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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIV (1979 / Heft 166 und 167)

3 Michelangelo, Capella Medicea. Grabmal des Giuliano 
de'Medici ohne Figuren, Neue Sakristei. Florenz. Kirche 
von San Lorenzo 
4 Michelangelo, Capella Medicea, Portaltraveen der Neuen 
Sakristei. Florenz, Kirche von San Lorenzo 
nmerkung 1 
Heinrich Freiherr v Geymuller, Michelangelo Buonarrotl (DieAmni- 
tektur der Renaissance in Toscana, au, VIII). Munchen 1904, s 13 
und 45, 
4 
einem Fassadenschema folgen, das mit S0ckelge- 
schoß, mit den zwei Stockwerke übergreifenden 
Doppelsäulen oder -pilastern und abschließender 
Attika ganz der römischen Hochrenaissance ange- 
hört und dort an einer Reihe von Palästen zu finden 
ist. 
Dieser höchst ß-moderneu Grabmalsaufriß ist aber 
mit einer Ornamentik versehen, die in ihrer Zartheit 
und Schwerelosigkeit. mit ihren scharf geschliffe- 
nen Profilen und der ziselierten Oberfläche an eine 
viel ältere Stute erinnert. sie verweist auf den Höhe- 
punkt dieser Ornamentkultur im mittleren Ouattro- 
cento, auf die Kleinarchitekturen etwa Desiderio da 
Settignanos oder Benedetto da Maianos - auch 
wenn sie diese natürlich nicht kopiert. Es findet also 
über Kreuz eine Angleichung der Kontrastmomente 
statt: Das altertümliche System der kolossalen Pila- 
ster-Gebälk-Gliederung geht zusammen mit dem al- 
tertümlichen Charakter der Ornamentik an den 
Grabmälern; andererseits verbindet sich der "mo- 
dernet- Aufriß dieser Marmorarchitekturen mit der 
"modernen" ornamentalen Einkleidung und Aus- 
stattung der Rahmenarchitektur, Die Kontraste be- 
gegnen sich also auf verschiedenen Ebenen des Ar- 
chitektonischen. in ihren Aufrißsystemen und in ih- 
ren ornamentalen Instrumentierungen. Das heißt. 
daß die unmittelbare, enge Bindung von Bauglied 
und Ornament sich gelockert hat und jedes einen 
unter. A 
Charakter annehmen kann, dersich mit dem des an- 
deren nicht mehr voll zu decken braucht. 
Wie die Elemente des Quattrocento auf die Medici 
bezogen werden können, habe ich zu zeigen ver- 
sucht; doch sind auch diejenigen Formen. die stili- 
stisch die Erbauungszeit vertreten, also "modern-- 
in dem skizzierten Sinne sind, als mediceische Ar- 
chitektur zu verstehen. Als Grabmal und Portal, die 
beide seit dem Altertum miteinander verbunden 
werden, vertreten sie den Zeitpunkt des Endes der 
Familie allein durch die stilistische Prägnanz, die 
sie, als auf der Höhe der Zeit stehend, ausweist. Der 
Anfang und das Ende der Medici manifestiert sich in 
solchen von Michelangelo bewußt gewählten und 
miteinander verschränkten Stilstuten. In dieser ar- 
chitektonischen Mehrsprachigkeit, wie ich dieses 
Phänomen nennen möchte. stehen die eingesetzten 
Stilstufen für jene Zeitstufen, die für das Haus der 
Medici Wendepunkte bedeutet haben. Die Zeitstile 
werden zu Zeitsymbolen. 
Es wäre wohl ein arges Mißverständnis, wenn man 
in dieser Mehrsprachigkeit der architektonischen 
Form eine eklektische Haltung sähe. Trotzdem ist es 
notwendig, dieser immerhin möglichen Auffassung 
vorzubeugen mit der Frage. was denn das einheit- 
stiftende Prinzip sei, oder anders. wie die Mehrheit 
von Zeitstilen in der Einheit eines lndividualstiles 
aufgehen kann. Würde man sich auf diese Frage mit
	        

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