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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 164)

ge strengaufgebaute ikonographische Programm 
fortführende Idee, derzufolge einerseits nach dem 
Zeitalter der Heroen das 5. Weltzeitalter gezeigt 
werden muß, das des eisernen Geschlechtes, das 
ietzt lebt und das nach Hesiod (106-201) im Zu- 
stand völliger Flechtslosigkeit enden wird. 
Andererseits muß die antike Endvision mit der 
christlichen, der apokalyptischen, verbunden wer- 
den, um die vorletzte Stufe der Ordnung alles 
Seins, das Ende des Menschen zu zeigen, nach 
dem nichts anderes als die reine Materie bleibt, 
die dann in der 11. Kugel dargestellt werden 
müßte. 
Am oberen und unteren Scheitel der 10. und letz- 
ten erhaltenen Kugel sind kreisförmig vier Engel 
angeordnet mit Winden (Abb. 14): 
Apok. 711: "Danach sah ich vier Engel an den vier 
Ecken der Erde stehen; sie hielten die vier Winde 
der Erde fest, auf daß kein Wind wehe über das 
Land noch über das Meer noch über irgendeinen 
Baums. 
In der darunterliegenden Bildzone ist links ein an 
sich wieder mit dem Engel in Verbindung stehen- 
des bzw. von ihm ausgehendes Feuerbündel zu se 
hen (Abb. 14): 
Apok. 8l7: "Und der erste stieß in die Posaune. 
Und es entstand Hagel und Feuer mit Blut ge- 
mischt und wurde auf die Erde geworfen, und der 
dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil 
der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras ver- 
brannte-r. 
Demgegenüber auf der anderen Halbkugel die 
Darstellung eines merkwürdigen feurigen, kegel- 
förmigen Gebildes (Abb. 19): 
Apok. 818 "Und der zweite stieß in die Posaune, 
und es wurde etwas wie ein großer, feuerglühen- 
der Berg ins Meer geworfen." 
Unter dem zweiten Engel der oberen Kugelhälfte 
eine seltsame Erscheinung fallender Sterne mit 
Flammenkreisen und Schweifen (Abb. 14): 
Apok. 8l10: „Und der dritte Engel stieß in die Po 
saune. Und es fiel vom Himmel ein großer Stern, 
brennend wie eine Fackel. Er fiel auf den dritten 
Teil der Flüsse und auf die Wasserquelien." 
Die Art der Darstellung des fallenden Sternes erin- 
nert sehr stark an Nebensonnenerscheinungen, 
wie sie als vorbedeutende Wunderzeichen oder 
als Ausdruck von Endzeiterwartungen, vor allem 
aber gelegentlich des Todes eines Herrschers in 
der populären Druckgraphik seit dem 16. Jh. viel- 
fach dargestellt wurden. Unter der Himmelser- 
scheinung, über den "Montes Phlegreirr kreisen 
Adler (Abb. 15): 
Apok. 8113: "Und ich sah und ich hörte einen Adler, 
der hoch oben am Himmel flog, mit mächtiger 
Stimme rufen: wWehe, wehe, wehe den Bewohnern 
der Erde ob der übrigen Pcsaunenstöße der drei 
Engel, die noch blasen werdemr 
Inmitten der Adler, ausgehend vom vierten Engel, 
fällt ein als Feuerball verglühender Stern zur Erde. 
Der fallende Stern und die Solfataren der Montes 
Phlegrei haben in Apok. 9112 ihre textliche Grund- 
lage: "Und der fünfte Engel stieß in die Posaune. 
Und ich sah einen Stern; der war vom Himmel auf 
die Erde herabgefallen; und es wurde ihm der 
Schlüssel zum Brunnen des Abgrundes gegeben. 
Und er schlcß den Brunnen des Abgrundes auf; da 
stieg aus dem Brunnen Rauch auf, wie der Rauch 
eines großen Ofens, und die Sonne und die Luft 
wurden verfinstert vom Rauch des Brunnens-t 
Neben den r-Montes Phlegreia ist der ausbrechen- 
de Vesuv (Abb. 16) dargestellt, neben dem sich 
mächtig ein Regenbogen spannt, sonnendurch- 
gltlhte Wolken umschließend (Abb. 17). 
Apok. 1011-2: "Und ich sah einen andern gewalti- 
gen Engel aus dem Himmel herabsteigen. Er war 
in eine Wolke gehüllt, der Regenbogen (stand) 
Ober seinem Haupte und sein Antlitz war wie die 
Sonne . . .44 
Sowohl hier wie auch an der anderen Abhanqseite 
des "Vesuvlusu taucht ein Tier aus dem Meere auf. 
