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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 162)

Christian Theuerkauff 
Jacob Dobbermann und 
Joachim Hennen - 
Anmerkungen zu einigen 
Kleinbildwerken") 
') Vorbemerkung 
Nach Abschluß dieses Manuskriptes im Sommer 1978 konnte der Ver- 
fasser dank freundlich-kollegialer Hille der Kepenhagener Kollegen 
Dir. Dr. H.D. Schepelern und seines Vorgängers. Dr. e. Boesen. auf 
Schloß Rosenborg ganz kurz Kenntnis nerlmen von Th. Faaborgs vor 
1934 beendstem. unveröffentlichten Katalog-Manuskript der Elfen- 
beinsammlung. Faaborg hat offenbar den größten Teil der seit 
1673174 existierenden Kunstkammer-lnventare durchgesehen und 
viele Elfenbein-Stücke der Königlich-Dänischen Sammlung auf R0- 
senborg identifizieren konnen. Er hat in unserem Fall als erster nach 
A. Rohde fast alle von Joachim Hennen stammenden Statuetten und 
Reliefs auf Rosenborg zu einem Werk-Katalog zusammengestellt. so 
u.a. die hiererstmals abgebildeten Büsten des Gdndrrer Herzogspaa- 
res und der danischen Könige (Abb. 10, 12. 13. 14-15). 
Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Königlich-Dänischen 
Kunstkammer. daran Elfenbeine 1824, wie alles anderaZJ. an diaver- 
schiedenen Museen abgegeben Wurden, von WO sie, Wie etwa 1857 
vom Nationelmuseum. Zum großen Teil nach Rosenborg zunickka- 
men, zu beschreiben. Doch wäre eine Auswertung des Faaborgschen 
Manuskriptes unter Einbeziehung erneuten Archivstudiurns höchst 
wünschenswert. Ich habe dieses Manuskript im Folgenden nicht be- 
rücksichtigen können und wollen, habe außerdem aus sicherheits- 
technischen Gründen die Elfanbeine weder entrahmt untersuchen 
noch aus Zeitgründen die Inventars voll auswerten können. 
Meinem Kollegen Dr Jessen und auch J. Hein auf Rosenborg denke 
ich für alle Hilfe und Unterstützung. 
Anmerkungen 1-11 
Zuletzt Ausst. Ket. Barockplestik in Norddeutschland. Museum fur 
Kunst und Gewerbe, Hamburg 1977(bearbeitet von J. Flasmussen), 
S. 5061., Kat. Nr. 198, Abb. 
2 W.F. Volbach. Die Ellenbelnbildwerke. Berlin und Leipzig 1923 
(Sieetl. Museen zu Berlin. Die Biidwerke des Deutschen Mu- 
seums, l), S. 71, lnv. Nr. J 7033. Abb. 
M. Rooses, L'0euvre de P Rubens, I. Antwerpen 1885. S. 15011., 
Nr. 122, Tefelband l, Tal. - C.G.V. Schneevogt. Catalogue des 
Estgrräges Greves däpres F. Rubens. Haariem 1873, S. 711., Nr. 51 
J. von Schlosser, Werke der Kleinpiastik in der Skulpturensemm- 
lung des A.H. Kaiserheuses. 2 Elildwerke in Holz. Wachs und Elfen- 
bein, Wien 1910. S. 14. Abb. S. 13. -Zuletzt C. Theuerkauff, Zu Ge- 
org Pfründt, in' Anzeiger des Germ. Nat. Mus Nürnberg 1974. 
S. 8B, Abb. 51. 
5 W. Kitliischka. Rubens und die Bildhauerei. 
1963, S. 23011., Abb. 116. 
c. Theuerkauff. Unrecognized lvory Carvings by Jacob Dobber- 
mann, in: Ths Burlington Magazine, CVlll, N0. 755, 1966. S. 7211.. 
Anm, 1. B. fig. 19f. 7 ln Kassel z.B. lnv. Nr. B VI, 54, S. 34, Allegorie 
auf Hessen und Hanau. 
im für 1979lBO geplanten Katalog der Berliner Eifsnbeinsammlung 
(nachmittelalterliche werke) der Skulpturengalerie. 
Barockpfastlk, Hamburg, 1977, Kat. Nr. 202. - u.a. In einer deut- 
schen Privatsammiung, deren Katalog in Vorbereitung ist, eine 
Darstellung Herkules und Omphale mit Begleitfiguren. 
lnv. Nr. Da. 7-26, 15,4 x 25.5 cm. Der Relieigrund stellenweise 
durchscheinend dünn. 
m Theuerkauff. Dobbermann, 1966 (s. Anm. 6), S. 74. tig. 21. 
" _Verlgl._u.a. Tardy. Les lvoirss. Paris d. J.. Taf. H9. Hsrkules und De- 
ianira in Kessel, sowie die dortige lnv. Nr. Vl. 20, und Barockpiastik. 
