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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 164)

ste Seele während seines Leidens erdulden sollte, 
durch diese Gnade zuvor stärkte. Auch die kindli- 
che Liebe Jesu zu Seiner jungfräulichen Mutter 
konnte ihr diese Gunst nicht verweigern. Maria 
sah nicht nur die Menschheit Jesu in Glorie ver- 
klärt, sondern hatte zugleich eine klare und unmit- 
telbare Anschauung der Gottheit. Es geziemte 
sich, daß Maria in weit höherem Grade als die 
Apostel und mit einer überströmenden Fülle von 
Licht (i) begnadet wurde... Sie wurde mit neuem 
Licht und neuer Starke erfüllt, um die Gottheit zu 
schauen. Deshalb konnte sie die Glorie des ver- 
klärten Leibes Jesu unverwandt anblicken, ohne 
(wie die Apostel) Furcht und Schwäche zu 
fühlen... Jesu Angesicht glänzte wie die Sonne. 
Seine Kleider wurden weißer als der Schnee. Seine 
Glorie strömte aus der mit der Gottheit vereinig- 
ten, aiizeit glorreichen Seele des Herrn auf den 
Leib über. . . So nahm der reinste Leib Jesu Christi 
an der Glorie Seiner Seele teil. Diesen Glanz und 
diese Klarheit schauten die Anwesenden... Nach 
der Verklärung wurde Unsere Liebe Frau in ihr 
Haus in Nazareth zurückgebrachtw." 
in der ikonologie des barocken Aitares ist das Ver- 
hältnis von Hauptbild und Aufsatzbild von grund- 
sätzlicher Wichtigkeit". ln unserem Zusammen- 
hang wird damit ein hervorragendes vAufsatzbildti 
von großer Bedeutung. Bei der Ausstattung des 
Petersdomes in Rom war die Gestaltung des 
Hochaitares in der Apsis der Tribuna wohl die 
größte wie schwierigste der Aufgaben, die Alexan- 
der Vli. Bernini stellte: Die kostbare Reliquie der 
Cathedra Petrit? sollte in der Verhüllung einer 
weithin sichtbaren Custodia aufgestellt werden. 
Über der von den überlebensgroßen Bronzesta- 
tuen der Kirchenvater getragenen Cathedra 
bricht, umrahmt von dem Hochoval einer Engels- 
glorie, das starke Licht des Himmels in den Kir- 
chenraum, für Ludwig Curtius "das Bewußtwer- 
den des menschlichen Geistes seiner Endlichkeit 
und seines Eingebettetseins in das ihm unbegreif- 
liche, nur in Ahnungen und im religiösen Symbol 
berührbare Unendiicheßa. Kurt Fiossacher hat ein 
eigenhändiges Terracottareiief Berninis im Salz- 
burger Barockmuseum mit der Darstellung der 
Transfiguration" mit vollem Recht als Berninis 
Entwurf für die Mitte der Glorie über der Cathedra, 
für das fehlende lrZielbildu (vgl. Photcmontage in 
Abb. 5) des Petersdomes nachgewiesen". ich 
stelle ausdrücklich fest, daß ich keineswegs die 
Absicht habe, für das Ovaifenster über dem Hoch- 
altar der Koilegienkirche eine tatsächlich figurale 
Ab-Bildung der Transfiguration Christi anzuneh- 
men. Aber zum einen hat Sedlmayr (noch ohne 
Kenntnis der Arbeiten Rossachers) darauf auf- 
merksam gemacht, daß Berninis Gedanke für die 
Hauptapsis von St. Peter in bezug auf die wMate- 
riaiisierung der Stuckglorie aus diesem Licht (der 
Fenster) herausu am Hochaitar der Kclilegienkir- 
che wnoch überboten istföt; dem durch diese Fen- 
ster einfallenden Licht ist also gewiß auch trans- 
zendente Bedeutung zuzuweisen. Zum zweiten er- 
gibt (neben vielem anderen) ein Vergleich des 
l-Projects eines Lustgarten-Gebäus...lt von Tafel 
XVlii des 4. Buches aus Fischers vHistorischer Ar- 
chitekturn mit Berninis erstem Louvre-Projekt den 
Nachweis, daß Fischer das private Planmateriai 
Berninis gekannt haben muß - damit muB Fi- 
scher auch über die geplante, aber durch man- 
cherlei Umstände" nicht ausgeführte Trans- 
fIguraticns-Lösung des Giorienfensters im Peters- 
dom informiert gewesen sein. Ferner: nft was a 
deepiy emotional, even mystical religious feeling 
that lnsplred the works of Bernini's last yearswß; 
Anthony Blunt hat deutlich gemacht. daß Bernini 
- tun gran' teologou, wie Baidinucci sagte - 
nicht nur die Autobiographie der Teresa von Avlla 
gelesen haben muß, sondern wahrscheinlich auch 
mit Miuei de Moiinos persönlich bekannt war. 
