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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 163)

Olga Wisinger-Florian und Marie Egner lassen 
sich weniger durch motivische oder technische 
Äußerlichkeiten als Schindlers Schülerinnen er- 
kennen; das sie mit ihrem Lehrer verbindende Ele 
ment liegt in der poetischen Verklärung der Natur, 
wobei der Stimmung eine bildgestaltende Funk- 
tion zukommt. 
Carl Moll (1861 - 1945) war derjüngste von Schind- 
lers Schülern. Nach einem kurzen Studium an der 
Wiener Akademie beim Historienmaler Christian 
Griepenkerl, das er krankheitsbedingt abbrechen 
mußte, nahm Moll ab 1882 Privatunterricht bei 
Schindler, dessen 1881 im Künstlerhaus ausge- 
stelltes Bild "Altwasser der Traun bei Goisernti ihn 
tief beeindruckt hatte. Das Verhältnis zwischen 
Schindler und den um eine Generation jüngeren 
Moll entwickelte sich neben der intensiven künst- 
lerischen Zusammenarbeit zu einer echten 
Freundschaft, so daß Moll fast als Familienmit- 
glied angesehen wurde. 
Schindlers geselliges, enges Zusammenleben mit 
seinen Schülern ließ eine Art Künstlerkolonie ent- 
stehen, deren sommerliche Treffpunkte Goisern, 
Lundenburg und ab 1885 Plankenberg waren, wo 
Olga Wisinger-Florian, Marie Egner und Carl Moll 
gemeinsam mit Schindler vor der Natur, teilweise 
sogar vor den gleichen Motiven arbeiteten. Erst 
Schindlers Tod zerstreute die Künslter; vor allem 
in der Entwicklung Carl Molls fand mit dem Tod 
seines Lehrers und Freundes eine Zäsur und eine 
gleichzeitige Wendung zu neuen Zielen statt. 
Er verließ 1893 Österreich für eine mehrjährige 
Studienfahrt nach Danzig und Lübeck, wo er sich 
unter dem Einfluß Gotthard Kuehls (1850-1915) 
von Schindlers poetisch überhöhter Stimmungs- 
malerei entfernte und sich auf Städteansichten 
und vor allem lnterieurs spezialisierte. 
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Kurz nach Molls Rückkehr nach Wien kam die 
Wiener Kunstszene in Bewegung: Eine Gruppe 
junger Maler, die mit dem vom Künstlerhaus ver- 
tretenen traditionsbelasteten, offiziellen (Kunst-) 
Geschmack nicht mehr konform gingen, beschlos- 
sen ihren demonstrativen Austritt aus der 
Künstlerhaus-Vereinigung, um einen eigenen, zeit- 
gemäßen Weg zu gehen. Carl Moll und die be 
zeichnenderweise der gleichen Generation ange 
hörenden Künstler Gustav Klimt(1862-1918),Jo 
sef Hoffmann (1870-1956) u.a. waren die Grün- 
dungsmitglieder der Wiener Secession, die sich 
1897 nach dem Muster der Münchner konstituier- 
ten und deren künstlerisches wie finanzielles 
Schicksal Carl Moll entscheidend mitbestimmteli. 
Auch auf malerischem Gebiet identifizierte sich 
Moll mit den Zielen des rrSecessionismusu, der 
Wiener Variante des internationalen Jugendstils, 
der Fläche und Linie neue formale Bedeutung zu- 
zuerkennen. Die ornamentalisierenden, auf das 
Dekorative gerichteten Tendenzen des r-art nou- 
veauli fanden ihren Eingang in den Stil der Seces- 
sionskünstler. Fast alle von ihnen, wie auch Carl 
Moll, bevorzugten das quadratische oder hoch- 
rechteckige Bildformat und eine npointillistischerl, 
eher graphisch wirkende Maltechnik. Diese beson- 
ders von Moll und Wilhelm Bernatzik verwendete, 
mosaikartige "Stricheltechnikv löste Lokaltöne, 
Lichter und Schatten in ein farbiges Nebeneinan- 
der auf, die Natur wurde - im Sinn des Jugend- 
stils - ornamentalisiert (Abb. 10). Zwischen 1903 
und 1908 malte Carl Moll eine Reihe "Hoff- 
mann'scher lnterieurs", die das Innere seines 
Hauses auf der Hohen Warte in Wien wiederge 
benle und die durch das Stillebenartige den Form- 
willen des Secessionismus spüren lassen. Das 
Formproblem war für Moll das wesentlichste Ge 
staltungselement in Richtung einer hauptsäch 
dekorativ aufgefaßten Wirklichkeit, die aber, 
hier liegt die Ambivalenz in Molls Schaffen, n 
nur linear-ornamental, sondern daneben durch 
auch rrmalerischit wiedergegeben wurde. 
Die Stimmungsmalerei der Schindler-Genera 
und der Jugendstil der Jahrhundertwende fan 
im Werk Molls und vieler anderer deklarierter 
cessionisten zu einer der Form und dem lnhall 
recht werdenden Synthese, die den Endpunkt 
realistischen Landschaftsmalerei in Österri 
bedeutete. Deren gleichzeitig schlichte und 
spruchsvolle Suche nach der "Wahrheit der 
tUfll war fast hundert Jahre lang der Motor 
Landschaftsmalerei gewesen, bis der Jugend 
und mit ihm eine neue Künstlergeneration, die 
dikale, diametral entgegengesetzte Wendung 
artifiziell verfremdeten Natur brachten, 
12 Emil Jakob Schindler, "Damplschillstation an 
Donau bei Kaisermühlenit, um 1572. OllLeinw 
56x 79 cm, bez. rrJ. Scholz  gewidmet E.J. Scl 
lerii. Osterreichische Galerie, lnv. Nr. 3338 
Anmerkungen 15, 16 
" Ludwig Hevesi, Österreichische Kunst lm 19 Jahrhundert, L 
190a. p. 29a r. 
" Katalog der 22 Sonderausstellung der Gemaldegalerle de 
derrlle der bildenden Kunste, Wien 1974. p. I5 
L) Anschrift des Autors: 
Dr. Martina Haja 
Kunsthistorisches Museum 
Burgring 5 
A-101O Wien
	        
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