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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 163)

P1 Für den Kunstsammler 
Wilhelm Mrazek 
Gläser der Biedermeierzeit 
In der Biedermeierzeit war die Glaserzeugung einer der 
wichtigsten und bedeutendsten Industriezweige Oster- 
reichs. In dem Kronland Böhmen, wo schon seit dem 
15. Jahrhundert Glas erzeugt wurde, waren zu Beginn 
des 19. Jahrhunderts 66 Glasfabriken tätig, die für zwei 
Millionen Gulden Rohglas im Jahre erzeugten, dessen 
Wert durch die verschiedenen Veredlungsprozesse auf 
nahezu elf Millionen Gulden gesteigert wurde. Von die- 
sen Glaswaren wurden für annähernd fünf Millionen 
Gulden exportiert. An die 40.000 Menschen fanden in 
diesem lndustriezweig Beschäftigung. Die Glasfabrika- 
tion war daher für die habsburgische Monarchie ein 
"höchst wichtiger und bedeutender einheimischer 
lndustriezweigu. 
Nachdem die Glasveredlung gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts fast zum Erliegen gekommen war, machte sie 
in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts schnelle 
und bedeutende Fortschritte. Vor allem die Hohlglasin- 
dustrie mit ihren zahlreichen Formen von Serviceh, 
Trinkgläsern, Flaschen, Vasen, Pokalen, Krügen, Be- 
chern, Flakons und Dosen bediente sich immer mehr 
des Schliffes und des Schnittes, um so den Gläsern ein 
"besseres Aussehen" zu verleihen. An allen Fabrikations- 
orten, aber besonders in den Zentren Steinschonau und 
Haida saßen Schleifer und Schneider in großer Zahl. die 
über ein artistlsches Können verfügten. Diese Glas- 
künstler vermochten das Rohprodukt durch die Anwen- 
dung von verschiedenen Schliffarten wie Steindl-, 
Walzen-, Schälschllff und andere zu prächtig funkelnden 
Gebilden zu veredeln. Neben dem variationsreichen 
Schliff schmückte man die Gläser auch noch mit einem 
exakten Glasschnitt, dessen Themen alle Lebensberei- 
che widerspiegeln und der im Porträtschnitt einen ein- 
maligen Höhepunkt erreichte. Die Kombination von 
Schliff und Schnitt brachte die iiKristalltt-Qualitaten des 
Glases erst zur vollen Wirkung. Solche mit nie erlah- 
mender Geduld, größter Exaktheit und völliger Beherr- 
schung aller technischen und künstlerischen Mittel ver- 
edelten Glaser begründeten den Fiuhm der böhmischen 
Glaskünstler und trugen ihn weit Ober die engeren Gren- 
zen in die ganze Welt hinaus. 
Der Glasdekor der Biedermeierzeit entwickelte sich aus 
den Elementen des klassizistischen Dekors, der im er- 
sten Dezennium des 19. Jahrhunderts verhältnismäßig 
schlichten Schliff und Schnitt bevorzugte. Zwischen 
1810 und 1840 jedoch setzte sich das dickwandige und 
mit reichern Schliff, Schnitt und Überfang geschmückte 
Glas durch. Gleichzeitig hiemit beginnen allenthalben 
farbige Gläser beliebt zu werden und wird die Kunst der 
Schmelzfarbenmalerei auf Glas vwiedererfundehtt. Die 
technischen Experimente in den Glashütten des Grafen 
Longuevall von Bouquoy und im Laboratorium von Fried- 
rich Egermann(1777-1864) in Blottendorf bei Haida 
führten einerseits zu den lackartigen schwarzen Hyalith- 
gläsern, andererseits zu den edelsteinartigen Lithyalin- 
glasern, die zumeist als bunte Flakons den Toilettetisch 
der Dame zierten. Schon 1806 hatte Samuel Mohn mit 
der Verwendung von transluziden Emailfarben auf Gla- 
sern seine ersten Versuche unternommen. Seln Sohn 
Gottlob Samuel Mohn (1789-1825), der 1811 von Dres- 
den nach Wien kam, erlangte hier mit diesem Genre ser- 
ne ersten Erfolge. Mehr als seine großen Glasmalereien 
für einige Wiener Kirchen waren seine zylindrischen Be- 
cher mit den graphisch exakten und malerisch zarten 
Darstellungen von Wiener Stadtansichten, Blumen, Em- 
blemen der Freundschaft und Allegorien auf Tugend 
und Liebe originelle Aussagen seiner Kunst. 
Gottlob Mohn fand in dem Maler der Wiener Porzellan- 
manufaktur Anton Kothgasser(1759- 1851) bald nach 
seiner Ankunft in Wien einen erfolgreichen Konkurren- 
ten. Mohns neue Kleinkunst entsprach in allem den 
technischen und künstlerischen Voraussetzungen eines 
Porzellanmalers. Die ersten Gläser Kothgassers tauch- 
ten bereits 1812113 auf und verhalfen ihm zu einem ein- 
traglichen Nebenverdienst. Anton Kothgasser, der im 
nPorZellanviertel-f auf dem nspartischerl Spltalsberg 
Nr. 2271- wohnte. verfertigte "alle Arten von Malereyen 
auf Trinkgläser und Fenstertafelnu. Er verkaufte seine 
Glaser nicht nur in der Niederlassung der Wiener Porzel- 
lanfabrik, sondern auch in der wNürnberger Handlung 
zur goldenen Lampeu des Leopold Schadlbauer auf dem 
Stephansplatz. 
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