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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 163)

hen Leiber den Rücken kehrt, seinen Beifall 
t versagen, die scheinbare TheiinahmsiosIg- 
der pflichtvergessenen Hygieia für eine De 
istration ihres guten Geschmacks halten und 
an die Deutung des Herrn Servaes erinnern, 
der Gesundheitsbringerin das zweifelhafte 
ipliment der ,Unnahbarkeit' gemacht hat. Er 
die Originalität des modernen Symbolikers 
undern, der zwar über die Auffassung des To 
als eines Gerippes nicht hinausgekommen ist, 
ii' aber die althergebrachte Schlange der Hy- 
a als den ornamentalen Wurmfortsatz ihrer se 
zionistischen Toilette verwendet hat. Und 
n er endlich in dem Gedränge der Leiber, das 
hinter der üppigen Jourdame abspielt, so et- 
wie einen Sinn aufspüren will, der einen Zu- 
menhang zwischen dem Gemalten und dem 
i ,Medicin' erkennen ließe, so wird ihm viel- 
it die Ahnung dämmern, daß Herr Kllmt, der 
esehen haben mochte, daß wir in Wlen dringli- 
"e Anschaffungen als ein Deckengemälde 
ichen, in einer satirischen Anwandlung seinen 
steriellen Auftraggebern ein Bild geliefert hat, 
dem die chaotische Verwirrung bresthafter 
er die Zustande im Allgemeinen Krankenhaus 
bolisch darstelltßf." 
iiß dürfen wir dabei nicht außer acht lassen, 
Karl Kraus in dieser vernichtenden Stellung- 
ne zu Klimts Universitatsgemälden auch 
1h seinen Widerwillen geen Bahr, Hevesi, Sal- 
und andere, die in ihren Kunstkritiken als 
Begründung, daß in diesem Vorhaben "kein archi- 
tektonisches interessei- zu erkennen wäre, 
abgelehnt"). 
Berta Zuckerkandi, eine Freundin Alma Mahiers, 
die 1898 ihr Bedauern darüber ausdrückt, daß 
Wien wohl an Prachtbauten ständig zu- aber an in- 
timer Schönheit immer mehr abnehme, gibt dafür 
nicht allein der mangelnden Geschmacksinitiative 
von Seite des Publikums Schuld, sondern meint: 
"Der Decorateur und der Tapezierer sind bei uns 
meist Feinde einer künstlerischen Empfindungiu 
Der entscheidende Schritt zur Wiedergeburt des 
Wiener Kunsthandwerks vollzieht sich im Mai 
1903, als Josef Hoffmann, Kolo Moser und derjun- 
ge kunstbegeisterte Bankier Fritz Waerndorfer die 
"Wiener Werkstätte, Produktiv-Gemeinschaft von 
Kunsthandwerkern in Wienu gründen. ihr Pro- 
gramm besteht darin, daß sie die künstlerische 
Aufgabe des Bürgertums erfüllt, den Kontakt zwi- 
schen Produzenten und Konsumenten herstellt 
und Hausgerät erzeugt, das zweckmäßig und in 
guten Proportionen materialgerecht gestaltet 
ist". 
Die enge Zusammenarbeit zwischen Künstler und 
Handwerker, die bereits der Kreis um William Mor- 
ris (1834- 1896) angeregt hatte, fand nun in Wien 
ihre Verwirklichung. "Hier war die Keimzelle für 
die Durchdringung der menschlichen Umgebung 
mit Kunst, und die Künstler nahmen sich auch der 
kleinsten Dinge an, gleichberechtigt mit dem aus- 
führenden Arbeiter, der ebenfalls jedes Stück 
signierteß." 
Hugo von Hotmannsthal erinnerte in seiner An- 
sprache über "die Bedeutung unseres Kunstge- 
werbes für den Wiederaufbau" 1919 vor den Mit- 
gliedern des "Österreichischen Werkbundesu an 
eine Ausstellung, die er noch vor dem ersten Weit- 
krieg in einem großen Stockholmer Warenhaus 
gesehen hatte und bei der Produkte der "Wiener 
Werkstätten gezeigt worden sind. Er stellte dazu 
fest, daß diese im Gedächtnis der Menschen aus 
den verschiedensten sozialen Schichten lebendig 
geblieben und nin einer merkwürdigen Weise als 
Ausstrahlung eines ganz bestimmten Kulturmedi- 
ums, eben des österreichischen, empfunden, ge 
wertet und zu unseren Gunsten registriert wor- 
dem sind". 
Durch die Tätigkeit der nWiener Werkstätte" ist 
das Kunstemptinden des letzten großen europä- 
ischen Stiles am Ende doch in das praktische Le 
ben eines Bürgertums integriert werden, das mit 
dieser Stilepoche identifiziert werden kann, ob- 
wohl es sich selbst dieser Tatsache kaum bewußt 
geworden ist. 
Wenn sich auch die Gegensätze: Historismus- 
Secession in unserem historischen und soziologi- 
schen Bewußtsein zu einer einheitlichen Problem 
lage zusammenfassen lassen, so können wir kon- 
statieren, daß die im Abstand sichtbar werdende 
Einheit durch die dialektischen Vorgänge in ihrer 
Zeit als positive Substanz aufgespalten worden 
ist, und zwar in der Richtung auf eine Entwicklung 
tführer der "Secessionu und Streiter für Klimt 
'scheinung traten, bestimmt worden ist. Seine 
k an Klimts Gemälde nMedicinu selbst ent- 
zht aber durchaus seiner eigenen Einstellung 
(unst, in der er sich mit Adolf Loos und seiner 
tmentfeindlichen Architektur In einer Linie 
l. 
s gehörte nur noch am Rande zu dem Kreis der 
ener Secessionßit, wenn er auch 1898 ir1 ihrer 
schrift uVEf sacrumt. seine erste Streitschrift 
5 Potemkin'sche Stadt39tt veröffentlichte, in 
er dafür eintrat, daß die neue Form der Bau- 
st auf den neuen Gegebenheiten des Lebens 
ihen müsse. 
ärunde stellt dieses Postulat auch eine soziale 
lerung dar, die in Wien zunächst im Bereich 
Handwerks und des Kunstgewerbes auf Reso- 
z gestoßen ist. 1899 erließ das ttk.k. Österrei- 
.che Museum für Kunst und Industrien ein vom 
titeltaxfonds finanziertes Preisausschreiben 
ein Arbeiterwohn- und -schlafzimmer. Damit 
sich zum erstenmal die herrschende Ober- 
cht um das Wohnen der Unterklasse nicht in 
nomischer oder hygienischer, sondern in Hin- 
it auf die formale Gestaltung gekümmert und 
ir künstlerische Kräfte aufgerufen, die bisher 
ihr selbst dienten. Als dem Berliner Architek- 
ierein 1841 eln Wettbewerb für Arbeiterhäuser 
ieschlagen worden war, hatte dieser unter der 
22 Kassette für den Kaiser von Osterreich, 1905106. Sil- 
ber, vergoldet. getrieben, Elfenbein, 53x 37,5x 28cm. 
Entwurf 0.0. Czeschka, Ausführung Wiener Werk- 
statte 
23 Brosche und großer Anhänger, 1905. Gold mit Opalen, 
Entwurf 0.0. Czeschka. Auslührung WW, 
24 Satz von Vasen und Dosen, 1915. Glas hellblau. Ent- 
wurf Josef HoffmannlWW, Ausführung Johann Lötz' 
Witwe, Klostermühle, und Johann Oertel B. Co. in 
Haida 
25 Bucheinband, um 1905. Schwarzes Maroquinleder. 
Entwurf Kolo Moser, Ausführung Carl Beitel und 
Ludwig WillnerIWW (links) 
Bucheinband, um 1905. Rotes Maroquinleder (sonst 
wie oben) - (rechts) 26 
 