Hamburg. 1977, Kat. Nr. 202. 
 
 
. . Diss. phil. Wien 
an 
Die Kleinbiidwerke und i-Kunststückeii des aus 
Danzig stammenden, seit 1716 mit 200 Talern Jah- 
resgehalt am Hof des Landgrafen Carl von Hessen 
in Kassel tätigen Jacob Dobbermann sind biswei- 
len von höchst unterschiedlicher künstlerischer 
Qualität. Gegenüber manchem zwar trocken- 
nüchternen, doch in der Charakterisierung zutref- 
fenden Bildnis - wie z.B. dem Ovalmedalilon 
Karls Xil. von Schweden von nach 17181 - ent- 
behrt das bildmaßlge, kastenförmig gerahmte El- 
fenbeinrelief des Urteils Salomos in der Skulptu- 
rengalerie Berlin (Abb. 1) feiner Nuancierung in 
Reliefstil und kunstfertiger Materialbehandlung. 
Das von W. F. Volbach? als deutsche Arbeit aus 
der Mitte des 17. Jahrhunderts bestimmte Täfel- 
chen setzt - typisch für eine Seite von J. Dobber- 
manns Arbeitsweise - ein Gemälde, Peter Paul 
Rubens' bühnenhafte Kopenhagener Komposition 
desselben Themas von etwa 1615120, ziemlich ge- 
nau in das dreidimensionale Relief um. Dabei be- 
nutzt er sicherlich eine der Wiederholungen oder 
einen der zahlreichen Kupferstlche (hier abgebil- 
det der von Boetius a Bolswerth (Abb. 2)! Auf dem 
Relief fehlen der Baldachin und die Reliefs an den 
Säulen, ergänzt ist u.a. der Körper der Alten 
rechts. Trotz der engen motlvlschen Anlehnung 
bzw. Übernahme wirkt das Relief weniger raurn 
lich frei in die Tiefe führend als z. B. das Wiener 
Relief nach demselben Vorbild aus dem Kreis des 
Georg Pfründt (1603-1663)', das W. Kitlitschka 
Lucas Faydherbe zuweisen wollte5. 
in der Proportionlerung der Figuren mit relativ 
kleinen Köpfen, ihrer Projektion auf den quadra- 
tisch gemusterten Grund und in den durch die 
Säulenstaffelung geschaffenen Reliefraum, in der 
biidparallelen Ausbreitung der schwer fallenden, 
dellenreichen Draperien und stockend-unbeholfen 
wirkenden Gesten sowie in der stegartigen Ka- 
stenrahmung erinnert das Relief an das feinere 
der wHommage a Venus-i Im Victoria and Albert 
Museum, London, und an die Kasseler Herr- 
schaftsallegorlenß. An deren Signatur nJ. D. lZn 
schließen auch die auf der Rückseite des Berliner 
Täfelchens erkennbaren, mit Tinte geschriebenen 
Initialen wJDu an. Zu dem Datierungsvorschlag 
"vor 1716-, also vielleicht vor der Niederlassung 
Dobbermanns in Kassel, mochte ich an anderer 
Stelle Gründe anführen7. 
Das Werk Jacob Dobbermanns wird sich bei ge- 
nauerer Durchsicht der großen öffentlichen 
Sammlungen und - mit etwas Glück - auch an 
anderen Stellen, wie zuletzt die bedeutende Ham- 
burger Barockplastik-Ausstellung von 1977 zeig- 
teß, vergrößern lassen, ohne daß dabei neue Stil- 
richtungen oder Anwendungsbereiche für diesen 
Kleinkunstler zu erwarten wärenß. 
An dieser Stelle mochte ich nur mit allem Vorbe- 
halt das mit 15,4 x 25,5 cm relativ große Elfenbein- 
relief der bühnenhaften Szene der Auferweckung 
des Lazarus nennen, das sich in De danske Kon- 
gers Kronologiske Samling auf Schloß Rosenborg 
in Kopenhagen befindet (Abb. BP. Die offensichtli- 
che Umsetzung einer - noch nicht nachgewiese 
nen - Vorlage, Rellefform und Rahmen, die Gs 
sichtstypen mit allerdings teilweise schärfer ge 
schnittenen Augen, der gesamte Figuren- und Ge 
wandstil ähneln den Arbeiten Jacob Dobber- 
manns. Die gleiche kleintelllg kläublerische Be 
handlung des von Biattpfianzen und Gras bestan- 
denen Bodens findet sich beispielsweise am WJD" 
bezeichneten, vor 1730 entstandenen Reiterbild- 
nis König Friedrichs lV. von Dänemark in Rosen- 
borgw, das rissig scheinende Mauerwerk auf dem 
Londoner Venus-Relief und die typische Wolken- 
bildung auf glattem Grund sowie das kleinblättri- 
ge Baum- und Buschwerk an manchem mythologi- 
schen Relief und den Elfenbelnvasen in Kassel". 