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dessen xGuida Spirituaieu, wie Agredas Schriften 
ein Hauptwerk der katholischen Mystik, sogleich 
nach dem Erscheinen (Flom 1675) weite Verbrei- 
tung gefunden hat49. Daß der römische Aufenthalt 
für den jungen Fischer nicht nur handwerkliche, 
sondern auch geistige Lehrzeit war, darf füglich 
angenommen werden. 
Wilhelm Messerer hat mit Recht gemeint, daß die 
Frage, ob Auftraggeber oder Künstler das (ikono- 
iogische) Programm (eines sakralen innenraumes) 
erstellten, nnicht grundsätzlich beantwortet wer- 
den kann; nach einer persönlichen Handschrift' 
muß immerhin gefragt werden-Süß. Daß sich Künst- 
ler bei den Ausstattungsprogrammen des Barock 
an die ausgeklügelten Anleitungen gelehrter Theo 
logen zu halten hatten. mag fallweise zutreffen. 
Leute wie Bernini, Fischer, Juvarra oder Asam hat- 
ten solches gewiß nicht nötig; das anregende Ge 
sprach mit Gleichgesinnten haben sie aber wohl 
öfters gepflegt. 
Hier muß kurz eines Mannes gedacht werden, der 
bis jetzt nur in einigen lokalen Saizburger 
Familien-5i und Häuserchronlkensz erwähnt wor- 
den ist, der aber in der Kunstgeschichte Salzburgs 
im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts keine 
geringe Flolle gespielt hat53: Raimund Anton Mein- 
rad Reichsfreiherr von Rehlingen scheint im ein- 
gangs zitierten Kontrakt zwischen Carlone und 
der Hofbaumeisterei zusammen mit Fischer als 
Zeuge auf. Am 20. Mai 1660 in Salzburg geboren, 
war Rehlingen 1691 Kämmerer und 1692 Hofkam- 
merrat des Fürsterzbischofs geworden? Da es 
wegen der vielfältigen Bautätigkeit Erzbischofs 
Thun die Hofkammer laut Sitzungsprotokoil vom 
1. Oktober 1701 für gut und notwendig hielt, daß 
wieder ein trCommissarius oder inspector über 
das hochiürstliche Pauwesen aus disem Rath ver- 
ordnet wirdll, hatte die Hofkammer für irderley 0b 
sicht Herrn Baron Rehlingen, welcherohnedem im 
Pauwesen eine zimbliche Wüssenschaft hatn, vor- 
geschlagen55. Daraufhin war Rehlingen mit lan- 
desfürstiichem Dekret vom 9. November 1701 ndie 
Obsicht über das Hofpauwesan unter dem Titel ei- 
nes hochfnrstlichen Pau-inspectoris gnädigst an- 
vertraute wordenäü. Der reiche, angesehene und. 
wie ein Teiiverzeichnis seiner Bibliothek erweist57, 
sprachenkundige und hochgebiidete Hofbauin- 
spektor entsagte aber der Weit und trat am 
13. April 1711 als vFr. Ralmondo delia Madre di 
Dick in das Kloster der unbeschuhten Karmeiiter 
zu S. Maria deiia Scala in Horn eln, wo er am 12. 
April 1712 Profeß feierte und am 18. Februar 1743 
- win perfectione omnibus virtutum exempiarlt - 
verstarbäß. Rehlingen folgte bei der Wahl seines 
Ordens gewiß nicht reinem Modetrend59u, son- 
dern hatte wohl andere Gründe: Die großen Refor- 
matoren der Karmeiiter, Teresa von Avila und Jo- 
hannes vom Kreuz, sind wKlassiker-t der christli- 
chen Mystik, das ideal der Ordensangehorigen ist 
es, nach dem Vorbild ihres l-Vaters und Leitersll 
Elias und der Mutter Gottes (deren Verehrung we 
sentlich zum geistlichen Leben des Karmel ge 
hört) zu wachsen und zu reifen in der kontemplati- 
ven Vereinigung mit Gottöü. 