 
der Kunst, die mehr sein will, als lediglich Kulisse 
für eine Gesellschaftsschicht, die zu Ansehen und 
Macht gelangte ohne eine dafür entsprechende 
geistig-intellektuelle Präparation. 
Die Dekorationskunst als Spiegel einer Gesell- 
schaftsmaske ändert sich mit dern Fallen dieser 
Maske im Zusammenbruch der Monarchie zu ei- 
nem noch unbestimmte Züge tragenden Antlitz 
einer neuen Zeit, wie sie die Architektur eines 
Loos oder die Wiener Werkstätte zeigt; Egon 
Schieles (1890-1918) Nacktheit, Oskar Kbkosch- 
kas (geb. 1886) sezierende Bloßiegung auf Fleisch 
und Nerven in seinen frühen Werken sowie Anton 
Hanaks (1875-1934) sozial empfundene Plastik 
geben dann den Weg zu einer neuen Entwicklung 
frei. 
26 Zweites Programmheft des Theaters und Kabarets 
"Fledermaus", 1907, Moriz Jung, Tänzerin, Schwarz- 
weiß-Lithographie, sig. ))M.J.t( 
D Anschrift des Autors: 
w. Hofrat Prof. Dr. Walter Zettl 
Österreichisches Kulturinstitut in Ftorn 
113, Viale Bruno Buozzi 
l-O0197 Roma 
35
	        

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