MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 163)

mählich ihrer in der Masse liegenden Macht be- 
wußt und begannen die Unternehmer fühlen zu 
lassen, daß sie ihre Arbeitskraft als einen den an- 
dern "Produktionsmittelnu gleichzusetzenden 
Wert erkannt hatten. Im künstlerischen Erschei- 
nungsblld der Stadt Wien wurde diese Entwick- 
lung dadurch sichtbar, daß neben den, die dyna- 
stiche Macht verherrlichenden Monumenten, die 
ersten Zeugnisse einer neuen bürgerlichen Kultur 
traten. Einen Beweis dafür stellt allein schon die 
wRingstraßeu dar, die sowohl in ihrer finanziellen 
als auch in ihrer architektonischen Konzeption 
nicht auf einem fürstlichen Mäzenatentum, son- 
dern auf dem bürgerlichen Selbstgefühl beruhte. 
Den Auftakt gab dazu das kaiserliche Handschrei- 
ben an den Minister des Inneren, Alexander Frei- 
herr von Bach (1813- 1893), das am Weihnachts- 
tag 1857 veröffentlicht worden ist und aus dem 
hervorgeht, daß durch die Auflassung der Umwal- 
Meister des Historismus bauen wollten, wwie es 
sein konnten, so lieferten ihre Nachahmer in den 
Vorstädten eben Gebäude, wie sie nicht sein soll- 
ten. Dieser Abglanz der Wiener Ringstraße durch- 
drang im Guten und im Schlechten die ganze M0 
narchie von Lemberg bis Laibach und von Aussig 
bis Temesvarlß. 
Bereits um 1870 stand das Bild von "Neu-Wien" 
fest. Dieser Terminus wurde vom Selbstgefühl je- 
ner Generation geprägt, die alle Umwandlungen 
und Neuerungen seit 1857 selbst mitgemacht und 
bei ihnen mitgewirkt hatteia. 
Mit der Gründung der wGenossenschaft der bil- 
denden Künstler Wiensu im Jahre 1861, der als er- 
ster Präsident der Architekt August Sicard von Si- 
cardsburg (1813- 1868) vorstand und der gemein- 
sam mit Eduard van der Null (1812 - 1868) die Wie 
ner Oper erbaut hatte, ist zugleich jenes Forum 
geschaffen worden, auf dem sich Adel und Bür- 
italienischen und nordischen Barocks fortsetzte, 
war aller Wiener Tradition zum Trotz der Primat 
der Musik im Kunstleben auf die Malerei über- 
gegangenli Der Wiener Kunstkritiker Ludwig He 
vesi (1842 - 1910) bekennt, daB Makart einem farb- 
losen Menschenaiter den Todesstoß gegeben ha- 
be: nMan fürchtete sich nicht mehr vor der sinnlo- 
sen Pracht der Erscheinung. Man trug 'Makart- 
Rof, man setzte sich weit ausgreifende 'Makart- 
Hüte auf, man machte in Kostüm und Mobiiar 
eine augenschwelgerische Plüschepoche in den 
Lippigsten Makartfarben durchlö." 
Den größten seiner Triumphe erzielte Makart, als 
ihm 1879 vom Wiener Gemeinderat die Oberlei- 
tung des Huldigungsfestzuges zur Silberhochzeit 
des Kaiserpaares anvertraut worden ist. Dieser 
Festzug war aber zugleich auch eine Verherrli- 
chung des Wiener Bürgertums und der auf dieses 
angewiesenen Künstierschaft. Als Makart selbst 
 