Apok. 13, 1: "Und ich sah aus dem Meere ein Tier 
auftauchen; das hatte zehn Hörner . . ß 
Die untere Kugelhälfte dominiert der Aethna (Ab_b. 
18'), der schon in Picinellis "Mundus Symbolicus-t 
(i.(öln 1972, S. 137) als "damnatorum symbolo-t, 
das Symbol der Verdammten, nach Apok. 14111 
angesehen wurde: 
"Und der Qualm ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit 
zu Ewigkeit; und keine Ruhe haben sie Tag und 
Nacht, die das Tier anbeten und sein Bild, ebenso 
jeder, der das Malzeichen seines Namens an- 
nimmt." 
Von den Zeichen, die die vier Engel der unteren 
Kalotte über der Erde ausgießen, fand der feurige 
Berg oder Kegel nach Apok. 818 (Abb. 19) bereits 
Erwähnung. Unter dem zweiten Engel ist ein Feu- 
erbündel zu sehen, während der dritte zwei Ströme 
von Blut über die Erde ausgießt. Es handelt sich 
hier um wohl um eine etwas bereicherte Wiederhe 
lung der bereits zitierten Stelle 8l7 aus der Apoka- 
lypse, vielleicht unter Hinzuziehung von 16, 8-4 
nUnd der zweite (Engel) goß seine Schale auf das 
Meer aus, da wurde es zu Blut  und der dritte 
goß seine Schale aus über die Flüsse und Wasser- 
quellen, da wurde Blut darausß Zwischen diesen 
beiden dargestellten Plagen steht mächtig die 
Sonne in einer Art Dunstwolkenkranz über einer in 
der Hitze verglühenden Landschaft (Abb. 20): 
"Und der vierte goß seine Schale über die Sonne 
aus, da wurde ihr gegeben, die Menschen mit Glut 
zu versengen." (Apok. 1618.) 
Direkt über dem Aethna und unter dem vierten En- 
gel schwebt mächtig der apokalyptische Drache 
(Apok. 1213) "Und ein anderes Zeichen erschien 
am Himmel, ein großer feuerroter Drachem 
Die letzte der endzeitlichen Strafen aber, die die 
Engel ausgießen (Abb. 21) fand wiederum auf der 
oberen Kalotte Flaum: "Und der siebte goß seine 
Schale in die Luft aus; da kam eine mächtige Stim- 
me aus dem Tempel, die rief: "Es ist geschehemt 
Und es entstanden Blitze und Getöse und Donner, 
und es entstand ein großes Erdbeben, derart, wie 
noch keines entstanden ist, seit es Menschen auf 
Erden gibt, ein so gewaltiges Erdbeben, so groß. 
Und die große Stadt fiel auseinander in drei 
Stücke, und die Städte der Heiden stürzten ein. 
Und des großen Babylon wurde vor Gott gedacht, 
um ihm den Becher des Weines seines grimmen 
Zornes zu reichen." (Apok. 16117-19.) 
Zusammenfassend läBt sich sagen, daß die 10. 
Kugel die apokalyptische Endvision in den Zusam- 
menhang jener geographischen Gegebenheiten 
stellt, die die Verbindung von oben und unten auf- 
weisen. Der Darstellung der Erdoberfläche wird 
der Blick in das brodelnde, brennende, vernichten- 
de Innere gegenübergestellt. 
Gleichzeitig wird aber der Blick auch hingerichtet 
auf das Kommen Christi, des Erlösenden, der 
dann ewig für die Auserwählten da ist. Dem hinter 
den Bergsymbolen der 9. Kugel nicht ganz leicht 
zu erfassenden Hercules antlquus Ist dadurch der 
am Ende der Zeiten erscheinende Hercules Chri- 
stianus gegenübergestellt. 
Auch von selten der ikonographischen Betrach- 
tung fehlt die innerste Kugel, die weine Materie" 
nach Dionysius Areopagita. 
Mit ihr erst findet die nach Hierarchien geordnete 
Darstellung des Seins ihren Abschluß, die Zahl der 
Kugeln - zählt man die rein ornamental gestalte 
te Behälterkugel hinzu - käme auf insgesamt 12, 
was den zahlreichen symbolischen Spekulationen 
entspräche. 