So wie sich einerseits der Stil von Joachim Hen- 
nens figurengefulltem und -bewegtem Elfenbein- 
reiief der Grablegung Christi in Schloß Rosen 
unterscheidetlz, so nah scheint ihm die große 
Landschaft panoramahaft einbeziehende Gi 
tha-Darstellung, ebenfalls auf Rosenborg ir 
penhagen, zu kommen (Abb. 4)13, deren lnvei 
sicherlich - ähnlich wie Christoph Angerr 
Münchener Tafel von 1631 (nach Tintoretto) - 
Malerei entlehnt ist. Auffallend besonders die 
nen Figürchen unter dem weiten Himmel mi' 
schwimmenden Haufenwolken zwischen S 
und Mond und das abrupte Anstoßen der Kl 
an die Reliefkante, was alles für eine Vo 
spricht, die wohl auch den weich-teigigen 
wandstil z. T. mitbestimmt. 
Exkurs: in diesem Zusammenhang ist es von l 
esse, daß sich die rubeneske Figurenkompos 
des meiner Meinung nach eher pfründtschei 
liefs mit Bacchus und Ceres vor Venus im Kur 
storischen Museum, Wien", in einem nord 
schen (?) hochiormatigen Elfenbeinrelief in 
penhagener Statens Museum for Konstß - 
tenverkehrt - und in einem zweiten Relief al. 
senborglß wiederholt, das in Einzelzügen i 
falls Werken Jacob Dobbermanns vergleil 
ist. Ein Paris-Urteil ebenda scheint zu dersl 
Gruppe zu gehören, erinnert in manchem an c 
fenbeinkunst des Magnus Berg". 
Zu den relativ wenigen Statuetten und Gru 
von der Hand Dobbermanns möchte ich vers 
weise die vielleicht eine Komposition aus 
Kreis der französischen Akademie in Paris" 
ierende Elfenbeingruppe von Venus und . 
(Abb. 5) setzen, die das Berliner Kunstgew 
museum In Charlottenburg aufbewahrtß. 
vollwanglg-rundliche Gesichtstypus mit ge 
Nase, kleinem Mund und schartrandigen Li 
die weich-vollen, gleichsam knochenlosen l 
maßen mit großen Händen und Füßen, die g 
ten Bewegungsmotive der Frauengestalt um 
Faltenbehandlung finden sich u.a. an der 
steinernen Cieopatra und der ElfenbeIn-Ma 
Kasselm bzw. an der kleinen Gewandfigu 
Kestner-Museums Hannover". Für den Ami 
auf die entsprechende Figur der Gruppe im L 
haus in Frankfurt a. M. und auf das Kas 
Herkules-Dejanira-Flelief verwiesenzz. Die Be 
Venus-Amor-Gruppe entbehrt - wohl ihrem 
unbekannten Prototyp entsprechend - der r 
mental wirkenden statuarischen Geschlo 
heit, wie sie z. B. die von Jörg Rasmussen z 
wohl zu Recht als der r-Große Condeu bestii 
Statuette In London (Abb. 6) repräsentiertü 
ses whistorischek Portrat von etwa 1730140 w 
um und die zu derselben Serie gehörigen St: 
ten Henris lV. und - vielleicht - J.F. P. de 
dls, Kardinal de Retz, in London bzw. deuts 
Privatbesitz" auf ihren Zusammenhang mit 
zösischen oder eher noch niederländischen i 
plastiken, u. a. von Francois Dieussart und Ba 
lcmaus Eggers, zu untersuchen, bleibt weil 
noch eine Aufgabezä. Von ihren Werken bi 
sich eine Reihe schon seit 1652 bzw. Efidi 
Jahrhunderts in Berlin! 
im Anschluß an meine lange vor 1977 ausge 
chene vorsichtige Zuschreibung einer elfenb 
nen Statuette des hl. Johannes im Museui 
Kunst und Gewerbe, Hamburgzö, an Joachim 
nen (um 1640? - nach 1707) hat Jörg Rasml 
zu den schon bekannten, von Alfred Ftohde 
veröffentlichen Aktennotizen, Reliefs und Bl 
medailions eine lange Reihe von Holz- und l 
beinarbeiten, auch Statuetten und Gruppen, 
nem imponierenden Werk zusammengestellt 
konnte außerdem auf eine ganze Reihe vor 
cher Werke aus Malerei und Plastik in Flai 
und Süddeutschland für die komplexe Stilbi 
Hennens hinweisen. - Aus dem seit einem 
pen Jahrzehnt - im Hinblick auf eine Mor 
phle - gesammelten Material sollen an r
	        

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