? 
und der Herzogstumba ln der Straubinger Karme 
litenkircheli. Die schematischen Gesichtszüge 
des Heiligen und die aus kantigen Stegen beste- 
henden Falten der Glockenkasel erlauben weder 
eine Datierung um 1420" noch um 149715. Die En- 
gel am Vitalissteln lassen sich auf die Engel der 
Straubinger Tumba und der Tumba Herzog Ernsts 
des Eisernen in der Zisterzienserkirche in Rein, 
Steiermarklß, zurückzuführen. 
An den Engeln zeigt sich die Tendenz, den Wei- 
chen Stil zu überwinden. Wenn auch die Verschie 
denheit der Schädelbildung und die Anordnung 
der Locken noch an die Straubinger Engel erin- 
nern, so ist doch die ausdruckslose Einförmigkeit 
der Mund- und Augenpartien nicht zu übersehen. 
Nur der mittlere Engel der rechten Seite weist eine 
feinere Haarbehandlung auf, als hätte ihn ein an- 
derer Meister geschaffen. 
Wenn sich auch in Salzburg nur wenige Rotmar- 
morgrabsteine erhalten haben - abgesehen von 
den Wappengrabsteinen -, läßt sich doch die 
Grabmalkunst Salzburgs an Werken im Umkreis 
fassen. So wurde beispielsweise die Entwicklung 
der spätgotischen Grabplastik in der Steiermark 
weitgehend von den Salzburger Exportwerken 
überlagert". Ein Hauptwerk ist darunter der Tum- 
badeckel Herzog Ernsts des Eisernen (gest. 1424) 
im Stift Rein. Wieder gibt es enge Beziehungen zu 
dem Aribostein in Seeon von einem Künstler, des- 
sen nicht mehr überprüfbarer Name Hans Heider 
lautet. Der ehemalige Unterbau der Tumba hat 
sich nicht erhalten. Von seinem ursprünglichen 
Standort im Chor der romanischen Stiftskirche 
von Rein wurde die Grabplatte 1766 an die Nord- 
seite des neuerbauten barocken Kirchenchores 
12 
übertragen. Der Herzog liegt in voller Rüstung im 
vertieften Mittelfeld. Auf den Schilden in den 
Ecken befinden sich die Wappen von Österreich, 
Steiermark, Kärnten und Krain. 
Der Herzog liegt mit geöffneten Augen auf einem 
breiten Kissen. Über dem Plattenharnlsch tragt er 
einen Mantel, der auf der Brust mit Schließen zu- 
sammengehalten wird und den zwei Engel so hin- 
ter ihm ausbreiten, daß er auf den Rücken der Lö- 
wen sich unter den Füßen des Herzogs erstreckt. 
Die Engel füllen mit ihren Flügeln die leeren Flä- 
chen des lnnenfeldes. Darin kann man Anklänge 
an Werke, wie sie die Heiderwerkstatt hervor- 
brachte, sehen. Die Engelsköpfe sind den Köpfen 
der Wappenhalter auf der Aribotumba ähnlich. 
Auffallend sind die dem Seeoner und dem Reiner 
Stein gemeinsame Behandlung des Mantels, der 
über die Schultern straff gespannt wird und zu ei- 
ner Art Höhlung über dem Schwertknauf wird, und 
die gebohrten Löwenaugen, von denen das eine 
noch mit Glaspaste gefüllt ist. ln Rein biegt sich 
5 Grabpiatte für den Kanonlker Wolfgang Ebner, Chor- 
herr zu St. Johann in Regensburg. Rotmarmor, um 
1440 
Anmerkungen W23 
9 Lexikon für Thedldgie und Kirche Hrsg. v Michael Buchberger 
FreiburglEr. ed. 1d. 193a. sp 659 
'" Erwin Panofsky. Grabplastik. Kuln 1964. s. 60 
" Joseph Braun. Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen 
Kunst. Stuttgart 1943. Sp. 727 
" Vincent Mayr, oas Grabmal des Stifters von Kloster Seeon. ln: alte 
und moderne Kunst. 22. (1977) H. 152. s. rslt. 
'" P. Gundekar Hatzold, Das Karmeliterklosler in Slraublng. strau- 
Ding 1947. s. 12a 
" Ladnhardt. a.a.D.. s 15 
" Friedr. Hermann, Christliche Kunslstetten Österreichs. Nr. 1. 
St, Peter. Salzburg 199a". s. 15 
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1978. S. 298 
" ebd 5.291". 
" Friedrich ll. Kelserresidenz Wiener Neustadi. Ausstellungskatalog 
Wiener Neustadt 1966. s. 31a 
" Franz Wagner, Die Siegelhilder der Salzburger Erzbischofe des 
gpegalttelalters, l1l' alte und moderne Kunst. 2:1. ttsnsi H 155 
Geza Haios. ein unbekanntes l-iieran nius-naliar aus der Burg 
Liechtenstein in Nlederosterreich. In sterr Zs.f Kunst u Denk- 
n 
malpflega. 2a tt972) s. azrl 
" t-laliri a.a 0.. s. sott. 