Insgesamt ist das Programm des Gerätes merk- 
würdig, sicherlich in einem Kloster von einem ge- 
lehrten Mönch entworfen; möglicherweise im Zu- 
sammenhang mit dem Tode Kaiser Karls VI., der 
sich selbst so gerne als Hercules Christianus dem 
Hercules antiquus gegenüberstellte, dessen 
Denkweise der hierarchischen Seinsordnung ent- 
spräche und dessen Tod durchaus die merkwürdi- 
gen Kometenformen und Himmelserscheinungen 
erklären würde. 
Dann wäre die Ordnung des Seins und der Natur 
dem Schicksal des Monarchen, der der Lenker des 
irdischen Geschehens ist, eng verbunden. 
Schon bei Plinius heißt es (Liber sec. Frankfurt 
1552, S. 179 ff.) uMeistenteils ist der Komet ein 
schreckenerregendes und nicht leicht zu versöh- 
nendes Gestirn . . . Nur an einem einzigen Orte der 
Erde, nämlich zu Rom, wird ein Komet in einem 
Tempel verehrt, weil ihn der göttliche Augustus 
als ein günstiges Zeichen ansah  Dieses er- 
schien . . . kurz nach dem Tode seines Vaters Cae 
sar. . . Es entstand um die elfte Tagesstunde, war 
klar in allen Ländern sichtbar. Das Volk glaubt, es 
bedeute auf die Aufnahme der Seele Caesars un- 
ter die unsterblichen Götter." 
Stellen wir das Gerät in die Fleihe mit zeitgleichen 
Erd- und Himmelsgloben, so können wir festhal- 
ten, daß das Kartenbild der Erde sich in diesen 
Jahrzehnten bereits konsolidiert hatte: Von Aus- 
tralien waren Teile bekannt, auf deutschen und 
holländischen Globen (Doppelmayr und Valck) ist 
der große Südkontinent bereits vollständig ver- 
schwunden, denn es sollten noch Jahrzehnte ver- 
gehen, bis Cook auf seinen kühnen Forschungs- 
reisen an die Eisgrenze der Antarktis vorstieß. Der 
Himmelsglobus lag fest; jedes Jahrhundert wur- 
den einige neue Sternbilder eingefügt, andere 
weggelassen, aber es war dem jeweiligen Autor 
überlassen, eine größere oder kleinere Zahl von 
Sternbildern auf einem Himmelsglobus zu ver- 
zeichnen, so wie die gängigen Sternkataloge je 
nach Lust herangezogen werden konnten, aber 
sonst fehlen auf Erd- und Himmelsgloben zusätzli- 
che Erklärungen. 
Offensichtlich wurde das kopernikanische Welt- 
system bei dem beschriebenen Gerät anerkannt, 
dennoch belremdet die Reihung der Planeten und 
der Sonne sowie des Mondes, wohl noch eine 
Nachwirkung des ptolemaeischen Systems oder 
besser und dem ideellen Gehalt des Gerätes mehr 
angepaßt: die Sicht der Dinge von der Erde aus. In- 
teressant ist allerdings eine Erwähnung der Astro- 
nomen, die sich mit der Erforschung des Sternen- 
hlmmels beschäftigt haben, wiewohl gerade um 
die 2. Hälfte des 18. Jh.s eine Neubenennung ei- 
nes Sternbildes - Herschels Teleskop" auf- 
scheint, die nun auf dem Himmelsglobus den Na- 
men eines Forschers zu verewigen trachtet. 
Der Himmelsglobus selbst wird noch einige Jahr- 
zehnte in der in dem Gerät vorgefundenen Form 
erzeugt werden; dem ausklingenden 18. und frü- 
hen 19. Jh. (in Deutschland) war es vorbehalten, 
die schönen Vorzeichnungen der Sternbilder weit- 
gehend zurücktreten zu lassen - nur noch strich- 
lierte Verbindungslinien zwischen den Hauptster- 
nen geben die Sternbilder an, ihre Namen dane- 
benstehend. So geartet wird der Himmelsglobus 
auch heute noch hergestellt. 
Anmerkungen 1Zk14 
" Muris-Sunnnnn 3.8.0. S. l97 und 202 
" D8! Globuslround Nr. 24. S. 56 
1 Anschrill der Autoren: 
Gewerke Rudolf Schmidt 
Vorsitzender des CoronelIi-Weltbundes der 
Globusfreunde 
Salesianergasse 31, A-1030 Wien 
Dr. Hanna Egge! 
Bibliothek und KunstbIatter-Sammlung das Öster- 
reichischen Museums für angewandte Kunst 
Stubenving 5. 1010 Wien 
12
	        

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