Der persönliche Vertreter des Auftraggebers wie 
der planende Architekt für den Bau der Kollegien- 
kirche waren mit den geistigen Strömungen ihrer 
Zeit vertraut und kannten die literarischen Zeug- 
nisse der katholischen Mystik. Jenen Glanz und 
jene Klarheit aber, die nach den Visionen der Ma- 
ria von Agreda die immaculata, wbegnadet mit ei- 
ner tiberströmenden Fülle von Licht-i, in der Epi- 
phanie der Transfiguration auf dem Tabor schau- 
te, am Hochaltar der Kollegienkirche zu Salzburg 
so großartig sichtbar werden zu lassen, gibt ein- 
mal mehr Zeugnis von der hohen schöpferischen 
Geistigkeit eines Johann Bernhard Fischer von Er- 
lach. 
Anmerkungen 40-60 
"i Zitiert nach der neuesten deutschsprachigen Ausgabe -Lel 
jungfraulichen Gottesmutter. . .-. übersetzt von Assumpta 
nach der -Nueva Ediciön du in Mistlca Ciudad de Diese. Bai 
1911-1914; Zürich 197114 569.. hier ill. S. 292-294. Die e 
chendan Textstellen in der (mir zugänglichen) spanischi 
gabe (Antwerpen 1696) im s. Kapitel des s. Buches, Abs 
Nr. 1099-1103 auf S. 383-385. 
" Wilhelm Messerer. Altars in der iltonologie des süddeutscl 
rock, in' Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 35. 
Heft 1 i: Festschrift für Norbert Lieb). 5135-153. hier S. 
u ZurCathedra selbst Vgl. Nikolaus Gussone und Nikolaus StE 
Zu Motivkrels und Sinngehalt der Cathedra Petri. in. rühn 
teriiche Studien. Jahrbuch des Instituts für Frühmittela 
schung der Universität Münster. 9. Berlin 1975. S. 334-35 
Ludwig Curtius. Torso. Verstreute und nactlgeiassene s: 
Stuttgart 1957. hier s. 42. 
Saizburger Barockmuseum. inv. Nr. 2401; Terracotta, H. 5 
ß Kurt Rossacher. Das fehlende Zielbiid des Petersdomes, E 
Gesamtprojekt für dlß Cathedra Fetri. in: Alte und moderne 
12.1967.Heft95.S. 2-21, und neuerdings in: Die Metnmol 
Katalog der Ausstellung des Salzburger Barockmuseums 
burg 1979, s. 25-45 
" Sedimayr wie Anm. 4, s. l10(ahniich "1976. s. m). 
n dazu Hossecher wie Anm. 45, S. 20. 
" Anthony Blunt. Gisnlorenzo Bernini - lilusionism und My: 
in: Art History. 1. 1978, S. 67-89. hier S. 79. 
Blunt wie Anm. 48. -Zu Moiinos vgl. Karl Deuringer in: Lexi 
Theologie und Klrche,Vil.11962. S. 530. 
m Messerer wie Anm. 41, hier S. 154. 
" Franz Martin. Beitrage zur Salzburger Famiiiengeschichte, 
Rehlingen, in: Mitt d. Gas. f. Saizb. Larideskunde. 73 
S. 145-152. hier S. 148. 
E: Friederike Zaisber er. Das Rehlingen-Stadtpalais oder das 
ter-Haus, in' sterrelchische Musikzeitschrift, 33. 
S 504-511. hier S. 508. 
Zur architektonischen Tätigkeit Renlingeris vgl. Franz wHQl 
saizburgische Holbaumeisterei und Hofbauinspektion im 
fruhen 1B. Jahrhundert. erscheint in! Mitt. d. Gas. f. Salzixt 
kunde 122, 1982. 
u Martin wie Anm. 51. 
"ß Landesarchiv Salzburg. Hofltamrnerprotokoiie des Jahres 1 
ter Datum 1. Oktober. 
5' Landesarchiv Salzburg, Holbauamtsakten 1701. Lit. G. 
" Landesarchiv Salzburg, Geh. Arch.XXVlFll1Dl3. 
Nach Abschriften aus den Konventsarchivalien von S. Mal 
Scala im Lendeserchiv Salzburg. Geh. Arch. XXVIRHDIS. 
5' Zaisberger wie Anm. 52. hier s. sos. 
.0 Gcnduif Mestars in: Lexikon für Theologie und Kirche. V 
Sp. leeelavz. hier Sp. 1370 
 
a: 
a2 
Ei Anschrift des Autors: 
Franz Wagner 
Kustos am Salzburger Barockmuseum 
Mirabeligarten 
A-5024 Salzburg
	        

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