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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 164)

Rudolf Schmidt 
Ein Real-ldeal-Modell 
der Weltschöpfung aus dem 
frühen 18. Jh. 
Mit ikonagraphischen Erläurerungen von 
Hanna Egger 
Mit der geistigen Durchdringung und Einordnung 
der sichtbaren Dinge von Erde und Himmel geht 
schon in der Antike die Darstellung des Erschau- 
ten in Modellform Hand in Hand. Daß verschiede- 
ne Fixslernkonstellatlonen, die allabendlich das 
Auge des Betrachters, speziell in südlichen Brei- 
ten, erfreuen, zu Sternbildern zusammengezogen 
wurden, mag zunächst als Gedächtnisstütze ge 
dient haben; so allgemein hat sich dieses System 
eingebürgert, daß wir heute auf eine grüßere Zahl 
von aus der Antike überlieferten Sternbildern zu- 
rückgreifen. Bildhafte Darstellungen dieser Stern- 
bilder sind aus dem alten Griechenland erhalten, 
eine modellhafte Darstellung der Sternhimmelsl 
in der Vereinfachung, daß die Fixsterne alle gleich 
weit von einem Mittelpunkt angeordnet sindZ, wie 
dies auch heute noch als Himmeisglobus3 gezeigt 
wird. ist aus der Antike in einem Exemplar be- 
kannt, dem Farnesischen Atlas, einer römischen 
Kopie eines griechischen Originals aus dem 3. 
vorchristiichen Jahrhundert. Auch die kugelförmig 
gestaltete Erde wurde als Modell dargestellt, be- 
sonders Strabof verweist auf das Modell des Kra- 
tes und empfiehlt den an Geographie und Astro- 
nomie Interessierten die Benützung eines Erdglo 
bus. Selbst das Pianetensystem wurde in solche 
Überlegungen einbezogen, Cicero beschreibt die 
angeblich hydraulisch betriebene Maschine des 
Archimedes, die den Umlauf mehrerer Planeten 
um den Zentralkörper darstellt. 
Diesen Modellen der Realität ldealmodelle an die 
Seite zu steilen, also nur gedachte, eingebildete, 
auf den Schöpfungsakt bezogene Modelle, ist 
späteren Zeiten vorbehalten: Der christliche Glau- 
be als Bezugspunkt hat In mittelalterlichen Karten 
den geographischen. also realen Inhalt von Welt- 
karten zurücktreten iassen, hingegen eine de- 
skriptlve, mit der Heilsgeschichte verbundene 
ldealvorstellung eines Gebäudes, zumlndestens 
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unserer Erde5. Die Hinwendung zur Wissenschaft 
im Humanismus und in der Renaissance brachte 
eine Mischung von realer und idealer Inhalte auf 
den Modellen: Ein sprechender Globus, wie er z. B. 
von Behaims oder Gemma Frlsius vorliegt, bringt 
nicht nur geographische Realitäten, also Küstenii- 
nien, Flüsse, Gebirgszüge, Städte etc., nach be 
stem Wissen, sondern auch spekulative Nachrich- 
ten über Herrschaftsverhältnlsse, über nie gese- 
hene Landstriche etc.7. immer mehr tritt der ideel- 
le Teil zurück: im auslaufenden 17. Jh. wird wohl 
noch spekulativ nicht Gesehenes dargestellt, wie 
z. B. ein großer Südkontinent anstelle der nie ge- 
sehenen Antarktis, aber der deskriptive Teil auf 
dem Erdglobus ist zurückgetreten. Desgleichen 
auch auf dem Himmelsglobus, der nur mehr eine 
Vielzahl von Sternen und oft raphlsch schön ge- 
staitete Sternbilder zeigt, wobei durch inschriften 
auf Sterngrößen, Nebel oder Sternhaufen Bezug 
genommen wird. 
Auch die Armiliarsphare, die wie das Pianetarium 
aus der Antike stammt", ihre Entwicklung von ei- 
nem Meßgerat her zum Demonstrationsoblekt ge 
nommen hat und nur mit Ringen (Kreisen) das Sy- 
stem des Umiaufs der Sonne um die Erde - spa- 
ter der Erde um die Sonne - mit der Neigung der 
Erdachse und evtl. Planetenbahnen veranschau- 
licht, wird schon seit der Darstellung von Syrlin 
auf dem Chorgestühl des Ulmer Münsters, dem 
die Darstellung auf dem Bild des Giovanni dal 
Ponte (Prado, Madrid) etliche Jahre vorausgingg, 
zu einem einfachen klaren Gerät, das aber viel- 
leicht zuwenig zeigte. Daher die Versuche, bei Ar- 
millarsphären größeren Gehalt darzustellen, die 
letztlich zu so komplizierten lnstrumenten wie le- 
nes von Santucci di Pomerance") führte (Florenz, 
Museo deila Storia de Scienza, einem ähnlichen 
Obiekt in der Bibliothek des Escorial, Spanien). in 
der Armillarsphäre des Santucci wurde aber be 
reits der Versuch gemacht, neben den realen Mo- 
dellen der Sonnen- und Planetenbahn durch Male- 
rei und Inschrift auf einer Kaiotteninnenseite auf 
die Herrschaft Gottes über die Weit hinzuweisen. 
Es überrascht beinahe, aus der 1. Hälfte des 
18. Jh.s ein fast spieizeughaftes Gerät vorzufin- 
den", das diesen Gedanken ausbaut: Zur Mes- 
sung, ja zur Demonstration ungeeignet, gibt die 
ses Gerät, wohl eine Einzeifertigung, eine fast ein- 
malige Möglichkeit, reale Modeilabbildung (Him- 
melsglobus) mit ldeeiiem, im Lockeschen Sinne 
des Wortes "Ideen (also nur in der Vorstellung Exi- 
stierendem) zu vereinen. Letzteres durch bildhafte 
und wörtliche Darstellung der Macht Gottes über 
Himmel und Erde, der Macht von Herrschern über 
Teile der Weit, der Einflüsse der Natur in der Welt 
und der Erforschung und Entschleierung gewisser 
Geheimnisse der Himmeisstruktur durch Forscher 
(Abb. l Farbe). 
Man bedient sich hierbei des Systems konzentri- 
scher Kugeln, die alle als Hohlkugeln ausgebildet 
sind, gleich der Art der russischen Puppen. Diese 
Kugeln bieten jeweils die Möglichkeit, ein be- 
stimmtes Thema herauszugreifen, wobei zweifel- 
los als Hauptstück für die modellhafte, also reale 
Abbildung ein Himmelsglobus Zeuge ist. 
Als Außenhüile unseres Gerätes dient eine mit 
Fuß versehene Hohlkugei mit Deckel in grisaillear- 
tigem Dekor (D : 200 mrn). 
Auf der folgenden 1. Kugel (D : 180 mm) huldigen 
die himmlischen Chöre (9 Chöre der Engel) dem 
Schöpfergott (Abb. 1 - 3). lnschriften: Prirrcipafus, 
Archangeli, Angeli, Virfutes; Seraphin. Cherubin 
Throni, Dominationes, Potestates. 
Zur Darlegung der dem Schöpfergott huldigsnden 
himmlischen Chöre oder 9 Chöre der Engel muB 
zunächst auf die literarischen Grundlagen hinge 
wiesen werden: Cherubim und Seraphim werden 
schon im Alten Testament genannt. Dan. 10, 13;
	        

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