MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 162)

Hermann Härtei 
Seit Jahren ist Hermann Hartel Ordnungen und Bewe- 
gungen auf der Spur, die er in einer vom Menschen kul- 
tivierten. bearbeiteten, genutzten (aber nicht vernutzten, 
nicht ausgebeuteten) Natur wahrnimmt. In sie kann er 
hineindenken. aus ihr kann er herauslesen. was in ihm 
an allgemeinen Vorstellungen und Ideen gereift ist und 
zum Ausdruck drangt. So entwickelt er mit iedem seiner 
Bilder. jeder seiner Zeichnungen oder Radierungen eine 
Synthese von Beobachtungen und deren symbolhafter 
Verdichtung. 
Die sich wie feine Filigranarbeiten organisch entwickeln- 
den Arbeiten Hartels finden das Besondere im Allgemei- 
nen und das Allgemeine irn Besonderen Anders gesagt 
Makrokosmische Strukturen gewinnen bei ihm dieselbe 
Bedeutung wie mikroskopische, das Kleine ist ihm so 
wichtig wie das Große, weil sich das eine im andern fin- 
det - und umgekehrt. 
Die IrViDYGUOHSiiHIQHH iwie er sie nennt) seiner Bilder 
entwickeln sich von einem Kern ausgehend und werden 
von deutlich konturierten Umrißlinien. die iedoch durch- 
lassig erscheinen. eingezaunt. Diese Konturen bilden 
aber keinen eigentlichen Abschiuß. sondern einen Uber- 
gang, eine Verbindung zu den verschiedenen, das jewei- 
lige Bild bestimmenden Maßeinheiten. durch die das 
Meßbare im Nichtrneßbaren sichtbar gemacht wird. 
Das Nichtmeß-, aber Erfahrbare ist, was man das wir- 
kende Gesetz im Stifterschen Sinn nennen konnte. Harte! 
entdeckt es in der Natur, in der Landschaft als eben ie- 
nes Allgemeine, durch das alles Besondere bedingt wird: 
der Baum, der Wasserlauf, der Regenbogen. das Land 
(mit Hof und Dorf) schlechthin. 
Als Radierer ist Hartel seinem Wunsch, den gemeins - 
men Nenner fur die Strukturen, Bewegungen und Dit- 
fernzierungen von Gras. Wolke, Schatten, Wasser, Fur- 
che und Feld zu finden, sehr nahe gekommen. In feiner 
Ziselierarbeit gelingt es ihm. das Vielschichtige einander 
zuzuordnen und aus ihm jenen Rhythmus herauszulosen. 
der das Leben der Materie ausmacht. 
Anregungen zu seinen Arbeiten bezieht Hartel von vielen 
Seiten - auch aus der Literatur. Ein Roman uber Marc 
Aurel gab ihm so die Moglichkeit, die Slromlandschait 
darzustellen. die er so genau kennt. eine Landschalt, die 
wiederum als Trager von Empfindungen und Gedanken 
auftritt. In sie finden sich iene Bewegungen und Ablaufe 
eingeschrieben, die vom Auftreten und Wirken des Men- 
04m1 m19. schen bestimmt werden. Es ist nicht nur Marc Aurel, 
' dessen Schatten sich uber den geordneten, planmaßig 
strukturierten, den "Pulsschlag der Erde" versinnbildli- 
chenden Flachen ausbreiten e es sind unser aller Schat- 
ten, das Verfliegeride. Verwehende und Augenblickliche 
im Unendlichen, das unser Leben bestimmt. 
Hartel weist mit entsprechenden Mitteln auf das einander 
Ergänzende, Verbindende. aufeinander Bezogene von 
Oben und Unten hin; Substanz wird erst durch das sich 
wellenanig ausbreitende Licht wahrnehmbar. Das Zu- 
sammentreffen von Materie und der sie bestimmenden 
Energien laBt jSHS Formen entstehen, denen der Künstler 
nachgeht und aus denen er seine Impulse bezieht. Die 
Materie wird sichtbar in etwas Geistiges, vom Denken 
des Menschen Geformtes umgewandelt und als Abfolge 
erkannt, die ihre Gesetze aus dem Beobachteten, Erleb- 
ten bezieht; eine Abfolge, die sich nicht aus sich selbst. 
sondern erst aus einem geistigen Prozeß heraus entwik- 
kelt und darstellt. Und damit zur Ordnung, zum System 
wird, als das sich Hartels Bilder mitteilen 
Kristian Sotriffer 
Das Land, 1972, OllHolz 
i-DEV 4. Tagri, Illustration zu dem 
Marc Aurel-Roman "Wie ein Fremder 
im Vaterland", 1976 
iDer 8. Tag-i. lllustration zum glei- 
chen Roman (S. Abb 2) 
Hermann Hartel 
Toiedo. OllHolz 
Das Vogelfibelpaar, 1973 
„der 7 Tag-r, lllustration zu dem 
Marc Aurel-Roman Nwie ein Fremder 
im Vaterland-r,1975 
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