lung und Fortifikationen sowie der Stadtgraben, 
die Erweiterung der inneren Stadt und ihre Verbin- 
dung mit den Vorstädten in Angriff genommen 
werden soll7. 
Aus dem Wettbewerb für eine Gesamtlösung des 
Problems dieser geplanten Stadterweiterung ging 
der aus Bayreuth stammende Architekt Ludwig 
von Förster (1797-1863) als Gewinner hervor. 
Sein Plan, der eine breite, die Stadtmitte um- 
schließende Prachtstraße, vorsah, erhielt durch 
die mit der Realisierung beauftragten Architekten 
Moritz Löhr (geb. in Berlin) und Ludwig Ritter von 
Zettl (1821 -1891) einige durch praktische Gege- 
benheiten geforderte wesentliche Änderungenß. 
Der Wiener Kunsthistoriker Bruno Grimschitz 
(1892 -1964) nahm vor mehr als dreißig Jahren die 
heutige Valorisierung der Wiener Ringstraße be 
reits vorweg, indem er feststellte, daß durch sie 
dem barocken Ideal straffer begrenzender Raum- 
bildung ein neues, malerisch freier Raumauflö- 
sung gegenübergetreten sei; auf diese Weise sei 
die Architektur durch die Malerei revolutioniert 
wordeng. 
Dieser positiven Erkenntnis hält Hermann Broch 
(1886-1951) in seiner Studie "Hofmannsthal und 
seine Zeit" jedoch entgegen, daß sich die "Wesens- 
art eines Zeitabschnittes jeweils an ihrer archi- 
tektonischen Fassade ablesen läßta, und die ist 
für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, also für 
die Periode, in die Hoffmannsthals Geburt fällt, 
wohl eine der erbärmlichsten der Weltgeschichte; 
es war die Periode des Eklektizismus, die des fal- 
schen Barocks, der falschen Renaissance, der fal- 
schen Gotikiou. 
Der bürgerlichen Großmannssucht folgte auch 
bald die Verflachung. So wurden z. B. die Karyati- 
den, welche Balkone und Portale tragen mußten, 
statt in Marmor aus Gips und Zement hergestellt. 
In den Vorstädten wurden hinter dem Talmiprotz 
der Fassaden die Kleinbürger- und Arme-Leute 
Quartiere aneinandergereiht, in denen es nur eine 
Wasserleitung pro Stockwerk gab". Wenn die 
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gertum begegneten. Der Kaiser schenkte dieser 
Vereinigung den Bauplatz zur Errichtung eines ei- 
genen Ausstellungsgebäudes, des "Künstler- 
hausesW, für das 1868 von ihm selbst der Schluß- 
stein gelegt werden konnte. Der Kaiser erschien 
fortan zu den Eröffnungen der Jahresausstellun- 
gen und der internationalen Kunstausstellungen 
höchstpersönlich. Noch heute befindet sich im 
Depot des "Künstlerhausesw der schwarz-gelbe, 
mit einem Mäandermuster verzierte "Kaisertep- 
pichtt, der bei diesen Gelegenheiten bis auf das 
Trottoir hinaus gelegt worden ist. Nach den vorn 
Kaiser in den Ausstellungen erworbenen Kunst- 
werken orientierten sich der Adel und das ver- 
mögende Bürgertum bei ihren eigenen Bilderein- 
kaufen. 
1881182 stand Hans Makart (1840-1884) dieser 
Wiener Künstlergenossenschaft vor. Durch ihn, 
der gemeinsam mit Heinrich Rahl (1812-1865) 
und Hans Canon (Pseudonym für Johann von Stra- 
slripka, 1829-1885) die Phantasieweit der Histo 
rienkunst durch den Rückgriff auf die Malerei des 
 
den langen Zug der Prunkwagen hoch zu Roß be- 
schioß, galt ihm der frenetische Beifall der Wie 
ner, als wäre er der im Triumph empfangene 
Kaiser". Dieser stand unter einem von Otto Wag- 
ner (1841 - 1918) entworfenen Riesenzelt vor dem 
Äußeren Burgtor, neben ihm mit einem weißen 
Makart-Federhut die Kaiserin Elisabeth. 
Otto Wagner rühmte sich, durch die Gestaltung 
dieses Zeltes und seinen Dekorationen "dem ewi- 
gen Kirmesstil mit Tannenreisig etc. den Todes- 
SiOßtt versetzt zu habenlß. 
Mit Wagner, der selbst vom Historismus herkam, 
mit dem er aber gründlich gebrochen hatte, tritt 
ein Architekt auf die Wiener Kunstszene, dessen 
Namen am Anbeginn jeglicher modernen Archi- 
tektur genannt werden muß, wenn es ihm auch 
nicht gegönnt gewesen ist, gerade seine grcßan- 
gelegten urbanistischen Pläne, wie jene der unbe- 
grenzten Großstadt, zu realisierenß. 
im Gefolge von Otto Wagners i-Nutzstilu, der auf 
den Prinzipien Zweck, Material und Konstruktion 
aufbaut, der wieder als Reaktion auf den Historis- 
mus des Ringstraßen-Stils zu verstehen ist, und 
Wagners Tätigkeit als Lehrer an der Akademie der 
bildenden Künste, wo er eine Meisterklasse für Ar- 
chitektur leitete, vollzog sich die Revolte der Jun- 
gen gegen das Akademische, gegen den Pathos 
der Repräsentation und gegen die Giäubigkeit an 
die historischen Vorlagen. Parallel dazu kamen 
bei vielen jungen Malern Österreichs Einflüsse 
durch die neuen Tendenzen im übrigen Europa, 
die von den eingesessenen Künstlern und der seit 
vielen Jahren nur an eine heimische Kost gewöhn- 
ten Kritik heftig bekämpft wurdenlü. 
Das Kunstleben resultierte damals nicht mehr aus 
der Fieziprozität: Künstler-Auftraggeber; der Kunst- 
schaffende hatte mit einer zweifachen Partner- 
schaft zu rechnen: mit den Käufern und mit den 
Kunstkritikern. Die letzteren wollten sowohl Ein- 
fiuß auf das Angebot als auch auf die Nachfrage 
ausüben, so daß oft die Kritik einer Ausstellung 
auch zu einer Kritik an dem Publikum wurde.
	        

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