" F. Martin. Berchtesgaden. Augsburg 192a. Abb. s. 35 
1' w. Pinder, Die deutsche Plastik vom ausgehenden Mittelalter bis 
zum Ende der Renaissance. Berlin 1929. S 255 
die rechte Hüfte kaum merklich durch. Die E 
ge der Achsialität der Seeoner Ritterfigu 
scheint hier abgeschwächt. Ebenso wie 
Kopf des Aribo umrahmen Bart und Locken g 
mäßig das Gesicht. Dadurch wirkt der Stein e 
altertümlich. Seine Fertigstellung zu Lebz 
des Herzogs ist eher anzunehmen als die 
H. Dornik geäußerte Vermutung, die Herste 
der Platte sei erst im Auftrag seines Sohnes l 
rich erfolgtlß. Auch die Körperhaltung der L1 
mit ihren wie ausgeleiert wirkenden Hälser 
auf eine frühere Entstehung schließen. 
braucht nur auf die Thronlöwen des Thronsii 
von Erzbischof Pilgrim von Puchheim (1361 
1396) hinzuwelsenß. 
Auf ein sehr bedeutendes Salzburger Rotma 
relief auf Burg Liechtenstein in Niederöster 
hat Geza Hajos aufmerksam gemachtzß. Es 
den hl. Hieronymus, der sich von seinem Les 
abgewendet hat und dem vor ihm stehende 
wen den Dorn aus der Pranke zieht. Zwei Sc 
begleiten im Hintergrund die Szene. In de 
schung aus Heraldik der Löwendarstellung 
aus gut beobachtetem Naturalismus de: 
schmeidig sich auf die Hinterfüße stellende 
wen erkennen wir wieder den Zusammenhan 
den Löwen auf dem Aribograbmal und auf 
Stein in Rein. Für die Kenntnis der Salzburge 
marmorplastik in der 1. Hälfte des 15. Jh.s is 
Relief auch deswegen von Bedeutung, weil e 
Zeugnis für die Verwendung des Materials 
für andere Aufgaben darstellt. Mit Recht verr 
Hajos, daß die Tafel aufgrund ihres Fcrmati 
den Kirchenväterdarstellungen einer Kanze 
hört haben muß. 
Ein weiteres Hauptwerk der Salzburger Sepu 
plastik ist der Grabstein für den 1435 gestorb 
Propst Petrus Pienzenauer in der Stiftskirc 
Berchtesgaden". Beinahe wie eine vcllplasti 
Figur liegt der Propst im Mlttelfeld der Grabp 
deren profilierte Rahmung er an den Langss 
berührt, aber nicht überschneidet. Der Kop 
den geschlossenen Augen und der hohen 
liegt schwer in einer Höhlung, die sein Gewit 
das Kissen drückt. Das Gesicht weist eine D 
formung in Details - weiche Rundung der Al 
bogen, Gegenrundung der Lider, in Linienf 
eingespannter Mund - auf, die den Grabste 
einem Höhepunkt der Sepulkralplastik mat 
Der ganze Körper ist in den Ornat gehüllt. D 
ist fast überall verziert. Nur das Gesicht zeig 
glatte Haut, derjede Erschlaffung des Todes 
- Die Kette und das Pektorale leiten zu den Ra 
über, mit denen die Kasel bestickt ist. Die Kt 
glieder liegen auf dem glatten Untergrund 
goldschmiedehafter Brillanz in der Meißeltei 
sind sie ausgeführt. Ebenso ist auf die Wied 
be des Brustkreuzes eine Sorgfalt gelegt 
die Vermutung aufkommen läßt, ein origil 
Goldschmiedestück habe als Vorbild gedient 
großen Schüsselfalten und den kleineren f: 
ähnlichen Fiaffungen des Stoffes nachgel 
zieht sich das Band mit den Ranken bis zum 
ren Rand der Kasel. 
Während der Typus des stehenden Geistli 
mit Pedum und Missale auf den meisten Grat 
nen so angelegt ist, daß beide Hände mehr 
weniger erhoben sind, hat der Bildhauer hier 
Art Kontrapost der Arme gewählt, die es ih 
laubt, mit dem nach unten weisenden linken 
eine Ausgewogenheit zu erreichen, die zusan 
mit der Hüftausbiegung die ganze Körperha 
starker zur Geltung bringt. Auch die das Pt 
haltende kleine Figur hat eine wohldurchdz 
Haltung. Bedauerlicherweise ist der Kopf z 
brochen. Ein Vergleich mit dem Grabstein de 
rich Permoser, gest. 149522, der als Gegen: 
zum Pienzenauerstein in der Berchtesgat 
Stiftskirche gedacht war, zeigt, wie die Figu
	        

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